Achter AbschnittSchicklichkeit und anderes
Brantôme erzählt von einem französischen Prinzen, der häufig dieDamen des Hofeszu Festlichkeiten einlud. Dabei wurde ihnen der Wein in einem sehr schönen Becher von vergoldetem Silber gereicht, der über und über mit lasziven und erotischen Darstellungen bedeckt war. Die Damen hatten nun die Wahl, Durst zu leiden oder den Becher zu benutzen. Die Mehrzahl, auch junge Mädchen, amüsierten sich köstlich und führten an die Darstellungen anknüpfend die pikantesten Gespräche. Brantôme, der selbst als Augenzeuge wiederholt zugegen war und aus dem Becher trank, erzählt: „Bref, cent mille brocards et sornettes sur ce sujet s’entredonnoient les gentilshommes et dames ainsi à table, comme j’ay veu, que c’estoit une très-plaisante gausserie, et chose à voir et ouir; mais surtout, à mon gré, le plus et le meilleur estoit à contempler ces filles innocentes, ou qui feignoyent l’estre, et autres dames nouvellement venues, à tenir leur mine froide, riante du bout du nez et des lèvres, ou à se contraindre et faire des hypocrites, comme plusieurs dames en faisoyent le mesme. Et notez que, quand elles eussent deu mourir de soif, les sommelliers n’eussent osé leur donner à boire enune autre coupe ny verre. Et, qui plus est, juroyent aucunes, pour faire bon minois, qu’elles ne tourneroyent jamais à ces festins;mais elles ne lassoient pour cela à y tourner souvent, car ce prince estoit très-splendide et friand. D’autres disoyent, quand on les convioit: „J’irai, mais en protestation qu’on ne nous baillera point à boire dans la coupe;“ et quand elles y estoient, elles y beuvoient plus que jamais. Enfin elles s’y avezarent si bien qu’elles ne firent plus de scrupule d’y boire; et si firent bien mieux aucunes, quelles se servirent de telles visions en temps et lieu; et, qui plus est, aucunes s’en desbauchèrent pour en faire l’essay; cartoute personne d’esprit veut essayer tout. Voilà les effets de cette belle coupe si bien histoirée. A quoy se faut imaginer les autres discourts, les songes, les mines et les paroles que celles dames disoyent et faisoyent entre elles, à part ou en compagnie[178].“
In der französischen Hofgesellschaft des 16. Jahrhunderts waren solche kleinen Scherze an der Tagesordnung. Brantôme erzählt in unmittelbarem Anschluß an diese Geschichte von einem schönen Bilde im Besitze des Grafen Chasteau-Vilain, auf dem unbekleidete Frauen in allen möglichen Stellungen und Beschäftigungen dargestellt waren derart, daß ein Asket in Wallung geraten wäre. Eine Anzahl Damen mit ihren Kavalieren besichtigten die Galerie und besonders dieses Gemälde sehr eingehend, und eine von hohem Rang wandte sich „comme enragée de cette rage d’amour“ zu ihrem Galan und sagte: „C’est trop demeuré icy: montons en carosse promptement,et allons en mon logis, car je ne puis plus contenir cette ardeur; il la faut aller esteindre: c’est trop bruslé.“ „Et ainsi partit, et alla avec son serviteur prendre de cette bonne eau qui est si douce sans sucre, et que son serviteur luy donna de sa petite burette.“
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Wie es im 16. Jahrhundert bisweilen in Deutschland bei Hofe zuging, lehrt die saftige Geschichte, die Zimmern in seiner Chronik (I, S. 439) von der Herzoginwitwe von Rochlitz geb. Landgräfin von Hessen in Rochlitz erzählt. „Wie die Fraw gewesen, also auch das Frawenzimmer und ire Jungfrawen; daher sagt man als Marggraf Albrecht von Brandenburg in der schmalkaldischen Vechte von ir geen Rochlitz geladen, alda er auch gefangen, da haben seine Edelleut allerlei Kurzweil mit den Jungfrawen triben, under denen eine gewesen, die hat ein Edelman für sich uf den Schoß gesetzt und mit andern seinen Gesellen gespillt. Nit wais ich, wie es gangen, oder was sie für ain warme ader befonden, sie ist dem Edelman in der Schoß über sich gesprungen und gehotzet, sprechend: ‚Ei, er kutzelt mich.‘“
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Als Herzog Wilhelm von Gülch im Jahre 1540 die erst 12jährige Königin von Navarra in Chatellerault heiratete, sie aber zur Vollziehung der Ehe noch zu jung war, ließ, wie Zimmern erzählt (III, S. 343), König Franz ihm für die Brautnacht eineandere adelige Jungfrauzuführen. „Man sagt,der Herzog von Gülch hab des Kunigs Gnad mit Willen angenommen, auch sich die Nacht erwisen,darob die Kunigin von Navarra, sein Schwiger, und ir Dochter abnemen kunden, das er gentil compaignon seie, und soll der Jungfrawen des Morgens ein Tausendt Guldin geschenkt haben. Die hets noch ein Monat also angenommen. Dieser Hurenhandel (anders kan ich in nit haißen) ward dozumal am Hof und menigclichem in Frankreichfur ein sondere gentilese gehalten.“
Auch hinter den Kulissen ging es nach demselben Gewährsmann fidel zu: „Hiebei kan ich nit underlassen zu vermelden, als der Herzog und die jung Kunigin mit der Deckin beschlagen warden und die Ceremonia mit dem Gesegnen und andern Solenniteten lang wereten, dowarden hiezwischen etliche große Frawen und Jungfrawen hünder den Tapissereien und courtines nach allem vorteil gepletzt; dann des Königs Söne und etliche Cardinal und Fursten halfen einander und sahe ie einer dem andern durch die Finger. Do must mancher gueter Gesell, der sein Weib, Schwester oder Döchter deren emden het, schweigen und verdrucken, war dennost fro, das er so wol daran war.“
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Daß man in Deutschland nicht gerade sehr zimperlich war, lehrt folgende Geschichte, die derselbe Zimmern erzählt: „In gleichem Fahl haben wir einerbare und namhafte Matron zu Augspurgkent, die hat offentlich in einem Panket zu Augspurkalle Schleckbißle und Wollust der Music und anders erzelt, ordentlich und mit sonderm Ufmerken der Zuhörer, und letstlich den Beschluß irer Rede ohne ainiche Schew deren gegenwurtigen angehankt: ‚Aber ein spanischer... ubertref solche Delicias alle mit ainandern.‘“ Zimmern (III, S. 385) setzt natürlich das richtige Wort.
Mag man gegen diese Geschichte einwenden, sie sei ein einzelner Fall, also kein charakteristisches Kulturdokument, so ist dem entgegen zu halten – selbst wenn man den sonstigen Ton vieler Chroniken gar nicht in Rechnung setzen wollte – daß Zimmern ausdrücklich von einer „ehrbaren und namhaften Matron“ spricht.
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Ein Seitenstück ist folgende Erzählung Zimmerns: „Bei wenig jaren haben wir ainClosterfrawzu Hapstal gehapt, ist ein Erkmenin gewesen, sie hat gehaisen..., die hat kains sollichen Instruments (wie Königin Marie,Schwester Kaiser Karls V., von der eine ähnliche Geschichte berichtet wird) bedorft, dann sie uf ain Zeit mit dem Hanns Wolfen von Zulnhart und Jacob Gremlichen von Meningen umb ain Gulden Wert Fisch verwettet, siewelle in ain klainen silbernin Becher... (von mir ausgelassen!),das kain Dröplin neben ab gehen soll; ist auch daraufin ir aller Beisein und Insehen uf ain Disch gestandenund das, wie oblaut und sie sich ußgethan verricht, auch das Gewet damit gewonnen. Die andern Nunnen haben gleich die Fisch holen lassen und kochen, haben sich nidergesetzt zu Tisch und den Zulnhart und Gremlich dermaßen getrunken, das sie baid den selbig Tag mit Muhe ire Heuser wider erraicht.“ (III, S. 284.)
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Was im 16. Jahrhundert an deutschen Höfen alles passierte, erhellt unter anderem aus des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen „Denkwürdigkeiten“ (S. 26). Im Jahre 1568 wurde die Hochzeit der Elena, Herzogin zur Liegnitz, mit Siegmund Kurzbach auf dem Schlosse Liegnitz gefeiert. „Den ersten Abend, wie sich Braut und Bräutigam zusammengeleget haben, und sich nun die Fürstlichen Personen auch zur Ruhe geben wollen, indessen führet die Braut im hohen Zimmer, gen Schloß Raunstein, ein groß Geschrei an: ‚O herzer Herr Siegmund!‘ und das gar oft wiederholet. Wenn ich denn als Kammerjunge in JFG. Zimmer aufwarte und die Herzogin das Geschrei höret, heißt sie mich Lichter anstecken, läuft in dem engen Gang hin nunter, schlägt in der hintern Thür an, schreiet: ‚Herr Siegmund, seid Ihr thöricht, schonet doch, meinet Ihr, Ihr habet eine Viehmagd bei Euch?‘ Herr Siegmund kehret sich nicht daran, bis letztlichen alles stille ward (wie wohl zu gedenken ist, was die Ursache des Stillschweigens gewest sei); also zog die Herzogin nach dem Stillschweigen wiederum ab. Auf dem Morgen hielt die Herzogin den Herrn Kurzbach bald das vor und fraget, warum er nicht aufgemacht hätte. Der Herr Kurzbach saget, er hätte es nicht gehöret, weil er gebalzet hätte wie der Auerhahn, undgab ein Lachen daran und ging davon. Es wollte sich hernach ferner kein Geschrei erheben, sondern die Hochzeit ward in allen Freuden verbracht.“
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Johann Wedel erzählt in seinem „Hausbuch“ (S. 511 f.) von einem merkwürdigen Gesellschaftsspiele, das am Hof zu Stettin im Beginn des 17. Jahrhunderts gepflegt wurde und zwar nicht etwa nur im Fasching, sondern das ganze Jahr hindurch:
„Es werden viel zettel, drinn der könig und hoffes-ampter benannt, geschrieben, welche alle, gleich wie mans mit den glückstöpffen hält, zusammen vermischet, blindlings herausgenommen und allen hofsgenossen, auch wohl bürgern in der stadt und andern, die man gerne bei der gelächter-spiele haben wil, derer nahmen aufgeschrieben, jederm einer derselben zugeschaft. Was nun für eine dignität oder ampt auf den zettel verzeichnet, auf des nahmen es fällt, daß muß der, dem derselbe zukömmt, annehmen und geschieht oft, daß der geringste diener könig und hinwiederumb der fürst feuerbüter wird, das wird dann mit großem gelächter angefangen, müssen sich die personen nach gebühr des ampts, so ihnen zufällt, verkleiden, werden drauf sämtlich in einer procession und ordnung mit trompeten herumbgeführet, darnach mit einem freuden-mahl, drinn der diener, so nun könig ist, zu tische oben ansitzet und der fürst, der ihm dienen muß, vorm tische stehet, essen zuträgt und aufwartet, gemittelt, endlich mit dantzen, springen, gesöffen und guten räuschen geschlossen und dannnichts weiter, denn dabei keine rittermäßige übungen vermerckt werden. Welches affenwerk ich so groß nicht zu tadeln, weniger aber zu loben weiß, vornemlich wenn mans in einem stetigen gebrauch halten (Alles ding hat seine zeit) und ein beständig jahrfest daraus machen und ohn unterscheid, so wol in zeit der trauer, wie kurtz nach hertzog Barnims christmilder gedächtniß todesfall geschehn, als freude üben wollte.“
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Ein Hauptvergnügen beim Tanzen der Bürgerschaft – auf Hofbällen war man anständiger – im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert war, die Tänzerin hoch zu heben und zu schwenken „das man jhn hinden und vorne hinauff siehet biß in die weich, also das man jhr die hübsche weiße beinle siehet..“ Bei den Reigentänzen ging es auch entsprechend zu, „da werden auch nit minder unzucht und schand begangen, weder inn den andern, von wegen der schadtlichen und schamparen hurenlieder, so darin gesungen werden, damit man das weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreizet“ sagt Geiler.[179]
In Zürich mußte im späteren Mittelalter von derBehörde verboten werden, nicht „bei nacktem Leibe“ auf dem Tanzboden zu erscheinen.[180]Geiler sagt, „bis auf den halben Rücken ist alles bloß und nackt und vorn bis zu den Büsten, daß sie auch die enthaltsamsten Männer locken können“.
Über die noch Ende des 16. Jahrhunderts herrschenden Gepflogenheiten beim Tanz und zwar inguter Gesellschaftbelehrt uns der badische Rat und Obervogt zu Pforzheim Johann von Münster in seinem 1594 erschienenen „gott seligen Traktat vom ungottseligen Tanz“. Danach kommt es gar nicht selten vor, daß der Kavalier „die Jungfrau oder Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat, wider alle Billigkeit, Rechtlichkeit und Rechtaufs Maul zu schlagensich unterfing!“ Wenn aber die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, treten sie beide herfür, geben einander die Hände, undumfangen und küssen sich nach Gelegenheit des Landes. Wenn aber der Tanz zu Ende gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum an ihren Ort, da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt Urlaub undbleibet auch wol auf ihrem Schoß sitzenund redet mit ihr.
Übrigens war es in Südfrankreich, und wohl auch anderwärts, noch 1552 Sitte, daß Männer Frauen mit einem Kuß begrüßten. Auch in England wurde noch im 16. Jahrhundert der Gast durch küssen begrüßt[181].
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Im Jahre 1575 wollte die Herzogin von Liegnitz einem Bankett nicht beiwohnen, weil die Hofmeisterin von Kittlitz, Freundin ihres Mannes und ihre Feindin, anwesend war. Deshalb stellt der Herzog seine Gemahlin zur Rede. Schweinichen, der als Kammerjunker zugegen war, erzählt (S. 60 ff.): „JFG. redeten die Herzogin hart an, warum sie nicht zum Tische kommen wollt, derwegen so wollten es JFG. haben, daß sie zu Tische gehen sollte, weil JFG. viel ehrliche Leut und Frauenzimmer eingeladen hätte. JFG. die Herzoginwollten zwar so gute Worte nicht geben, sondern nach vielen Entschuldigungen fuhren JFG. die Herzogin ’raus, sie möchte bei der Hure, der Kittlitzin, nicht sitzen. Welches zwar den Herzog sehr verdroß, dutzet die Herzogin und sprach: ‚Du sollst wissen, die Frau Kittlizin ist keine Hure;‘schläget der Herzogin ein gut Maulschelle, davon die Fürstin auch taumelt. Also fahre ich zu, und fasse JFG. in die Armen, halte etwas auf, bis sich die Fürstin in die Kammer salvieren kann.Mein Herr aber wollte der Herzogin nach und sie besser schlagen.“ Die Ohrfeige, die der Herzogin ein blaues Auge eintrug, alteriert den guten Schweinichen sonst weiter nicht, nicht mehr jedenfalls als das Dutzen. Noch am gleichen Tage wird Frieden geschlossen, wobei die Herzogin die von Schweinichen zu übermittelndeBedingungstellt: „Daß freilichen der JFG. auf die Nacht in ihrer Kammer liegen wollten(denn mein Herr sonsten in einem Vierteljahr bei der Herzogin nicht gelegen)“. Außerdem nimmt die Hofmeisterin am Bankett nicht teil. Daß die Herzogin aus Rache später die Ohrfeige ihrem Bruder, dem Markgrafen von Ansbach, klagt, gehört nicht mehr hierher und wurde von ihr selbst später bereut.
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Der im 16. Jahrhundert bei Hofe herrschende Ton wird gut beleuchtet durch die Gespräche, die Schweinichen in seinen Denkwürdigkeiten verzeichnet. Nach einer kaum wiederzugebenden Unterredung mit dem Herzog über die Gründe, die ihn verhindern, den Wünschen der Herzogin von Liegnitz nachzugeben, hat er mit deren Freundin und Schwägerin, einer Fürstin, folgendes erbauliche Zwiegespräch:„Die Frau Kurzbachin Wittwe saget wider mich: ‚Ihr und euer Herr könnet nichts, man soll euch alle beide ausschneiden.‘ Darauf gab ich Antwort: ‚Gnädige Frau, wie käme ich dazu? Ich weiß nicht, was mein Herr kann, aber das weiß ich von mir, daß ich es wohl kann, und da EFG. nicht glauben, soversuchen Sie’s. Wann Sie es probieren würden, wollt ich wohl sicher des Ausschneidens sein.‘ Da fing die Frau Kurzbachin an zulachen: ‚Wann ihr und euer Herr so thätig seid,so hättet ihr uns eines Theiles nächten drunten behalten, daß wir heute Brautsuppen gessen hätten; wir mußten aber unbeschnaubert wieder ’rauf ziehen.‘ Ich gab zur Antwort: ‚Gnädige Frau, ich habe im Tanzen nächten das meinige gethan, ich wollte im andern auch als ein gut Mann gethan haben, daß ich ein gut Lob davon gebracht, wann es mir so gut hätte werden wollen.‘ Die Frau Kurzbachin aber hielt auf dem ihrigen, ich konnte nichts. Da bot ich ihr Trotz an, es zu versuchen, gab sie mir die Antwort,sie wollt mich tummeln, daß ich das Aufstehen vergessen sollt; dabei blieb es, Satis.“ (S. 157.)
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Liselotte von der Pfalz schreibt unterm 25. August 1719: „Ich kann nicht leiden, daß man mich an den Hintern rührt, denn es macht mich so toll, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue; ich hätte Mr. le Dauphin schier eine brave Maulschelle gegeben, denn er hatte die schlimme Gewohnheit, aus Possen, wenn man sich setzte,einen die Faust mit ausgestrecktenDaumen unter den Hintern zu stellen. Ich bat ihn, um Gottes willen die Possen bleiben zu lassen, das Spiel mißfiel mir zu sehr, und machte mich so bös, daß ich nicht gut dafür sein konnte, ihm eine brave Maulschelle zu geben, daß ehr gethan als gedacht sein würde; da hat er mich mit Frieden gelassen.“[182]
Der Dauphin würde kaum diese Flegeleien sich angewöhnt haben, hätten nicht andere Damen des Hofes daran Gefallen gefunden.
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Zimperlichkeit kann man überhaupt den damaligen Damen nicht vorwerfen. Liselotte schreibt u. a. am 21. November 1720: „Wenn Mr. Law wollte, würden ihm die französischen Damen wohl, mit Verlaub, den Hintern küssen; sie sehen, wie wenig scrupuleux sie seyn, ihn pissen zu sehen; er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar Noth zu pissen war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie:cela ne fait rien, pissés et écoutés nous, also blieben sie so lange bei ihm.“[183]
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Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir aux maisonsdu coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et par consequent le chagrind’aller chier dehors, ce qui me fache, parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand mon cul ne porte sur rien. Itemtout le monde nous voit chier; il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort[184].
Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart: „.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous trouvez,Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées, vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte d’autruysans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne sont que pour le chieur...“
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Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über denDauphin: „Er hatte gern, daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte, aber es ginggar modest,denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu; ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu entretenieren“[185].
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Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt, verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen, „in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und das befremdenste Schauspiel sich darstellte.Ein Mädchen, schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette,in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfallzeigte sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit wird auch nicht harmloser durch dieGegenwart des sechzehnjährigen Kronprinzen, nachmaligen Friedrich des Großen[186]!
Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist es so wie früher geblieben.
Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König Alexander von Serbien gegebenenHofballeeinKorsettgefunden!
In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst wird eben nicht mehr gebührend anerkannt.