Neunter AbschnittMedizinisches
Im Anfang des 13. Jahrhunderts untersagte Papst Honorius III. aus Mißachtung des ärztlichen Standes allen Geistlichen die Ausübung der Heilkunde.
Auf der Würzburger Diözesan-Synode vom Jahre 1298 wurde den Geistlichen nicht nur die Ausübung der Wundarzneikunst, sondern sogar dieGegenwart bei chirurgischen Operationen ausdrücklich untersagt. Dadurch wurde die Wundheilkunst mit einem Makel befleckt[187].
Noch im Jahre 1416 wies die Wiener Fakultät einen Chirurgen, der sich zur Doktorwürde meldete, als unverschämten Menschen zurück. Im Jahre 1456 graduierte sie jedoch einen Doktor der Chirurgie. Immerhin mußte noch im Jahre 1577 Kaiser Rudolf II. ausdrücklich dieEhrlichkeitserklärung der Wundärzte wiederholen[188].
Bis zum Jahre 1912 hatten in Bayern zwar die aus dem Unteroffiziersstande hervorgegangenen FeuerwerksoffiziereHofzutritt, nicht aber die Militärärzte,mit Einschluß des Generalstabsarztes der Armee, der im Range eines Divisionskommandeurs steht!
*
Eine Lehre, die noch heute mancher Arzt befolgt, gibt Arnoldus Villanovanus, der um das Jahr 1300 in Montpellier als medizinischer Lehrer wirkte: „Weißt du bei Betrachtung des Urins nichts zu finden, so sage, es sei eine ‚Obstruktion‘ der Leber zugegen. Sagt nun der Kranke, er leide an Kopfschmerzen, so mußt du sagen, sie stammen aus der Leber. Besonders aber gebrauche das Wort ‚Obstruktion‘, weil sie es nicht verstehen, und es kommt viel darauf an, daß sie es nicht wissen, was man spricht[189].“
*
Gegen Geisteskranke hatte man sehr nachdrückliche Mittel. Wurden sie lästig, dann legte man sie ins Gefängnis, rasten und tobten sie, an die Kette. Geisteskranke Fremdlinge aber schaffte man über die Stadt- oder Landesgrenze, nicht ohne sie gehörig ausgepeitscht zu haben, damit ihnen die Lust zur Rückkehr verging[190].
*
Der dicke Markgraf Dedo litt sehr unter der Fettsucht. Sein Arzt bewog ihn dazu, sich denLeib aufschneiden zu lassen, um das überflüssige Fett zu entfernen. Natürlich starb er (1190) an dieser Prozedur[191].
*
Herzog Leopold von Österreich war am 26. Dezember 1194 bei einer ritterlichen Übung vom Pferde abgeworfen worden und hatte den Unterschenkel so unglücklich gebrochen, daß die Knochensplitter eine Spanne lang aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen Ärzte ordneten das Nötige an, amputierten aber den Fuß nicht. Als er am andern Morgen schwarz geworden war, galt die Amputation als unerläßlich, aber niemand wagte sie vorzunehmen.Da setzte der Herzog selbst das Beil auf sein Schienbein, sein Kämmerer schlug dreimal mit dem Hammer darauf, und so wurde das kranke Glied entfernt. Er starb am 30. Dezember. Nerven hatten diese Herren!
*
Als Kaiser Otto II. an einer der in südlichen Klimaten so häufigen Verdauungsstörungen litt, nahm er – natürlich auf ärztliche Anordnung – eine Dosis von 17½Gramm Aloe, an der er auch starb. Ein Bruchteil dieser Menge hätte schon seinen Tod herbeiführen müssen.
Kaiser Otto IV. starb nicht minder unromantisch. Im Frühjahr 1218 nahm er, wie alljährlich, ein Abführmittel. Er vergriff sich in der Dosis, ob aus eigenem Verschulden oder aus Schuld des Arztes, entzieht sich unserer Kenntnis, und ging nach fünf Tagen kläglich zugrunde.
*
Nicht ohne einigen Humor ist das Abenteuer, das Albrecht I. widerfuhr, als er beim Genuß vonFisch und Wildprett plötzlich von heftigem Unwohlsein befallen wurde. Der Verdacht, vergiftet zu sein, war groß und bei den damaligen politischen Methoden a priori auch nicht unbegründet. Er ließ deshalb sofort Ärzte kommen, die mit Latwergen, Theriak und Aromaten ihm vergebens zu helfen suchten. Da hing man den Fürsten bei den Füßen auf, damit das Gift aus Augen, Ohren, Nase und Mund herausrinnen könne! Begreiflicherweise verlor Albrecht bei dieser Kur die Besinnung und – ein Auge, dessen Stern durch die Wirkung des Giftes oder der Heilmethode dauernd zerstört blieb. Auch behielt er zeitlebens eine fahle Gesichtsfarbe.
Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen gestürzt, würgten sie hinunter und – blieben gesund oder doch jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die Ärzte – unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa Stümper, sondern die erstenKoryphäenihrer Zeit zu denken haben – ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose Leibschmerzen angewandt.
*
Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich, der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt an den Füßen aufgehängt.so daß die Brust auf einem Kissen auf dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten. Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur.
*
Im ganzen Mittelalter ist dieEhe mit Wahnsinnigenaus politischen Gründen an der Tagesordnung.
*
Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund, ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin, zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter so völlig außer acht gelassen, daß mangar kein Bedenken trug, schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen.
*
Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen Wissen war, ergibt sich u. a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet, weil dort kein Arzt sei.
*
DieLeichenöffnungwurde vom Papst noch anfangs des 14. Jahrhunderts untersagt, was allerdings den Senat von Venedig nicht abhielt 1308 zu bestimmen, daß zum Zweck anatomischer Studien jährlich eine Leiche geöffnet werde. In Prag wurde auchbereits unter Karl IV. ein Verbrecher im Gefängnis „abgestochen“ und die Leiche zu wissenschaftlichen Zwecken zergliedert. In Holland hob erst Philipp II. im Jahre 1555 das Verbot, Leichen zu sezieren, auf, aber nur die von Hingerichteten durften zu solchen Zwecken verwandt werden. Noch kurz vorher war es für den Mediziner mit nicht geringen Gefahren verbunden, sich in den Besitz von Leichen zu setzen. So erzählt Felix Platter in seiner Selbstbiographie (S. 232 ff.), daß er 1554 frische Kadaver heimlich ausgraben mußte. Die Sektionen nahmen nicht nur Ärzte, sondern auch Maler vor. Die erste Frau wurde erst 1720 in den Niederlanden seziert[192]. Dagegen hat Kaiser Ferdinand schon 1559 dem Arzt Thurneyßer in Tirol eine Frau überwiesen, der die Adern geöffnet worden waren[193].
*
Oswald Croll gab in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende Beschreibung zur Bereitung derMumienlatwerge: „Man soll den todten Cörper eines rohen, gantzen, frischen und unmangelhaften 24jährigen Menschen so entweder am Galgen erstickt oder mit dem Rade justiciert oder durch den Spieß gejagd worden, bei hellem Wetter, es sei Tag oder Nacht, erwehlen... in Stücke zerschneiden, mit pulverisierter Mumia und ein wenig Aloë bestreuen, nachmals einige Tage in einem gebrannten Wein einweichen, auffhenken, wiederumb ein wenig einbeitzen, endlich die Stück, in der Lufft aufgehänkt, lassen trucken werden, biß es die Gestalt eines geräucherten Fleisches bekommt und allen Gestank verliert, und zeugt letzlichen die ganze rothe Tinktur durch einen gebrannten Wein oder Wacholdergeist nach Art derKunst heraus.“ Aus dieser Tinktur wurde dann mit andern Arzneistoffen eine höllische Latwerge bereitet, die vor der Pestilenz schützen und sie heilen sollte[194].
*
Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts las ein bekannter Arzt einPublikum(!) an einer deutschen Universität, das im Lektionskatalog angekündigt war: „De variis concubitus modis“. Also sogar in die intimsten Winkel von Amors Reich drang die Wissenschaft ein, sicherlich nicht, ohne zahlreiche und begeisterte Jünger zu finden. Über dieselbe Materie gab es bei den Griechen verschiedene Schriften unter den Namen der Astyanassa, der Cyrene, Elephantis und Philänis,lauter Damen! Bekannt sind Ovids Anweisungen in seiner Ars amatoria III, 771 ff.[195]und ein indisches Seitenstück, das an Wissenschaftlichkeit und gründlicher Erschöpfung des Themas seinesgleichen sucht, ist das Kamasutram des Vatsyayana, das Richard Schmidt aus dem Sanskrit übersetzte.
*
In den Jahren von 1727–1762 herrschte in Frankreich eine merkwürdige Massenepidemie, „Konvulsionen“ genannt, die den St. Medarduskirchhof zu Paris zum Mittelpunkt hatte. Frauen, Mädchen, Kranke jeder Art füllten den Kirchhof mit den angrenzenden Straßen und konvulsionierten dort um die Wette. Frauen luden, lang hingestreckt, die Zuschauer ein,auf ihren Bauch zu schlagen, und beruhigten sich nicht eher, als bis 10–12Männer sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt hatten. Natürlich hatte diese fromme Seuche eine erotische Färbung und trug nicht wenig bei, die sexuelle Zügellosigkeit zuverbreiten. Bezeichnend dafür ist, daß die Frauen bei ihren Anfällen niemals andere Frauen, sondernstets Männerzur Hilfe riefen, und zwar junge und kräftige Männer. Dazu kleideten sie sich höchst indezent, zeigten stets Neigung zu adamitischer Entblößung, nahmen laszive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die zu Hilfe eilenden Männer, und es kam vor, daß sie – natürlich in ihrer Muttersprache – mit lauter Stimme riefen: Da liberos, alioquin moriar!
Die Frauen luden die Männer ein, „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“ und mit ihnen zu „kämpfen“. Die Folge waren zahlreiche Entbindungen dieser sonderbaren Heiligen[196].
*
Daß die Flagellanten ähnlich sich gebärdeten, ist hinlänglich bekannt.
Bei den Geißelungen unterschied man zwei „Disziplinen“, die „obere“ und die „untere“, letztere fand besonders bei den Frauen den meisten Beifall.
Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten Einfall, eine andere zubeißen. Dieser gefiel der Spaß, und sie biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis nach Rom[197]!
Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege sein eigenesSchiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen.
In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an, und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch – wie ja nicht anders zu erwarten – denTeufelaus den Nonnen auszutreiben[198].
*
Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen.
Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende Leidenschaft: die derdogmatischen Spitzfindigkeiten. Es ist die Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte[199].
*
Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber Spaniens für diePoesieergriffen. Das ganze Volk war von der Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber eine glänzende Laufbahn zu erschließen.
*
Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte, eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies demKinderkreuzzugedes Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden.
*
Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857–1862; im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und im Jahre 1888 in Nilsiacin Finnland. Tanzseuchen grassierten im Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar und 1868–73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada, die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod.
Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“ in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne, wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter, rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich, man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung erreicht ihren Höhepunkt.
Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten[200].
*
Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,.. daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es einegewöhnliche Erscheinung ist, einen simplen Bauern2000–3000 L. St.auf diese Weise anlegen zu sehen. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn[201].“ Es dürfte in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daßBauern ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen.
*
Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559 im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten und Farbenmischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte. Man kaufte und verkaufteTulpen auf Zeitund Entrichtung der Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen, wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637 plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge[202].
Eine ähnliche Manie knüpfte sich an die von Law im August 1717 gegründete „Mississippigesellschaft“. Die Leidenschaft für deren Aktien war so maßlos, daß binnen eines Jahres statt 500 Livres pro Stück 18000 angelegt wurden. Die Folge war Staatsbankerott und die größte Börsenkrisis, die die Welt bisher gesehen hatte[203].
*
Ärztinnen– nicht etwa nur mit Hausmitteln im Bedarfsfalle aushelfende Frauen, die es zu allen Zeiten gab – existierten bereits an der medizinischen Schule in Salerno. Besonders berühmt ist Trottula, die im 11. Jahrhundert alle an Ruf überstrahlte. Im 12. Jahrhundert gab es dort eine ganze Reihe, die viele medizinische Rezepte erfanden und anwandten. Eine von ihnen, Mercuriade, soll sogar in der Chirurgie Hervorragendes geleistet haben. Vom 10. September 1321 hat sich ein Dokument erhalten,in der Francisca, Gemahlin des Matthäus de Romana, die Erlaubnis erhält, in Salernochirurgische Praxisauszuüben, da sie „nach wohlbestandenem Examen“ ein Zeugnis der Universität Salerno besitze. Der Herzog Karl von Kalabrien sagt ausdrücklich, daß das Gesetz den Frauen die Ausübung der Medizin gestatte. Daß man im Mittelalter männliche Ärzte möglichst vom weiblichen Geschlechte fernzuhalten suchte, war dem Aufkommen der Ärztinnen günstig. Den Ärzten war es nach einem westgotischen Gesetz des 6. Jahrhunderts ausdrücklich verboten, Frauen in Abwesenheit ihrer Verwandten die Ader zu schlagen.
Bereits 1351 gab es in München eine Augenärztin. Während nach langer Pause 1807 eine Dame, Regina Josepha von Siebold, in Würzburg studieren durfte, hat man noch bis 1910, ja in einigen Staaten bis heute, trotz gleicher Vorbildung und gleicher Examina wie sie die männliche Jugend absolviert,den Frauen, mit Ausnahme von Bayern und Baden, dieImmatrikulation auf den deutschen Universitäten versagt[204].
*
Im ancien régime herrschte der Glaube, die Hand des Königs könne von Skrofeln befreien. Deshalb wurde 6–7 mal im Jahre in den Kirchen bekannt gegeben, daß der König „berühren“ würde. Dann fanden sich in Versailles 700–800, auch noch mehr, Kranke ein, die mit den nötigen Abständen in Reihen aufgestellt und ausgerichtet wurden. Die königlichen Ärzte untersuchten sie, ob sie auch wirklich krank waren, was nötig war, da viele Simulanten sich einschmuggelten. Da nämlich der König jedem Skrofulösen zwei Sous, den von auswärts zugereisten sogar fünf Sous einhändigen ließ, versuchte mancher ein Geschäft aus dieser heiligen Handlung zu machen. Nach der Untersuchung erschien der König, dem ein Hauptmann der Garden voranschritt, mit dem Großalmosenier und einigen Herren vom Dienst. Die Ärzte hielten dem sich auf die Knie niederlassenden Kranken, von beiden Seiten hinter ihm stehend, den Kopf, während der Gardehauptmann die Hände des Knienden zwischen die seinigen nahm, um ein Attentat zu verhüten. Dann trat der König an den Kranken heran und machte ihm mit der bloßen Hand vom Kopf zum Kinn und vom einen Ohr zum andern streichend das Zeichen des Kreuzes mit den Worten: „Der König berührt, Gott heilt dich.“ Dann wurde der Patient mit seinen Sous abgeführt, um nicht nochmals die Zeremonie und vor allem die königliche Freigebigkeit in Anspruch nehmen zu können[205].
Ob der König mit seiner appetitlichen Tätigkeit viele Heilerfolge erzielte, wird nicht berichtet.
*
Der berühmte Arzt, Dr. ThomasDover, der Erfinder der nach ihm benannten, heute noch gebräuchlichen Pulver, war einerfolgreicher Seeräuber! Um 1660 geboren ließ er sich nach Beendigung seiner Studien in Bristol nieder, erwarb sich einiges Geld und unternahm hierauf mit einigen Kaufleuten eine privilegierte Kaperexpedition. Auf der Insel Juan Fernandez entdeckte Dover 1709 als einzigenBewohner den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der hier vier Jahre und vier Monate zugebracht hatte. Bekanntlich ist dieser Selkirk der Urtyp der Robinson Crusoe-Geschichte geworden. Hierauf erstürmte Dover die beiden Städte von Guayaquil und kehrte mit seiner Expedition der peruanischen Küste entlang über Kalifornien und den Stillen Ozean im Jahre 1711 mit einer Beute von etwa 3½ Millionen Mark, von denen Dover einen beträchtlichen Anteil erhielt, nach England zurück. Nach einigen weiteren Reisen ließ sich Dover in London nieder, wo er u. a. „Des alten Arztes Erbe“ (The Ancient Physicans Legacy), das 1733 erschien, schrieb. Es war eine populär-medizinische Abhandlung, verfaßt, um dem Autor Praxis zu verschaffen[206].
*
Georges Mareschal, ursprünglich Barbier, dann Leibchirurg Ludwigs XIV. wurde ein so gewandter Operateur von Blasensteinen, daß er einmal acht Patienten in wenig mehr als einer halben Stunde von ihrem Leiden befreite. Er brachte es auf ein Jahreseinkommen von 300000 Frank! Allerdings erhielt er für einen Aderlaß jedesmal 2500 Frank[207]!
*
Bezeichnend für den Unfug, der damals mit der Klistierspritze, einer Erfindung des holländischen Arztes Reynier de Graaff, getrieben wurde, ist die aus einem Prozeß bekannte Tatsache, daß dem französischen Prälaten, François Bourgois 2190 Klistiere verabreicht wurden, für die er den geforderten Preisnicht bezahlen wollte. Die Pariser Spitäler brauchten damals in einem einzigen Jahre für mehr als 700000 Frank Blutegel[208]!
*
Der Wein gehörte bei unsern Altvordern so zur unentbehrlichen Nahrung, daß in allen Sitzungen der Ratsausschüsse sowie bei allen außergewöhnlichen Geschäften des Rates im späteren Mittelalter Wein getrunken wurde. Man rechnete täglich eine Maß Wein pro Mann als normales Deputat, nicht nur im städtischen Dienst als Stärkung für die Ratsglieder und Zunftgenossen, die bei außerordentlichen Gelegenheiten die Torwachen verstärkten, oder mit den Bürgermeistern in den Straßen umherritten, auch beim Militär. Der kaiserliche Kommandant verlangte z. B. 1552 während der Belagerung Frankfurts eine Maß täglich für jeden Soldat.
Als 1411 ein Teil der deutschen Fürsten wegen der Königswahl auf kurze Zeit in Frankfurt anwesend war, wurden 14½ Fuder Wein konsumiert! Fast genau so viel ließ der Rat angesichts des Reichstages, der 1485 in Frankfurt gehalten werden sollte, für die Fürsten und Herren anschaffen[209].
Der schlesische Ritter Hans von Schweinichen, wie seine fürstlichen Herren ein berühmter Trinker, der gewissenhaft seine Räusche bucht – fast auf jeder Seite so und so oft – schreibt in seinen „Denkwürdigkeiten“ (S. 77) von der „feinen Kurzweil“, die in den Augsburger Trinkstuben war. „Wann manGäste einlädt und giebt von der Person 18 Wssgr., so wird man mit zwanzig Essen gespeiset und dabei den besten Rheinfall und Rheinwein, so zu bekommen ist, getrunken, und dessen so lang,bis man alle voll ist. Wie ich denn etliches Mal dergestalt Gäste auf der Trinkstuben zu mir einlud. Wann man aber einen Thaler von der Person giebt, so wird man Fürstlich tractiret. Ich hätte mir wollen wünschen, daß solches Leben lange und viel Jahr gewähret hätte.“
*
Bei Hof war es nicht besser; sogar auf Reichstagen war dieBetrunkenheit der Fürsten eine ständige Erscheinung. Graf Lynar, ein Ausländer, nahm 1590 an der Berliner Hoftafel ungern teil, „wegen des Trinkens“. An den sächsischen Höfen war „das stetig Vollseinein alt eingewurzelt Uebung und Gewohnheit“. Besonders berüchtigt waren die „pommerischen Trünke“. Die geistlichen Fürsten konnten auch den Humpen schwingen, nicht minder die Damen. Manchem modernen Studenten hättendieseLeistungen die Schamröte ins Gesicht getrieben![210]
Das Merkwürdigste ist nun, daß die Ärzte solche Trinkexzesse fürgesunderklärten![211]