Viertes Kapitel.Ausbildung einer allgemeineren Laienkultur volkstümlichen Charakters: Bürgerlich-demokratisches Zeitalter.

Viertes Kapitel.Ausbildung einer allgemeineren Laienkultur volkstümlichen Charakters: Bürgerlich-demokratisches Zeitalter.

Wir treten jetzt in eine Zeit, die nicht allein eine starke Durchdringung von Volkstum und Kultur zeigt, sondern in der das eigentlich charakteristische Moment dasÜberwiegen volkstümlicher Elementeist. Die anfangs nur schwer als Unterströmung erkennbare Volkstümlichkeit hatte sich zunächst in der aristokratischen Laienkultur des Rittertums trotz aller romanisch-konventionellen Züge zu immerhin greifbarer Erscheinungsform durchgerungen. Auch die bäuerliche Schicht, der große Born der nationalen Kraft, das Element zäher Beharrung in Leben, Fühlen und Denken, trat um diese Zeit stärker und eindrucksvoller hervor. Aber die geistige Abgesondertheit und kulturelle Rückständigkeit des Bauerntums ließ dieses, trotzdem es am besten alles Volkstümlich-Natürliche bewahrte, bei dem nun folgenden Aufschwung auch der niederen Volksschichten doch nicht oder, besser, bei dem Fortschritt der Zeiten nicht mehr zur bestimmenden Macht für das Gesamtleben der Nation werden. Das wurde vielmehr die Bevölkerung der Städte, und als nachmals das Bauerntum, nicht nur wegen vermehrter, namentlich öffentlicher Lasten und sozialer Nöte, sondern auch aus einem gewissen geistig-persönlichen Drange nach größerer Geltung heraus sich selbst gewaltsam durchzusetzen suchte, da war es zu spät.

Hingegen hatte dasBürgertumdie Vorteile seiner größeren geistigen Beweglichkeit, des weiteren Gesichtskreises, fortgeschrittener wirtschaftlicher Betätigung und einer zum erstenmal dauernd in die Erscheinung tretenden engeren Vereinigung von Massen. Die allmählich immer zunehmende höhere, recht eigentlich städtische Kultivierung fiel bei dem starken Zusammenhang von Land und Stadt nicht so ins Gewicht, daß der Städter etwa die Gemeinsamkeitvolkstümlichen Denkens gegenüber dem Landvolke zu verlieren begann; am wenigsten konnte dies bei den niederen städtischen Schichten der Fall sein. Dazu kam der Einfluß eines damals sehr wichtigen Volksteils, der sich aus Land und Stadt, auch aus den Klöstern ergänzte, eine Zeitlang in den Städten hauste, aber dann wieder auf den Landstraßen innigen Zusammenhang mit der Natur fand, des Elements der fahrenden Leute. Es waren die Sänger und Spielleute, Gaukler und Fechter, die, von den Burgen verbannt, von der Kirche verfolgt, ihr Publikum nun im eigentlichen Volk hatten; dazu kamen herumziehende Geistliche und Scholaren, mit denen sich Bettler und schlimmes Volk, auch niedere Reisende sonst mischten. Diese Fahrenden verbanden Stadt und Land, sie bildeten den besten Nährboden für alte volkstümliche Neigungen, sie waren die Hauptträger des Volksliedes.

Immerhin ist doch vor allem die Stadt der eigentliche Untergrund für die nun sichtbare stärkere Geltung volkstümlichen Geistes. Seit längerer Zeit war jeneAufwärtsbewegung der unteren Schichteneingetreten, die sich in einer Hebung der bäuerlichen Klassen, in dem Aufkommen eines unabhängigen Bürgertums, aber auch in der Zusammensetzung des Rittertums äußerte. Aber wie der Ritter alsbald zu einer abgeschlossen-aristokratischen Kultur gelangt ist, so beobachteten wir auch sonst zunächst ein allgemeines Übergewicht des aristokratischen Geistes, auch in den Städten (S.102). In ihnen setzt nun gerade der Umschwung am deutlichsten ein, d. h. eigentlich die Fortsetzung jener Aufwärtsbewegung, an der nun immer niedrigere Schichten teilnahmen. Noch war eben das ganze Volk selbstbewußt und stark, noch die alte Unbändigkeit nicht ertötet; der allgemeine Drang nach Besitzmehrung und Geltung äußerte sich auch in den niedrigen Kreisen, und zwar vor allem in derStadt, wo das Volk sich schon durch seine größere Masse wie durch seine wirtschaftliche Bedeutung fühlte. Zunächst trat nicht das eigentlich niedere Volk hervor, sondern diejenige Schicht des Bürgertums, die nach wie vor seinen Kern ausmachte, die derHandwerker. Sie hatten das vortreffliche Machtmittel ihrer wirtschaftlich-genossenschaftlichen Organisationen, die zugleich zur Grundlage der politisch-wehrhaften Organisation der Bürgerschaft geworden waren und durch ihre Bedeutung bereits Verbote des Kaisers (Friedrich II.) wie der Landesherren heraufbeschworen hatten, der Zünfte. Jene in den Städten herrschende Geschlechteraristokratie war nicht nur durch ihre Lebenshaltung und durchein protzenhaftes Zur-Schau-tragen des Reichtums den unteren Klassen anstößig, sondern auch durch mannigfache Gewalttaten und ein die Handwerker bedrückendes, sie mit Steuern und Kriegsdiensten belastendes egoistisches Regiment geradezu verhaßt geworden. So kam es im 13. und besonders im 14. Jahrhundert zu oft blutig-leidenschaftlichen Bewegungen der Handwerker gegen die Geschlechter. Sie endeten nur zum Teil mit einer Demokratisierung der städtischen Verfassung, und selbst wo ein erheblicher Anteil der Zünfte am Stadtregiment durchgesetzt wurde, ergab sich im Laufe der Zeit doch wieder eine Herrschaft weniger, so daß immer von neuem eine grollende Opposition einsetzte, die dann freilich oft nur von den niedersten Schichten getragen wurde.

Aber über diese inneren Gegensätze in den Städten hinaus – ein solcher bestand z. B. auch zwischen den Gilden der Kaufleute und den Zünften, und vielleicht muß man eine gewisse Handelsfeindlichkeit der Zünfte mehr als bisher betonen – macht sich der mehrdemokratischeoder wenigstens bürgerliche Geist der Zeit in dem wachsendenGegensatzzwischen denStädtenüberhaupt und denFürstensowohl wie demAdelimmer deutlicher fühlbar. Derjenige zu denFürstenist mehr politischer Natur und hängt mit der erneuten Ausbildung der landesherrlichen Macht zusammen. Wir sahen (S.106), wie dem tatkräftigen Aufstieg der Landesherrschaft im 13. Jahrhundert gegen Ende desselben durch die Unabhängigkeitsgelüste der Stände eine Zeit der Beschränkung fürstlicher Macht, der Abhängigkeit von den Ständen folgte. Durch die fortgesetzte Schmälerung der Einkünfte, durch Verweigerung der Steuern und anderer Abgaben brachen insbesondere arge Geldnöte und Verschuldung über die Fürsten herein. Durch die Selbstherrlichkeit der Städte, der geistlichen Herrschaften und der durch ihre Bünde sich geltend machenden kleinen ritterlichen Herren wurde die begonnene einheitliche Verwaltungstätigkeit zerstört und diese auf den unmittelbaren Besitz der Fürsten beschränkt. Um das landesherrliche Gericht kümmerte man sich nur, wenn man es brauchte. Der Heerespflicht entzogen sich die Ritter immer häufiger, und immer mehr war der Fürst auf Söldner angewiesen. Auf wirtschaftlichem Gebiet spielten die Hauptrolle die Städte, die sich auch völlig selbständig wie kleine Staaten verwalteten, ihre eigene Gerichtsbarkeit hatten, das Münzrecht übten, in ihrer jetzt ausgebildeten geschlossenen Stadtwirtschaft egoistische Zollpolitik trieben, aber auch eigeneFortschritte in der Verwaltung (s. S.118) machten. Aber eben die schon geschilderten Folgen der großen Zahl der selbständigen Kräfte, die Wirren und die Unsicherheit, die sich aus ihrem freien Spiel und ihrer Zersplitterung ergaben, das Verlangen nach einer ordnenden Obrigkeit erleichterten den Landesherren bei dem Versagen der Reichsgewalt den neuen Aufschwung ihrer Macht. Er setzt im 15. Jahrhundert ein, auf Kosten des Adels, der geistlichen Herren wie der Städte. Die auf verschiedene Weise entstehenden ständischen Verfassungen setzen doch auch wieder die feste Zusammenfassung der Stände unter einer Landesherrschaft voraus. Den inneren Halt der Herrschaft sicherten jener schon früher organisierte Beamtenstaat und zum Teil (s. S.148) das neueindringende römische Recht. Die notwendige Grundlage des Ganzen, insbesondere die einer militärischen Machtentfaltung, war eine finanzielle Kräftigung, auf die man eifrig bedacht war (Landessteuer). In der Verwaltung lernte man jetzt viel von den Städten und ihrer geldwirtschaftlichen Organisation: doch gelang die Durchführung solcher Aufgaben für wichtige Gebiete meist erst im 16. Jahrhundert, zumal gegenüber der wirtschaftlichen Macht der Städte. Jetzt, im 15. Jahrhundert, sollten zunächst die sich mächtig entwickelnden Städte als politisch mehr oder weniger unabhängige Faktoren beseitigt, ihre Kräfte und Mittel den Fürsten dienstbar gemacht werden. Im späteren 15. Jahrhundert setzten diese Kämpfe erst eigentlich ein, wurden auch bald, wenngleich völlig erst viel später, zugunsten der Fürsten entschieden.

Eine geradezu haßerfüllte Stimmung entwickelte sich aber, besonders wieder im 15. Jahrhundert, zwischen dem Bürger und dem niederenAdel. Auf jenen wirkte der immer hochmütigere und peinlichere Abschluß gerade des verfallenden Rittertums verbitternd. Andererseits ergab die zunehmende Verarmung des Adels, der überdies bei dem späteren Aufkommen des Fußvolks, auch einem demokratischen Zug, seine militärische Bedeutung und zugleich den lohnenden Söldnerdienst einbüßte, einen zornigen Haß gegen die immer reicheren städtischen »Pfeffersäcke«, die ihrerseits nach Art der Emporkömmlinge es zum Teil dem Adel gleichzutun suchten. Diese Verarmung ließ den Adel den Bauerndruck erneuern, dem geistlichen Gut nachstellen, den Nachbarn befehden, ließ ihn in tiefe Verschuldung bei den Juden geraten und im Fürstendienst in Hof und Verwaltung oder für die jüngeren Söhne in den Domkapiteln ein Unterkommen suchen;sie trieb ihn aber auch, sich an dem Kaufmann in Fortsetzung der hergebrachten Räubereien durch Wegelagerei schadlos zu halten, sich an dem vermeintlich zu Unrecht erworbenen Reichtum des Bürgers mit Gewalt seinen Anteil zu sichern und den Pfeffersack zugleich für seine Anmaßung zu züchtigen. Mancher mußte aber üble Rache der Städter erdulden. Wenn sich überhaupt das bürgerliche Selbstbewußtsein gegenüber dem Adel kräftig äußerte, so bewahrte dieser dennoch seinen gesellschaftlichen Vorrang, und manch reicher Bürger strebte schon damals nach dem Adel, während der Ritter seinerseits reiche bürgerliche Heiraten nicht verschmähte. Im kolonialen Osten bestand andererseits damals noch nur ein sehr geringer Gegensatz zwischen dem verbauerten oder handeltreibenden Junker und dem Städter.

Mit demBürgertumwar eine neue große Schicht des Volkes mündig und für die Gesamtheit mit von bestimmendem Einfluß geworden. Vieles, was eine höhere und freiere Kultur modernen Geistes bedingte, entwickelte sich mit dem Eintritt des Bürgertums in die Geschichte. Zunächst darf man freilich dessenkulturelle Bedeutung nicht überschätzen. Ausgangspunkt und Grundlage der Entwicklung sind rein wirtschaftlich. Der Kern der Sache ist, daß das Bürgertum der Träger der wiederauflebendenGeldwirtschaftwurde, die einst in Mittel- und Westeuropa mit der Germanenherrschaft zusammengebrochen war und nun infolge der Berührungen mit dem Orient und der entsprechenden Ausbreitung des Handelsgeistes zunächst in Italien, dann in Frankreich sich wieder einbürgerte und schließlich auch den deutschen Westen, zum Teil schon vor dem 12. Jahrhundert, beeinflußte. Mit dem städtischen Wesen, mit der Rolle des Handels vor allem mußte diese Wirtschaftsform von selbst kommen und die versagende Naturalwirtschaft überwinden. Während aber in Frankreich und England, wohl in Anknüpfung an die kirchliche Verwaltung und andere, noch nicht genügend geklärte Einflüsse, vor allem aber auf die städtische Entwicklung gestützt, die Zentralgewalt mit und seit den Kreuzzügen eine geldwirtschaftliche Verwaltung einzurichten begann, waren es in Deutschland die Landesherren, deren zunächst im 13. Jahrhundert aufblühende Verwaltung (s. S.106) sich der Geldwirtschaft anpaßte. Steuern, Zölle und sonstige Einnahmen brachten Geld, und die Ausgaben für den höfischen Prunk wie für das neue Beamtentum und das aufkommende Söldnerheer waren wieder größtenteils in Geld zu leisten. Vor allem entwickelten aber dann – der deutscheOrden ist übrigens auch hervorgetreten – eben die Städte die neue Wirtschaftsform, stärker schon im 13., ganz freilich erst im 15. Jahrhundert. Diese Geldwirtschaft führte eine höhere materielle Kultur herbei, eine gesteigerte Lebenshaltung, mit der die adlige und z. T. selbst die fürstliche nicht wetteifern konnte, eine größere Genußsucht, eine Neigung zum Luxus und damit wieder eine Förderung der künstlerischen Lebensverschönerung, eine Blüte bestimmter, auf diesem Boden gedeihender Künste. Man kam ferner, wie gesagt, zu einer praktisch organisierten Verwaltung, zur Ausbildung der indirekten Steuern, zu einer in alle Einzelheiten eingreifenden inneren Polizeigesetzgebung, zur Ausbildung des Verantwortlichkeitsgefühls. Weiter ergaben sich eine größere Beweglichkeit und geistige Regsamkeit – von der Fürsorge für die Schulen werden wir noch (S.143f.) hören –, eine individuellere Lebensauffassung, wie sich überhaupt mit den praktischen, realen, wirtschaftlichen Interessen und der Erweiterung des Gesichtskreises wie schon mit dem Berechnen eine stärkere Übung des Verstandes, ebenso aber eine größere Abneigung gegen die asketische Weltanschauung und gegen kirchliche Bevormundung verband – kurz man gelangte zu denElementen einer wirklichen Laienkultur.

Aber alles das entwickelte sich doch nicht sogleich und nicht überall, und man darf andere Züge nicht übersehen. So eifrig man sich den neuen, rasch hervortretenden Erfordernissen des wirklichen Lebens zuwandte: großzügig war derGeist dieses Bürgertumsdurchaus nicht, eherengherzig-egoistisch. Es liegt das daran, daß den Kern des Bürgertums schon durch ihre Zahl dieHandwerkerausmachten. Zum Teil, vor allem in Süddeutschland, blieb überhaupt das Gewerbe ein wichtigerer Faktor als der Handel. Was die Handwerker selbst erzeugten, durften die Kaufleute nicht einführen. Andererseits hatte der Handel die Aufgabe, für die Rohstoffe zu sorgen, die eben das Handwerk brauchte. Der bürgerliche Geist deckt sich zum Teil mit dem Geist der Zunft. Diese hat die Handwerker wirtschaftlich, persönlich und sittlich gehoben, aber je länger je mehr auch einen kleinlichen, dem Wettbewerb und der freien Betätigung des begabten Individuums, schließlich überhaupt dem Fortschritt feindlichen Charakter gezeigt. Die Zunft bedeutete für das gewerbliche Leben etwas Ähnliches wie die Markgenossenschaft für das landwirtschaftliche. Zu dieser, Sicherung und Berechtigung gewährenden Zunftform strebten auch die neu entstehendenGewerbe mit allen Mitteln hin. Mit genossenschaftlichem Zwang sorgte die Zunft wie die Markgenossenschaft für gleichmäßige Erzeugungsbedingungen und so für das Wohl aller; mehr noch als jene förderte sie die Wertschätzung und die Güte der persönlichen Arbeit, die als gewerbliche ja technisch schwieriger war als die bäuerliche, und erzog den einzelnen durch bestimmten Lehrgang für seinen Beruf. Auch das Selbstgefühl ihrer Glieder stärkte sich eben durch den Stolz auf das durch Überlieferung und Aufsicht gesicherte Können, auf die »Kunst«, zugleich freilich durch die Teilnahme an der Stadtverwaltung und Stadtverteidigung. Höchst wertvoll in der noch immer leidenschaftlichen und ungebundenen Zeit war wie der Zwang an sich, so besonders die streng formalistische und zeremonielle Art des Zusammenlebens und der Verhandlungen, die einerseits eines poetischen Zuges nicht entbehrte, andererseits aber, wie ja schon die ästhetisch-gesellschaftlichen Regeln des Rittertums, die unentbehrliche »Zucht« dem einzelnen einprägen sollte. Und weiter hat dieser Handwerkergeist durch seine scharfen Ansprüche an die äußere »Ehrbarkeit«, an ehrliche, deutsche Herkunft, freie Geburt und sittliche Unbescholtenheit, durch die Anerkennung allein des Erwerbs mittelst tüchtiger Arbeit die Grundlage zu den bürgerlichen Anschauungen über Ehre und Rechtlichkeit gelegt, die natürlich zum Teil durch die kirchliche Ethik beeinflußt waren. Freieren Anschauungen war dieser Geist eigentlich unzugänglich, und, wie die Zunft, die in mittleren Zeiten zunächst zur Blüte des Gewerbes, ebenso wie die Markgenossenschaft zu der der Landwirtschaft beitrug, bei fortschreitender Entwicklung fast so wie jene durch die Ausschaltung der freien Beweglichkeit Rückständigkeit und Erstarrung herbeiführte, so erhielten auch die sittlichen Anschauungen bald etwas Starres. Freilich war bei der zunehmenden Unsittlichkeit und Genußsucht das Dringen der Handwerker auf Ehrbarkeit ein gewisses Gegengewicht gegen die allgemeine Laxheit und beeinflußte auch die Stadtverwaltungen.

Auf sittlich-kirchlichen Anschauungen beruhte z. T. auch die Gegnerschaft der Handwerker gegen den entwickelten Handel, vor allem gegen den spekulativen, nicht gegen den Handel überhaupt. Denn sie selbst verkauften ja auch, und keineswegs waren sie den Krämern feindlich. Wie sie grundsätzlich bei allen Zunftgenossen gleichen Wohlstand, aber bei keinem Reichtum erzielen wollten, so war ihnen der rasche Gewinn des Kaufmanns ein Dorn im Auge. Aber dieser vor allem auch von der Kirche (s. S.134)und besonders vom Adel mißachteteKaufmannwar nun doch ein sehrwichtiges Elementdes städtischen Lebens, spielte durch seinen Reichtum oft die führende Rolle und bildete das Patriziat. Der Handel, einerseits der nunmehr (s. S.101) vor allem an die Verbindung mit Italien geknüpfte oberdeutsche, andererseits der hansische, war es ja doch, der den eigentlichen Glanz der führenden Städte, Nürnbergs, Augsburgs, Ulms, Frankfurts, Kölns, Lübecks u. a., begründete. Er bestimmte auch vielfach ihre Politik, und namentlich seit Ausgang des Mittelalters führte der Aufschwung des Handels auch ein mächtiges Zuströmen der Bürger zum Beruf des Kaufmanns herbei. Aber wenn nun bei dieser Klasse des Bürgertums zweifellos ein kühner Unternehmungsgeist, ein weiter Blick in die Ferne, dessen ja auch der Handwerker infolge seines Wanderns als Geselle nicht ganz entbehrte, und eine große Tatkraft hervortreten, das Bürgerlich-Engherzige fehlt auch ihr nicht. Die städtische Handelspolitik, von den Interessen der Handwerker bestimmt, war nach einem verkehrsfreundlichen Zeitalter seit längerem (s. S.100) meist eine von monopolistischem Geist getragene Sonderpolitik zugunsten der Eingesessenen geworden. Jede Stadt schloß sich wirtschaftlich ab, der fremde Kaufmann wurde im Handel beschränkt und zum Vorteil der Bürger ausgenutzt (Stapelrecht), die Zufahrtstraßen allein wurden gebessert usw. Nur einzelne weitsichtige Städte wie Nürnberg sicherten durch Begünstigung der fremden den heimischen Kaufleuten gleiche Vorteile draußen. Ebenso wurde das umliegende Land zugunsten der Stadt wirtschaftlich beschränkt und ausgenutzt.

Aber noch in anderer Beziehung entbehrt die bürgerliche Kultur lange freierer und glänzenderer Züge. Der geschäftliche, wirtschaftliche Hauptzug bringt auch eine großeNüchternheitmit sich, die namentlich das 14. Jahrhundert charakterisiert und erst im 15. Jahrhundert einer zwar groben, aber doch weitherzigeren Lebensfreude weicht. Mit dem Niedergang des aristokratischen Geistes war auch der Schwung des Lebens zunächst dahin: er kam ebenso wie die Poesie später am meisten noch aus dem niederen Volk. Nicht nur die Lebensauffassung, die von praktisch-berechnendem Sinne, von der Regel und Ordnung des Arbeits- und Geschäftslebens beeinflußt wurde, sondern überhaupt das geistige Leben atmete jene Nüchternheit und ward dadurch ärmer. Das Gefühl spielt in den bürgerlichen Schichten keine große Rolle, wenigstens ist es nicht sichtbar. Daß es in manchen Kreisendamals sogar überschwenglich lebendig war, zeigen die Briefe der geistlichen Mystiker, die aber in ihrer feineren Form und Ausdrucksweise mehr wie ein Nachklang der höfischen Zeit wirken. Die kahlen und nüchternen Briefe des Bürgertums, die ja meist erst aus späterer Zeit stammen, beweisen an sich noch keinen Mangel an Gefühl, weil sie in der Hauptsache Geschäftsbriefe sind und die Bildung zu gering war, als daß man sich im schriftlichen Ausdruck frei hätte geben können. Aber nüchtern-geschäftsmäßig ist auch die Geschichtsschreibung, nüchtern namentlich auch die Dichtung, die ja in der Form die Überlieferungen der geistlichen, der höfischen und der Spielmannsdichtung weiter führt, aber ohne wirkliches Formgefühl, ohne Phantasie und Schwung, vielmehr bürgerlich gerichtet und gestaltet ist. Bezeichnend ist die besondere Pflege der Lehrdichtung, der gegenüber die aufkommende Derbheit immerhin weniger langweilig ist.

Nüchternheit atmet weiter die Namengebung, die anstatt des früheren stark poetischen Namenreichtums (S.37) eine große Dürftigkeit zeigt. Die alten deutschen Namen waren infolge des in die Masse gedrungenen kirchlichen Geistes vor den Heiligennamen, die, einst schon zurückgedrängt, im 13. Jahrhundert wieder aufkamen, gegen Ende des 14. Jahrhunderts bedeutend zurückgetreten. Es zeigt sich ferner, zum Teil infolge des Aufkommens von Beinamen, eine außerordentliche Einförmigkeit der Namen; man beschränkt sich immer mehr auf einzelne alte deutsche Namen (Heinrich, Konrad), vor allem aber auf den frommen Namen Johannes (Hans).

Auch die Kunst, vor allem die wichtige Baukunst, spiegelt den nüchternen Zeitgeist wider. Wie in der Dichtung werden die Formen der vorhergehenden Periode in äußerlicher Weise schülerhaft fortgepflanzt, wie dort fehlen Glanz, Phantasie und Schwung. Die starke Bautätigkeit entspricht mehr dem praktischen Bedürfnis der bürgerlichen Masse: es entstehen die einfachen Hallenkirchen. Freilich prägt sich das bürgerliche Selbstbewußtsein gleichzeitig in den oft unverhältnismäßig hohen Türmen aus. Andererseits tritt mehr und mehr ein handwerksmäßiger Charakter hervor; man suchte in technischen Einzelheiten seine kleine Meisterschaft zu zeigen. Das 15. Jahrhundert erhebt sich dann bedeutend über das vorhergehende. Das beste wird indes im Norden und Osten geleistet, in den herben, aber eigenartig entwickelten mächtigen Backsteinbauten der Kirchen, doch auch in den oft schmuckreicheren weltlichen Bauten gleicher Technik.

Weiter bedeutet nun die bürgerlich-städtische Kultur gegenüber der ersten, wesentlich auf die aristokratische Schicht beschränkten Entwicklung einer Laienkultur zunächst eine starkeVergröberung. Die feine ästhetische Gestaltung des Lebens schwand ebenso dahin wie die höhere gesellschaftliche Bildung. Dem ungebundenen Sichgehenlassen gegenüber hielt zwar auch die bürgerliche Kultur an den errungenen Vorschriften einer sittigenden gesellschaftlichen Lehre in verbürgerlichter Form fest: es wird gerade jetzt, wie wir schon für die Genossenschaften sahen, der Zwang konventioneller Formen für das ganze Leben dieser noch halbbarbarischen Gesellschaft als unerläßlich empfunden. Aber jene Ungebundenheit wurde doch wieder das Charakteristische, die Derbheit siegte über die Feinheit, das rohe Schwelgen in materiellen Genüssen über die Mäßigkeit, das Plebejische über das Aristokratische. Gesellschaftlich steht das neue Zeitalter also im Zeichen der Rückständigkeit, je mehr vor allem die niederen Volksschichten sich bemerkbar machen. Charakteristisch sind die üblen Tischsitten, das gierige Schlampampen wie das unsaubere Umgehen mit Speisen und Speiseresten, von den Trinksitten ganz abgesehen. Die höfischen Anstandslehren werden jetzt – auch ein Zeichen der materiell gewordenen Zeit – vor allem in »Tischzuchten« fortgesetzt. Wie der plebejische Ton auch auf die aristokratischen Kreise schließlich übergriff, zeigen später die Hofordnungen des noch unflätigeren 16. Jahrhunderts mit ihren Verboten des Knochenwerfens und des Begießens mit Bier. Das alte Hauptstück der Geselligkeit, der Tanz, verlor wieder den höfischen Charakter und nahm in den Städten noch vergröberte bäurische Formen an. Die Tanzlieder wie das Gebaren beim Tanz wurden dabei vielfach sehr bedenklich, und die neuen Tänze aus der Fremde, die man in den Städten übernahm, verschärften noch diesen Zug. Charakteristisch ist weiter das Zurücktreten der Frau aus der Geselligkeit und das Schwinden ihres sittigenden Einflusses. Schon gegen Ausgang der Minnezeit trat dieser Rückschlag ein. Aber die Stadt mit ihrer zahlreicheren weiblichen Bevölkerung, die sogar überwog, mit den schlechten Elementen darunter und der größeren Freiheit sinnlichen Genusses verstärkte diese Strömung und bannte die ehrbare Frau wieder ins Haus: nicht die Dame, sondern die tüchtige deutsche Hausfrau wurde das bürgerliche Ideal der Frau.

Alles das hängt mit dem auf dasMateriellegerichteten Sinn der Zeit zusammen, und dieser Zug wird gerade durch diebürgerliche Kultur sehr gefördert. Materiell war ja doch diese Kultur in erster Linie, nicht in dem Sinne, daß der Genuß die Hauptsache war – im Gegenteil, wir lernten schon die Arbeit als den beherrschenden Faktor des städtischen Lebens, im Gegensatz zum ritterlichen Weltfreuden- und mönchischen Jenseitsideal, kennen. Aber im Vordergrund des Sinnens und Trachtens stand – und zwar nicht nur in der kaufmännischen Schicht – der Gelderwerb. Das allgemeine Ziel ist der Wohlstand, ein mäßiger nach den Anschauungen der Handwerker, ein möglichst großer nach denen der Kaufleute, aber damit doch wieder eben der Lebensgenuß, der entsprechend der Massengeselligkeit und der geringen Entwicklung feineren Innenlebens von selbst gemeine Formen annahm. Und auch über die höheren Fragen des Lebens entschied immer der materiell-praktische Gesichtspunkt, die Kirchlichkeit wurde bei der Mehrheit äußerlicher als je, der materielle Gedanke von Leistung und Gegenleistung war zum Teil ausschlaggebend.

Das arbeitsame, erwerbslustige, grober Lebensfreude zugetane deutsche Bürgertum war in seinen nocheinfachen Verhältnissenmit dem romanischen Bürgertum, vor allem mit dem italienischen der Renaissancezeit, nicht zu vergleichen. Schon das eigentlich Städtische, das ja erst neben dem Höfischen eine höhere Ausgestaltung der Kultur verbürgte, hatte sich, wie wir (S.98) sahen, in den stark bäuerlich gefärbten Sitzen des deutschen Bürgertums noch gar nicht völlig durchgesetzt, von den vielen kleinen Landstädten ganz abgesehen. Freilich machten sich eine immer stärkere Gleichartigkeit der städtischen Interessen und noch mehr der Lebensbedingungen sowie eine immer zunehmende Vielseitigkeit der Berufe geltend, und gerade im Nichtbäuerlichen lag die Anziehungskraft der Städte. Eine rein städtische Kultur war dagegen in Frankreich und Italien erblüht, gewiß noch in Anknüpfung an längst unterbrochene Überlieferungen. In Italien hatte sich weiter jene hochstehende geistige, künstlerische und Lebenskultur entfaltet, der gegenüber die deutschen Bürger wie die Deutschen überhaupt doch noch immer als barbarische Leute erscheinen mußten, trotz ihrer wirtschaftlichen und materiellen Errungenschaften. Wenn wir dann aus dem 15. Jahrhundert zahlreiche, teilweise begeisterte Schilderungen deutscher Städte besonders auch durch Italiener besitzen, so liegt ihnen gewiß das Erstaunen zugrunde, das diese über die unerwartete Höhe der äußeren Kultur in dem mißachteten Deutschland empfunden hatten.Überdies stammen die Urteile meist erst aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als dersteigende Wohlstandden Städten vielfach ein glänzenderes Aussehen gegeben hatte als früher. Denn im ganzen boten die mittelalterlichen Städte so wenig ein Bild luxuriöser Pracht wie etwa die Burgen, und auch das Dasein selbst trug trotz jener doch ziemlich groben Üppigkeit noch den Stempel der Einfachheit. Die öffentlichen Gebäude und die Häuser der Reichen zwar, die seit dem 14. Jahrhundert häufig den Hof des Stadtherrn sich zum Vorbild genommen hatten, gewannen schon im 15. Jahrhundert eine reichere Gestalt, namentlich aber dann unter italienischen Einflüssen im 16., bis die Sucht nach künstlerischer Verzierung der Steinbauten wie der niedersächsischen Holzbauten fast übertrieben wurde. Die Häuser der weniger Bemittelten standen natürlich weit zurück. – Auch im Innern der Häuser und im Hausrat zeigte sich erst im 15. Jahrhundert eine reichere Entwicklung. Einmal war das Bürgerhaus immer zugleich Arbeitshaus und diente dem Gewerbe oder dem Handel, andererseits wich das Enge, Unbequeme, technisch Unentwickelte nur langsam. Das zeigen die kleinen und niedrigen Räume, der schlechte Fensterverschluß, die mangelhafte Heizung und Beleuchtung. Im 15. Jahrhundert entwickelten sich bei den Reichen Prunkräume mit Glasfenstern, kunstvoll gearbeiteten Öfen, schön geschnitzter Wandtäfelung (an Stelle jenes, den höfischen Wohnstätten nachgemachten Behängens mit Wandteppichen), mit wundervoll gearbeiteten, aber schweren Kunstmöbeln (Truhen, von den Schränken später verdrängt, Tischen und Bänken). Manches davon ging auch mehr und mehr auf die eigentlichen Wohnräume über; ferner gab es in den Schlafzimmern große Betten mit schön geschnitztem Dach und prächtigen Decken. Seit dem ausgehenden Mittelalter fand man auch vielfach Wanduhren im Bürgerhause.

Unterschiede zwischen dem Patriziat und dem mittleren und kleinen Bürger muß man auch bezüglich der Nahrungsweise machen, und selbst bei jenem beginnt der größere Luxus erst wieder gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Stärker als auf dem Lande, überhaupt sehr bedeutend war in der Stadt freilich der Fleischverbrauch. Bei der Fleischkost war wie schon früher der Verbrauch von scharfen Gewürzen zur Brühe außerordentlich, auch in romanischen Ländern. Diese mittelalterliche Weise hat der konservative Engländer zum Teil noch heute bewahrt, ein Zeichen eines wenig entwickelten Geschmacks. Im ganzen entbehrtedie städtische Küche trotz der überladenen Üppigkeit festlicher Genossenschafts- und privater Mahle noch lange größerer Feinheit. Eine bedeutende Rolle spielten die Gewürze sodann bei der von Klöstern und Höfen übernommenen feineren Bäckerei, und bald bildeten sich in einzelnen Städten Besonderheiten von Pfeffer-(Gewürz)kuchen unter verschiedenen Namen aus, wie überhaupt das bessere Gebäck die mannigfaltigsten örtlichen Formen annahm. Im übrigen war natürlich die Brotnahrung die wichtigste und allgemeinste. Fleischer und Bäcker waren bei dem großen Verbrauch die stärksten Gewerbe, sie erfreuten sich auch seitens der fürsorglichen städtischen Obrigkeit besonderer Beaufsichtigung sowohl hinsichtlich der Güte der Erzeugnisse wie der Preise und des Gewichts.

Mit der stark gewürzten Nahrung steigerte sich zum Teil der Getränkeverbrauch, wie andererseits die Gewürze die Vielesserei erleichterten. Das Bier spielte eine Hauptrolle in den norddeutschen Städten, in denen sich neben der Haus- und der Reihumbrauerei vielfach ein leistungsfähiges Braugewerbe, damit eine bessere Bierbereitung und ein lebhafter Bierhandel – denn von den vielen Sondersorten hatten einzelne bald einen großen Ruf erlangt – entwickelten. Das norddeutsche Bier wurde zum Teil schon in den Süden, wo sonst der Wein vorherrschte, eingeführt. Doch braute man z. B. in Nürnberg auch selbst. Umgekehrt war der Weinhandel nach Norden viel stärker, namentlich der Rheinweinhandel. Denn der im Norden und Osten selbst gebaute Wein (vgl. S. 44) wird doch nicht allzu sehr geschätzt gewesen sein, trotz der Ausfuhr z. B. von Gubener Wein. Auf dem Lande trank man im Süden neben Obstwein gewöhnlichen Landwein, und zwar als Most oder als jungen Wein. Auch die süddeutschen Städte versorgte der Handel (namentlich von Ulm aus) mit den begehrten guten Sorten, dem Rhein-, Frankenwein usw., aber auch schon mit südlichen Weinen. Weinpantscherei war dabei sehr häufig. Landwein suchte man durch aromatische Kräuter und Würzung oder Zuckerung zu verbessern. So gab es in Deutschland genug des Trinkbaren. Bei Beratungen, bei Kaufhandlungen (Weinkauf), bei den Zusammenkünften der vielen Genossenschaften, bei den großen städtischen Mahlen, bei den Familienfesten liebte man einen guten Trunk. Die einzelnen gesellschaftlichen Kreise hatten auch ihre Trinkstuben, die Patrizier wie die Zünfte; für das niedere Volk gab es die Schenken und Tavernen, deren Zahl immer zunahm. Und die Trinkfreudestieg mit dem ausgehenden Mittelalter immer mehr, vor allem im Biergebiet, in Sachsen (Niederdeutschland), wie die Vielesserei, dieGenußsuchtüberhaupt. Voll und toll zu werden, war geradezu ein Ziel, das man namentlich mit dem »Zutrinken« zu erreichen suchte. Es war das Sichaustoben eines überkräftigen Volkes, das seinen alten Ruf des Barbarentums freilich dadurch bei den mäßigeren und gesellschaftlich kultivierteren Romanen aufs neue kräftigte.

Dieselbe Zügellosigkeit zeigte sich in geschlechtlicher Beziehung. Und wenn neben der Trunksucht auch z. T. die Sittenlosigkeit damals eine Schwäche des Gesamtvolks gewesen ist und schon damals von Obrigkeit und Kirche bekämpft zu werden begann, so tritt dieser Zug doch besonders bei der städtischen Bevölkerung hervor, schon weil die Quellen für deren Zustände reichlicher fließen, dann aber auch, weil sich die Gelegenheit und die Mittel zu solchem Treiben in den Städten leichter fanden, übrigens auch für den umwohnenden Adel, und sich aus dem Zusammenleben einer stärkeren Bevölkerung leichter ergaben. Ja, es scheint, als ob das erstmalige Zusammenfassen größerer Massen in Städten ein jugendliches Volk von selbst in dieser Beziehung sich voller ausleben läßt. In sittlicher Hinsicht ist dann das leichtere Zusammenströmen schlimmer Elemente, die in den Dörfern und Burgen meist keinen dauernden Aufenthalt haben konnten, in den Städten von Einfluß. Man war übrigens nicht nur den Junggesellen gegenüber, wie hergebracht, duldsam, sondern auch gegenüber den Ehemännern. Die verheirateten Frauen andererseits hatten besonders die Nachstellungen der Geistlichen zu fürchten. Die sinnlichen Neigungen der Zeit – früh hatte auch die eifernde Sucht der Kirche, das Natürliche, das Nackte anstößig zu machen, gerade die Lüsternheit verbreitet – wurden in den damaligen Städten besonders durch die Badstuben und die nur in den Städten mögliche, notgedrungene Organisation der Unzucht, durch die Frauenhäuser, gefördert. Bäder waren dem Mittelalter seit je unerläßlich, zumal man das bloße Waschen vernachlässigte. Die Furcht vor dem Aussatz förderte überdies das heiße Baden, das man als Gegenmittel ansah. Die für den Massenverkehr in den Städten eingerichteten Badstuben wurden nun bald Stätten der Geselligkeit, wo man auch aß und trank, Feste feierte und dergleichen. Es ergab sich dann gelegentlich Schlimmeres, wenn auch das auf Bildern häufig dargestellte Zusammenbaden der Geschlechter kaum allgemein üblich gewesen ist. Imganzen ging gegen Ende des Mittelalters das Badewesen stark zurück, zum Teil wegen der damals auftretenden Syphilis, mit der man sich im Bade anzustecken fürchtete. Diese um 1495 mit furchtbarer Gewalt auftretende »Franzosen«-Seuche, die diesem (nach Paracelsus) der »Luxuria« und der »Venus« ergebenen, materiellen Geschlecht wie eine strafende Rächerin ihrer Sünden erscheinen mußte, trug vor allem aber zum Rückgang jener Frauenhäuser bei, deren Insassinnen in den Städten fast als wohlberechtigte Gewerbetreibende galten und deren Besuch ganz offen stattfand und niemand schändete. Feindlich waren diesem Treiben zum Teil die Ehrbarkeit pflegenden Handwerker, die sich überhaupt über die Sittenlosigkeit der höheren Kreise wie des Pöbels entrüsten mochten. Sie mochten auch das Hauptpublikum der geistlichen Sittenprediger bilden, die heftig gegen die sündhafte Zeit eiferten und dabei auch der großen Sünder aus der verweltlichten Geistlichkeit keineswegs schonten.

Gröbliche Übertreibung– sie ist vielfach das Zeichendieser materiellen Kulturder Städte. Wie es beim Trinken und Essen noch ganz wie beim Bauern vor allem auf die Menge ankam, wie man sich bei amtlichen, genossenschaftlichen und Familienfestmahlen in üblem Wetteifer nicht genug tun konnte in der Zahl der Gänge und der Gäste, wie die Schwelgefreude immer neuen Anlaß zu Festen suchte, so entfaltete man den abstoßenden Luxus des Zuviel auch beim äußeren Menschen, in der Kleidung. Vergeblich suchten allen diesen Erscheinungen die Luxusordnungen der Städte und Landesherren zu steuern; gegen den Kleideraufwand richteten sich um 1500 auch Reichsordnungen, vor allem, um bei dem ständigen Nachobenstreben der einzelnen Klassen die ständischen Unterschiede in der Tracht aufrecht zu erhalten. Aber gerade der reiche Bürger, der Hauptträger der materiellen Richtung der Zeit, ließ sich in seinem protzenhaften groben Aufwand, den weniger reiche dann auch nachmachten, nicht stören. Recht großer Besitz an Gewändern, recht überladene Kleidung, recht teure Stoffe und Schmucksachen und recht auffallende Tracht – das war die Losung der Zeit, die auch einen unglaublich raschen, sich ständig in Extremen oder geradezu in Narrheiten bewegenden Wechsel der Mode herbeiführte, wesentlich freilich unter französischen und burgundischen Einflüssen. Einfachheit war jedenfalls verpönt, »altfränkisch«. Es zeigten sich die abstoßenden Schattenseiten einer emporkömmlinghaften Geldkultur, vor allem auch bei den Männern, diesich zum Teil weibisch trugen, andererseits aber auch noch naive Züge, wie jene Vorliebe für grelle Farben und das Durcheinander verschiedener Farben (S.51).

Die grob-materielle Lebenskultur des Bürgertums hat Fürsten, Adel und Geistlichkeit und auch zum Teil die Bauern vielfach zur Nachahmung angeregt, soweit es nach den Mitteln überhaupt möglich war. Auf der anderen Seite lag die derbe Lebenslust damals überhaupt in der Luft. Wie scharfe Stimmen erhoben sich schon im 13. Jahrhundert gegen die Sittenlosigkeit und den Luxus der Geistlichkeit, wie schnell entartete nach dieser Richtung die höfische Kultur, wie sehr wird schon früh dem Bauern Üppigkeit und Unehrbarkeit vorgeworfen! Also die Stadt förderte nur diese allgemeine Strömung, allerdings in bedeutendem Maße.

An dieser übersprudelnden Weltfreude wollte nun auch das niedere städtische Volk seinen Anteil haben, und so beschränkt die Mittel waren, so laut und gröblich brachte es sich zur Geltung. Diesesniedere Volkwird nun aber überhaupt in den Städten einwichtiger Faktor. Zusammen mit den mittleren Schichten brachte es denMassengeistzu einer bis dahin unbekannten Bedeutung. Auch die nichtstädtische Masse ist damals, wie schon angedeutet, lebhafter in die Erscheinung getreten. Aber die Städte bleiben doch die Orte, wo diese Masse geschlossener auftritt, wo sie Führer findet, nicht zum wenigsten unter den niederen geistlichen Elementen, wo sie sich stärker zum Ausdruck bringen kann, wo die Bedeutung der Stadt als solcher auch ihr Selbstgefühl verleiht, wo aber auch durch die ständige Berührung mit den reicheren Kreisen begehrliche und angriffslustige Stimmungen genährt werden. Andererseits hofften in den Städten gerade die verschiedenartigen niederen Schichten, zum Teil noch bäuerlichen Charakters, selbst die Fahrenden, vor allem immer darauf, schnell heraufzukommen, ihr Glück zu machen. Die Geldentlohnung endlich machte auch die kleinen Leute selbständiger, selbstbewußter und fähiger, an ihrem Teil an der allgemeinen Genußfreude teilzunehmen. So verstärkte sich denn jenerdemokratischeGeist, der schon die Zunftkämpfe hervorgerufen hatte, mehr und mehr. Etwas Demokratisches liegt von vornherein in dem städtischenZusammenwohneneiner aneinander gepferchten größeren Masse, ebenso wie in dem Ritterleben auf Burgen etwas dem Treiben der Menge Abholdes. Ob dem Ritter immer die aristokratische Vereinzelung behagte, ob er überhaupt das Aristokratische darin empfand, ist eine andere Frage.

Wie wichtig dieMasse, insbesondere die städtische, nun im ausgehenden Mittelalter wurde, das zeigt sich auf den verschiedensten Gebieten. Zunächst auf dem für das Mittelalter bedeutsamsten, aufreligiös-kirchlichemGebiet und zwar nicht sowohl im Sinne einer stärkeren Abwendung von der Kirche infolge Geltendmachung der weltlichen Ansprüche der niederen Laien als in Richtung einer volkstümlicheren Haltung der Kirche selbst und eines mächtig gesteigerten religiösen Volksbedürfnisses. Jene früher (S.79) beobachtete Opposition gegen die Kirche war insbesondere durch die Spielleute auch in niederen Volksschichten genährt worden. Aber auch ein geistliches Element förderte dieselbe, das der »Vaganten«, der durch die Lande fahrenden Scholaren, die namentlich von Frankreich her kamen, in einem höchst weltfreudigen Leben ihr Ideal fanden, immer zu scharfem Spott über ihre heilige Kirche und den habgierigen höheren Klerus geneigt waren und daher von der offiziellen Kirche scharf verfolgt und schließlich beseitigt wurden. Diese anfangs feiner gerichteten und auf ihre lateinische Bildung sehr stolzen Vaganten waren gegen Ende des 13. Jahrhunderts, kurz vor ihrem Verschwinden, bereits in einen gemeinen und rohen Ton verfallen und haschten jetzt nach dem Beifall der von ihnen oft durch Hokuspokus genasführten niedersten Schichten in Stadt und Land, haben auf diese Schichten aber sicherlich auch manche ihrer Anschauungen übertragen. Ganz zweifellos haben sodann die großen internationalen, vor allem romanischen Ketzerbewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts, die in immer neuen Formen und Verbrüderungen sich auch später fortsetzten und in einem volkstümlich-religiös-sittlichen Massendrang aus dem verdorbenen und verweltlichten Katholizismus hinausstrebten, tief in das niedere Volk übergegriffen. Deutschland war besonders im Süden und Westen von dieser Bewegung erfaßt, und vor allem im Landvolk fand sie viele Anhänger, sicherlich aus einem überquellenden religiösen Bedürfnis heraus, aber vielleicht auch infolge einer immer noch im Verborgenen vorhandenen Abneigung gegen die Kirche, die Überwinderin des alten heidnischen Volksglaubens. Wenn Bertold von Regensburg dem Landvolk gegenüber von den »frumen steten« spricht, so meint er damit den damals kirchlicheren Geist der Städte.

Aber dieseKirchlichkeitwar wieder wesentlich eineäußerliche. Das Mitmachen der kirchlichen Gebräuche war etwas ganz Selbstverständliches, um so mehr, als die offizielle Kirche alles tat,den weltfreudigen Neigungen wie den praktischen Interessen der Städter möglichst gerecht zu werden. Der Klerus selbst verweltlichte dabei immer mehr: hatte er erst der ritterlichen Kultur sich teilweise angeschlossen, so schwamm er jetzt lustig in dem materiellen städtischen Leben. Im übrigen paßte sich die Kirche nunmehr ganz der größeren Volksmenge und ihrer Art an, immer in dem Bestreben, im Mittelpunkte des ganzen Lebens zu stehen. Es begann einerseits die gegen 1500 ihren Höhepunkt erreichende Zeit eines immer ausgedehnteren, vor allem von Laien getragenen Kirchenbaues, so daß die Zahl der Kirchen in den Städten auf lange Zeit hinaus genügte, andererseits wurden die Kirchen weiträumiger und trugen dem Massenbesuch Rechnung. Zu ihrem Bau wie zu ihrer prunkvollen Ausstattung steuerte mit gewaltigem Schenkungseifer das ganze Bürgertum, nicht nur das reiche, bei. Diese Kirchen wurden der Treffpunkt der Bürger, hier ging man ungezwungen aus und ein, schwatzte, lachte, schrie, hielt Waren feil; hier trugen die Frauen ihren Putz zur Schau. Auf den Kirchhöfen setzte sich das Treiben fort, an die Kirchen klebte man Verkaufsbuden usw. Am großartigsten trat dieser volkstümliche Charakter der Kirche bei den großen Festen, den Prozessionen usw., hervor, deren Gepränge und Pomp wie ein Schauspiel für das ganze Volk wirkten und die auch als Feste des Volkes angesehen wurden. Umgekehrt waren die weltlichen Feste immer auch etwas kirchlich gefärbt, wurden z. B. von feierlichen Messen eingeleitet. Die vielen Bruderschaften und Genossenschaften waren regelmäßig mit der Kirche verbunden, hatten zum Teil ihre besonderen Altäre und waren immer um das Seelenheil eines verstorbenen Genossen durch Stiftung von Messen usw. besorgt. Auf die Zünfte wie auf die Gesellenverbände hatten meist bestimmte Geistliche Einfluß. Die enge Verbindung der Kirche mit allen Ständen ergab sich im übrigen von selbst aus den Beziehungen der zahlreichen Kleriker, Mönche und Nonnen zu ihren alten Angehörigen, die sie auch zu Schenkungen und Stiftungen für die Kirche fortgesetzt anzuregen wußten.

Aber was nun insbesondere dieniedereMasse betrifft, so hat der städtischeMassengeistauch diegeistlicheMacht zum Teil durchsetzt und entsprechende Bildungen und Erscheinungen hervorgerufen. Zunächst hing ja schon die niedere Geistlichkeit eng mit dem eigentlichen Volk zusammen, lebte in dessen Interessen- und Anschauungskreis und war auf dem Lande völlig verbauert, in der Stadt ebenfalls mit den kleinen Leuten verbunden, teilteoder schürte oft den Haß gegen die Reichen, kümmerte sich aber um ihre seelsorgerischen Pflichten wenig. Ganz auf dem Boden des armen und geplagten Volkes, zunächst der romanischen Städte, standen dann die gerade umseinkirchliches Heil besorgtenBettelordendes 13. Jahrhunderts, die weder Grundbesitz noch Einkünfte haben, vielmehr von frommen Almosen leben sollten, und die aus ihrer Mitte hervorgehenden volkstümlichen Prediger. Die Bettelorden waren eine neue Erscheinung der ewig fruchtbaren romanischen Askese, den neuen Zeitverhältnissen angepaßt und gegen die aufkommende Kapitalmacht gerichtet. Sie waren bald über die Christenheit verbreitet, zumal sie, klug von der Kurie benutzt, nicht unter den Bischöfen standen, sondern überall predigen und für Papst und Kirche gegen die Ketzer kämpfen sollten. Gerade durch ihre liebevolle Sorge für die Armen gruben sie in den Städten der Ketzerbewegung den Boden ab, so daß bald der Kampf gegen die Ketzer zurück- und der Kampf gegen die materielle Genußsucht, gegen die Sünden der Reichen, gegen den »Wucher« der Kaufleute, aber auch gegen die sittlichen Mißstände überhaupt in den Vordergrund trat. Diese Mönche sind denn auch in Deutschland rasch volkstümlich geworden, besonders die Franziskaner gegenüber den feineren, zugleich auf gelehrte Bildung gerichteten Dominikanern, so der gewaltige Bertold von Regensburg mit seiner von den Bettelorden überhaupt gezeigten Abneigung gegen die damals herrschende aristokratisch-höfische Kultur. Im 14. Jahrhundert hat durch diese Prediger dann gerade der strengere kirchliche, aber auch der wirklich religiöse Geist im Volke stark zugenommen. Doch setzten bereits damals starke Verfallserscheinungen ein. Mehr und mehr machten sich jene Prediger abhängig von der Stimmung der Masse, verweltlichten schließlich ebenso wie die offizielle Kirche und verdarben selbst die früh bemerkbare religiöse Bewegung gegen die überströmende Weltfreude und materielle Genußsucht.

Diese Gegenbewegung hatte zunächst stark überspannte oder mystische Formen angenommen. Im niederen Volke lebten seit langem aufgeregte religiöse Stimmungen. Hatten schon die frühere große asketische und die Kreuzzugsbewegung das Volk in weiten Schichten ergriffen, so gingen im 13. und 14. Jahrhundert wahre Schauer in der Form gewaltiger Bußepidemien durch die Massen. Es scheint so, als ob erst jetzt die fremde Religion mit ihrem teilweise sinnverwirrenden kirchlichen Apparat das Volk allgemeiner innerlich ergriffen und zunächst wie in einem jugendlichen Körperkrankhafte Erschütterungen hervorgerufen habe. Eine Zeitgrob-primitiver Religiositätbrach herein, religiösen Rausches. Die Kreuzzugsbewegung hatte bereits zu Verirrungen wie den Kinderkreuzzügen geführt, jetzt setzten, wieder von den romanischen Ländern her, die Bußfahrten der fanatischen Geißler ein. Die Kirche trat dabei ganz zurück, das niedere Volk der Laien hatte sich seine eigenen, über alles Maß gehenden Religionsübungen geschaffen, und so berührt sich die Bewegung mit der Ketzerbewegung, wurde auch von der Kirche verfolgt wie diese. Die verzweifelte Stimmung förderten allerlei Naturereignisse, ferner die Unsicherheit der Zeit, der Mongoleneinfall, der Kampf zwischen Kaiser und Papst – charakteristisch sind die Prophezeiungen über das Kommen des Antichrist –, zuletzt die gewaltige Pest von 1349, der schwarze Tod. Dessen Schrecken hatten die Geißler zu ihren Bußfahrten besonders veranlaßt, die Gefahr wurde aber gerade dadurch gesteigert. Gleichzeitig setzten gewaltige Judenverfolgungen ein – die Juden sollten die Urheber der Pest sein –, gewiß wieder zum Teil als religiöse Ausschreitungen aufzufassen. Völlig krankhaft waren dann die das niedere Volk ansteckenden Tänze religiös verzückter Massen, die Erscheinungen der sogenannten Tanzwut. Hand in Hand mit diesen religiösen Aufregungen, diesem groben Enthusiasmus, ging andererseits ein Wiederaufleben barbarischer Wundersucht und damit des alten volkstümlichen Zauber- und Aberglaubens, dem wiederum die Kirche trotz ihres eigenen Teufelsglaubens scharf entgegentrat. Freilich hat sie nicht wie in den romanischen Ländern auch die Ketzer systematisch als Zauberer verfolgt.

Jene religiösen Massenepidemien dauern zum Teil noch im 15. Jahrhundert fort, aber auch dann bleibt das Land der Hauptboden für sie. In der Stadt nimmt dieser religiöse Massengeist weniger überspannte Formen an. Daneben besteht aber in manchen Kreisen der niederen städtischen Schicht, freilich keineswegs in ihnen allein, eine stillere,gefühlsmäßige Religiositätin Opposition gegen die materielle Genußsucht, den praktisch-realen Sinn und die äußerliche Weltlichkeit wie gegen die ebenfalls nur äußerliche Kirchlichkeit der Volksmehrheit. Diese schroff entgegengesetzten Strömungen der Innerlichkeit und der Genußfreude charakterisieren den Geist des ausgehenden Mittelalters. Die Anfänge der stillen Religiosität hatten wieder einen feineren, zum Teil sogar aristokratischen Charakter gehabt. Es sind dieMystikerder ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, zum Teilwieder Bettelmönche, die, dem verstandesmäßig-formalen Treiben der Scholastik abgewandt, zugleich in entsagendem Gegensatz gegen die neuauflebende Weltlust, sich in ein innerliches Leben, einen schwärmerischen inneren Verkehr mit Gott versenkten. Eben wegen dieser Innerlichkeit kann man die Mystik als die erste wahrhaft volkstümliche Erfassung des Christentums durch die Deutschen ansehen. Ihr Gemüt zu offenbaren, trieb es die Mystiker zum Gebrauch der Muttersprache. Sie handhabten sie in einer Formvollendung, die noch an der Dichtung der höfischen Zeit geschult war. An die höfische Zeit erinnert auch die starke Beteiligung der Frauen, freilich von Klosterfrauen, deren jetzige Rolle jedoch allein in dem reichen weiblichen Gefühlsleben begründet war. Über die bloße Empfindsamkeit und Verzücktheit hinaus kamen die ersten und größten Mystiker zu wirklicher Tiefe der Gedanken und zeigten aristokratischen Schwung des Geistes. Ein zukunftsreiches Moment liegt in der besonderen Berücksichtigung der Laien seitens der Mystiker und in der Begeisterung der Laien für die neuen Männer. Ein gewaltiger Volksprediger war vor allem Johannes Tauler. Einerseits wurde nun diese mystische Strömung allmählich vergröbert, andererseits verquickte sie sich mit jenen volkstümlichen Zielen der Bettelorden, mit jener breiten kirchlich-sozialen Bewegung, die sich mit den Nöten der Masse beschäftigte. Charakteristisch bleibt aber für diese natürlich vor allem im Klöstern vertretenen mystischen Geister die starke Gefühls- und Stimmungsrichtung, die dann auch die Religiosität kleinerer und größerer Volkskreise beeinflußte und z. B. für das Verständnis der Kunst des ausgehenden Mittelalters höchst wichtig ist. Aber auch ohne diesen mystischen Zug sind nun frommer Überschwang und inbrünstiges religiöses Verlangen, gerichtet auf die Nachahmung Christi und der Heiligen, gerade in der Masse lebendig geworden und ergreifen zum Teil auch die höheren Schichten.

Andererseits nimmt diese Massenreligiosität stärker jenenhalbheidnisch-volkstümlichenCharakter an. Recht viel gute Werke, recht viel Gebete, recht viel Heiltum (Reliquien) in den Kirchen – es ist dieselbeplebejische Wertschätzung des Massenhaften, die wir schon in der materiellen Lebenshaltung des städtischen Durchschnitts beobachteten; es ist zugleich die alte, nun noch gefördertenüchtern-geschäftlicheAuffassung (s. S.120f.). Auch die Bettelorden wurden, wie (S.131) erwähnt, immer weniger die Führer einer eigentlich religiösen Strömung. Die Predigt war nun oft auf den äußeren Eindruck berechnet, siewarb vielfach nur um den Beifall der Masse. Viele Bettelmönche kümmerten sich um das Seelenheil nur in der sonst üblichen äußerlichen Weise. Sie hoben auch nicht mehr das Volk innerlich, sondern huldigten ganz seiner groben, vielfach noch mit den Resten der heidnischen Volksreligion verbundenen Denkweise. Dabei wurden sie von der herrschenden Genußsucht und Sittenlosigkeit in starkem Maße angesteckt, machten sich auch durch ihr nichtstuerisches Leben und ihre zudringliche Bettelei verhaßt und verfielen so zu einem guten Teil dem Spott und der Verachtung. An Bettelmönchen, die es mit ihrer Aufgabe ernst nahmen, fehlte es freilich auch jetzt nicht. Als soziale Kritiker, in ihrer Parteinahme für jenesozialen Nöte der Masse, blieben die Orden eben ein wirksames Element.

Daß sich die Kirche der Armen annahm, war ja im Grunde durchaus nicht neu. Diesen alten Zug hatte die große asketische Bewegung mit ihrer Verachtung des irdischen Besitzes und der irdischen Macht, mit dem Preise der Armut nur gefördert. Das Ideal der mittelalterlichen Kirche blieb aber überhaupt immer der mäßige Besitz: sie verwarf den gierigen Erwerb auf Kosten anderer und betonte die Pflicht des Reichen, den Ärmeren in großem Umfang abzugeben. Und daß dieses Ideal immerhin auch tief in die Volksmasse drang, zeigen z. B. die oben (S.119) erwähnten Anschauungen der Zünfte, zeigt aber auch die allgemeine Mißachtung, die nicht etwa nur den Juden wegen ihres »Wuchers«, sondern auch dem eigentlichen Kaufmann von Adel, Klerus, Handwerkern, niederem Volk entgegengebracht ward. Gegen das sogleich mit gewaltigen Erfolgen auftretende Kapital und seinen aristokratischen Übermut regte sich schon im 13. Jahrhundert ein gewaltiger Haß. So geldwirtschaftlich die Kirche selbst vielfach gerichtet war, so blieb das Zinsverbot doch ihr großer Grundsatz. Schließlich wurde die ganze neue Geldwirtschaft theoretisch zum »Wucher« gestempelt, insbesondere auch der Handel, der auf spekulativen Gewinn ausging. Zahlreich sind die mehr oder weniger autoritativen geistlichen Stimmen, die in jener Zeit denHandel, soweit er nicht der notwendigen Lebensfürsorge (wie derjenige der ihre Erzeugnisse verkaufenden Bauern und Handwerker) diente,verwarfenund die Kaufleute, denen wohl auch viel vorgeworfen werden konnte, allgemein als Sünder hinstellten. Später, als vor allem die oberdeutschen Kaufleute neben dem Warenhandel auch das Geldgeschäft pflegten, nahmen solche schon zurückgetretenen Stimmungen wieder zu.Das wegen der unendlichen Zersplitterung des Münzwesens durchaus notwendige Wechselgeschäft, der Geldhandel, aber auch das sich aus dem Geldvorrat von selbst ergebende Ausleihen von Geld gegen Zinsen war früher den Juden, die ja nicht an die kirchlichen Anschauungen gebunden waren, und den Italienern (den sogenannten Lombarden) überlassen. Jetzt waren jene durch die blutigen Verfolgungen zurückgeworfen und diese als lästige Wettbewerber vielfach verdrängt worden. Den deutschen Kaufleuten erleichterte die Übernahme des gewinnbringenden Geldgeschäfts zudem der Silberhandel, der sich aus dem damals besonders aufblühenden Bergbau und ihrem Anteil daran ergab. Der Übergang zum Geldhandel, überhaupt zu einem rein spekulativen Handel vollzieht sich stärker erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts und hat schließlich zum Verderben des hochstehenden deutschen Handels mit beigetragen. Der ausgesprochene KapitalismusdieserZeit erregte auch, jetzt wegen der sozialen Folgen, die öffentliche Meinung stärker als je, insbesondere die zunehmende und sich auch auf notwendige Lebensmittel richtende Monopolisierungssucht. Wir haben die härtesten Äußerungen über die »Schinder des Volks«, die »Christenjuden«, über den Raub und Wucher der Kaufleute von Geiler von Kaisersberg, Sebastian Brant, Hans Sachs, Erasmus, Luther. Auch Beschlüsse der Städte, der Land- und Reichstage wandten sich gegen die Aufkäufer und Preissteigerer. Gerade die Armen mußten nun bei Teuerungen am meisten leiden, und hier und da sind auch gegen Ende des 15. Jahrhunderts Aufstände dadurch hervorgerufen worden.

Aber bei diesen Bewegungen spielte überhaupt derGegensatz zwischen Reich und Armeine immer größere Rolle. Schon im 13. Jahrhundert war dieser Gegensatz über das bloße Mitleid mit den Armen hinaus von den Bettelmönchen, so in ziemlich heftiger Form von Bertold von Regensburg, betont und gesteigert worden. Ende des 14. Jahrhunderts finden wir bei Dichtern und in Chroniken bezeichnende Stellen. Mehr und mehr trat dann eine wieder in den Lehren des Urchristentums begründete Teilnahme an der Lage des ärmeren Landvolks, dessen Arbeit nun gepriesen ward, hervor. DerBauerwurde jetzt trotz des wirtschaftlichen Niedergangs des Adels weniger von diesem als von den klösterlichen Grundherren bedrückt, vor allem aber vom Staat immer stärker belastet, überdies vom Städter mißachtet. Dazu kam der Groll über die rücksichtslose wirtschaftliche Herrschaft der Stadt über das Land, den der Bauer mit dem Adelteilte. Sodann zündete die hussitische Bewegung mit ihren gleichmacherischen Ideen auch in Deutschland. Weiter dauerte die Hetzerei der niederen Geistlichkeit an. Bei dem großen Prediger Geiler von Kaisersberg finden sich stark agitatorische Äußerungen. Am ehesten mochten solche Stimmungen, soweit sie gegen die Reichen an sich gingen, Ableitung in jenen Judenverfolgungen finden, die freilich in erster Linie auf die Auswucherung der in weiten Kreisen verschuldeten Bevölkerung zurückgingen. Aber auch der reiche Besitz der Kirche wurde immer schärfer aufs Korn genommen, je mehr der höhere Klerus verweltlichte, die Pfründenjägerei um sich griff und die Habgier der Kirche das Volk aussaugte. Auch hier spielte wie zum Teil bei den Judenverfolgungen die Hetzarbeit der niederen Geistlichkeit und der Volksprediger eine Rolle. Eine besonders haßerfüllte Stimmung gegen die nichtstuerischen und schlemmenden »Pfaffen« herrschte auf dem Lande, wo schon der Zehnte sehr widerwillig gegeben wurde, wo man aber erst recht jene grundherrlichen Lasten für Klöster und Stifter als bitteren Druck empfand. Ohne Zweifel kamen die alten kirchenfeindlichen Strömungen hinzu. Wie die Ketzerbewegungen früherer Zeit (s. S.129) fand gerade beim Landvolk auch die hussitische Bewegung Anhänger. Sie stellte zugleich einen furchterregenden Ausbruch der gegen die Reichen und Mächtigen und auf Erhebung der Armen und Niedrigen gerichteten Strebungen der Masse dar. Gerade sie wandte sich aber auch gegen das Kirchengut. Und so erklärt es sich, daß bei den bäuerlichen aufrührerischen Bewegungen, die schon im 15. Jahrhundert lange vor dem großen Bauernkrieg begannen, sich der Haß besonders auch gegen die Pfaffen richtete. Daß im übrigen auf der Pfaffen Gut sich auch die lüsternen Blicke des niederen Adels richteten, daß der Kirche reicher Besitz auch den höheren Klassen in den Städten ein Dorn im Auge war, gehört nicht in diesen Zusammenhang, hat aber bei der Reformation später eine Rolle gespielt. Von dieser hat dann auch jene wesentlich unter den Bauern um sich greifende religiös-soziale Strömung, bei der im 15. Jahrhundert theokratisch-kommunistische Ziele immer stärker hervortraten und bei der die auf Befreiung von Druck und Lasten gerichteten Ideen unter religiösen Schlagworten wie »die Gerechtigkeit Gottes« und »christliche Freiheit« sich eindrucksvoller verbreiteten, das Heil erwartet, freilich vergeblich, wie der große Bauernkrieg, dessen Grundursachen im übrigen auf anderen Gebieten liegen, zeigte.

Auch bei gewissenstädtischen Bewegungenum 1500 haben – von den Judenhetzen abgesehen – der Haß gegen die Reichen und die Begierde nach ihrem Gut eine Rolle gespielt, aber es scheinen hier doch mehr die freilich auch kapitalfeindlichen, alten zünftlerischen Anschauungen, hinter denen zum Teil geistliche Scharfmacher standen, von Bedeutung gewesen zu sein. Besonders mochten die Geistlichen die ärmeren Handwerker beeinflussen, die sich namentlich dort von den eigenen, reicheren Zunftgenossen beschwert fühlten, wo diese Anteil am Stadtregiment hatten. Sie litten zum Teil unter der Engherzigkeit der Zunft ähnlich wie die Gesellen, denen bei der zunehmenden Übersetzung des Handwerks und dem stärkeren Gewinnstreben der einzelnen das Meisterwerden außerordentlich erschwert wurde. Die überall das Mittelalter beherrschende genossenschaftliche Form führte namentlich gegen Ende des Mittelalters zu Gesellenverbänden, die zielbewußt, nach Art der Zünfte organisiert, die älteren Bruderschaften zur gegenseitigen Unterstützung, zur Fürsorge für das Seelenheil usw. verdrängten und auch zur Anerkennung seitens des Rates und der Meister gelangten. Die oft gar nicht so schlecht gestellten Gesellen zeigten ein starkes Selbstbewußtsein, waren wehrhafte Leute und veranstalteten gern öffentliche Umzüge und Feste, die von ihrer angesehenen Stellung innerhalb der Bürgerschaft zeugen. Sicherlich haben sie bei Zusammenrottungen auch ihr Kontingent gestellt; dazu kamen dann aber vor allem die Tagelöhner, allerlei niedrige Arbeiter und der eigentliche städtische Pöbel als wirkliche Arme.

So hat denn die materielle Kultur der Zeit ihr recht bedenkliches Gegenbild. Aber wie diese Kultur selbst durch massengeistartige, unfeine, naive Momente zum Teil bestimmt wurde, sohatauch die niedrigeMassein der Hauptsache doch diegenußsüchtigen Ideale geteilt, wenngleich meist nur sehnsüchtig nach ihnen aufgeblickt. In ihr herrschten doch nicht nur Unzufriedenheit, mystisch-religiöse Eigenbrödelei, Neigung zu lärmender Gewalttätigkeit, sondern auch Lebenslust und Genußfreude, rohester Form freilich. Auch dem niederen Volk boten ja die großen kirchlichen und weltlichen Feste reichlich Gelegenheit zur Teilnahme. Es waren immer wirkliche Volksfeste. Die Geselligkeit ist in erster LinieMassengeselligkeit. Ein allgemeiner Festtaumel ergriff die Menschen besonders zur Fastnachtszeit. Hier kam auch nicht nur die Freude am Schlemmen, sondern auch die alte naive, volkstümliche Laune zum Ausdruck, und uralter Mummenschanz, der auch von Weihnachten bis Epiphaniasallgemein üblich war, verstärkte die lustige Ungebundenheit. Als derbkomische Unterhaltung des ganzen Volkes hatten sich ferner zum Teil die Fastnachtsspiele als weltliche Spiele neben den geistlichen Spielen an hohen kirchlichen Festtagen auf verschiedene Weise entwickelt, und die der Zeit mit ihren Beschwerden entspringende Neigung zu satirischer Verspottung der Stände kam in ihnen zum Ausdruck (s. S.139). Weiter gab es noch die alten volkstümlichen Feste im Freien, wie die allerdings mehr auf dem Lande üblichen Maitänze, überhaupt die sommerlichen Tänze an Feiertagen mit ihrem Singen und Springen. Man vergnügte sich auch noch auf Wiese und Anger an den alten Kraftübungen, dem Ringen, Steinwerfen u. a. Sodann boten die Kirchenfeiern Anlaß zu immer neuer Festeslust. Die Kirchweihen bildeten vor allem auf dem Lande den Höhepunkt der Festfreude, fehlten aber auch in der Stadt nicht. Hier kamen dann Handwerkerfeste und -tänze als etwas besonderes hinzu, vor allem aber die großen bürgerlichen Waffenfeste, die Schützenfeste, ursprünglich mit Aufzügen und nachfolgendem Gelage verbundene Waffenübungen. Die Hauptsache bei ihnen wurden aber allmählich die Festlichkeiten und die Preise, die man erringen konnte. Die patrizischen Kreise versuchten noch jetzt, sich durch Turniere hin und wieder ein ritterliches Ansehen zu geben, sehr zum Mißfallen des Adels, dessen Turniere aber natürlich auch meist in der Stadt abgehalten wurden und der Masse wenigstens ein glänzendes Schauspiel boten. Alle diese Feste waren also, wie auch die Familienfeste, zugleich Massenfeste, bei denen die ständischen Unterschiede mehr oder weniger zurücktraten. Umgekehrt boten die Fahrenden, die etwa bei Turnieren und Schützenfesten zusammenströmten, keineswegs nur dem niederen Volk Unterhaltung.

Trotz aller verbitternden sozialen Gegensätze herrscht damals doch noch ein außerordentlich starkesvolkstümliches Gesamtgefühl. Der oben erwähnte Massengeist ist nicht nur der Geist der niedrigen, sondern der der Gesamtmasse, dem freilich eben wegen der großen Rolle des niederen Volkes keine feinen Züge eignen können. Die Art der niederen Volkskreise zieht vielmehr die der höheren zu sich herab. Nicht nur, daß die Bildungsunterschiede in der Laienwelt damals noch immer stark zurücktreten und hoch und niedrig sich in einer durchaus volkstümlichen Ausdrucksweise (die natürlich nichts Neues ist, sich jetzt nur in den Quellen stärker kundgibt) ergeht: es ist auch an Stelle der höfischen Art in den aristokratischen Kreisen einefreilich ebenfalls immer vorhanden gewesene und nur durch jene modische Verbildung überfirnißte Neigung zurDerbheitund zu grober Redeweise getreten. Schon der Minnedichtung sahen wir (S.93) in der höfischen Dorflyrik ein volkstümliches Gegenbild erstehen. Herr Steinmar hat jene dann geradezu verspottet und zog vor, »in daz luoder« zu »treten« und sehr materielle Genüsse zu preisen. Einplebejischer Geschmackbringt dieLiteraturdann immer mehr herunter. Alles feinere Schönheitsgefühl schwindet, der Ton wird immer niedriger, der Stoff immer realistischer, die Ausdrucksweise immer derber. Die Schwänke, oft zotig und gemein, werden zur Lieblingskost. Vor allem in jenen Fastnachtsspielen, und zwar den Nürnbergern besonders, machen sich Derbheit und Roheit mit vollstem Behagen breit. Es war im Grunde lächerlich, wenn in ihnen der Bauer als komische und mißachtete Figur wegen seiner Freßgier, seines Saufens, seines Schmutzes und seiner Roheit herhalten mußte. Der Inhalt der Spiele zeigt die gleiche Freude gerade des Städters am Rohen, z. B. an Prügelszenen, und in seiner materiellen, groben, oft gemeinen Genußsucht unterschied er sich vom Bauer nur durch die ihm zu Gebote stehende größere Mannigfaltigkeit und gewisse äußerliche Feinheiten. Seine Neigung zur Unflätigkeit beweisen wiederum die Spiele. Um diese Zeit wurde ein zotiger, unanständiger Ton aber überhaupt allgemein Mode. Die ganze Art nennt man nach dem von Sebastian Brant als Modeheiligen hingestellten St. GrobianGrobianismus. Der Zug nahm im 16. Jahrhundert noch sehr zu. Mit ihm sind eine geflissentliche Mißachtung des überhaupt (s. S.122) schon arg heruntergekommenen gesellschaftlichen Anstandes und eine teilweise fast zynische Behandlung des weiblichen Geschlechts verbunden.

Die Maßlosigkeit und Ungebundenheit der Zeit, die sich in dem genußsüchtigen Sichausleben, in der Sinnlichkeit wie noch immer in Raub, Mord und Grausamkeit, überhaupt im Hang zu Gewalttätigkeiten und in der allgemeinen Habgier äußert, zeigt sich auch in diesem Gebaren. Strotzende Kraft, jugendlich-naive Unkultiviertheit toben sich mit allem Behagen in ihrer Art aus: eben dies ist immer die Weise des niederen Volkes. Aber diese griff damals hoch hinauf. Wenn uns nun weiter aus jenen Spielen und Schwänken, aus der Redeweise, der Spruchweisheit, den Inschriften, den Namen und so vielem anderen, auch aus den Briefen derjenigen, die über die Steifheit des üblichen förmlichen Stils hinaus gelernt haben, zu schreiben, wie sie reden (wie vor allem Luther und Albrecht Achilles),nicht nur Derbheit, sondern immer auch lustige, launige Derbheit entgegenblitzt, so kommen wir auf das Erhebende in dieser ganzen Erscheinung, auf das befreiende Lachen, das uns aus alledem entgegendröhnt und zeitweise auch die sozialen Bitternisse übertönt, auf denHumorder Zeit. Keine andere war je so lachlustig, so launig selbst in Not und Tod. Und auch das Heilige, das Ernste mußten sich das Eindringen des Komisch-Possenhaften gefallen lassen. Wie sich am Osterfest mancher Prediger dazu hergab, durch allerlei Scherze die Lachlust zu erregen, so schoben sich in die geistlichen Schauspiele, die sich ja vom Lateinischen nun zu einem volkstümlichen Deutsch gewandt hatten, komische Zwischenspiele ein. Bei den Kirchenbauten benutzte man die Wasserspeier zu humorvollen, oft satirischen, selbst gegen Mönch und Nonne gerichteten Darstellungen, und drinnen an Holzgestühl und Steinsäulen wurden allerlei lustige Bildwerke angebracht. So erscheinen auch Recht und vor allem Moral gern in humoristischem Gewande. Rechtssprache und Rechtssätze zeugen davon, ferner gewisse Strafen. Dem gefürchteten Galgen gibt der Volkshumor eine Fülle launiger Bezeichnungen. So oft ferner Sünden und Schwächen mit ernsten Worten gegeißelt werden, so häufig ist doch im 15. Jahrhundert ihre humoristische Auffassung. Ihre Träger werden als »Narren« hingestellt, wie zum Teil in den Spielen, wie vor allem in dem Narrenschiff Brants. Das Laster verfällt der Lachlust, dem Spott. Die Figur des »Narren« in besonderer Tracht übernimmt auch im wirklichen Leben diese spöttische Geißelung der Schwächen, und charakteristisch ist, daß diese volkstümliche Figur zu einer ständigen Einrichtung an den Höfen und oft auch beim Adel wird. Ebenso gab es natürlich Volksnarren bei Festen und Umzügen. Andererseits tat man sich in Narrengesellschaften zusammen, um zu Zeiten mit vollem Behagen »närrisch« zu sein. Wenn irgendein Zug für die volkstümliche Grundstimmung der Zeit spricht, so ist es der Humor. Das Volk lacht gern, gemessene Bildung und Moral haben ihm die Laune nicht verdorben. Noch heute ist der Hauptzug aller Dialektdichtungen der Humor; noch heute wählt der volkstümliche Scherz weniger die Schriftsprache als eben den Dialekt. Gewiß hat der Humor ebenso wie die anderen erwähnten volkstümlichen Züge auch im früheren Mittelalter das ganze Volk durchdrungen, und die erst später zahlreicher werdenden Zeugnisse für ihn dürfen nicht dazu verleiten, ihn als Merkmal nur dieser späteren Zeit hinzustellen. Es ist eben nunmehr die Möglichkeit, ihn zumAusdruck zu bringen und auch schriftlich kund zu tun, für weite Laienkreise außerordentlich gewachsen. Aber dennoch liegt viel an dem jetzt eingetretenen Übergewicht der Art der breiten Masse, durch das die noch immer starke und nur durch die Stammesunterschiede beschränkte Einheitlichkeit des Innenlebens aller der sonst so zerrissenen und einander feindlichen Kreise außerordentlich befördert wird.

Ein letztes Zeugnis für den volkstümlichen Gesamtgeist der Zeit ist dasVolkslied, das damals seine Blütezeit erlebte. Freilich wurde es, besonders von den Spielleuten entwickelt und getragen, vor allem von den niederen Schichten gepflegt und gesungen, aber keineswegs nur von diesen. Es ist sicherlich Gemeingut des ganzen Volkes gewesen und zeugt von dem innigen poetischen Gefühlsleben der ganzen Zeit. Zugleich ist es in seinem Preisen eines naiven Glückseligkeitsideals materieller Färbung (Liebe, Gesang, Naturfreude, Schlemmerei, kurz »gutes Leben«) wieder für die Genußsucht der Zeit charakteristisch. Aber es steckt in dieser volkstümlichen Weltfreude doch auch ein poetischer Schwung, der der bürgerlichen Nüchternheit gar nicht entspricht. Das Volkslied zeugt weiter dafür, daß der demokratische, der Massencharakter nun auch die Literatur nicht nur, wie (S.139) geschildert, in Ton und Geschmack beherrscht, sondern sich auch in der Bevorzugung bestimmter Gattungen äußert. Diese Volkslieder wurden auch nicht mehr von einzelnen Volkssängern, sondern mehrstimmig gesungen. Eine solche Gattung, in der fast niemals einzelne Verfassernamen glänzen, stellen ferner die Volksbücher dar, die die alten ritterlichen Stoffe nun in breiter Prosa, oft in Anlehnung an französische Muster, darboten und zunächst in den höheren Schichten verbreitet waren, dann aber mehr und mehr zur Unterhaltung der Volkskreise dienten und von diesen lange bewahrt wurden. Auch die reiche Entwicklung und volkstümliche Gestaltung der jetzt deutschen geistlichen Schauspiele wie die Ausbildung der weltlichen Fastnachtsspiele sind hier anzuführen, zumal auch an jenen die Laien sowohl bezüglich der Texte wie vor allem bei der Aufführung immer stärker beteiligt sind. In diesem Zusammenhang ist auch wieder die deutsche Volkspredigt zu erwähnen.

Holzschnitt und Kupferstich sodann, vor allem der erstere, tragen gegen Ausgang des Mittelalters der Verbreitung derKunstunter derMasseRechnung. Zugleich geben sie durchaus volkstümliche Darstellungen und entnehmen ihren Stoff dem gesamten Volksleben, wie es ja auch die bürgerliche Dichtung tat. Mit dieser Richtung auf das wirkliche eben entwickeln sich dannauch Malerei und Plastik in ganz anderer Weise als früher – der wichtigste Zug des Aufschwungs dieser Künste ist das Streben nach Naturwahrheit – und machen sich von der Beherrschung durch die Architektur frei. Zweifellos beweist das alles ein Eindringen der höheren, jetzt freilich volkstümlich gefärbten Kunst in die Masse, einBedürfnis nach Kunst, wie es sich nun auch in der Gestaltung des Hausrats im Bürgerhause, in der Anfüllung der Kirchen mit geschnitzten Altären, mit Grabmälern an den Wänden und Pfeilern zeigt. Jene mechanische Vervielfältigung durch Holzschnitt und Kupferstich ist überhaupt von vornherein demokratisch gerichtet, und ganz dasselbe gilt auf dem Gebiet desBildungswesensvon der neuen Erfindung derBuchdruckerkunst. Nicht zwar gerade für die niedersten Schichten, aber doch für die breitere Masse war diese technische Errungenschaft des Bürgertums, die übrigens das sehr entwickelte Abschreibegewerbe nur folgerichtig ablöste, das willkommene Verbreitungsmittel der jetzt allgemeiner geschätzten Bildung, die zunächst freilich durchaus mittelalterlichen Charakter bewahrte. Die neue Kunst war zugleich ein Hauptmittel religiöser Erbauung und Belehrung und kam, ebenso wie zum guten Teil der Holzschnitt und Kupferstich, jenem tiefen religiösen Bedürfnis der Masse entgegen. Sie war endlich ein Sprachrohr der Stimmungen und Strebungen dieser Masse, wie sie auch der volkstümlichen Unterhaltung diente.


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