Zweites Kapitel.Erste Fortschritte deutschen Lebens im Rahmen deutscher Eigenart unter wachsender Führung der Herrenschicht.

Zweites Kapitel.Erste Fortschritte deutschen Lebens im Rahmen deutscher Eigenart unter wachsender Führung der Herrenschicht.(Ländlich-kriegerische Kultur.)

(Ländlich-kriegerische Kultur.)

In dem großen fränkischen Reiche war der einstige Gegensatz zwischen »Römern« und fränkischen Barbaren zu einem kulturellen Gegensatz des überwiegend romanischen, kultivierteren Westens (Neustriens) zu dem rückständigeren germanischen Austrasien, dem nun die innerdeutschen Stämme angegliedert waren, geworden. Nationale Gefühle spielten dabei noch nicht mit. Die Germanen selbst empfanden zwar ganz dumpf eine gewisse Verwandtschaft, aber der Franke sah den Sachsen doch keineswegs als Glied eines gemeinsamen Gesamtvolkes an, und die Angliederung und Christianisierung der Sachsen vollzog sich so blutig und grausam, wie später etwa die Sachsen gegen die Slawen vorgingen. Man empfand nur den Gegensatz zwischen Christen und Heiden. Das nationale Moment war auch nicht für die Abtrennung des ostfränkischen, später deutschen Reiches entscheidend: aber es war doch nicht bedeutungslos, daß in ihm sprach- und stammverwandte Völker, wenn auch nur äußerlich, vereinigt und im wesentlichen von den Romanen geschieden waren. Freilich bestand auch ein Sprachgegensatz der Franken zu den Sachsen, die ebenso wie die Friesen und Niederfranken die sogenannte Lautverschiebung nicht mitgemacht hatten, also der für die Zukunft so wichtige Sprach-(überhaupt Kultur)gegensatz zwischen Ober- und Niederdeutschen, aber er wurde doch weniger empfunden als der nun deutlich werdende Sprachunterschied von den Romanen, der bei der Eidesleistung zu Straßburg 842 schon beachtet wurde. Karl der Kahle schwor inteudisca lingua. Von der Volkssprache her kam man denn auch zu der Bezeichnung der »Deutschen«. Das Wort, zuerst 786 vorkommend, bezeichnet zunächst nur den Gegensatz zurlateinischen Sprache. Es bezeichnet die »volkstümliche« (thiudisc) Mundart, zunächst auch nur die des betreffenden Stammes. Als Gesamtname wird »Teutisci«, das Walahfrid Strabo schon 840 für deutschsprechende Leute anwendet, zuerst bei den Romanen, so 845 in einer Trienter Urkunde, gebraucht. Erst im 10. Jahrhundert beginnen die Deutschen in ihrer Gesamtheit sich selbst als »Deutsche« (Teutonici) zu bezeichnen.

Der Ausgangspunkt war also wieder ein kultureller, der Gegensatz der Volkssprache zur lateinischen Kultursprache, des Volkstums zur höheren Kultur. Wie diese Volkssprache sich nicht besiegen läßt, so ist es mit dem ganzen Leben. Das romanische, internationale Kulturelement ist dem deutschen Volke eingefügt; man empfindet seine Übermacht und läßt es in seinem höheren Bereich wirken: aber ebenso bleibt man, für die Aufnahme jener Kultur in weiterem Maße noch gar nicht reif, in Wesen und Art durchaus bei dereigenen Kulturund entwickelt diese, meist nur äußerlich (und zwar besonders im Westen) romanisch beeinflußt, langsam weiter. So wenig gestört und so eigenartig germanisch verlief diese Entwicklung nicht wie im skandinavischen Norden, wo trotz der später auch dahin gelangten christlichen und antiken Einflüsse Poesie und Mythologie eine Welt großartig-gewaltiger Eigenart widerspiegeln. Auf der anderen Seite schloß die Bodenständigkeit der deutschen Stämme ein Erliegen gegenüber der höheren Kultur wie bei den in das römische Reich eingedrungenen Germanen aus. In der Hauptsache müssen wir also für die nun sich kräftig entwickelnden deutschen Stämme von einereigenen Kulturreden. Die später so bezeichnende Bildungskluft freilich bestand schon. Ein Teil des Volkes, damals der Klerus, lebte in einer ganz anderen Kulturwelt als der andere, so wenig seine Glieder sich von ihrem eigentlichen Volkstum völlig freimachen konnten. Viele Elemente der romanischen Lebensverfeinerung gingen sodann immer stärker auf die Herrenschicht, die sich dadurch wieder in einen Gegensatz zu der unteren Schicht setzte, über; an der höheren Bildung aber nahm auch diese Herrenschicht, abgesehen von ihren weiblichen Gliedern, die meist im Kloster erzogen wurden, nicht teil, dachte und fühlte vielmehr im wesentlichen wie das Volk. So entwickelte sich in der großen Masse der Laien bis etwa zu den Kreuzzügen im wesentlichen alles aus dem Alten heraus, wenn auch der Pfahl im Fleisch saß und der geistige, sittliche, künstlerische, wirtschaftliche Einfluß des Klerus langsam auf eine Erziehung zu höherer Kultur hinwirkte. Freilich war der großenMasse des Volkes gegenüber der Frühzeit vieles genommen. Von einer Mitwirkung im öffentlichen Leben war nicht mehr die Rede; Könige und Herren, gestützt auf die Geistlichen, waren allein ausschlaggebend. Die große Masse beschränkte sich auf einbäuerlichesDasein, das sich im Rahmen der Markgenossenschaft abspielte. Die Landwirtschaft war auch die Grundlage des Lebens der Herren, freilich mit einem starken Einschlag kriegerischer Interessen. Mit den rasch fest gewordenen Sitzen hatte nach der Völkerwanderung, der letzten großen Störung organischer Fortentwicklung, ein langesZeitalter des Ausbausder deutschen Stammesgebiete begonnen, vom 6. Jahrhundert bis zum 13. reichend und vor allem durch gewaltigeRodungencharakterisiert, durch die Erschließung immer neuen Kulturlandes für die immer zunehmende Bevölkerung. Man rodete in der Sucht nach Neuland auch auf solchen Gebieten, die sich zum Ausbau nicht eigneten und daher später wieder zu Wüstungen wurden. Allmählich hielten sich Wildland und Kulturland etwa die Wage, aber die Waldmasse bleibt lange noch stark und schreckend genug. Im übrigen litt der Wald auch unter rücksichtslosester Nutzung (Weide, Holzverbrauch usw.) Von der Bruchlandschaft der Flußtäler blieb das Kulturland noch ziemlich lange fern. Das Gesamtergebnis war aber eine außerordentliche Vermehrung dieses Kulturlandes.

Zunächst hatte nun das junge »deutsche« Leben noch große äußere Fährnisse zu bestehen. Das ostfränkische Reich bedrohten die Normanneneinfälle, weniger freilich als das westfränkische, weiter das Vorfluten der Slawen, die zerstörenden Ungarneinfälle, die vor allem in Bayern auch die Bevölkerung stark mitnahmen. Dazu kam die dauernde Schwächung der Reichsgewalt durch die einst von Karl d. Gr. unterdrückten, jetzt neuerstandenen Stammesherzogtümer. Aus dem Chaos rettete Reich und Volk eigentlich erst die Übertragung der Königswürde an den Sachsenherzog Heinrich. Gerade dadurch wurde der deutsche Charakter von Staat und Kultur erst recht befestigt; von einem ostfränkischen Reich ist nicht mehr die Rede, so sehr auch Hof, Kanzlei und Verwaltung an die fränkische Grundlage anknüpften.

Jenes Übergewicht der Stammesherzöge hängt mit der Bedeutung der Stämme überhaupt zusammen. Die neue deutsche Volkskultur ist zunächstStammeskultur. Politisch ist weder von einem Nationalbewußtsein noch von einem Einheitsstaat die Rede. Franken und Sachsen, einst gleichsam zwei feindliche Völker,sind nur äußerlich vereinigt. »Das Reich der Sachsen und Franken« hieß jetzt das Reich. So haben auch die fremden Völker des öfteren die mittelalterlichen Deutschen je nach dem Stamm bezeichnet, der ihnen gegenübertrat, als Alemannen (Allemands), als Sachsen (so im Norden), als Schwaben. Der Unterschied der Stämme beruhte zum Teil auf der schon hervorgehobenen Verschiedenheit des Kulturgrades. Im ganzen glichen sie sich freilich in jener einfachen ländlichen Haltung. Überall hatte sich nun der Eigenbesitz des einzelnen völlig durchgesetzt; es herrschte Naturalwirtschaft, und von irgendwie bedeutendem Handel und Verkehr ist noch keine Rede. Aber je weiter nach Westen und auch nach Süden, um so weiter war man. Vom Westen her kamen vor allem, wie schon erwähnt, Obstkultur und Weinbau, von Westen her schritt der Steinbau fort, von dort kamen allerlei Fortschritte und Verfeinerungen des Lebens sowie die von der Kirche gepflegten Elemente geistiger Bildung und künstlerischen Schaffens, kamen die Formen der staatlichen Verwaltung.

Dieses wichtige westliche Vermittlungsgebiet, das neben der materiellen namentlich auch seine geistlich-geistige Kultur dauernd an das Innere Deutschland weitergab, war jetzt in dem künstlich entstandenen HerzogtumLothringen, das ja zum Teil mehr westfränkischen Charakters war, begriffen; Cöln, Aachen, Trier, Metz gehörten dazu. Dagegen stellte das neugegründete jetzige HerzogtumFrankenmit den Hauptorten Mainz, Frankfurt, Worms, Speier sowie Würzburg im Osten nur einen Teil des fränkischen Gebiets dar und war schon mehr von der unmittelbaren Berührung mit dem romanischen Westen abgedrängt. Allmählich machten sich nun aber auch stärkere Beziehungen zu dem italienischen Süden bei den ohnehin z. T. auf altem Römerboden sitzenden Schwaben (Alemannen) und Bayern (s. S.17) geltend. Freilich traten die Schwaben zunächst vor denBayern, die ja schon im ostfränkischen Reich auch eine kräftigere politische Rolle gespielt hatten, zurück. Wichtiger als jener, die spätere Handelsgröße des Südens langsam vorbereitende Verkehr über die Alpen waren aber in dieser Zeit die Beziehungen der Bayern nach Südosten. Die Donau verband sie mit der überragenden Handels- und Kulturstätte Byzanz, und Regensburg gewann besondere Bedeutung. Das Wesentliche war aber natürlich auch in Bayern die ländliche Haltung, und der Stand des Ackerbaus und der Viehzucht wird schon in einer Quelle des 8. Jahrhunderts sehr gerühmt. Die wirtschaftliche Kultur machte auch durch zahlreiche frühzeitigeKlostergründungen Fortschritte. Gerade in Bayern bildete sich auch ziemlich früh die große Grundherrschaft aus, während bei den Alemannen die Siedelungen vollfreier Bauern weit länger vorherrschen. Immerhin sind es neben den noch zu nennenden Sachsen gerade die Bayern, die ihre volkstümliche Eigenart am meisten bewahren, trotzdem sie z. T. früh von der römischen Kultur beeinflußt sind. Aus Sachsen und Bayern stammt, wie Vogt hervorgehoben hat, unser Besitz an deutscher Alliterationsdichtung, bei Sachsen und Bayern-Österreichern lebt in der mittelhochdeutschen Zeit die alte nationale Epik wieder auf. Es ist daher auch nicht wunderbar, daß den Westdeutschen wie die Sachsen, so auch die Bayern später als rückständig galten. Selbst ein Bayer, Wolfram von Eschenbach, hat ironisch den »Preis« (»Lob«) der Bayern einmal auch den »Wâleisen« zuerteilt: »die sind toerscher (noch einfältiger) denne beiersch her.« In unserem Zeitalter lebten auch große Teile namentlich der nördlichen Bayern in sehr einfachen Verhältnissen. Dasselbe gilt von denSchwabenim Schwarzwald und anderswo, während im Bodenseegebiet und im Westen (Straßburg) wie auch im Osten (Augsburg) sich alte Kulturstätten befanden. Erst viel später sollten die Schwaben in politischer wie in kultureller Beziehung eine Zeitlang an die Spitze der Stämme treten. Ziemlich primitiv waren sodann die Zustände der mitteldeutschen Stämme derHessenund derThüringer, von denen jene, mit diesen zum Teil gemischt und am wenigsten von den Stürmen der Völkerwanderung berührt, einen Teil des fränkischen Herzogtums bildeten, diese aber jetzt zu dem sächsischen, dem größten und eigenständigsten aller, gehörten. DieSachsenhatten immerhin trotz ihrer zähkonservativen Art, mit der sie die früheren Zustände bis ins 9. Jahrhundert bewahrten, einige Fortschritte gemacht. In fränkischer Zeit hatten sie auch äußerlich in ihrer weiten Leinentracht mit dem langwallenden Haar noch der Frühzeit nahegestanden, hatten ohne Könige unter einer alten Führeraristokratie ziemlich zersplittert und nur durch den Kult zusammengehalten gelebt, treu der alten Sitte und trotz der (nur äußeren) Christianisierung treu dem alten Glauben an Wotan und Donar und Saxnot, überaus stolz und unbändig. Römerreste, Städte und Castelle, gab es im Lande nicht. Ihre großen Fluchtburgen waren besonders eigenartig ausgebildet. Der Ackerbau hatte seit germanischer Zeit nicht allzugroße Fortschritte gemacht, die Viehzucht war noch vielfach bevorzugt. Vom Meer waren sie, seit Karl d. Gr. ganzeStämme aus ihren Küstensitzen fortgeführt hatte, fast ganz abgedrängt. Das Herzogtum, das sich bei ihnen über jene Aristokratie erhoben hatte, war durchaus bodenständig und kraftvoll. Aber es war ein besonders begabter Stamm, und als die Berührung mit der fränkischen Kultur lebhafter wurde, vor allem jedoch, als die deutsche Königswürde an die Sachsenherzöge überging, da erblühte in diesen sächsischen Landen eine nicht zu verachtende Kultur, die indes weit mehr als die des Westens durchaus jenen eigenständigen Charakter, freilich auch eine gewisse Spröde und Herbheit bewahrte. Ja, diese sächsische Frühkultur wurde nun vielfach maßgebend für den jetzt feindlich gesinnten germanischen Norden; vor allem aber trat sie, wie die bayerische in der südlichen Ostmark, den Slawen überlegen entgegen und beeinflußte sie. Weitaus am rückständigsten von den deutschen Stämmen waren dieFriesen, die jetzt fast die ganze Küste der Nordsee besetzt hatten und zum Teil in ihrem alten kühnen Seefahrer- und Strandräuberleben aufgingen – schon im 9. Jahrhundert waren sie zu gut gebauten, hochbordigen Segelschiffen (Koggen) ohne Rudereinrichtung gekommen –, die aber auch als Bauern ihre Unabhängigkeit und Freiheit gegenüber der im Binnenlande immer auffälligeren Herabdrückung der Freien durch die Grundherrschaft tapfer aufrechterhielten. Es war ein rohes und trotziges Volk, das sich um die Kirche nicht viel und immer weniger auch um das Reich kümmerte. Die Friesen standen noch viel später in bösem Rufe. Der westliche Teil hatte sich freilich früh über das rein ländliche Dasein erhoben. Diese Friesen verhandelten die selbsthergestellten groben und die feineren englischen Tuche weit in die Lande, trieben daneben auch früh sonstigen Handel, z. B. Weinhandel. Vermittler mit England, aber auch mit Skandinavien, gingen sie ihrerseits den Rhein hinauf und sonst in die aufkommenden westdeutschen Städte, wo es zum Teil besondere Friesenviertel gab.

Es sind nun nicht nur die kulturellen Unterschiede, die die wichtige Verschiedenheit der einzelnen Stämme ausmachen: es ist auch eine besondere Art und Veranlagung, die aus langem Zusammenleben anfangs nur äußerlich vereinigter Gruppen entsteht, aber auch an Himmel und Boden gebunden und aus dem Urgrund des Volkstums entsprungen ist (vgl. S.1). Die Verschiedenheit der äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse (Viehzucht, Besitzformen), weiter der Landschaft, des Bodens, der Stammesart, auch z. T. römische Beeinflussung bringen dann die Mannigfaltigkeitder später zäh festgehaltenen Haustypen hervor, die hier nicht im einzelnen besprochen werden können und deren Ausbildung etwa in unser Zeitalter (10./11. Jahrh.) fällt. Sie sind gewissermaßen das äußere Hauptmerkmal der gerade damals so wichtigen Stammesunterschiede, obwohl die Benennung der Haustypen nach Stämmen mit gutem Recht angefochten wird und die Hausformen durchaus nicht ausschließlich an einen bestimmten Stamm gebunden sind.

Diese Stammesunterschiede, namentlich bezüglich der größeren oder geringeren Annäherung an romanisch-fränkische Traditionen, sind nun immer im Auge zu behalten, wenn jetzt imallgemeinendargelegt werden soll, daß trotz der erwähnten Einflüsse das nun erblühendedeutsche Kulturleben– gerade die äußere Zusammenfassung ergibt, abgesehen von dem überhaupt Gemeinsamen, auch wieder Annäherung und Ausgleich – einegroße Eigenartbewahrte. DieArt der Menschenzunächst, die auch physisch noch im wesentlichen den germanischen Typus zeigten, hatte noch immer viel Ursprüngliches, Triebhaftes. Die alteindividualistische Unbändigkeitward freilich mehr und mehr für die Herrenschicht bezeichnend, von deren Unbotmäßigkeit und gegenseitigem ewigen Hader die Geschichte genug Belege gibt. Und mochte es ähnlich in kleinen Kreisen gelegentlich zugehen, so war für die niederen Schichten doch jene Herabdrückung der kleinen Freien ebenso ein beschränkendes Moment wie die Gebundenheit durch den genossenschaftlichen Charakter nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des sozialen Lebens. Gewalttätige Übergriffe der Herrenschicht gegen die Niederen wurden immer häufiger. Freilich hatte die Gewalttat unter diesen natürlich auch ihre Stätte, und selbst den Herren gegenüber fehlte trotziger Widerstand und Rachedurst nicht. Die Freien trugen alle noch Waffen, auch sonst die besseren Abhängigen, und nur der ganz Niedere mußte sich schon waffenlos ducken. Blutige Szenen waren nirgend selten, namentlich durch die alte Trunksucht hervorgerufen. Auch die Geistlichen verleugneten vielfach solche Züge nicht. Der rohe Barbar, bei dem die natürlichen Leidenschaften zum offenen Ausdruck kommen, ist noch vollkommen erkennbar, im Westen freilich weniger. Der Lothringer urteilte über den Sachsen schon nach Art der Romanen. Wie man sich etwa im geschlechtlichen Leben unbefangen und naturwüchsig gab, so herrschte auch sonst kräftige Derbheit. Ein rauher, fast brutaler Zug ging durch das Dasein. Auf Menschenleben legte manwie früher keinen besonderen Wert, auch auf das eigene nicht. Den persönlichen Feind schlug einer nieder, wo er ihn traf. Man griff noch immer leicht zur Selbsthilfe, kannte auch kaum ein Billigkeitsgefühl. Die unsicheren Zeiten des ostfränkischen Reiches hatten ferner eine starke Neigung zu gewalttätigen Räubereien, namentlich bei den Herren, hervorgerufen. Auch niedere Räuber fuhren zahlreich umher. Hier griff die unter den Sachsen erstarkte Königsgewalt, von der man vor allem eine gesicherte Rechtspflege erwartete, schärfer durch, namentlich unter Otto d. Gr. und Heinrich II., der streng strafte. In den Strafen war man noch grausam wie in der Urzeit, ebenso im Behandeln der Kriegsgefangenen, die man zuweilen erst folterte und dann hinmordete. Solche Wildheit war naturgemäß mit der alten Kampfesfreude eng verbunden, und unbändige Tapferkeit war ein Zug, den die anderen Völker, vor allem die sich überlegen dünkenden Italiener, den Deutschen als hervorstechendsten zugestanden. Nach dem nunmehrigen christlichen Schutzpatron der Kämpfer, dem heiligen Michael, dessen Namen die Mannen im alten Schlachtgesang, ähnlich wie im germanischen Barditus, brüllten, benannte man die Deutschen selbst. Von sonstigen barbarischen Zügen mag die alte, häufig belegte Treulosigkeit hervorgehoben werden, die neben sympathischen Eigenschaften, Treuherzigkeit und Gutmütigkeit, durchaus einherging. Selbstverständlich ist, den noch immer primitiven Verhältnissen entsprechend, die Gastlichkeit, die in weitgehendem Maße nunmehr vor allem auch von den Klöstern geübt wurde.

Wie stand im übrigen eben die Kirche zu diesem von Naturtrieben erfüllten deutschen Menschen? Unzweifelhaft hat sie bereits eine gewisse Milderung des barbarischen Wesens herbeigeführt, zum Teil freilich nur mittelst Formen, die das gewaltige Naturmenschentum auf andere Weise sich übertrieben ausströmen ließen. Aber vorher ist zu fragen: hat dasChristentumüberhaupt eine innere Umwandlung des deutschen Menschen bewirkt? Schon das oben Angeführte zeigt, daß davon nur in geringem Maße die Rede sein kann. Es ist andererseits eine überaus starke Beeinflussung des geistigen und des Gemütslebens ganz selbstverständlich, ohne daß jedoch alte, tiefgewurzelte Vorstellungen und Gemütsregungen vernichtet wurden. Es kam vielmehr zu einer ganzeigenartigen Mischung, ohne die wir das ganze spätere Geistesleben des Volkes nicht verstehen können. Wenn noch im Italien der Renaissancezeit das antike Heidentum innerhalb derkatholischen Kirche in allerlei mehr oder weniger abergläubischen Formen und Auffassungen fortlebte, wenn man dasselbe noch zum Teil von der heutigen Volksreligion im romanischen Süden sagen kann, so wird man nicht erwarten dürfen, daß die Christianisierung der deutschen Stämme die wirkliche Annahme eines Glaubens, für den jene noch lange nicht reif waren, bedeutete. Das erwartete die Kirche damals selbst nicht. Getreu der Anweisung Gregors d. Gr. an einen Missionar der Angelsachsen begnügte man sich vielfach mit einer christlichen Verbrämung heidnischer Bräuche, mit einer äußerlichen Umwandlung alter Kultstätten in christliche Gotteshäuser, der Verquickung heidnischer Naturfeste mit christlichen Festen, der Göttergestalten mit christlichen Heiligen. Man darf in solcher Gleichsetzung freilich nicht zu weit gehen. Dem alten Volksglauben an Seelen und Dämonen, deren schädigende Macht man durch Zauberspruch und Opfer bannen oder zum Heil, zur Wohltat wenden könne, kam ferner der schon von der fränkischen Kirche ausgebildete Wunderglaube und Heiligenkult geradezu entgegen und hatte die Heiligen schon damals volkstümlich gemacht. So sah man auch jetzt im Gebet, im Bekreuzigen, im Besprengen mit Weihwasser treffliche Zaubermittel. Die Wundersucht zeigt jetzt natürlich eine rein kirchliche Beeinflussung in Anlehnung an die biblischen Wundererzählungen: zugleich nimmt sie außerordentlichen Umfang an. Die Tätigkeit der Heiligen wird in der Hauptsache als Wundertun insbesondere zur Heilung der Gebrechen und Krankheiten aufgefaßt, ihre Reliquien dienen nur diesem Zweck. Dabei erhalten die Wundergeschichten einen jugendlich rohen, stark übertriebenen Charakter. Die Geistlichen förderten die ganze Sache, trieben den bösen Dämon aus, suchten durch Handauflegen und Gebet eine Heilwirkung zu erzielen, priesen die geschehenen Wunder der Reliquien usw. Wenn aber die Kirche andererseits streng ein Abschwören der heidnischen Götter verlangte, ja diese mit dem Schimmer des Bösen, des Teuflischen umgab, so blieb in Sinn und Brauch des Volkes doch noch lange Zeit vieles auch von dem Heidentum bewahrt, das die Kirche nicht verchristlicht hatte oder sonst nicht duldete. Man ersetzte auch wohl in einem alten Zauberspruch Götternamen durch Christus oder Maria, bewahrte aber ebenso oft entstellt auch jene Namen (z. B. Wodan). Freilich brachte jene Verfluchung das Scheuverborgene, Unheimlich-Düstere in den nicht christlich verbrämten alten Volksglauben, und wer den christlichen Zauber nicht kräftig genug erachtete – trotzdem im ganzen eben der Zauber des neuen Gottes und seinerHeiligen in den Augen des Volkes die Kraft der alten Gestalten übertraf –, der begab sich heimlich nächtlich zu den Bewahrern oder, man denke an die weisen Frauen der Germanen, den greisen Bewahrerinnen heidnischen Zaubergutes, die die Kirche nun ihrerseits heftig verfolgte und grausam strafte. Manche wieder machten gerade diese heidnischen Zauberer für Schädigungen und Übel verantwortlich und feindeten sie, ganz im Sinne der Kirche, obwohl diese solchen Glauben verwarf, ingrimmig an. Im übrigen herrschte ja bereits in vorchristlicher Zeit der Glaube an zauberisch schädigende Menschen (Weiber), und man verbrannte sie schon damals. Umgekehrt ging wieder auf den Geistlichen der Nimbus des mit geheimnisvollen Kräften Begabten über, und ebenso ist es im Grunde das Vertrauen auf die Zauberkraft der Kirche, wenn man ihr Schenkungen machte, d. h. opferte. Diese Opferung erweiterte sich jetzt vor allem zur Hingabe von Landbesitz, der eigentlichen Machtquelle jener Zeit. Dazu trieb nun aber jetzt besonders auch der neue Gedanke an das Jenseits. Man stimmte die dämonische Macht nicht nur wie einst für das irdische Leben günstig, bannte Schädigungen usw., man erkaufte sich auch den Himmel. Der Sporn dazu war die von der Kirche als wirksames Mittel namentlich später benutzte Sorge um das Seelenheil, die Furcht vor der Verdammnis, die andererseits die noch zu schildernde aufgeregte, zum Teil krankhafte Stimmung der Zeit mächtig förderte.

So war also die Christianisierung zunächst kein so ungeheures Erlebnis der Deutschen, vielmehr blieb dabei wieder die alte Eigenart zum guten Teil bewahrt. Wenn nun weiter die Geschichte des Heilandes den von jeher auf das Hören alter Geschichten erpichten Deutschen in einfachen Formen erzählt wurde, so fesselte sie solche Rede sicherlich. Aber ihrem Geschmack entsprach sie nicht: da wurde nicht von Helden aus edlem Geschlecht gesagt, nicht von kriegerischen Taten, rauher Härte und ruhmvollem Ende, sondern von Menschenliebe, von demütiger Ergebung und Duldung und ungerächtem, bitterem Leidenstod. Aber man machte wohl durch manche Zutaten diese Kost schmackhafter. Davon zeugen die von Geistlichen getragenen ersten dichterischen Gestaltungen des Lebens Christi in deutscher Sprache, Otfrieds Dichtung und der niedersächsische Heliand, in denen deutlich nationale Töne anklingen, kriegerischer Geist noch lebendig ist. Aber selbst diese Dichtungen entsprachen nur dem Verständnis der schon mehr geistlich geschulten Deutschen, nicht etwa dem der Masse überhaupt.Auch Heiligenlegenden wurden wohl also zugestutzt, die Heiligen selbst gewannen zum Teil in der Vorstellung des Volkes das Ansehen von Helden und wurden so, wie St. Michael und St. Georg, Lieblingsgestalten des Volkes.

Daß die Kirche nun überhaupt ihre Macht im Volke immer mehr befestigte, das lag an ihrer praktischen Wirksamkeit, an ihrem fördernden Einfluß in wirtschaftlicher Beziehung, an ihrem humanitären Charakter, an ihrer Fürsorge für die Armen, der Organisation der Krankenpflege, an dem Schutz, den sie Bedrängten lieh, der größeren Wertung des Menschenlebens, an der Zurückdrängung der Todesstrafe wie der Sklaverei u. a. Ebenso festigten natürlich der äußere Pomp, das feierliche Drum und Dran das Ansehen der Kirche, deren Machtgeheimnis aber vor allem ihre feste Organisation und die unbeirrbare Folgerichtigkeit ihres Vorgehens waren. So konnte von einem Widerstand gegen die eigentliche Lehre, deren Elemente namentlich seit Karls d. Gr. »volkserzieherischen«, d. h. lediglich christianisierenden Bestrebungen auch weiter in die Masse gedrungen waren, um so weniger die Rede sein, als das Dogma und dogmatische Erörterungen damals und später eine sehr geringe Rolle spielten. Man nahm die Lehre gläubig hin, unklar aufgenommen oder unverstanden. Eine selbständige Erfassung derselben war ausgeschlossen. Praktisch sie zu betätigen, daran dachte man wenig, wie ja noch heute. Aber die Kirche hatte im Zusammenhang mit ihrer auf eine hohe Kulturstufe gegründeten Sittenlehre, überhaupt ihren kulturellen Überlieferungen noch jene andere, kulturgeschichtlich sehr wichtige und in der Verbindung von Sittlichkeit und Religion ganz neue Aufgabe, dieSittigungdes noch immer wenig gebändigten, halbbarbarischen Menschen. Und mit dieser zunächst durch Lehre und Predigt, weiter durch das geistliche Beispiel erstrebten inneren Umwandlung kam der härteste Zusammenstoß mit der nationalen Eigenart. Hier griff die Kirche auch durch ihre Strafmittel, durch die Kirchenzucht ein. Und wirklich erreichte die Kirche viel, im wesentlichen freilich nur eine gleichmäßige äußerliche Handhabung gewisser Ausdrucksformen für eine im Grunde wenig vorhandene neue Gesinnung. Mit einem gewissen Erfolg bekämpfte sie die Gewalttaten (Mord und Raub) und auch die tiefeingewurzelte Selbsthilfe durch schwere Bußen; sie drängte die Vielweiberei stark zurück, mäßigte etwas die Habgier durch Erziehung zur Opferwilligkeit für die Kirche usw. Vergeblich war ihr Kampf gegen die Trunksucht. Die am meisten ungermanischeForderung der Kirche war die Demut. Hochfahrender Stolz und Leidenschaftlichkeit sollten verschwinden, Heldenruhm und Glanz nichts mehr gelten, Rache am Feinde ein Frevel und Wehrlosigkeit kein Übel sein. Solche Anschauungen konnten unmöglich durchdringen. Aber schon im 10. Jahrhundert begann man bei bestimmten Vorgängen auch außerhalb der geistlichen Kreise Formen gewohnheitsmäßig anzuwenden, die unterwürfige Demut, etwa wenn man Verzeihung oder Hilfe heischte oder Reue zeigte, oft übertrieben ausdrückten. Wichtig ist dabei, daß auf Stufen früher Entwicklung überhaupt alle Empfindung überkräftig ausgedrückt und von lebhaften Gesten begleitet wird, ohne daß eine seelische Erschütterung vorliegt. Man denke an die Klageweiber an der Leiche. So flossen die Tränen damals überaus häufig als stehendes Ausdrucksmittel nicht nur der Geistlichen, auch der hochgemuten Helden. Auch ein Akt der Barmherzigkeit wird von den Tränen des Helfers begleitet. Höchst ausgebildet ist die Sprache der Hände; der Kuß spielt ebenfalls eine große Rolle. Die äußeren Formen haben damals und später eine um so größere Wichtigkeit, als sie das Mittel der »Zucht« waren, als die Wildheit der Menschen durch strenge Beachtung vor allem bestimmter Verkehrsformen gezähmt werden sollte. Aber jene starken Ausdrucksformen zeigen doch immerhin wieder die sonst mühsam bekämpfte jugendliche Leidenschaftlichkeit der Hingabe an eine Sache.

Dasselbe gilt von der zurAskesegesteigerten Frömmigkeit, die damals viele Menschen ergriff. Auch die Askese sollte der Bändigung der natürlichen Leidenschaften dienen, aber war doch selbst ein Erzeugnis fanatischer Hingabe. Der Durchschnitt der Deutschen lebte nur in einem äußerlich erfaßten Christentum; es hielt sich z. T. noch das reine Heidentum, so in Sachsen; man hat noch im 11. Jahrhundert Spuren von Baumkult, von Verehrung heiliger Steine. Auf der anderen Seite hatte aber die Jenseitsrichtung des Christentums allmählich weitere Kreise gemütlich erfaßt, wie es schon die Ergänzung der Geistlichen z. T. voraussetzt. Diese Hingabe nahm seit dem 9. Jahrhundert eben jene jugendlich-leidenschaftliche Form an. Eine von der älteren orientalisch-antiken Askese verschiedene naiv-massive Art derselben griff ansteckend um sich. Es war die erste Stufe einer tieferen Annahme eines neuen Glaubens, aber doch auch noch äußerlich; es war das Streben, Frömmigkeit so kräftig-grell zum Ausdruck zu bringen, als es der Kraft und Naivität des damaligenMenschen entsprach. Dieser übrigens wieder erst von Westen kommende Geist spornte im 10. Jahrhundert vor allem die Klostergeistlichen zu immer schärferer asketischer Betätigung, zu Bußübungen und peinvollen Entsagungen an: aber er veranlaßte auch immer mehr Leute, der Welt zu entsagen und in ein Kloster zu treten. Ja, auch unter der großen Masse der Laien verbreitete sich zum Teil asketischer Geist, ein Aufsichnehmen besonderer Fasten und Bußübungen, geschlechtlicher Enthaltsamkeit. Besonders charakteristisch wird die Klausner- und Klausnerinnenmode, die gegen das Jahr 1000 sehr zunahm, namentlich in Lothringen, aber auch z. B. in der Nähe St. Gallens. Es ist kein Zufall, daß gerade Frauen sich diesem Geist zahlreich und mit besonderer Wärme hingaben. Die gemütliche Seite des Christentums hat schon früh auf die Frauen am meisten gewirkt, und in der Zeit der Christianisierung mag manche Frau ihren Gatten dem Heidentum abspenstig gemacht haben, wie schon die Burgunderin Chrodechilde den Frankenkönig Chlodwig. Frauen und Geistliche wurden früh Bundesgenossen. Nicht nur von den vornehmen Frauen gilt das, wie uns so viele Beispiele aus der sächsischen Zeit beweisen, sondern auch von den niederen. Eben die Klausnerinnen zeigen den Einfluß, den nun die asketische Bewegung auf sie gewann, wie auch von den 300 Klöstern, die es zu Beginn des 10. Jahrhunderts in Deutschland gab, ein erheblicher Teil, ein Viertel, auf Frauenklöster kam.

Aber diese ganze Bußstimmung hat für den großen Durchschnitt der hohen und niederen Laien wenig zu besagen, trotz der häufigen Bewunderung solcher Vorbilder. Und auch sonst ist von einer tieferen inneren Umwandlung der Gesamtheit doch nur in den Anfängen zu sprechen. Es mußte ja freilich auch in der Masse nachwirken, daß der irdische Besitz, daß die natürlichen Freuden des Lebens in ihrem Wert nunmehr erniedrigt waren; es mußte die nunmehrige sittliche Weihe der Arbeit, die ja durch das bäuerliche Dasein in Wirklichkeit schon die größte Bedeutung erlangt hatte, die Anschauungen der Menschen stark befruchten; das Evangelium der Nächstenliebe, etwas ganz Neues, mußte einen tieferen Wandel des Denkens und Fühlens herbeiführen. Aber alles das wirkte doch nur allmählich. Rascher trug die Kirche dazu bei, die alte Hochhaltung der persönlichen Freiheit zu mindern, und wenn sie schon durch die Organisationsformen ihres Besitzes die Ausbildung der Abhängigkeitsverhältnisse gefördert hatte, wenn sie dann dadurch, daß die Hingabe desBesitzes an die Kirche, die Stellung unter ihren Schutz als etwas Verdienstliches angesehen wurde, die Zahl der sich ihrer Freiheit begebenden stark vermehrte, so begünstigte sie damit eine Entwicklung, die sich überhaupt seit längerer Zeit vorbereitet und durchgesetzt hatte. Ohne tiefere Beeinflussung durch die Kirche blieb endlich zunächst noch das eigentliche Geistesleben, die Denkarbeit der Menschen. Die Bekanntschaft mit der fremden Welt der gottesdienstlichen Formen, des Inhalts des Evangeliums, der Heiligengeschichte erweiterte natürlich etwas den geistigen Gesichtskreis; die elementaren christlichen Grundlehren vermittelten auch eine ganz andere Art des Denkens: aber von einem Verständnis für das Denk- und Lehrsystem der Kirche, in das die geistlich gewordenen Volksgenossen freilich mittelst der kirchlichen Schulung und später mit Hilfe der Romanen mit immer größerer Hingabe eindrangen, konnte keine Rede sein.

Vielmehr zeigt auch dasgeistigeLeben der Deutschen vom 9. bis zum 11. Jahrhundert durchaus das Gepräge derEigenart. Vom Standpunkt der Weltkultur aus sieht man nur die mühsame, unendlich lange dauernde Schule, die die Deutschen, zunächst die geistig führende Geistlichkeit, nunmehr in der fremden Bildung durchmachten. Man sieht nur den Tiefstand, sogar die Bildungsfeindlichkeit der großen Masse der Laien und das Bildungsmonopol der oft auch nur in geistigen Niederungen bleibenden, ein unklassisches »Mönchslatein« handhabenden Geistlichkeit. Man sieht meist nicht das freilich immer mehr gestörte eigenartige nationale Geistesleben, aus dem doch wieder das Beste an der später erblühenden Kunstdichtung entsprang. Das Unheilvolle war eben die Kluft zwischen der auf die Antike gegründeten höheren Bildung, deren Träger, ebenso wie auf dem Gebiet der Kunst, nach Karl d. Gr. nicht mehr der Hof, sondern lediglich die Geistlichkeit an den Bischofssitzen wie in den Klöstern war, und dem Geistesleben des Volkes, dessen Schöpfungen von den Bildungsträgern tief verachtet waren und darum auch bei den höheren Laien immer mehr an Achtung verloren. Noch lebten im Volke die alten Gesänge, neue in diesem Geist kamen hinzu. Den alten Sänger der Vorzeit und der fränkischen Zeit hat nun der Spielmann abgelöst, der auch die Zeitereignisse in dichterischer Form mitteilte und in die abgeschlossene ländliche Welt des Deutschen allerlei neue Kunde brachte, ebenso wie andere Fremde, der Krämer, der Bote, der Mönch, die, unbeschadet alter Gastlichkeit, gerade deshalb besonders willkommen sind, weil man von ihnen Neuigkeitenerwartete. Mit den Spielleuten mischten sich die Gaukler, diejoculatores, die Nachkommen der fahrenden Leute aus dem römischen Reiche, und manch verkommener Kleriker. Durch letztere war wohl auch der der Kirchenpoesie entstammende romanische Reim schließlich die stehende äußere Form der Dichtung geworden. Schwänke und Lügendichtungen, auch allerlei, vielleicht früh die Geistlichkeit verhöhnende, derbe Geschichten wurden von diesen Spielleuten gepflegt und behagten den Hörern. So kam es denn früh zu einer Bekämpfung dieser Volksdichtung durch die Geistlichkeit. Um den »unzüchtigen oder mindestens eitlen Sang der Laien zu verdrängen«, schrieb im 9. Jahrhundert der Mönch Otfried von Weißenburg sein Evangelienbuch; aber das deutsche Gewand dieser geistlichen Reimdichtung zeigt ebenso wie die noch alliterierenden Kunstdichtungen der altsächsischen »Genesis«, des niedersächsischen »Heliand«, des oberdeutschen »Muspilli«, daß die Geistlichen doch auch schon früh die nationale Sprache benutzten, um im Sinne der Kirche, in deren Dienst man überhaupt alles zu stellen suchte, auf das Volk zu wirken oder durch heimische Sänger wirken zu lassen. Andererseits bedeutet diese nationale Färbung doch wieder eine erste Annäherung der Kultur an das Volkstum. Der alte Heldensang, der nach Karl d. Gr. lediglich unter dem Gesichtspunkt des Heidnischen von der Kirche bekämpft wurde, hielt sich am längsten wieder in Sachsen: hier sagte und sang man noch lange von Dietrich von Bern und Ermanrich. Aber im ganzen wird er immer mehr zur Volkskost, bis er im 12. Jahrhundert, wohl unter dem Einfluß der neuen weltlichen romanischen Dichtung, auch in vornehmeren Kreisen wieder Boden gewann. Im übrigen werden solche alten Gesänge auch von Leuten aus dem Volke selbst vorgetragen sein, und ebenso erzählte man sich sonst alte Sagen und Märchen, Tierfabeln u. dgl. oder pflegte überkommenes Rätselgut und Spruchweisheit. Natürlich blühte der mit Tanz verbundene Volksgesang weiter, bei dem meist einer vorsang und die Menge nur beim Refrain einfiel.

Den geistigen Gesichtskreis des Volkes, der sonst im einem durchaus mit der Natur verbundenen, auf alter Erfahrung und Überlieferung fußenden Arbeitsleben unter der naiven Vorstellung einer Belebtheit der Natur mit guten und bösen Wesen beschlossen war – ein gemütliches Verhältnis hatte man insbesondere auch zur Tierwelt, vor allem zur Vogelwelt –, mag man niedrig nennen. Das gilt auch von den niederen Geistlichen, die bei ihrer äußerst notdürftigen Bildung sich geistig kaum von der übrigen Masse, mitder sie in volkstümlicher Weise lebten, unterschieden. Aber auch der Gesichtskreis der höheren Laienwelt war ziemlich derselbe, nur daß sich die Interessen der Großen auch auf Machtfragen, auf Einzelheiten der Verwaltung und wie die der übrigen Herren auf kriegerische Dinge, wenigstens kriegerische Ausbildung und Übung, und auf die Jagd als Hauptunterhaltung erstreckten. Diese wurde mehr und mehr ein Vorrecht der Herren, die ihrer Jagdleidenschaft auch dann huldigten, wenn sie geistlichen Standes geworden waren und hohe Kirchenämter bekleideten.

Ein wichtiges Gebiet war damals noch ein gemeinsames Geistesgut der Hohen und Niederen, dasRecht, dessen Lebendigkeit und Volkstümlichkeit wiederum ein Zeugnis der Bewahrung der Eigenart ist. Es war Stammesrecht, aus altem Herkommen erwachsen. Je nach der Entwicklung hatte sich nacheinander eine Kodifikation desselben ergeben (vgl. S.14), aber die fremde Sprache und Schrift machten einen volkstümlichen Gebrauch der Rechtsbücher selbst unmöglich. Wo man eine bestimmte Entscheidung nötig hatte, gab ein Mann geistlicher Bildung in einem Kloster oder an einem Herrensitz Auskunft: denn Handschriften der Rechtsbücher liefen genug umher. Es scheint aber, als ob im 10. Jahrhundert ein Teil der vornehmeren Laien soweit der lateinischen Schulbildung teilhaftig wurde, daß man gerade die Rechtsbücher lesen konnte. Im Volk lebte die Rechtskenntnis durch Überlieferung weiter, ja das Volk wirkte wie in der Vorzeit auch rechtsbildend und rechtsschöpferisch, vor allem in seinen ländlichen Gemeindegerichten. Noch lebte auch die volkstümliche Organisation der Hundertschaftsgerichte. Die Entwicklung der Zustände machte im übrigen manche Weiterbildung des Rechtes erforderlich: so bezüglich der Verhältnisse der zahlreichen Abhängigen, bei denen bald ein Streben nach aufwärts einsetzte. Bei der Ausübung der Rechtspflege war ja schon seit der fränkischen Zeit das Volk, das in den Hundertschaftsgerichten die Urteilsfinder, die Schöffen, stellte, durch die wachsende Macht des leitenden Richters, des vom König eingesetzten Grafen, der den gewählten Volksrichter allmählich verdrängte, einigermaßen beschränkt. Jetzt mochten den Richter auch schon hier und da aus dem kanonischen Recht stammende römische Rechtsanschauungen beeinflussen, wie es z. B. die strengeren Strafen zeigen. Im ganzen aber bleibt es bei einer lebendigen Anteilnahme des Volkes.

Weiter bestätigt dieNamenwelt, daß die alte Eigenart durchaus weiter lebte, sich freilich nicht mehr in Neuschöpfungenbetätigte. Die germanische, überaus reiche, vor allem die Kampfes- und Kriegsfreude widerspiegelnde Namenwelt ragt noch in die jetzige Zeit, bis ins 12. Jahrhundert, kraftvoll hinein. Ja, die naturgemäß mit dem Christentum einströmenden fremden Namen (insbesondere Heiligennamen), die zuerst unter dem hohen Klerus und bei den geistlichen Frauen auftreten, gehen im 10. und 11. Jahrhundert wieder zurück.

Auch dassozialeLeben hält sich im ganzen von Beeinflussung durch die fremde Kultur frei. Jene frühzeitlichen Zustände, die vielfach denjenigen bei anderen primitiven Völkern entsprachen, entwickeln sich nun langsam und ziemlich ungestört weiter. Das Familienleben zeigt noch das alte Gefüge, wenn auch die Bedeutung der Sippe stark geschwunden ist; so traten, wenn auch nicht bei allen Stämmen gleichmäßig, die Sippensiedelungen vor den nur örtlich verbundenen Siedelungsgenossenschaften zurück. Der Hausvater herrscht mit alter Gewalt; in niederen Kreisen ist die Frau noch oft Arbeitstier; selbst in höheren muß sie gelegentlich Züchtigungen erdulden. Sentimentale Gefühle walten bei der Eheschließung nicht, wie andererseits keine Weichheit den Kindern gegenüber besteht und in sächsischen Gegenden noch im 11. Jahrhundert Mißgeburten gelegentlich getötet werden. Die Ehe kam durch lange Verhandlungen der beiderseitigen Familienvertreter zustande; äußere, praktische, materielle Gründe sind, wie noch viel später, entscheidend. Mehr und mehr ist dank der Einwirkung der Kirche die Einwilligung der Braut erforderlich geworden. Die kirchliche Einsegnung dringt nur langsam durch und ist noch viel später nicht völlig allgemein. Frauenraub ist jetzt ein strafwürdiges Verbrechen. Das Eheleben verläuft in unbefangener Naturwüchsigkeit. Von einer besonderen Keuschheit ist jetzt noch weniger die Rede als früher, zumal nunmehr die Geistlichen häufig die Verführer spielten. Untreue war nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen häufig. Wohlhabende Grundherren hielten auch ungehindert Beischläferinnen. Aus den unehelichen Kindern mochte sich vielfach die Geistlichkeit ergänzen. Eigentliche Sittenlosigkeit herrscht auch im Westen jetzt weit weniger als zu fränkischer Zeit, am wenigsten sonst in Sachsen, wo auch die frühere Achtung vor Geist und Gemüt der Frauen noch am lebendigsten erhalten ist.

Unverkennbar tritt im sozialen Leben die Stärke des deutschengenossenschaftlichenGeistes hervor. Sie zeigen vor allem seit uralter Zeit die Gilden, die sich vielleicht aus den germanischenGeschlechtsverbänden entwickelt, von ihnen als wichtigen Kern des Zusammenlebens die Opfergelage – daher die Bedeutung der Gelage in späterer Zeit – übernommen haben und wie ein familiärer Verband eine feste Schutzgemeinschaft für den einzelnen in allen Verhältnissen bildeten, durch Eidschwur zusammengehalten, später christlich gefärbt und den christlichen Brüderschaften angenähert. Sie zeigt ferner die nach Schwinden der Sippensiedelungen eintretende nachbarschaftliche natürliche Organisation mit ihren wirtschaftlichen Grundlagen und Zielen, sie zeigt die größere Markgenossenschaft. Ebenso tritt aber auch das scheinbare Widerspiel dieses Geistes hervor, derIndividualismus. Er ist es, der staatlicher Zusammenfassung, der Bildung einer straffen Zentralgewalt noch immer widerstrebt. Nicht nur das Fürsichleben der Stämme ist dafür bezeichnend, sondern vor allem die egoistische Machtgier der einzelnen Großen, die trotz Karls d. Gr. Einschreiten später immer aufs neue den Königen und in den Stammesgebieten wieder den Herzögen widerstanden.

Noch war auch das alte Machtmittel der einzelnen Großen lebendig, die Gefolgschaft, gestützt auf die für die germanische Sittlichkeit bezeichnende Mannentreue, die später noch die Epik der Spielleute feiert. Wie sich in den Kämpfen der Frühzeit immer nur die einzelnen Führer mit ihren Gefolgschaften als Hauptpersonen, ihre Stämme und Völker nur nebenbei gegenüberstanden, wie dann in der Heldensage der Gegensatz zwischen Goten und Römern völlig zurücktritt vor der Geschichte des einzelnen Helden mit seinen Getreuen, also vor allem Dietrichs von Bern (Theodorichs), so ist es vielfach noch jetzt. Jene Gefolgschaft hat aber nunmehr, wie schon seit fränkischer Zeit, neue Formen angenommen; sie steckt in der (so seit dem 8. Jahrhundert mit einem keltischen Wort bezeichneten) Vasallität, für die wieder die gallische Kommentation (s. S.13), die Ergebung von unfreien, landlosen und schutzbedürftigen Leuten in den Schutz eines Mächtigen, vor allem zum Dienst in Not und Krieg, eine Vorstufe gebildet hatte. Diese Klasse der Vasallen wurde immer zahlreicher, ergänzte sich auch immer stärker aus Freien und bildete nicht nur die Umgebung des Königs, sondern auch die anderer Großer. Sie waren durch eine formelle Bindung (Treueid seit Mitte des 8. Jahrhunderts) vor allem zum Kriegsdienst verpflichtet, weshalb auch die geistlichen Organisationen Vasallen an sich fesselten. Da der Landbesitz durch die Ausbildung des Sondereigens die Grundlage des Daseins, seine Erträge die Hauptform des Unterhalts darstellten, war dieÜbergabe von Grund und Boden zur Nutzung die natürliche Entlohnung. Das Austun von Land auf Zeit gegen Abgaben hatte zuerst die Kirche für ihren wachsenden Grundbesitz in der Form der römischen Precarei angewandt. Bei der Belehnung der Vasallen fielen aber die Abgaben fort: es war bloße Guttat, und so hieß das Lehen Benefizium. Bald gewann nun diese Belehnung dauernden, erblichen Charakter, und dies reizte immer mehr Leute zum Eintritt in die Vasallität an. So entsteht aus der Verbindung von Vasallität und Benefizialwesen dasLehnswesen, das zunächst nur der Schaffung eines Kriegs-(Reiter-)heeres diente – wie der König Land an Große verlieh, so verliehen diese es wieder an niedrigere Freie, um Reiter zu erhalten –, das aber schließlich alle öffentlichen Verhältnisse im Mittelalter tiefgehend beeinflußte (s. S.105). Neben dem Kriegsdienst lag den Vasallen nämlich früh die Versehung von Ämtern ob, wie schon im germanischen Gefolge gewisse Verrichtungen verteilt gewesen sein werden, und die Entlohnung erfolgte ebenfalls durch Benefizium. Aus der tatsächlichen, nicht rechtlichen Erblichkeit der Benefizien ergab sich schließlich eine Erblichkeit der Ämter, schon gegen Ende der Karolingerperiode (s. S.42).

Die ganze Erscheinung ist nun aber bezeichnend für daszielbewußte Macht- und Besitzstreben einer aristokratischen Schicht, die sich ebenfalls schon seit fränkischer Zeit über die Masse der Volksfreien erhoben hatte. Diese Heraushebung eines Adels ist eine natürliche Entwicklung bei den meisten Völkern, und wenn sie bei den Sachsen aus bestimmten Gründen schon vor alters eingetreten war, so ist dieser Vorgang für die Franken und die ihnen angegliederten Stämme wieder nur ein Beweis der selbständigen Eigenentwicklung auf Grund der fortschreitenden wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse: die Erscheinung trat daher noch später bei den Nordgermanen ein. Der Vorgang geht naturgemäß Hand in Hand mit einer Herabdrückung der Freien mit mäßigem Grundbesitz. Noch zu Beginn der fränkischen Zeit und später bildeten diese die große mittlere Masse, auf denen das öffentliche, das soziale Leben, der Kriegsdienst im wesentlichen ruhten. Über ihnen eine kleine Klasse von Großen, die durch Beute, durch Tapferkeit oder Klugheit, durch altes Ansehen in den Wanderungszeiten Macht erworben hatten und vom König aus dem eroberten Land umfassender beschenkt worden waren. Unter den Freien wieder eine größere Menge Unfreier, vielfach Romanen und Kelten. Ähnlich waren die Verhältnissenoch viel später in den innerdeutschen Gebieten, bei den Alemannen, Bayern usw., wo die Freien mit kleinem Besitz noch lange in den Volksversammlungen in alter Weise zusammenkamen, überhaupt den Ausschlag gaben. Aber gerade in den eroberten Landen, im Frankenreich, hatte schon eine mit dem Eroberungsgeist einzelner und den auch weiterhin kriegerischen Zeiten zusammenhängende Umwälzung eingesetzt. Wir sahen bereits (S.16), wie hier ein neuer Dienstadel Freie in Abhängigkeit brachte, oft durch Mißbrauch der amtlichen Gewalt, wie diese dann auch von selbst sich oft in ein Schutzverhältnis begaben und ihren Besitz als Lehnsgut unter bestimmten Verpflichtungen wiedererhielten. Die Entwicklung, die übrigens noch ganz in den Anfängen war, ging in karolingischer Zeit weiter: schon Karl d. Gr., der sich auf den neuen Adel für Krieg und Verwaltung stützen mußte, konnte nur gelegentlich offene Übergriffe strafen und kämpfte vergeblich gegen das System, mittelst dessen etwa der Graf den Freien, der ohnehin in den kriegerischen Zeiten durch die Heerespflicht (Reiterausrüstung, da das Heer immer mehr zum Reiterheer wurde), durch häufige Naturalverpflegung von Großen, durch den Zehnten der Kirche bedrückt war, durch schikanöse Anwendung des Heeresbannes u. dgl. ruinierte oder in Abhängigkeit brachte. Die persönliche Freiheit galt auch immer weniger; wichtiger war der Landbesitz, selbst wenn er belastet war; auch sonst versprach das Abhängigkeitsverhältnis Vorteile. Am leichtesten aber begab man sich in den meist bequemen Schutz der seligmachenden Kirche, deren steigender Grundbesitz auch immer mehr der Bewirtschaftung durch Zinsbauern bedurfte. Der Vorgang kommt in karolingischer Zeit keineswegs zum Abschluß, darf überhaupt in seiner Bedeutung und Ausdehnung nicht, wie lange, überschätzt werden.

Grundbesitz war die Quelle der Macht und des Wohlstandes: daher die Gier der schon Mächtigeren nach dessen weiterer Vermehrung, daher die Rodungslust der großen Grundherrschaft. Die Größe des Grundbesitzes aber erforderte wieder die Verfügung über Arbeitskräfte, d. h., da man nicht Lohnarbeiter haben konnte, über abhängige Leute, die als persönlich Unfreie dem Herrenhof selbst dienten oder als Zinspflichtige das Einkommen vermehrten, die üppigere Lebenshaltung sicherten und zu allerlei Diensten Arbeitskräfte stellten, auch zur Erschließung des Wildlandes. Soweit es herrenlos war, machte dieses neben dem eroberten und dem konfiszierten Land den mächtigen, anfangs im Wirtschaftsleben weit voranstehenden Besitz des Königs aus, der aberwieder durch Weiterbegabung die Hauptquelle für den Grundbesitz des Adels und durch Schenkung für den der Kirche war. Das Gut der letzteren nahm der Herrscher freilich zu Zeiten wieder wie Königsgut zur Belehnung anderer in Anspruch, was aber durch neue Schenkungen früher oder später ersetzt wurde. Das Königsland, das sich bald nicht mehr wie früher vermehren konnte, wurde durch jene Verleihungen allmählich stark gemindert. Die Kirche aber erhielt ebenso wie vom König auch von den Herzögen, weiter auch vom Adel überhaupt immer neue Schenkungen. Meist handelte es sich dabei freilich um Wildland, dessen planmäßige Kultivierung die überlieferungsgemäß überlegene Wirtschaftskunst der Kirche am besten verstand. Gerade deswegen wurden die Klöster von Fürsten und Grundherren gefördert, damals also die der Benediktiner. Dazu kam der von der Kirche immer (s. S.33f.) angeregte Schenkungs- und Übertragungseifer der Kleinbesitzer. Diese Übertragung von Gütern war übrigens meist eine bedingte, d. h. sie geschah oft unter dem Vorbehalt der Nutznießung auf Lebenszeit. Oft verlieh die Kirche zu Nießbrauch mehr zurück, als sie erhielt. Im ganzen ist für den geistlichen wie übrigens auch für den weltlichen Besitz eineVerstreutheitder Güter (Streubesitz) charakteristisch. Die besitzlosen Abhängigen gebrauchte man zu Arbeitsdiensten, zur Rodung u. a. und setzte sie als Zinsbauern auf Neuland an, wie es auch die weltlichen Grundherren taten. Denn der diesen verliehene Besitz war auch meist Wildland. Seine weitere Vermehrung geschah dann oft auf die oben geschilderte Weise der Abhängigmachung anderer Freien.

So hatte sich denn mittelst der Zusammenfassung größerer Mengen von Grund und Boden die sozial und wirtschaftlich wichtige weltliche und geistlicheGrundherrschaftgebildet. Neben dem eigenbewirtschafteten Fronhof bestand sie aus mehreren, dem hofrechtlichen Verband eng oder lose angeschlossenen Zinsgütern, aber auch aus solchen, die außerhalb desselben ausgetan waren. Die Zahl der eigentlichen geschlossenen Grundherrschaften bleibt aber gering gegenüber der Masse der (mehr oder weniger abhängigen) bäuerlichen Wirtschaften. Den Zusammenhang der Grundherrschaft mit der fortschreitenden Kultur mag man daraus erkennen, daß ihr Gebiet in erster Linie die am frühesten kultivierten Lande, der Westen und Süden, vor allem die eigentlich fränkischen Teile sind. Ihre Hauptzeit reicht etwa bis zum Ende des 12. Jahrhunderts. Ihre Bedeutung, die man eine Zeitlang vielzu hoch eingeschätzt hat, liegt einmal in der systematischen Erschließung des Wildlandes, zu der es eben einer Organisation bedurfte, weiter in der Durchführung höherer Wirtschaftsformen, der Einführung von Spezialkulturen und der wirtschaftlichen Erziehung der in der Mehrheit wirtschaftlich immerhin selbständigen bäuerlichen Bevölkerung, die aber von der Grundherrschaft oft auch unbeeinflußt blieb, sodann in der Hebung und Verfeinerung der äußeren Lebenshaltung, wozu eben die größeren Einkünfte die Möglichkeit boten, also auch in einer Förderung der Kunst, endlich in der Übernahme einer Reihe von öffentlichen und Verwaltungsaufgaben, die ihr schon die Karolinger notgedrungen immer mehr überlassen hatten, zu deren Lösung aber auch die schwache Zentralgewalt in einem weiten Reich mit sehr unentwickelten Verkehrsverhältnissen noch nicht fähig war. In letzterer Beziehung kam nun die in karolingischer Zeit immer häufigere, als Entlohnung aufzufassende Verleihung von Hoheitsrechten bedeutsam hinzu, vor allem die der Immunität (s. S.13), die zunächst Verbot des Eintrittes der öffentlichen Beamten in ein geistliches, bevorrechtetes Gebiet, weiter Erhebung der öffentlichen Abgaben durch den Immunitätsherrn und Ausübung der Gerichtsbarkeit über die Insassen des Gebiets bedeutete. Weiter ist dann der Zusammenhang von Grundherrschaft und Lehnswesen wichtig. Viele Lehnsträger wurden durch die erwähnte Erblichkeit der Lehen zu Grundherren; andere Grundherren vermehrten ihren Besitz durch die Lehen. Vor allem aber trug die eingetretene, freilich erst später anerkannte Erblichkeit der zu Lehen gegebenen Ämter, besonders des Grafenamts, dazu bei, daß die damit belehnten Grundherren, deren Macht noch durch die Erlangung der erwähnten Hoheitsrechte und ausgedehnten sonstigen Besitz gehoben wurde, sich schließlich zu Landesherren auswuchsen. Auch die geistlichen Grundherren erhielten durch jene Hoheitsrechte diesen Charakter.

Die mächtigsten, zu kleinen Staaten gewordenen Grundherrschaften haben dann die altenGaue, die zwar wesentlich geographische Bezirke sind, aber doch eine gewisse Grundlage des öffentlichen Lebens bildeten, beseitigt, völlig etwa mit dem 11. Jahrhundert, wenn auch ihre Namen zum Teil im Volke ziemlich zähe weiterlebten. Anfangs fielen die Grafschaften mit den alten Gauen auch oft zusammen, freilich nur in beschränktem Maße. Wie es keinen Gau und keine Gauversammlung der Freien mehr gab, so war auch die große Masse der Freien nichtmehr der Träger des öffentlichen Lebens. Es herrschte eine auf großen Grundbesitz gestützte Aristokratie, wenn man auch die Macht derstaatlichenGewalt nicht unterschätzen und ebensowenig vergessen darf, daß auch die ländliche Gemeinde nicht ganz bedeutungslos war.

Gewiß hatte die Entwicklung ein gutes Stück alten Lebens vernichtet. Auf der anderen Seite ist abervoneinerVernichtungder kleinenbäuerlichen Besitzergarkeine Rede. Im Gegenteil war die Übertragung des Eigens an Herren oder Kirche und seine Wiedergewinnung gegen Abgaben und Leistungen (Dienste) vielfach nur eine Sicherung vor dem Ruin in der kriegerischen und gewalttätigen Zeit. Gerade auf diesen Zinsbauern beruht auch die eigentlich wirtschaftliche Leistung dieses Zeitabschnittes, freilich unter Führung der Grundherrschaft. Denn an dem Eigenbau der Grundherrschaft ist in dieser älteren Zeit durchweg festzuhalten. Die Zinsbauern – von den »Hörigen«, die Grundzins zahlen, unterscheiden sich oft selbst die persönlich Unfreien, die Kopfzins zahlen, in ihrer Lage nicht – lebten auch in so mannigfach abgestuften Verhältnissen, daß die bevorzugtesten sich von Freien nur wenig unterschieden, zumal die »Freiheit« jetzt wenig bedeutete. »Freie Leiheformen« kommen früh vor. Ferner hielten sich aber auch dieeigentlichenFreien in den Alpenländern, in den Marschgebieten der Nordsee, auch in Westfalen, zum Teil von den grundherrlichen Wirtschaftsfortschritten nicht berührt und daher rückständig. Man hat neuerdings auch für andere Gebiete die Minderung der Freien durch die Grundherren bestritten. Die Vermehrung der Lasten war im übrigen durch eine frühe Festlegung derselben mindestens erschwert. Wie angedeutet, kamen sogar persönlich Unfreie durch jenes Austun von Land zu Zinsgütern, verbesserten also ihre Lage. Die besser gestellten Zinsleute aber hoben sich immer mehr und galten schließlich bei freieren Abhängigkeitsverhältnissen als frei. Allmählich geht auch der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit von den Herrenhöfen auf die kleineren Zinsgüter über. Davon werden wir später (S.94f.) hören.

Zunächst aber erfüllte die Grundherrschaft, überhaupt dieHerrenschicht, jenekulturelle Aufgabe in wirtschaftlicherBeziehung wie in Hinsicht höherer Lebenshaltung. Damit setzt die am Anfang aller höheren Kulturentwicklung stehende soziale Sonderung stärker ein: ihrem Fortschreiten steht wieder das Streben nach Annäherung gegenüber. Die Beeinflussungder großen Menge bleibt freilich gering, und auch innerhalb der Herrenschicht werden die roheren Zustände oft nur durch Einzelheiten ein wenig verfeinert. Die Fortschritte verdankte man im wesentlichen romanischen Einflüssen, auch die wirtschaftlichen, abgesehen natürlich von der gewaltigen Rodungs- und Ausbautätigkeit selbst, einem Hauptverdienst der Grundherrschaft. Es war ein mehr quantitatives Verlangen nach immer neuem Kulturland, und dieKirchewurde diesem Verlangen vor allem dienstbar gemacht. Bei ihr war auch sonst dieFührung, vor allem bei denKlöstern, wesentlich, weil sie italienische und westfränkische, also im Grunde antike Überlieferungen in das innere Deutschland verpflanzten. Sie haben vor allem Muster für eine Wirtschaftsorganisation in größerem Maßstabe gegeben, wie einst der große Organisator Kaiser Karl. Unter ihrer Leitung wurde systematisch gerodet, der Körnerbau eifriger gepflegt, der Gemüsebau bereichert, der Gartenbau und die Obstkultur gehoben, ein sorgfältig betriebener Weinbau verbreitet. Der Garten in unserem Sinne, neben dem Baum(Obst)garten der Gemüse-, dann der Heilkräutergarten und damit der Anfang zum Ziergarten, geht recht eigentlich von den Klöstern aus, auch gerade seine regelmäßige Anlage, die allmählich künstlicher wurde. Der Weinbau dehnte sich in karolingischer Zeit schon weiter nach Osten und Nordwesten aus und später selbst in die Koloniallande des Ostens bis ins Ordensland, insbesondere wegen der gottesdienstlichen Verwendung des Weines von den Klöstern eingeführt. Wassermühlen verbreiteten sich durch sie von Westen her; in den klösterlichen Brauhäusern wurde besseres Bier gebraut, dabei der Hopfen (wohl aus Gallien) eingeführt, in den Backhäusern feineres Brot gebacken (schon wegen des Abendmahls, das auch den Wein verlangte). Die Fastenspeise zu gewinnen, legte man Teiche an und pflegte die Fischzucht. Die feinere Kochkunst ist wesentlich klösterlichen Ursprungs, ebenso die bessere Butterbereitung. Besondere Förderung fand die gewerbliche Arbeit, vor allem das Bauwesen (Steinbau), bis hinauf zu künstlerischer Tätigkeit. Die antike Überlieferung führte auch zu Wasserleitungen, und Brückenbauten waren häufig.

Solcher Verdienste, namentlich nach der organisatorischen Seite, entbehrt auch dieweltliche Grundherrschaftnicht, wenigstens folgte sie vielfach dem geistlichen Vorbild (Gemüse-, Weinbau u. a.). Die Düngung ward jetzt die Regel – die Dreifelderwirtschaft war es seit langem –, der Wiesenbau verbreitete sich stärker im Zusammenhangmit der Stallfütterung. Die Viehzucht hob sich entsprechend ständig, wenn sie auch im allgemeinen jetzt mehr zurücktrat. Sehr gepflegt wurde die Pferdezucht (für Krieg und Reisen); wegen der Wolle nahm die Grundherrschaft auch die Schafzucht mehr und mehr in die Hand. Die Betriebsformen des Ackerbaus blieben aber, wie noch lange, ziemlich die alten. Im ganzen sind, z. B. bezüglich des Obst- und Gemüsebaues wie der Bevorzugung des Weizenbaues, Unterschiede zwischen dem Westen und Osten noch immer bemerkbar. – DieKleinwirtschaftstand natürlich hinter der Grundherrschaft zurück, namentlich bezüglich der gartenmäßig angebauten Früchte (Gemüse, Hanf, Flachs, Hopfen, Waid usw.) wie des Weinbaus, der Wiesenkultur, der Viehzucht. Das Schwein blieb das Haupttier des kleinen Mannes; ebenso war die Geflügelzucht wesentlich bäuerlich. Man muß aber bedenken, daß die Zinsbauern doch die eigentlichen Träger des Betriebes der Grundherrschaft waren. Im ganzen kann von einer noch lange dauernden, ziemlich gleichmäßigen Einfachheit des wirtschaftlichen Lebens, das meist wohl gedieh, gesprochen werden.

Und diese Einfachheit zeigen im wesentlichen auch jetzt noch die allgemeinenLebensverhältnisse, so sehr die Steigerung der Gegensätze auf diesem Gebiet betont werden muß. Das Charakteristische ist das Überwiegen wie die Gemeinsamkeit derlandwirtschaftlichen Interessen, entsprechend der naturalwirtschaftlichen Gesamthaltung der Zeit. Damit ist aber nicht jede Bedeutung von Gewerbe und Handel ausgeschlossen[7]. Auch das ländlich-kriegerische Leben bedarf beider. DasHandwerkwar größtenteils etwas vorgeschrittene Hausarbeit, besonders die Weberei. In der Grundherrschaft wurde nun die Weberei zu einem größeren Betrieb, dessen Trägerinnen aber die Frauen blieben, und auch sonst entwickelte sich dort eine umfassendere und zum Teil auch durch Arbeitsteilung spezialisierte gewerbliche Tätigkeit, namentlich nach der landwirtschaftlichen Seite hin (Stellmacher, Müller, Bäcker, Brauer, auch Maurer). Der Schwerpunkt der Entwicklung liegt aber nicht bei der Grundherrschaft mit ihrer oft falsch aufgefaßten Organisation, sondern bei den mehr oder weniger selbständig arbeitenden einzelnen Leuten, die, obwohl vielfach zinspflichtig, doch in einem herkömmlich erlernten Gewerbeoder in einer selbsterworbenen Kunstfertigkeit für andere, insbesondere auch für Grundherren, in freier Weise tätig sein konnten. So gab es von altersher Schmiede, insbesondere Waffenschmiede, so Töpfer, Böttcher, Drechsler, Seiler, Gerber und Sattler, so sehr früh jene friesischen Weber. Das höhere Kunstgewerbe, wie Erzguß, Edelmetallbereitung, Malerei, höhere Baukunst, aber auch fremdartige Techniken, wie die Glasbereitung, blieben freilich wesentlich auf die Klöster beschränkt.

Knüpfte schon früh an die nicht an Ort und Stelle zu deckenden Bedürfnisse ein primitiverHandelan, heftete sich dieser früh auch an bestimmte, örtlich spezialisierte Erzeugnisse wie die friesischen Tuche oder an Waffen u. a., so war bei wachsenden Lebensansprüchen der Herrenschicht der Handel mit kostbaren Stoffen, Schmuck und Gerät, prächtigen Rüstungsstücken, feineren Genußmitteln und Gewürzen auch in einem ländlichen Dasein bald notwendig. Neben dem an Versammlungsstätten, bei Festen, an alten Verkehrspunkten früh einsetzenden Markthandel mit den Erzeugnissen der Landwirtschaft, des Hausfleißes oder jener selbständigeren Handwerker entwickelte sich der Handel mit den begehrten Waren der Fremde, des Orients insbesondere, aber auch mit gewissen Rohstoffen des Auslandes immer lebhafter. Er wird auch, abgesehen von gelegentlichen, herumziehenden Händlern, z. B. Mönchen, immer mehr von einer bestimmten Schicht getragen. Es überwiegen zunächst freilich die fremden Händler, die Juden vor allem, die Italiener, im Osten anfangs sogar die Slawen. Aber es gab auch früh einheimische Kaufleute; insbesondere vertrieben die Friesen (s. S.26) nicht nur ihre friesischen groben Tuche, sondern vor allem auch die feineren englischen Tuche über die Lande und über See. Nach Osten hin herrschte bald der deutsche Kaufmann, auch nach Norden. Ein wesentlicher Zug des gerade in den Zeiten unentwickeltem Verkehrs ganz unentbehrlichen Kaufmanns ist sein Umherfahren; das gilt zum Teil auch für die verkaufenden Handwerker. Mit dem von den Herren geförderten Zuge in die Städte wurden diese Kaufleute seßhafter, für die Händler mit Fernwaren, die nun zum Teil zu Großhändlern wurden, blieben aber die Fahrten in die Fremde bezeichnend und notwendig, insbesondere in den Seestädten. Alle Welt schätzte auch den Kaufmann; er stand auf der Fahrt in des Königs Schutz, es wurden ihm besondere Privilegien in den Städten verliehen. Freilich war er auch als Gegenstand der Belastung mit Zöllen begehrt, und das ursprünglichkönigliche Recht der Zollerhebung wurde von den Herren mehr und mehr in Beschlag genommen und in mannigfaltigster Weise ausgebildet.

Am meisten förderte den Handel das Aufkommen eben derStädte, also ständiger Marktorte, mit einer dichteren, ungleichartigen, verschiedene Bedürfnisse entwickelnden Bevölkerung. Auch für jene selbständigeren Handwerker bedeutete der Zug in die Städte eine ganz neue Stufe: die größere Bevölkerung und die höheren Ansprüche förderten das Handwerk innerlich und äußerlich; auf ihm beruhte ja auch ein großer Teil des städtischen Handels. Die äußere Entstehung der Städte ist zu einem guten Teil, ebenso wie im Altertum, an dieBurgen(s. S.49) anzuknüpfen, vor allem in Sachsen, dem neu in die Entwicklung getretenen Lande. Die unsicheren Zeiten treiben die Leute zu Siedelungen im Umkreise einer schützenden Burg; durch Gewerbe und Handel vermehrt sich die Bevölkerung; der natürlich zunächst dem Herrn der Burg gehörige Ort erhält jenen Marktcharakter. Die anfangs sehr unentwickelte sichernde Befestigung, die sich in den unruhigen Zeiten oft auch in Dörfern (Kirchhöfe) wie bei Klöstern findet, dehnt sich auf den Ort selbst aus. »Burg« bleibt die eigentliche Bezeichnung für das neue Gebilde, wie zahlreiche Städtenamen beweisen; »Bürger« heißen die Einwohner. Ebenso wichtig ist nun aber die Entwicklung aus einem befestigten Dorf heraus, das durch günstige wirtschaftliche Bedingungen, als Salzort z. B., durch die Lage an Flußübergängen, Straßenkreuzungen usw. Bedeutung hatte. Oder die Marktsiedelung gliederte sich an ein Kloster an (wie ja auch Dorfsiedelungen sich früh um Kapellen [Zellen], die Wallfahrtsorte waren, bildeten), so in Hersfeld oder Gandersheim, oder an einen Bischofssitz (Bremen, Magdeburg, Paderborn), vor allem aber an eine königliche Pfalz (Goslar, Dortmund). Letztere wie die Bischofssitze befanden sich im Süden und Westen aber zunächst in den alten Römerstädten, die trotz ihrer Vernachlässigung immerhin Marktorte geblieben waren. Namentlich als Bischofssitze hatten sie besondere Anziehungskraft. Ihr Anlageplan, die rechteckige Castrumsform mit rechtwinklig sich schneidenden Straßen wirkte dann wohl auch auf die älteren Neugründungen von Städten (s. S.48). Immerhin handelt es sich im Westen häufig nicht um Gründungen, die übrigens meist neben einer älteren Siedelung erfolgten, sondern um allmähliche Entstehung, und häufiger als ein regelmäßiger Grundplan ist die Unregelmäßigkeit der dörflichen Wohnweise zu erkennen.

Der Mittelpunkt ist immer der Marktplatz. Nach außen charakterisieren die Stadt die Mauern. Bei den Römerstädten waren diese lange vernachlässigt, erst das 9. und 10. Jahrhundert führten zu ihrem Wiederaufbau. Das aus dem Burgcharakter der Stadt hervorgehende weitere bedeutsame Entwickelungsmoment ist nun der Burgfrieden (Königsfrieden); an ihn knüpft der Stadtfrieden, ein die Stadt heraushebender Rechtsumstand, der auch das wirtschaftliche Leben schützt und fördert, vor allem Gewerbe und Handel. Der Königsfrieden ermöglicht erst den Charakter der Stadt als Marktort; er wird auch an Märkte, die ohne Burgenschutz an Verkehrspunkten aufkamen, verliehen. Der Frieden bewirkt auch den Schutz der zuziehenden Unfreien: Stadtluft macht frei. Der Marktcharakter wird immer bedeutungsvoller für die Stadt; ein eigenes kaufmännisches Gewohnheitsrecht bildet sich aus; »mercatores« heißen die Bürger, worunter freilich nicht lediglich Kaufleute von Beruf zu verstehen sind. Zunächst überwiegen überhaupt jene verkaufenden Handwerker. Aber alles bleibt doch in landwirtschaftlichem Bannkreise. Grundbesitz war die erste Bedingung auch für den Bürger, wenngleich sich die Grundbesitzverhältnisse bald eigenartig (Zins an den Grundherrn ohne persönliche Beschränkung) gestalteten. Kaufmann und Handwerker trieben oft auch noch Ackerbau und Viehzucht; die Städte blieben zunächst Ackerbaustädte, und Stadtgemeinde und Landgemeinde unterschieden sich anfangs auch in den Römerstädten nicht. Größerer Verkehr wurde am ehesten durch die kirchliche Bedeutung einer Stadt herbeigeführt. Keineswegs ist sodann die Überwindung der alten Städtefeindlichkeit nur aus den Bedürfnissen höherer Wirtschaft, überhaupt nicht aus der freien Volkskraft herzuleiten, wenigstens nicht vorwiegend. DieStädtesind vielmehr zunächst einWerk der Herren, aus egoistischen Gewinn- und Machtinteressen heraus sind sie auf dem Boden der Herren gegründet. Denn nicht nur im Osten bei dessen beginnender Kolonisation, sondern auch im Westen sind schon im 12. und namentlich im 13. Jahrhundert Städte durch weltliche und geistliche Fürsten planmäßig gegründet worden. Bei der eifrigen Ausbau- und Rodungstätigkeit hatte man übrigens auch schon Dörfer nach einem gewissen Schema gegründet, die regelmäßigen Reihendörfer rechts und links der Straße mit dem Ackerstreifen dahinter (Wald- oder Hagenhufen), wenn auch das unregelmäßige Haufendorf das Gewöhnliche blieb. Die regelmäßige Anlage von Dorf und Stadt wird dann im Ostendie Regel. Von den Herren wurden die Städte auch sonst gefördert, der Zuzug in sie oft künstlich herbeigeführt, Marktprivilegien erworben, Befestigungen ausgeführt, Kaufstätten errichtet, Verwaltungseinrichtungen getroffen. Die Marktverwaltung ging dann freilich früh an den aufkommenden städtischen Rat (s. S.99) über.

Und diesesHervortreten der Herrenist nun überhaupt das Charakteristische. Auch äußerlich sondern sie sich jetzt schärfer von der Masse ab. Seit dem 10. Jahrhundert wohnen die Herren bei den immer kriegerischeren Zeitläuften immer längere Zeit, schließlich dauernd in denBurgen, zunächst in den alten »Fluchtburgen«, die es in Sachsen noch lange gab; die Herrenhöfe in deren Nähe werden bloße Wirtschaftshöfe. Andere Herren befestigen diese selbst – anfangs bedurfte es zu Befestigungen der Einwilligung des Herrschers – oder führen, wenn ihnen keine Fluchtburg zur Verfügung steht, immer häufiger auf Bergen oder Erhöhungen Befestigungen auf, anfangs sehr einfacher Natur, legen Besatzungen hinein, folgen aber bald selbst mit den Ihrigen. Auch in der Ebene errichtet man Burgen mit Wall und Graben, meist im Schutz umgebenden Wassers. Neben königlichen und herzoglichen Burgen entstanden solche Adelsburgen erst im 11., 12. und 13. Jahrhundert zahlreicher. Es ist damit ein gewisses Heraustreten der Herren mindestens aus der landwirtschaftlichen Eigenbetätigung gegeben. Es zieht die Herrenschicht immer weniger zu dieser Arbeit, mehr zum Genuß und vor allem zumKriegsleben(s. S.36). Der Kriegsdienst ist ein besondere ritterliche Übung erfordernder Beruf geworden. Von einem Volksheer ist keine Rede mehr: den niedrigeren Leuten liegen kriegerische Interessen größtenteils fern. Immerhin ist das Dasein im ganzen noch kein friedliches; die Zeit zwingt auch die niederen Schichten, wehrhaft zu bleiben. Aus dem gleichen Sicherungsbedürfnis heraus entsteht die Burg und damit schließlich die feste Stadt. Aber in den landwirtschaftlichen Interessenkreis bleibt doch auch die Herrenschicht durchaus gebannt. Ein Teil ist mit dem Wirtschaftsleben noch tätig leitend eng verbunden; aber auch für den anderen ist doch die Grundlage des Lebens die bäuerliche Tätigkeit wenigstens der Zinspflichtigen. Mit dem wirtschaftlichen Gedeihen, mit dem Steigen der Naturallieferungen wächst dann aber die Neigung, ein bequemes Herrendasein zu führen, dieLebenshaltungüppiger zu gestalten.

Aber noch überwiegt doch, wie betont, im inneren Deutschlandzumal, der Charakter altheimischer Einfachheit. Noch lange ist dieWohnungnach germanischer Weise ausHolzgebaut. In den Dörfern mochten die Bauten zuweilen sogar dürftig sein: das niedersächsische Bauernhaus ist noch heute zum Teil ein Fachwerkbau, dessen Zwischenräume mit Lehm beworfenes Flechtwerk bildet. In den innerdeutschen Städten überwogen die Holzbauten noch bis tief ins Mittelalter. Und auch der Herrenhof zeigt zunächst den Wohnbau aus Holz, ebenso wie die Burg, für die erst die Einflüsse der Züge nach Italien und später der Kreuzzüge einen Wandel brachten. Auch dann blieben ungefüge Mauern aus Sammelsteinen noch häufig. Der Steinbau, auf dessen römischen Ursprung alle mit ihm zusammenhängenden Worte hindeuten, wie alle auf den Holzbau bezüglichen Worte (Balken, Brett, Halle u. a.) deutsch sind, dringt aus dem fränkischen Westen und dem Süden nur langsam in das Innere, d. h. zunächst nur, wie es auch dort die Regel ist, für die Pfalzen, Klöster und Kirchen. Letztere sind in Sachsen noch im 11. Jahrhundert meist aus Holz (Fachwerk). Aber das Holzhaus der Herren zeigte doch immerhin schon seinen besonderen Charakter. Wie die jetzt gewöhnliche Mehrräumigkeit an Stelle der alten Einräumigkeit zuerst im Hause der Vornehmen ausgebildet sein mag – die Absonderung einzelner Räume geschah zunächst durch Vorhänge (Wand) – und die Einräumigkeit nur noch in der Halle erhalten bleibt, so zeichnet sich dieses Haus auch sonst durch stattlichere Bauart, allmählich vielleicht durch ein steinernes Untergeschoß, bald wohl auch durch größere Seitenfenster aus.


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