XXIX. Tiere als Spielzeug.
Von jeher hat der Mensch, wie wir schon in der Einleitung dieses Buches bemerkten, jung eingefangene und sich dann leichter an seine Gesellschaft gewöhnende Tiere zu keinem andern Zweck als zu seiner und der Seinen Unterhaltung in seinen Niederlassungen gehalten. Alteingefangene Männchen von solchen Tierarten, die als eifersüchtige Nebenbuhler gern miteinander kämpfen, ließ er zu seiner Belustigung gegeneinander los und freute sich, wenn sie sich recht zerzausten. Nach Überwindung des kommunistischen Urzustandes und der Erwerbung von Besitz ging er mit seinen Genossen Wetten ein, setzte für den Gewinnenden Preise aus und erhob das Spiel zum Sport. Die Wetten bildeten später einen Hauptzweck solcher Tierkämpfe, seien die Ausübenden Grillen, Wachteln, Hähne, Gänse oder Widder. Mit der Verrohung der Massen bei durch zahlreiche Kriege an Blutvergießen gewöhnten Stämmen hatten solche Kämpfe nur Reiz, wenn sie blutig endeten und wenn möglich, auf Leben und Tod gingen. So hefteten die Malaien ihren Kampfhähnen haarscharf geschliffene Stahlklingen an ihre Sporne, mit denen sich die Duellanten sehr oft gegenseitig erstachen.
Im alten Rom wurden diese blutigen Tierkämpfe zu Massenabschlachtungen gesteigert, in denen selbst Menschen auftraten, um miteinander zu kämpfen und sich nach dem Willen des Pöbels abzustechen. Es sind dies die bekanntenGladiatorenkämpfe, die aus Fechterspielen bei Gelegenheit des Begräbnisses hervorragender Männer hervorgingen, wie sie zuerst die Etrusker und dann auch die Römer in jenen Zeiten ausübten, als auf dem Forum bei der Bestattung eines Feldherrn die Kriegsgefangenen, die er erbeutet, zu Ehren des Totengeistes des Verstorbenen auf Tod und Leben miteinander kämpfen mußten. Vielfach ließ man auch an solchen Leichenspielen schwere Verbrecher gegenseitig an sich das Todesurteil vollziehen. Das taten diese nicht ungern; denn Seneca sagt in einer seiner Episteln, daß ein solcher lieberöffentlich kämpfend in der Arena sterbe, als daß er sich in einem geschlossenen Raum hinrichten lasse. Und zu diesem Schauspiel wurde das Volk eingeladen, wie noch im 18. und 19. Jahrhundert das Henken und Köpfen vor großem Publikum geschah. Wer von diesen Verurteilten brav focht und durch seine Tapferkeit Bewunderung erregte, dem wurde vom Volke durch Akklamation das Leben geschenkt. Auch viele Kriegsgefangene und mißliebige Sklaven wurden als Gladiatoren verhandelt. Gewöhnlich standen sie bei jedem Gefecht etwa hundert gegen hundert, die einen mit großen, die andern mit kleinen Schilden, die einen mit Netz und Harpune, die anderen mit Schwert oder Dolch, alle aber mit kostbaren Helmen, vielfach aus purem Silber mit Edelsteinen eingelegt, mit Pfauenfedern als Helmbusch versehen. Zum Kampf erscholl grelle Musik, um das Stöhnen und Todesröcheln der Sterbenden zu übertönen. Die Leichen wurden fortgeschafft, frischer Sand in die Blutlachen gestreut und das Volk ging befriedigt nach Hause. Die gewandten Fechter aber, denen es gelang, solche Schlachten zu überleben, wurden die Helden des Tages und Lieblinge des Publikums, wie es heute den Stierkämpfern in Spanien ergeht, und der Festgeber beschenkte sie in der Arena selbst mit Schüsseln voll blinkenden Goldes. In der Kaiserzeit waren solche Gladiatorenkämpfe bei allen festlichen Anlässen zu sehen, und bei den viermonatlichen Siegesfesten des Trajan im Jahre 107 sollen im ganzen 10000 Mann gefochten und zum größten Teil ihren Tod gefunden haben.
Für diese Massenkämpfe und die alsbald zu besprechenden Tierhetzen wurden mit ungeheuerem Aufwand luxuriöse Arenen gebaut, die möglichst die ganze freie Stadtbevölkerung aufnehmen sollten. Denn auch die Frauen erschienen zu solchen Schauspielen und brachten selbst die Kinder mit. Während sie im Zirkus mitten unter den Männern saßen, waren sie im Amphitheater von ihnen getrennt. Rom gelangte zuerst im Jahre 29 v. Chr. durch den reichen Statilius Taurus zu einem Amphitheater. Dieser Bau wurde aber durch das meist als Colosseum bezeichnete berühmte flavische Amphitheater übertroffen, das vom Kaiser Vespasian erbaut und im Jahre 80 von dessen Sohn Titus eingeweiht wurde. Es war 185mlang, 156mbreit und 50mhoch, besaß 80 Portale und faßte 85000 Zuschauer. Die Arena selbst war 86mlang und konnte nebst dem Zuschauerraum mit einem etwa 180mlangen Zelttuche gegen die Sonne überspannt werden. Unter ihr waren weite Hohlräume, aus denen wie durch Zauber ganze Kämpfergruppen und Scharen von wilden Tieren emporgehoben werden konnten. Auchvermochte man sie unter Wasser zu setzen, um ganze Seeschlachten darin vorzuführen. Wurde des Kaisers Anwesenheit erwartet, so erschien das ganze Publikum weiß gekleidet und bekränzt. Solche Festtage waren in Rom durchaus keine Seltenheit. Hören wir doch gelegentlich, daß es dort jährlich 175 regelmäßige Spieltage gab, die außerordentlichen bei Triumphen usw. gar nicht gerechnet. Davon entfielen 10 Tage auf die Gladiatorenkämpfe, 64 auf Wagenrennen, 101 dagegen auf das Theater, in welchem vorzugsweise operettenhafte Possen, deren Coupletmelodien man auf allen Gassen pfiff, mit allerlei Anzüglichkeiten auf stadtbekannte Personen, und zweideutige Pantomimen aufgeführt wurden. Am meisten zogen beim rohen Pöbel die Fechterspiele und Tierhetzen, bei denen Blut in Strömen floß und die Arena voller Leichen lag. Das gab eine Aufregung, wenn man seltene wilde Tiere miteinander kämpfen und sterben sah! Da füllten sich schon vor Sonnenaufgang die Zuschauerränge, um ja einen guten Platz bei solchen interessanten Tierhetzen zu erhalten. Das fesselndste dieser Schauspiele waren die eigentlichen Jagden,venationesgenannt, bei denen ungeheuere Mengen von wilden Tieren von besonders dazu angestellten Leuten verfolgt und erlegt wurden. So wurden in der Kaiserzeit alle größeren Tiere der damals den Römern zugänglichen Welt nicht nur in einzelnen Exemplaren, sondern gelegentlich in ganzen Scharen dem nach Unterhaltung verlangenden Volke in der Arena vorgeführt und von gut geschulten, gut bewaffneten und von starken Hunden unterstützten Jägern, die ihr Handwerk trefflich verstanden, zum Gaudium des Pöbels kunstgerecht gejagt und schließlich abgeschlachtet. Nur seltene Tierarten wurden verschont, um späterhin abermals bei solchen Jagden auftreten zu können. Hauptsächlich waren es dem Menschen gefährliche Raubtiere, die bei diesen Jagdspielen auftraten und zur Belustigung des festfeiernden Volkes getötet wurden, so vor allem Bären, Panther, Tiger, Löwen und Hyänen, seltsamerweise aber nicht der Wolf. Der mochte für jenes Vergnügen zu gemein und wegen seiner Feigheit reizlos zum Abschlachten sein. Selten kamen harmlose große Bestien wie Flußpferde und Giraffen aus dem fernen Afrika in die Arena, um dem Volke, das damals noch keine zoologischen Gärten kannte, vorgeführt zu werden. Nach Plinius zeigte Marcus Scaurus in Rom bei den Spielen, die er als Ädil gab, das erste Flußpferd nebst fünf Krokodilen, und hatte dazu einen besonderen Teich graben lassen. Nach Dio Cassius wurde bei den feierlichen Spielen, die Kaiser Augustus gab, wiederum ein Flußpferd gezeigt und erlegt. Zur Zeit Heliogabals und der Gordiane waren in Rom im Amphitheater Flußpferde zu sehen, die damals wegen der vielen Verfolgungen schon nicht mehr in Ägypten vorkamen, sondern aus dem Lande der Blemmyer im Sudan geholt werden mußten, also zweifellos sehr teuer zu stehen kamen. Nach Plinius sah man in Rom die erste Giraffe bei den Spielen, die der Diktator Cäsar gab, und seitdem öfter. Nach Flavius Vopiscus gab es zur Zeit des Aurelian mehrere Giraffen in Rom, und zwar nach Julius Capitolinus zur Zeit der Gordiane nicht weniger als zehn. Was mögen diese Tiere, die weither vom oberen Nilgebiet bezogen wurden, bei den mangelhaften Verkehrsverhältnissen jener Zeit für eine umständliche Reise hinter sich gehabt haben, bis sie dem verwöhnten Pöbel in Rom gezeigt werden konnten!
Nach dem Geschichtschreiber Dio Cassius ließ der römische Kaiser Caligula in Rom 400 Bären auf dem Kampfplatz erscheinen und mit großen Hunden und schwerbewaffneten Gladiatoren kämpfen. Und Julius Capitolinus berichtet, daß Gordian I., als er unter Caracalla und Alexander Severus Konsul war, an einem Tage in Rom 100 libysche Bestien, an einem andern 1000 Bären im Amphitheater auftreten und töten ließ. Als er zum sechsten Male Spiele gab, wurden im ganzen 200 Damhirsche, 30 wilde Pferde, 100 wilde Schafe, 10 Elche, 100 kyprische Stiere, 300 Strauße, 30 wilde Esel, 150 Wildschweine, 200 Steinböcke und ebensoviel Antilopen dem Volke preisgegeben. Und unter seinem Enkel Gordian III. (238–244) wurden einmal in Rom 32 Elefanten, 10 Elche, 10 Tiger, 60 zahme Löwen, 30 zahme Leoparden, 10 Hyänen, 1 Flußpferd, 1 Nashorn, 10 große Löwen, 10 Giraffen, 20 wilde Esel, 40 wilde Pferde und noch zahllose derartige Tiere auf die Arena geführt und bei den Jagdspielen getötet.
In seiner Biographie des Kaisers Probus (276–282) schreibt Flavius Vopiscus: „Probus gab im Zirkus ein ungeheures Jagen und überließ dem Volke die Tiere. Dabei verfuhr er so: Erst ließ er von Soldaten entwurzelte Bäume im Zirkus pflanzen und wartete ab, bis sie mit grünem Laube prangten. Als nun der Wald fertig war, wurden alle Zugänge geöffnet: Es kamen 1000 Strauße in die Arena hinein, dann 1000 Hirsche, 1000 Wildschweine, 1000 Antilopen, Steinböcke, wilde Schafe und andere graßfressende Haartiere, soviel man hatte auftreiben und füttern können. Jetzt wurde auch das Volk hereingelassen und jeder packte und behielt, was ihm beliebte. Am folgenden Tage ließ er im Amphitheater auf einmal 100 mit Mähnen prangende Löwen los, deren Gebrüll wie Donner rollte. Sie wurden sämtlich mit sarmatischen Speeren erlegt. Nach ihnen traten 100 libysche Leoparden auf, dann 100 syrische, ferner 100 Löwinnen und 300 Bären. Übrigens war das ganze Schauspiel mehr großartig als hübsch.“
Nach Plinius hat zuerst Quintus Scaevola als Ädil mehrere Löwen in Rom kämpfen lassen. Dann ließ Lucius Sulla, der spätere Diktator, als Prätor zuerst 100 alte bemähnte Löwen kämpfen, später Pompejus in der Rennbahn 600 Löwen, worunter 315 mit Mähnen, und Cäsar als Diktator 400 Löwen. Gezähmte Löwen hat nach demselben Autor zuerst Marcus Antonius, der Triumvir, vor den Wagen gespannt, und zwar nach der Schlacht bei Pharsalos, wo er von Augustus besiegt worden war. Nach Dio Cassius gab Pompejus bei der Einweihung des von ihm erbauten Theaters außer Wettrennen, Schauspielen, Konzerten und gymnastischen Spielen auch Tierhetzen im Amphitheater, wobei in der Zeit von fünf Tagen 500 Löwen erlegt wurden und 18 Elefanten mit bewaffneten Männern kämpften. Und Julius Capitolinus berichtet, daß bei Jagdspielen, die Kaiser Antoninus Pius (der Adoptivsohn Kaiser Hadrians, regierte von 138–161) gab, Elefanten, gefleckte Hyänen, Krokodile, Flußpferde, Tiger und andere Tiere aus allen Weltgegenden auftraten. Damals wurden auf einmal 100 Löwen auf den Kampfplatz gelassen.
Wie an den morgenländischen Fürstenhöfen gab es gelegentlich auch im Kaiserpalast in Rom gezähmte große Raubtiere als Begleiter der Cäsaren, wie am Schlusse des XII. Abschnittes über die Katzen berichtet wurde. Die sich als Götter fühlenden halbverrückten Kaiser, wie Caracalla (212–217) und Heliogabalus (218–223) ließen sich wie die ihnen vorschwebenden Vorbilder aus dem Olymp gelegentlich von bestimmten wilden Tieren auf ihrem Zweigespann ziehen, so ersterer von Löwen mit der Behauptung, er sei die Göttin Cybele, die man sich von Löwen gezogen vorstellte, und letzterer nach Lampridius von Tigern als angeblicher Bacchus; der Tiger war ja mit seinem buntgefleckten Fell das Leibtier jenes angeblich aus Indien nach den Mittelmeerländern gekommenen Gottes der Fruchtbarkeit und des Lebensgenusses. Älian sagt, daß unter den Geschenken, welche die Inder ihrem Könige darbringen, auch zahme Tiger seien. Aus Indien gelangten solche auch nach Westasien und in den Machtbereich des römischen Reichs. Nach Plinius hat Pompejus den ersten zahmen Tiger, den er aus Kleinasien im Jahre 63 v. Chr. mitbrachte, zu Rom in einem Käfig gezeigt. Nach ihm zeigte Claudius, der Stiefsohn des Augustus, der nach Caligulas Ermordung im Jahre 41 von den Prätorianern zum Kaiser ausgerufen wurde, deren vier zu gleicher Zeit. Afrikanische Panther durften nach einem alten Senatsbeschluß nicht nach Italien gebracht werden. Doch setzte nach Plinius der Volkstribun Cnäus Aufidius beim Volke ein Gesetz durch, wonach sie wenigstens zur Verwendung bei Jagdspielen im Amphitheater nach Rom gebracht werden durften. Scaurus habe als Ädil zuerst 150 nach Rom kommen lassen, dann Pompejus 410 und der vergötterte Augustus 420. Alle wurden bei Jagdspielen im Zirkus Maximus zur Unterhaltung des römischen Plebs getötet.
Derselbe Autor sagt, daß Pompejus zum erstenmal den nordischen Luchs bei den zirzensischen Spielen in Rom vorführte. Sein Beispiel ist späterhin kaum je nachgeahmt worden, da dieses Tier zu klein ist, um Aufsehen zu erregen, was doch der Hauptzweck dieser Tierkämpfe war. Dagegen war, wie oben geschildert, der grimmige Bär ein dankbares Objekt, das besonders in der Arena der nördlich der Alpen gelegenen Theater, die dieses Tier aus den ausgedehnten Wäldern der Umgebung sich leicht verschaffen konnten, häufig aufzutreten hatte und von Hunden gehetzt wurde und mit Menschen kämpfte. Auch dieses Tier hat sich wenigstens ein Kaiser zu seinem Liebling erwählt. Es war dies der aus Pannonien gebürtige Valentinian I. (364–375), ein sonst tüchtiger Regent und Krieger. Von ihm erzählt der Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus: „Kaiser Valentinianus hielt sich zwei Bären, die er mit Menschenfleisch fütterte. Den einen derselben nannte er Goldkrümchen, den andern Unschuld. Diese Bestien wurden aufs allerbeste verpflegt; ihre Käfige standen neben dem Wohnzimmer des Kaisers (er residierte in Mailand) und treue Wärter mußten für ihre Wohlfahrt sorgen. Endlich ließ er die Unschuld, nachdem sie vor seinen Augen eine große Anzahl Menschen gefressen hatte, zur Belohnung dieses guten Dienstes im Walde frei.“
Zur Kurzweil der mächtigen Herren der Welt wurden in den Palästen Roms neben gezähmten Raubtieren auch zahme Affen und Papageien gehalten. Nach dem Griechen Älian war der Affe beliebt, „weil er herrlich nachahmt und allerlei Verrichtungen leicht lernt, so z. B. tanzen und die Flöte spielen. Ja, ich habe einen gesehen, der die Zügel hielt, die Peitsche schwang und kutschierte. An schlimmen Streichen läßt’s der Affe auch nicht fehlen, namentlich wenn er den Menschen nachahmen will. Beobachtet er z. B. von fern eine Amme, wie sie ein Kind badet, so paßt er auf, wo sie es dann hinlegt, schlüpft, wenn die Stube leer ist, zum Fenster hinein, holt das Kindchen ausdem Bett, legt es in die Wanne, holt siedendes Wasser vom Feuer, begießt damit das unglückliche Geschöpf und tötet es so auf eine jämmerliche Weise.
In Indien gehen die Paviane in Tierfelle gekleidet, sind gerecht, tun niemandem was zuleide, sprechen nicht, heulen aber und verstehen die Sprache der Inder. Sie fressen das Fleisch wilder Tiere, halten sich auch Ziegen und Schafe und trinken deren Milch. Zur Zeit der Ptolemäer lehrten die Ägypter den Pavian buchstabieren, auf der Flöte oder auf einem Saiteninstrument spielen. Das Tier ließ sich auch seine Mühe bezahlen und steckte, wie ein geübter Bettler, den Lohn in ein angehängtes Ränzchen. Bekommt so ein Pavian Mandeln, Eicheln, Nüsse und dergleichen, so knackt er sie auf, wirft die Schale weg und frißt den Kern. Er trinkt auch Wein und labt sich ganz gehörig an gesottenem und gebratenem Fleisch, wenn er’s bekommt. Zieht man ihm ein Kleid an, so schont er es. Hat man ein ganz junges Paviänchen, so kann es gesäugt werden wie ein Kindchen. — Klitarchos (ein Begleiter Alexanders des Großen) erzählt, es gebe in den indischen Gebirgen so große Affen, daß Alexander samt seinem Heere nicht wenig erschrak, als er plötzlich eine Menge solcher Affen sah und sie für eine feindliche Armee hielt. Um sie zu fangen, ziehen die Jäger vor ihren Augen Schuhe an, lassen dann aber die Schuhe stehen, die aus Blei gefertigt und also schwer sind, zugleich auch Schlingen enthalten. Man erzählt auch noch allerlei andere Dinge von Affen, die für gescheite Leute recht interessant sind.“ Auch Plinius weiß allerlei Merkwürdiges von den Affen zu erzählen. Er sagt von ihnen unter anderem: „Die Affen kommen der menschlichen Gestalt am nächsten. Ihre Klugheit setzt in Erstaunen. Nach Mutianus sollen sie sogar Schach spielen und die Figuren unterscheiden lernen. Die geschwänzten Affen sollen bei abnehmendem Monde traurig sein, den Neumond aber mit Jubel begrüßen. Mond- und Sonnenfinsternisse fürchten sie gleich andern Tieren. Haben sie in der Gefangenschaft Junge bekommen, so tragen sie diese herum, zeigen sie allen und freuen sich, wenn sie liebkost werden. Meist ersticken sie die Jungen durch allzu zärtliche Umarmungen.“ Daher die noch bei uns gebräuchliche Redensart von der Affenliebe. Einst soll ein Affe auch künftiges Geschehen vorausverkündet haben, wie uns der beredte Cicero in seinem Buche über Prophezeiungen erzählt: „Als die Spartaner vor der Schlacht bei Leuktra (in Böotien südwestlich von Theben, wo 371 v. Chr. die Thebaner unter Epameinondas über die Spartaner unter Kleombrotos siegten) Gesandte nach Dodona schickten, dort den Jupiter zu fragen, ob Sieg zu hoffen sei, da prophezeite ihnen ein Affe schweres Unglück. Die Sache verhielt sich so: Als die Gesandten die Urne zurechtgestellt hatten, worin sich die Lose befanden, kam der Lieblingsaffe des Königs der Molosser und warf die Lose und alles, was zum Losen gehörte, nach allen Seiten hin auseinander. Darauf sprach die Priesterin des Jupiter die Worte: ‚Denkt nicht an Sieg, ihr Lakedaimonier, denkt nur an eure Rettung!‘“
Nach den vorhin aus den Angaben der alten Autoren mitgeteilten Tatsachen läßt sich ersehen, welch ungeheurer Verbrauch von wilden, aber auch gezähmten Tieren aus allen damals den Römern erreichbaren Weltgegenden besonders in der Hauptstadt, aber auch in den Provinzialstädten, die hinter jener nicht zurückbleiben wollten, jährlich stattfand, alles nur zur Unterhaltung und zum Vergnügen des Volkes, das in Rom ohne ernsthafte Beschäftigung, von den Machthabern gefüttert und verwöhnt, nach Brot und Zirkusspielen (panem et circenses!) schrie. Dort in der Hauptstadt war stets so viel los, daß der Dichter Juvenal sagen konnte: „Deshalb trauert, wer aus Rom auswandert!“
Trotz aller unbeschreiblichen Grausamkeiten, die dabei geübt wurden, ist aber doch anzuerkennen, daß die Römer mit ihren Tierhetzen zugleich auch ein unvergleichliches Kulturwerk leisteten. Wenn allein Kaiser Augustus während seiner allerdings 45jährigen Regierungszeit nicht weniger als 3500 afrikanische Tiere an den Spielen in Rom umbringen ließ, wenn bei einer einzigen Hetze des Pompejus 500 Löwen umkamen und der Betrieb so bis ins 5. Jahrhundert andauerte, so summiert sich das schließlich zu Millionen. Darunter waren weit mehr schädliche als nützliche Tiere, und zwar große Raubtiere. So geschah es, daß alle Provinzen des ausgedehnten Reiches von den großen Raubtieren, die süd- und westdeutschen Wälder von den Bären planvoll gesäubert und dadurch erst der friedlichen Kultur erschlossen wurden. Dafür sind die auf deutschem Boden ausgegrabenen Mosaikfußböden — so beispielsweise auch das von uns wiedergegebene schöne Mosaik in Bad Kreuznach, etwa aus dem Jahre 300 n. Chr. — denkwürdige Monumente, wenn sie uns wie dort den Bären in der Arena von Schwerbewaffneten angegriffen zeigen.
In Pompeji hat man mehrere Anschläge (programmata) vorgefunden, durch welche dergleichen Tierhetzen angekündigt wurden. Sie waren mit roten Buchstaben auf die geweißten Mauern der Stadttoregeschrieben. Um nun immer wieder neue Anzeigen darauf schreiben zu können, wurden letztere öfters neu geweißt. Ein solches in Pompeji aufgefundenes Programm besagt: „Die Gladiatorentruppe des Ädilen Aulus Svettius Cerius wird zu Pompeji am 31. Mai (79 n. Chr.) kämpfen; es wird eine Tierhatz geben und das Amphitheater wird mit Tüchern beschattet sein (familia gladiatoria pugnabit — venatio et vela erunt).“ Ein anderes zeigt folgendes an: „Die Gladiatorentruppe des Numerius Popidius Rufus wird am 29. Oktober (79) zu Pompeji kämpfen; es wird eine Tierhatz geben.“ Tücher zum Schattenspenden werden da keine erwähnt, da die Sonne im Spätherbst nicht mehr zu heiß schien, und nur für sie, nicht für etwaigen Regen, waren jene über die Arena und die Zuschauerplätze ausgespannten Tücher bestimmt. Allerdings kam diese hier angekündigte Schaustellung nicht mehr zustande, da bekanntlich jene etwa 30000 Menschen beherbergende blühende Landstadt Kampaniens im August durch einen fürchterlichen Aschenregen des Vesuvs verschüttet wurde. Bei den 1748 begonnenen, oft unterbrochenen, erst seit 1860 mit Energie wieder aufgenommenen Ausgrabungen, wobei bisher erst ein Drittel der Stadt aufgedeckt wurde, fand man am Amphitheater die sich nach derarena, dem Kampfplatze hin öffnenden Zwinger für die wilden Tiere nebst den für die Fechter bestimmten Räumen gut erhalten. An der Brustwehr waren noch inzwischen von der Witterung zerstörte Bilder, welche den Kampf zwischen Löwe und Pferd, Bär und Stier, Tiger und Eber vorstellten. Man fand in jenem Amphitheater eine ziemliche Menge Einlaßbilletts in Gestalt kleiner Knochenplatten, die die Nummer des betreffenden Platzes rot aufgemalt trugen.
Mit dem Verfall des Römertums hörten diese Jagdspiele auf; doch vergnügten sich die großen Herren noch im Mittelalter gelegentlich damit, in eigenen Tiergärten großgezogene Bären mit großen Doggen kämpfen zu lassen. Besonders war solches am sächsischen Hofe unter dem Kurfürsten August dem Starken (1670–1733), dem späteren König von Polen der Fall. Flemming erzählt, daß im Jahre 1630 im Schloßhofe in Dresden binnen acht Tagen drei Bärenhetzen stattfanden. In den beiden ersten mußten sieben Bären mit Hunden, im dritten aber mit großen Keilern kämpfen, von denen fünf auf dem Platze blieben. Die Bären wurden außerdem durch Schwärmer gereizt und vermittelst eines ausgestopften roten Männchens genarrt. Gewöhnlich stachen die großen Herren selbst die von den Hunden festgehaltenen Bären ab; August der Starke pflegte ihnen aber den Kopf abzuhauen.Mit der Verfeinerung der Sitten kamen aber diese rohen Schauspiele glücklicherweise allmählich ab.
Tafel 69.Das etwa aus dem Jahre 300 n. Chr. stammende schöne Mosaik in Bad Kreuznach (Hüffelsheimerstraße 26), das uns Gladiatoren- und Tier-, besonders Bärenkämpfe in der Arena zeigt.⇒GRÖSSERES BILD
Tafel 69.
Das etwa aus dem Jahre 300 n. Chr. stammende schöne Mosaik in Bad Kreuznach (Hüffelsheimerstraße 26), das uns Gladiatoren- und Tier-, besonders Bärenkämpfe in der Arena zeigt.
⇒GRÖSSERES BILD
Tafel 70.Eine Ochsen- und Bärenhatz, wie sie von der Zunft der Metzger bis ins 18. Jahrhundert hinein im Fechthause zu Nürnberg abgehalten wurde.(Nach einem zeitgenössischen Stich.)
Tafel 70.
Eine Ochsen- und Bärenhatz, wie sie von der Zunft der Metzger bis ins 18. Jahrhundert hinein im Fechthause zu Nürnberg abgehalten wurde.(Nach einem zeitgenössischen Stich.)
Englisches Derbyrennen in Epsom zu Anfang des 19. Jahrhunderts.(Nach einer zeitgenössischen Lithographie.)
Englisches Derbyrennen in Epsom zu Anfang des 19. Jahrhunderts.(Nach einer zeitgenössischen Lithographie.)
Wie Gladiatoren- und Tierkämpfe, ebenso der unfeine Mimus und Pantomimus Ausflüsse des ungebildeten Römertums waren, so bildeten die Griechen die nationalen Ringkämpfe und Wettrennen, wie auch das feinere Theater aus. Hier soll nur von den Pferderennen die Rede sein. Schon bei Homer finden wir in der Ilias bei Gelegenheit der Leichenfeier von Achilleus’ Freund Patroklos ein Wagenrennen für Zweispänner veranstaltet, wobei Achilleus Starter und Richter und Phoinix Kontrolleur am Wendeposten war. Fünf namhafte Griechen fuhren bei diesem ausgesprochenen Herrenfahren, bei dem schon eifrig gewettet wurde. Als erster Preis figurierte ein Weib „kundig untadeliger Arbeiten“ und ein gehenkelter, 22 Maß fassender Dreifuß, als zweiter Preis eine 6jährige, mit einem Maultier trächtige Stute, als dritter ein neuer viermaßiger Silberkessel, als vierter zwei Talente Gold und als fünfter eine neue Doppelschale.
Bild 64. Zweispänniger Rennwagen von einer griechischen Vase des 7. Jahrhunderts v. Chr.
Bild 64. Zweispänniger Rennwagen von einer griechischen Vase des 7. Jahrhunderts v. Chr.
In der Folge treffen wir das Rennfahren an den vier nationalen Spielen, den olympischen, pythischen, nemeischen und isthmischen, die alle vier oder zwei Jahre abgehalten und von ganz Griechenland beschickt werden. Dabei wurden nur Hengste verwendet, die in Kategorien von über und unter fünf Jahren eingeteilt wurden. In Olympia wurden acht verschiedene Rennen gefahren, und zwar in der Rennbahn, die so gebaut war, daß die Zuschauer den ganzen Verlauf desKampfes verfolgen konnten. Dabei mußten die Konkurrierenden außer den beschworenen neun Monaten heimatlichen Trainings einen Monat in Olympia selbst geübt haben. Und bei diesen Übungen wurden alle minderwertigen Gespanne ausgeschaltet, so daß nur bestes Material zum Wettrennen kam. Das Hauptrennen bestand in einem Wagenrennen mit vier Hengsten über fünf Jahre, wobei in gestrecktem Galopp zwölf Umläufe der Rennbahn, im ganzen 18,5kmgefahren werden mußten. Dann kam ein Wagenrennen mit zwei Hengsten über fünf und ein solches mit vier Hengsten unter fünf Jahren, wobei acht Umläufe, d. h. 12,3kmgefahren werden mußten. Nachher folgte ein Wagenrennen mit zwei Hengsten unter fünf Jahren mit drei Umläufen, d. h. 4,6km, ein Reitrennen auf Hengsten von über fünf und ein solches auf Hengsten von unter fünf Jahren mit sechs Umläufen, d. h. 9,3km. Endlich kam ein Reitrennen auf Stuten, wobei der Reiter beim letzten Umlauf abspringen und zu Fuß nebenher laufen mußte, und zum Schlusse ein Wagenrennen mit Maultieren. Dadurch, daß der Besitzer und nicht der Fahrer den Hauptruhm erntete, legten mehr reiche Leute Geld in die Pferdezucht, auch wenn sie selbst nicht rennen wollten. Um vier gute Rennen zu erhalten, mußte der Sportsmann mindestens zehn Pferde züchten oder kaufen, und aus dieser Zahl wurde nach sorgfältigem Trainieren das beste Material ausgewählt. Dabei mußten auch für die Wagenrennen die Pferde zuerst durch Bereiten ausgebildet werden, um ein gleichmäßiges, andauerndes Reiten im Galopp, eine leichte Wendsamkeit und den disziplinierten Gehorsam zu erreichen.
Von den Griechen Unteritaliens übernahmen dann die Römer die Wagenrennen zumeist mit dem Viergespann. Zu Ende der Republik und namentlich zur Kaiserzeit bildete das Schauspiel der Wettrennen im Zirkus eine wichtige Art der Unterhaltung des Stadtrömers. Für diese diente der in der Senkung zwischen Aventin und Palatin gelegene Zirkus Maximus von 650mLänge, in welchem im 4. Jahrhundert etwa 270000 Zuschauer auf lauter Marmorsitzen Platz fanden. Die von einem Wassergraben umgebene Rennbahn war durch einespinagenannte Mauer in zwei Teile geteilt und besaß am Ende die gefürchtetenmetae, je drei freie Kegelsäulen aus Goldbronze, an denen die Wagen bei zu knappem Heranfahren nur zu leicht zerschellten. An den Spieltagen gab es 20–24 Wettfahrten, wobei der leichte zweiräderige Wagen von vier meist 3–5jährigen Hengsten gezogen wurde. Die besten Renner kamen aus Spanien, Sizilien, Kappadozien und Afrika, d. h. Algerien. Das Hauptpferd des Quadriga war das an der Außenseite laufende; ihre Namen sind uns zu hunderten erhalten, wie auch derjenigen berühmter Berufskutscher, zu denen junge, leichte Leute genommen wurden. Ja, schon zehnjährige Knaben produzierten sich als Rennfahrer und führten das Viergespann mit Erfolg zum Ziel. Siebenmal mußte die Bahn durchlaufen werden, wobei die Kutscher der verschiedenen Quadrigen in Röcke von verschiedener Farbe gekleidet waren. Um die Brust trugen sie den aus Leder und Schnüren verfertigten Wagenlenkerverband, der sie bei einem Sturze vor Rippenbrüchen schützen sollte; in ihrem Gürtel stak ein scharfes sichelförmiges Messer, um im Falle der Gefahr die Zügel, die sie um den Leib geschlungen hatten, zu durchschneiden. Auf dem Kopfe hatten sie eine schützende Lederkappe; in der Rechten hielten sie die kurze Peitsche aus Leder und in der Linken die Zügel.
Bild 65. Wettfahren mit dem Viergespann bei der Leichenfeier des Peltas. Links sitzen die Preisrichter und vor ihnen stehen die als Preise ausgesetzten drei Dreifüße. Darstellung von einer griechischen Vase des 6. Jahrhunderts v. Chr.
Bild 65. Wettfahren mit dem Viergespann bei der Leichenfeier des Peltas. Links sitzen die Preisrichter und vor ihnen stehen die als Preise ausgesetzten drei Dreifüße. Darstellung von einer griechischen Vase des 6. Jahrhunderts v. Chr.
Bei der Eröffnung eines jeden Rennens wurden zuerst die Statuen der Götter Roms und der vergöttlichten Kaiser in feierlicher Prozession durch den Zirkus getragen, und das Volk huldigte jedem Bilde durch Zuruf. Dann zog der festgebende Beamte oder Kaiser wie ein Triumphator durch die Bahn, nahm den Ehrensitz ein und gab das Signal zum Beginn des Rennens, indem er aus seiner Loge ein Tuch herabwarf. Auf die besten Renner, deren Namen und Stammbaum jeder Habitué kannte, wurde eifrig gewettet. Weit vorgebeugt standen die Rennfahrer auf den leichten zweirädrigen Wagen und belauerten die Gegner, hielten anfänglich zurück, um dann plötzlich vorzufahren und dem nächsten Fahrer mit ihrem Wagen den Weg zu verlegen, nicht selten auch mit Peitschenhieben aufeinander loszuhauen. Die zahlreichen Unfälle machten eben den Reiz dieser Fahrten aus. Die Wagen zerschlugen sich und die Fahrer wurden von den Nachfolgenden überfahren oder von ihren eigenen Pferden geschleift, wenn sie nicht rechtzeitig mit ihren Sichelmessern die Zügeldurchzuschneiden vermochten. Den Gipfel der Bravour aber erstiegen jene Rosselenker, die nach dem Verluste des eigenen Wagens nach Herunterschlagen des Gegners mit dessen Gespann siegten.
Diese Rosselenker hatten etwas barbarisch Heldenhaftes. Wir haben Grabinschriften von solchen, die über 2000 Siege davontrugen. Der Kutscher Scorpus wird von Martial als das Entzücken Roms besungen; die Todesgöttin, sagt er von ihm, habe seine Siege mit seinen Lebensjahren verwechselt und so sei er schon als Jüngling gestorben. Ein anderer, Eutychus, ist für uns denkwürdig, weil der römische Fabeldichter Phädrus, ein Freigelassener des Augustus, ihm seine dem Griechen Äsop nachgedichteten Fabeln widmete. Eine Fülle von Bildsäulen wurde diesen Leuten errichtet, und Kaiser Heliogabalus machte den Kutscher Cordius unmittelbar zum Kommandanten der Feuerwehr. Dieser Kaiser ließ auch Quadrigen von Kamelen laufen und gar den großen Wassergraben des Zirkus mit Wein füllen und darauf allerlei Schiffskämpfe ausführen.
In der Blütezeit der Wagenrennen waren nicht einzelne Private, sondern Gesellschaften oder Klubs die Besitzer der Gespanne. Anfangs waren es zwei, dann vier Parteien, die sich Ställe hielten und Kutscher mieteten. Letztere waren meist Unfreie oder, wenn sie Freigelassene waren, fuhren sie um Geld für diejenige Partei, die ihnen am meisten bezahlte. Ihre enggeraffte ärmellose Tunika zeigte weithin die Farbe der Partei, für die sie fuhren. Im Laufe der Zeit gingen die Erfolge der Weißen und Roten mehr und mehr zurück, während die Blauen und Grünen sich der größten Popularität erfreuten. Auch die Kaiser waren vielfach leidenschaftlich an dieser Begeisterung für einzelne Parteien beteiligt, so Vitellius und Caracalla für die Blauen, Nero und Domitian für die Grünen. Und als nach der Teilung der beiden Reichshälften der Sitz der Regierung von Rom nach Byzanz verlegt wurde, gingen die Kämpfe zwischen den Blauen und Grünen hier weiter, so daß durch sie nicht nur Straßenaufläufe, sondern eigentliche Palastrevolutionen hervorgerufen wurden. Das ganze Volk verfolgte mit leidenschaftlichem Interesse die Vorgänge auf der Rennbahn. Von ihrer bronzenen Tribüne pflegten die Herrscher von Byzanz dem Kampfe zuzusehen. In den Pausen zog sich dann der Hof zur Mahlzeit zurück. Aber derjenige Kaiser, der dabei auf die Genüsse der Tafel zu viel Zeit verwendete, setzte damit seine Popularität aufs Spiel; denn dann wurde das Volk ungeduldig, begann zu murren und schließlich ertönte der Ruf: „Erhebe dich endlich, du unsere Sonne, undgib das Zeichen.“ Denn das war das am meisten beneidete Vorrecht des Kaisers, daß er mit einer Handbewegung das Zeichen zum Start geben mußte.
Wie in Rom gab es auch selbst unter den vornehmen Geistlichen von Byzanz eigentliche Pferdenarren. Ein solcher war auch der Patriarch Tophanes, der für seinen Marstall eine Reihe prunkvoll ausgestatteter Ställe besaß, in denen selbst die Krippen aus massivem Silber gearbeitet waren. Ein Heer von Dienern sorgte für das Wohlbefinden der Pferde, streute ihnen nicht nur Heu und Gerste, sondern Datteln, Feigen, Rosinen und andere Leckerbissen in die Krippen. Die Ställe wurden mit kostbaren Wohlgerüchen parfümiert und die Pferde auch in Wein gebadet. Wie weit die Leidenschaft dieses Kirchenfürsten für seine Pferde ging, zeigt ein charakteristischer Vorfall. Eines Tages zelebrierte er in der Sophienkirche (Hagia Sophia) das Hochamt. Plötzlich sah man den Prälaten den Altar verlassen, verschwinden und Kaiser und Volk in der Kirche stehen lassen. Was war geschehen? Ein Eilbote hatte dem hohen Herrn die Kunde gebracht, daß sein Lieblingspferd einem Füllen das Leben gegeben habe. Da litt es ihn nicht länger in der Kirche. Er unterbrach seine geistliche Handlung und eilte sofort nach den Ställen, um sich von dem Vorfall selbst zu überzeugen.
Bild 66. Griechischer Rennleiter von einer um 550 v. Chr. gemalten Vase.
Bild 66. Griechischer Rennleiter von einer um 550 v. Chr. gemalten Vase.
Hatten schon die Griechen das Wettreiten dem Wettfahren hintangestellt, so taten es die Römer noch mehr. Jene Südländer waren eben kein Reitervolk gewesen, wie etwa die Hunnen und Germanen; ihnen wäre auch ein einfaches Wett- oder Hürdenrennen zu reizlos und undramatisch gewesen. Um diese rohen Gemüter zu erfreuen, brauchte es schon stärkerer Reizmittel als solche harmlose Reiterkünste. Den alten Deutschen dagegen war das Pferd als Fortbewegungsmittel in Krieg und Frieden gleich wichtig. Erst in der Zeit der Völkerwanderung kamen bei ihnen Sättel in Gebrauch, auf die man zumweicheren Sitzen auch noch Decken oder Kissen legte. Während man früher nur auf Trense ritt, wurde in der Ritterzeit die Kandare, oft mit sehr langem Hebelarm, üblich. Seit der Merowingerzeit wird der Steigbügel und der Sporn mit einfacher Spitze wie bei den alten Römern gefunden. Öfter findet sich in den Gräbern jener Zeit nureinSporn, und zwar am linken Fuße, um das Pferd zu einer Schwenkung nach rechts zu veranlassen, weil man so dem Feind seine durch den Schild geschützte linke Seite zukehrte. Schon Tacitus sagt in seiner Germania von den germanischen Pferden: „Sie werden nicht gelehrt, verschiedenartige Wendungen nach unserer Art zu machen, sondern man läßt sie geradeaus oder mit einer Schwenkung nach rechts laufen.“ Zu der Ritterzeit hatte man dann stets zwei Sporen, und zwar vom 12. Jahrhundert an mit Rädchen. Solange der Kettenpanzer nur den Mann bedeckte, kam man mit den feingebauten warmblütigen Schlägen aus. Erst als die Ritter sich nicht nur selbst in schwere Eisenrüstungen kleideten, sondern auch ihre Pferde in solche steckten, war man wegen des zu tragenden schweren Gewichts darauf angewiesen, kräftige kaltblütige Schläge zu bevorzugen. Auf diesen zogen die Ritter in ihren Plattenpanzern wie in den Krieg so auch zum friedlichen Scheinkampf, zumTurnier. Dieses, ursprünglich der Turnei, vom Französischenle tournoi— vontourner, mit dem Pferd einen Kreis beschreiben — genannt, kam mit dem ganzen Apparat der Ritterschaft aus Frankreich, das, von der altrömischen Kultur befruchtet, früher als Deutschland zur Kulturblüte gelangte. In Deutschland ist das erste Turnier 1127 in Würzburg abgehalten worden. Es wurde von Fürsten oder vornehmen Gesellschaften veranstaltet und war nur dem Adel zugänglich. In prunkvollem Aufzuge, den feurigen Hengst mit einer Decke (covertiure) in denselben Farben und mit denselben Wappenbildern wie der Waffenrock des Ritters geziert, fand man sich mit seinem Gefolge zum ritterlichen Kampfspiel an dem Orte ein, wohin die Einladung rief. Dabei fanden sich auch allerlei fahrende Sänger und Gaukler, wie zu jedem Feste im Mittelalter, ein, und schöngeschmückte, edle Frauen sahen von Tribünen dem Spiele zu.
Im ausgebildeten Turnier unterschied man drei verschiedene Waffenübungen. 1. Den mit französischem Namen bezeichneten Buhurt, ein Reitergefecht in Gruppen, ohne Rüstung und mit ungefährlichen Waffen. Im Nibelungenlied erscheint er noch als die Hauptsache. 2. Den Tjost, später das Stechen genannt, das dem Ritterideal am meisten entsprach und in den Ritterepen immer mit besonderer Vorliebe geschildert wird, das vom Erneuerer des Rittertums, König Maximilian I., mit Vorliebe gepflegt wurde. Der Tjost bestand in dem Kampf zwischen zweien, die in schwerer Rüstung mit eingelegter Lanze mit eigentümlicher stumpfdreizackiger Krone an der Spitze aufeinander losrannten und sich gegenseitig aus dem Sattel zu werfen suchten. Trotz dem Plattenpanzer und dem das ganze Gesicht bedeckenden Helm gab es da gelegentlich nicht ungefährliche Verletzungen, wie Knochenbrüche und Augenauslaufen, so daß ein gewisser Mut zu solchem Stechen gehörte. 3. Das eigentliche Turnier, das den Schluß und die Hauptsache der ganzen Veranstaltung bildete. Es war eine Art Kavalleriemanöver, wobei die Gesamtmasse der Ritter in zwei gleichwertige Hälften geteilt wurde, die unter den dazu bestimmten Kommandierenden gegeneinander kämpften. Dabei wurde zuerst mit der Turnierlanze, dann mit dem stumpfen oder durch einen Stock ersetzten Schwerte, erst zu Pferd, dann zu Fuß gefochten. Nach dem Urteil des Schiedsgerichts wurden die Sieger ausgerufen und empfingen von zarter Hand ihren Ehrenpreis. Später wurden verschiedene Varianten des Tjostierens und Turnierens unterschieden, wie das Buntrennen, das Offenrennen, das geschift Scheibenrennen, das geschift Tartschenrennen, das wälsche Rennen in dem Armetin (einer bestimmten Helmart), das loblich gemain deutsch Stechen (mit dem Krönlein, der stumpfdreizackigen Lanze), das Stechen im hohen Zeug und im geschlossenen Sattel und anderes mehr. Das letzte echte Turnier in Deutschland fand 1487 in Worms statt.
Wenn auch noch im 17. Jahrhundert Schauturniere gelegentlich an einigen Höfen Deutschlands stattfanden, so war doch mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts die Zeit dieser ritterlichen Kampfspiele des Mittelalters endgültig vorbei. Man begnügte sich nach italienischem Vorbild der Renaissancezeit mit allerlei Figurenreiten, malerischen Aufzügen und Quadrillen. Dieses Figurenreiten war von den Arabern und Sarazenen ausgegangen und kam mit der Bezeichnungcaracolo, d. h. Wendung im Kreise (aus dem Arabischenkarak) nach Italien, gelangte dann alscarousselzu den Franzosen und von da zu den übrigen Kulturvölkern Europas. Man versteht darunter ein Evolutionsspiel zu Pferde, bei dem das Kreise- und Achterfigurenbeschreiben eine große Rolle spielte. Diese Reitübungen förderten in der Folge sehr die Beweglichkeit und Feldtüchtigkeit der Reiterei, so daß sie teilweise noch bis in unsere Zeit beibehalten wurden.
Dieseskarakder Araber, das speziell die Mauren pflegten, isteines der Reiterspiele, wie sie bei allen Völkern, die Pferde halten und zum Reiten benutzen, seit dem hohen Altertume beliebt waren. Diese Reiterspiele stehen gewöhnlich in unmittelbarer Beziehung zur Kampfmethode des betreffenden Volkes und sollten in erster Linie dazu dienen, die Kriegstüchtigkeit der Jungmannschaft zu erhöhen. So treffen wir schon bei den alten Griechen den beliebten altdeutschen kriegerischen Tanzpyrrhiche, den die Knaben im 15. Jahre erlernten und in welchem unter Flötenklang alle Bewegungen und Verrichtungen, die beim Kampfe vorkommen, rhythmisch nachgeahmt wurden. Später wurden solche Übungen auch zu Pferde vorgenommen. Damit übten sich besonders die Reiter, als Vorbereitung für die wirkliche Schlacht. Als dann die Römer mit der griechischen Kultur bekannt wurden, übernahmen sie dieses Kunstreiten mit Waffen und bildeten es bei ihrer Reiterei weiter aus. Diese Gelegenheit, prächtige Pferde und gelenkige Beweglichkeit vor bewundernden Zuschauern zu zeigen, ließen sich die vornehmen römischen Stutzer nicht entgehen. Von Beginn der Kaiserzeit bis zum Fall des römischen Reichs wurde dieses Kriegsspiel zu Pferd gern als Schaustellung vorgeführt und hieß späterludus trajanus, weil Kaiser Trajan dies besonders begünstigte und neue Variationen dabei einführte. Eine lebendige Beschreibung desselben findet sich in Claudians Lobgedicht auf das Konsulat des Honorius; dann finden wir es gelegentlich auf Inschriften erwähnt und auf Gemmen und Münzen abgebildet, als Beweis dafür, wie beliebt es war. Nach Überschwemmung des weströmischen Reiches durch die germanischen Barbarenhorden, pflegte Ostrom dieses Erbe weiter, und so treffen wir dieses Reiterspiel in Byzanz mit allerlei persischen Ausschmückungen im sogenannten Ringstechen, bei welchem man mit einer langen Lanze gegen eine mit konzentrischen Kreisen in verschiedenwertige Flächen eingeteilte runde Scheiben anritt, und in einer Art Karussel wieder.
Im Orient wurde von alters her das neuerdings bei den vornehmen Europäern beliebtePolospielzu Pferde geübt. So sandte einst der Perserkönig Darius, Sohn des Hystaspes, dem König Alexander von Makedonien (521–485), als er ihm den Tribut verweigerte, einen Ball und einen Stock zum Polospiel und ließ ihm sagen, solche Beschäftigung passe für ihn besser als Krieg anzufangen. Die Kreuzfahrer sahen das Polo in Byzanz beim griechischen Kaiser Manuel Komnenos und brachten es nach Europa, wo es allmählich zu einem Spiel zu Fuß degradiert und in England zu Kricket, Fußball und Golfdifferenziert wurde. Bei den Persern und den kriegerischen Stämmen Nordindiens erhielt sich das Polo bis auf den heutigen Tag. Als der Iman Ibn Omar den Schah Nur-ed-Din von Persien (ca. 1070 n. Chr.) selbst Polo spielen sah, meinte er, solche Übung passe nicht für einen Herrscher. Da antwortete er ihm: er spiele, bei Gott, das Spiel nicht zu seinem Vergnügen, sondern als gutes Beispiel für seine Untertanen, damit ihre Pferde geübt und sie selbst gelenkig würden, um im Kampfe ihren Mann zu stellen.
Wie einst bei den Persern das Polo, so ist heute bei den Arabern der Dscherid — bei uns besser unter der algerischen Bezeichnungfantasiabekannt — ein fast täglich zur Übung der Pferde vorgenommenes Reiterspiel. Darin ist das Karussel mit den militärischen, bei ihren Kämpfen gebräuchlichen Evolutionen verbunden. Unter Geschrei und Schwingen des Dscherid, d. h. des aus dem Holz der Dattelpalme hergestellten Wurfspeers, ritten zwei Reiterscharen in wildem Galopp aufeinander los, um kurz voreinander anzuhalten, umzukehren und unter allerlei Wendungen das Spiel aufs neue zu beginnen. In vollem Laufe mußte der zu Boden geworfene Dscherid wieder aufgenommen werden, dann stand oder legte man sich auf den Sattel, benutzte die Vorhand des Pferdes als Schutz und Schild, hing während des Galopps ganz auf der Seite und schoß dabei mit Pfeil und Bogen auf ein bestimmtes Ziel, sprang vom Pferde ab und schwang sich wieder hinauf. Mit der Einführung der Gewehre begnügte man sich, dann blind zu schießen und einen großen Lärm zu verführen.
Außer den verschiedenen Reitübungen wurde das Pferd schon im hohen Altertum auch zu allerlei Kunststücken verwendet, wie wir sie heute besonders im Zirkus zu bewundern Gelegenheit haben. So weiß schon Homer in der Ilias von Kunstreitern zu berichten, wenn er sagt: „Gleichwie ein guter Kunstreiter, nachdem er aus einer großen Anzahl vier Rosse zusammengefügt, abwechselnd sicher und beständig von einem Pferd auf das andere springt, während sie dahinfliegen, so schwang sich Ajas von einem Schiff auf das andere“. Schon bei den alten Mykenäern der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends finden wir auf den Freskomalereien der Palastwände mit Vorliebe solche Jonglierkünste abgebildet, und zwar sind es statt Pferde wilde Stiere, die beim Anstürmen in der Arena von leicht geschürzten Männern oder Frauen an den Hörnern gefaßt werden, wobei sich das betreffende Individuum in kühnem Bogen über das Ungetüm schwingt, um teilweise mit einem wahrhaftigen Salto mortale wieder den Bodenzu gewinnen. Daß solche Darstellungen an den Wänden der Fürstenpaläste so häufig vorkommen, beweist, daß die betreffenden kunstvollen Spiele des schwachen, aber intelligenten Menschen mit dem starken, einfältigen Tier in jenen Kreisen höchst beliebt waren.
Bild 67. Altägyptischer Stierkämpfer mit einem einfachen Stock gegen die Stiere vorgehend. (Nach Wilkinson.)
Bild 67. Altägyptischer Stierkämpfer mit einem einfachen Stock gegen die Stiere vorgehend. (Nach Wilkinson.)
Schon im alten Reiche Ägyptens sehen wir mehrfach den Menschen, mit einem einfachen Stock bewaffnet, wildgemachten Stieren entgegentreten und sie dank seiner geistigen Überlegenheit bezwingen. Solche Spiele mit Tieren, speziell Kämpfe des Menschen mit wildgemachten Stieren, kamen schon frühe aus dem Niltal und Westasien auch nach Griechenland und Rom, wo sie beim Volke besonders populär wurden. Während aber in den Wirren der Völkerwanderung diese Stiergefechte zur Belustigung des dabei zuschauenden Publikums aus allen Ländern im Machtbereiche der römischen Kultur verschwanden, erhielten sie sich als nationales Vergnügen einzig in Spanien, das dort und im spanischen Amerika trotz wiederholter Aufhebung wegen der dabei ausgeübten Tierquälerei bis auf den heutigen Tag sich größter Popularität erfreut, ja trotz aller Anstrengungen der Tierschutzvereine sich sogar über Südfrankreich verbreitete und bis nach Genf in die Schweiz hineingelangte. Daß solches in unserer aufgeklärten, humandenkenden Zeit möglich ist, beweist eben, daß ein Zug von Gefühlsroheit und Grausamkeit seit dem Tierhetzen und Menschenschlächtereien im Altertum im romanischen Blute steckt, der dem Germanen, der ja auch von manchen Tierquälereien, besonders bei Ausübung der Jagd, nicht ganz freizusprechen ist, völlig abgeht. Letzterer ist zu gefühlvoll und mitleidig, um die dem Menschen trotz ihrer natürlichen Waffen wehrlose Kreatur absichtlich zu peinigen und sich an ihrem Schmerz und dendamit verbundenen Ausbrüchen von Grimm zu erfreuen. Der Romane aber hat selbst in der zärter fühlenden Frau noch nicht seine angeborene und durch Jahrhunderte nicht gebändigte Rohheit überwunden und kennt nichts höheres, als selbst die Mutter Gottes und die Heiligen an ihrem Feste durch einStiergefechtzu ehren. Diese werden in besonderen Amphitheatern — da, wo noch solche aus dem Altertum vorhanden sind, mit Vorliebe in diesen — auf öffentliche Kosten oder von Privatunternehmern abgehalten. Der ganze Verlauf des Volksfestes ähnelt in hohem Maße demjenigen der Arena bei den alten Römern. Die Stierfechter (toreros) teilen sich inpicadores, die zu Pferd — allerdings auf dem Tode verfallenen wertlosen Rosinanten mit verbundenen Augen —, die Beine gegen allfällige Angriffe des Stieres mit seinen spitzen Hörnern sorgsam einbandagiert, mit ihren Lanzen gegen den Stier losreiten, ihn reizen und ermüden; dann diebanderilleros, die mit roten Bändern gezierte, mit Widerhaken versehene Stäbe in die Schultern des Tieres stoßen und es dadurch und durch den damit verbundenen Schmerz wütend machen. Ferner aus denchulosodercapeadores, die mit Bändern und Schärpen seine Wut, wenn sie nachzulassen droht, aufs neue erregen und möglichst steigern, und endlich die meist alsmatadoresbezeichnetenespadasoder Schwertträger, die mit ihren feinen Degen dem Tiere den Todesstoß ins Rückenmark zu geben haben. Vermochten sie damit den aufs äußerste gequälten Stier nicht zu töten, so gibt ihnen dercacheteroden Gnadenstoß.
Zahllos sind die verschiedenen Arten von Tierdressuren, die teils schon im hohen Altertum, besonders aber heute in unserer genußsüchtigen, stets nach neuen Sensationen begehrlichen Zeit, dem danach begierigen Publikum im Zirkus und in Varietétheater vorgeführt werden. Da begnügt man sich nicht mit dem Anblick friedlich den Wagen ziehender oder auf Kugeln rollender, sorgsam den furchtsamen Hasen, ohne ihn zu verletzen, apportierender Löwen, von Elefanten als Seiltänzer oder Musikanten, die auch griechisch und lateinisch schrieben, wie dies zur römischen Kaiserzeit Sensation erregte, sondern bringt brennende Lampen aus Glas und andere heikle Gegenstände jonglierende Seehunde, mit der Nasenspitze ihnen zugeworfene Erdbeeren und andere Früchte auffangende und balancierende Seelöwen, usw., von wie Menschen gekleideten und sich als Gentlemen beim Essen, Rauchen, Radfahren usw. benehmenden Schimpansen ganz zu schweigen. Es würde uns zu weit führen, auch nur die merkwürdigsten, durch unendliche Geduld erzielten Tierdressuren hier zu erwähnen. Es genüge, nur solche Errungenschaften des Menschengeistes über die Tierseele zu erwähnen.
Auch Menagerien und Tierschaustellungen sind keine Erwerbung der Neuzeit; mit den Tiergärten kamen sie teilweise schon im Altertum vor. Besonders letztere waren an fürstlichen Hofhaltungen beliebt. So ist im Schi-king ein Tiergarten des Kaisers Wen-wang (um 1150 v. Chr.) unter der Bezeichnung „Park der Intelligenz“ erwähnt, worin allerlei Säugetiere, Vögel, Schildkröten und Fische gehalten wurden. Einen ähnlichen Tiergarten unterhielten die aztekischen Herrscher in Mexiko. Da gab es nach den zeitgenössischen spanischen Berichten zahlreiche Gehege, Zwinger, Vogelhäuser und Wasserbecken, in denen die Fauna Mittelamerikas vollständig vertreten und in systematischer Anordnung untergebracht war. Die Verpflegung der Raubvögel allein soll täglich 500 Truthähne beansprucht haben.
Auch den Vornehmen des alten Rom waren Tiergärten bei ihren Villen eine beliebte Anlage, die meist viele Morgen Landes umfaßte und zum Schutz gegen das Eindringen von Raubtieren mit einer hohen, glatten Mauer umgeben war. Im Innern waren Gruppen von hohen Bäumen mit ausgebreiteten Ästen, die dem Adler und anderen Raubvögeln das Jagen darin verunmöglichen sollten. In ihnen wurden Hasen, Rehe, Hirsche, Antilopen und Wildschweine teils zum Vergnügen, teils des Gewinnes wegen gehalten. Man gewöhnte sie daran, zur Fütterung zu kommen, wenn ins Horn gestoßen wurde. Varro, dem wir diese Angaben verdanken, sagt u. a.: „Im Tiergarten des Quintus Hortensius (eines berühmten Redners) ist ein erhabener Platz mit Pavillon. Während dort gespeist wird, erscheint ein Orpheus in langem Gewande mit einer Kithara. Er beginnt die Saiten zu schlagen, es wird ins Horn gestoßen; da erscheinen sogleich Wildschweine, Hirsche und andere vierfüßige Tiere in Menge und gewähren ein lustiges Schauspiel.“
Im Mittelalter traten die tierfreundlichen Araber das Erbe der Römer an und ein Tiergarten gehörte zum notwendigen Requisit jedes muhammedanischen Fürstenhofes. Als der größte der Omajaden, Abdurrhaman III., die Stadt Az-Zahra bei Cordova errichten ließ, ordnete er auch die Anlage eines Gartens an, in welchem in umgitterten und eingezäunten Räumen Vögel und seltene vierfüßige Tiere gehalten wurden. Dies war der älteste Tiergarten Europas. Viel später, zur Renaissancezeit, unterhielten die kleinen Fürstenhöfe Italiens je eine kleine Sammlung fremder Tiere. Die berühmteste derselben war diejenige des Herzogs Ferrante von Neapel, die unter anderem als bis dahin im christlichen Abendlande noch nicht gesehene Tiere, eine Giraffe und ein Zebra, aufwies, die der Herzog vom Kalifen von Bagdad zum Geschenk erhalten hatte. 1513 schenkte ein Türkensultan dem Könige Emanuel von Portugal ein ostindisches Nashorn, der dieses zusammen mit einem Elefanten dem Papste Leo X. verehrte. Dieses Wundertier hat Albrecht Dürer 1515 in einem bekannten Holzschnitt gezeichnet.
In Mitteleuropa finden sich Tiergärten zuerst bei den reicheren Klöstern. So enthielt der „Twinger“ des Klosters St. Gallen im 10. Jahrhundert Bären, Dachse, Steinböcke, Murmeltiere, Reiher und Silberfasanen. Im späteren Mittelalter war der Tiergarten in der Residenz des Hochmeisters des Deutschen Ordens zu Marienburg am bedeutendsten. Er enthielt außer Hirschen, Rehen und kleinerem Wild große Ure, Geschenke des Großfürsten Witold von Litauen und des Komturs von Balga, ferner einen Zwinger mit Bären und Affen, dann Meerkühe und Meerochsen und seit 1408 auch einen Löwen.
Namentlich im 16. Jahrhundert waren Ure, Elche und wilde Pferde die begehrtesten Tiere für die fürstlichen und adeligen Liebhaber Deutschlands, derentwegen ein lebhafter Briefwechsel und besondere diplomatische Missionen stattfanden. Die Hauptlieferanten dieser Tiere waren die Hochmeister des Deutschen Ordens und der Herzog von Preußen. Schon 1518 sandte der Hochmeister dem Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg einen Ur, der als seltenes Schauspiel gebührend angestaunt wurde. Die Elche waren damals schon nicht mehr häufig und gingen beim Transport mitunter zugrunde. So teilte der Pfalzgraf Otto Heinrich vom Rhein dem Herzog von Preußen 1533 mit, daß von den ihm übersandten Elchen „das Männle, als es bis auf 64 Meilen Wegs von Königsberg gekommen, und das Fräule bis auf 28 Meilen von hinnen gestorben“ sei. In den 1550er Jahren war es besonders der Erzherzog Ferdinand von Österreich, der sich zur Bereicherung seines Tiergartens in Prag von Zeit zu Zeit an den Herzog von Preußen wandte. Im Jahre 1591 erhielt Landgraf Wilhelm IV. von Hessen von Herzog Karl von Schweden einen Elch, der im Tiergarten von Zapfenburg vortrefflich gedieh. Im Mai schrieb der Landgraf entzückt an jenen: „Das Elend ist so lustig, daß wir ein gutes Gefallen an ihm tragen, denn sobald wir nach Zapfenburg in unsern Tiergarten kommen und es uns reden hört, läuft es zu uns und läuft hinter unserm Birschwäglein.“ Zwischen den kleineren und größerenfürstlichen Tiergärten entwickelte sich ein lebhafter Austausch, so daß wenigstens die einheimischen Tiere gut vertreten waren. In den Reichsstädten wurden in den trockenen Gräben vielfach Hirsche gehalten, was für Frankfurt a. M. 1399, für Solothurn 1448, für Friedberg 1489, später auch für Zürich, Basel und Luzern nachgewiesen ist.
Während alle diese Tiergärten ausschließlich zur Unterhaltung gegründet wurden, hatte schon Ptolemäos I., Sohn des Lagos, einer der Feldherren Alexanders des Großen, der erst als Statthalter der Nachkommen Alexanders, seit 321 selbständig bis zu seinem Tode 283 regierte, neben allerlei wissenschaftlichen Instituten mit einer großen Bibliothek auch einen großen zoologischen Garten in Alexandrien errichtet, auf dessen Vermehrung auch sein Sohn und Nachfolger Ptolemäos II. Philadelphos eifrig bedacht war. So zeigte er den erstaunten Alexandrinern zum erstenmal ein Nashorn und eine Giraffe. Zur römischen Kaiserzeit bestand dieser Tiergarten noch, aber mit dem Untergang der antiken Kultur verschwand auch er, und viele Tierarten, die den Alten bekannt gewesen waren, gerieten in Vergessenheit oder verwandelten sich im Volksbewußtsein in seltsame Fabelwesen. Erst mit der Erweiterung des Horizontes durch die Kreuzzüge begann im Abendlande im 12. Jahrhundert ein langsames Wiedererwachen des zoologischen Interesses, das aber erst im Zeitalter der geographischen Entdeckungen wesentlich gefördert wurde.
Als Geburtsjahr der modernen Zoologie darf man das Jahr 1635 ansehen, in welchem ein Edikt Ludwigs XIII. die beiden Leibärzte Hérouard und Gui de la Brosse zu der Gründung des Jardin des plantes ermächtigte, der zunächst nur als ein Versuchsgarten für Medizinalgewächse gedacht war, bald aber mit einer Menagerie verbunden wurde. Während der großen französischen Revolution wurde auf Veranlassung von Bernardin de St. Pierre die Versailler Menagerie mit dem Jardin des plantes vereinigt, und 1797 wurde sogar eine Expedition nach Afrika gesandt, um neue Tierarten zu erwerben. Ein Gönner des Gartens war später Mehemet Ali, Pascha von Ägypten, der außer einem afrikanischen Elefanten, Antilopen usw. auch eine Giraffe sandte, die 1827 in Paris anlangte. Dort wurde sie in der Folge so populär, daß sich die Mode ihrer bemächtigte und sich die Pariser Damen und Stutzer länger als ein Jahrà la girafetrugen. Heute wäre allerdings eine solche Moderichtung schon nach einem Vierteljahr veraltet und verlassen.
Nicht minder berühmt als der Jardin des plantes in Paris wardie kaiserliche Menagerie zu Schönbrunn, die 1742 durch Kaiser Franz I. und Maria Theresia gegründet worden war und die Bestände der älteren kaiserlichen Menagerien in sich aufgenommen hatte. Es waren dies die Menagerie von Ebersdorf (um 1552 gegründet), von Neugebäu und die vom Prinzen Eugen angelegte Menagerie im Belvedere. Zur Bereicherung der Schönbrunner Menagerie wurden auf Geheiß Kaiser Josefs II. zwei große Expeditionen unternommen, die erste von 1783–1785 nach Nordamerika und Westindien, die zweite von 1787 bis 1788 nach Südafrika, Isle de France (Mauritius) und Bourbon.
Der erste wissenschaftlich geleitete zoologische Garten in England war ein Privatunternehmen des Earl of Derby in Knowsley bei Liverpool. Nach dem Tode seines Eigentümers ging der sehr bedeutende Tierbestand in den Besitz der 1828 gegründeten Zoological Society über, die 1829 in Regent’s Park einen zoologischen Garten anlegte. Schon 1830 enthielt der Garten über 1000 Tierarten. 1852 wurde mit dem Bau von geräumigen Aquarien begonnen. Dieser Londoner zoologische Garten wurde das Vorbild für die meisten Institute dieser Art, die auf dem Kontinent in rascher Folge ins Leben gerufen wurden und deren bedeutendsten die Gärten von Amsterdam (1838), Antwerpen (1843), Berlin (1844), Brüssel (1851), Rotterdam (1857), Frankfurt a. M. (1858), Kopenhagen (1858), Köln (1860), Dresden (1861), Haag (1863), Hamburg (1863), Moskau (1864), Breslau und Hannover (beide 1865) sind.
Durch diese und zahlreiche andere seither eröffnete zoologische Gärten wurden die wandernden Menagerien und Tierbuden unserer Jahrmärkte, die bis dahin ausschließlich der Aufklärung des großen Publikums gedient hatten, stark in den Hintergrund gedrängt. Früher dienten dressierte Affen und Tanzbären auf den Jahrmärkten zur Befriedigung der Sensationslust des Volkes. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kamen von größeren ausländischen Säugetieren nur der indische Elefant und das indische Nashorn nach Mitteleuropa. Ersterer wurde zuerst 1443 auf der Messe in Frankfurt a. M., dann 1562 auf der Breslauer Johannismesse und 1607 in Hamburg, letzteres 1741 zuerst in Holland gezeigt. Es war ein bei seiner Ankunft drei Jahre altes Tier, das auf den Ankündigungen ausdrücklich als der Behemoth der Bibel (Hiob 40, tatsächlich aber war dies ein Flußpferd) und das Einhorn des Mittelalters bezeichnet und erregte ungeheueres Aufsehen. Auf der Ostermesse 1747 erschien es in Leipzig, wo ihm Gellert in dem Gedichte: