Wenn sie dann schließlich unter ihren Regenschirmen fortgeschwankt waren, ließ sich Tante in einen Sessel fallen und lachte, lachte, sie konnte nicht aufhören, es klang weich und dunkel und aus ihren zusammengekniffenen Augen flossen Tränen. »Wie eine wahnsinnige Turteltaube,« hatte eine Freundin von ihrem Lachen gesagt; es war ansteckend. Und Amsel sah darin ein neues Vorrecht, wie es einer heißangebeteten Tante und Patin zukam. Sie selbst fand all diese Menschen nur sehr kurios, wie sie in ihrem Leben auftauchten und wieder verschwanden, Silhouetten, in ein Schattenhaus zurück. Nur vor einem hatte sie eine an Abscheu grenzende Angst: eines dieser fremden Wesen könnte sie anrühren oder gar küssen. Denn sie besaß die tiefe, unnahbare Scheu der Ausschließlichen, Leidenschaftlichen. Nein, nur Tante durfte sie küssen. Ganz kalt wurde sie, zur Eisblume erstarrt, wenn die feinen Lippen sie berührten, die schöne Hand über ihr Haar strich. Und sie konnte vor sich hinträumen, Heldentaten ersinnen,Schmerzen und Geduldsproben, die sie für Tante bestehen würde, unerkannt, schweigend, in unbegreiflich süßer Pein.
Es war eine schöne Fahrt gewesen, ein letzter milder Tag, wie ein Geschenk über die Erde gekommen. Erst die Allee hinunter an den geschlossenen Gasthäusern, den schlafenden Villen, dann an bescheidenen Wirtschaften, an spielzeugartigen Schweizerhäuschen vorbei. Ein jedes spannte seine kleine Brücke über den seichten, plätschernden Bach, der hier flache grüne Ufer hatte. Dann weiter, am Kloster vorüber, durchs Dorf, immer vom Flüßchen begleitet, das durch die Wiesen schlüpfte, durch Garnbleichen und Sägemühlen. Und nun rechts hinauf, dem Landhaus zu, das einst den russischen Cousinen gehörte, wo das große, sengende Glück ihr Herz getroffen hatte. Tante war ausgestiegen, die paar Stufen hinauf bis an die Gittertür in der Hecke; nun hielt sie sich mit einer Hand am Gitter fest und sah, halb zurückgewendet, noch einmal hinunter in das liebe, nie vergessene Tal.
Dort, im Grund, sandten kleine geduckte Häuser ihren Rauch empor; am Abhang, in den Wiesen, standen Nußbäume, halb entlaubt, Vögelchen schlüpften durch die Hecken, es roch nach Moos und Erde. Im Dunst schien sich alles zusammenzuschmiegen, so bescheiden und liebreich war ihr dies Land noch nie erschienen wie heutin seinen stillen braunen Farben, geduldig den Winter erwartend. Kein lauter Ton, nur das Gurgeln kleiner Rinnsale im Gras, auf denen rote und braune Blätter schwammen.
Auf dem Fahrweg, der sich in weiter Kurve emporwand, waren Radspuren. Damals – wie kamen sie angefahren, die Freunde und die Fremden, zu dem immer fröhlichen Haus, wo sie bei den Cousinen den Sommer verbrachte. Den zweiten. Es waren Jahre vergangen, seit sie zum ersten Male hier gewesen, sie war feiner noch, ja, und auch härter geworden, wie ein gespannter Bogen hart ist; der erste weiche Duft war geschwunden von den Dingen und auch von ihr, und oft lag Erwartung in ihren Zügen, als sei ihr Herz hellhöriger geworden und horche auf irgend etwas, einen Ton, einen Schritt, den Hornruf des Glücks? Und ihr Mund konnte spöttisch sein damals, wenn ihre Augen zuviel gesagt hatten, und trotz aller Leichtlebigkeit war sie ein verschlossener Schrein. Und dann – o wie unabwendbar war das große Glück auf einmal da!
Sie sah hinauf zu den hohen Glastüren des Musikzimmers, aus denen einst Lichterglanz strahlte und Akkorde hinausströmten, all das Unaussprechliche, das nur in Klängen Worte fand. Rosen hatten auf den Tischen gestanden, und zu den Türen herein atmete Jasmin von allen Büschen, aber auf den Wiesen wurde das erste Heu gemacht – Juniduft, unvergeßlicher! Und heute nun stand sie am Gitter, und es war ihr Hausnicht mehr. Der Spätherbst war im Land, aber sie witterte die vergangenen Sommer, sie suchte in der Luft nach den Harmonien, die seine zaubernden Hände, seine nur andeutende Stimme ihr ins Blut, in die Seele gedrängt hatten, bis Tag und Nacht zu einem einzigen, seligen Schlafwandeln geworden, jede Minute voll bis zum Rande. Bis eines Tags der eine Tropfen mehr ihr Herz zum Überfließen brachte. Ein Blick, eine Bewegung ... ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, wie bei der Stelle in ihrer Lieblingssymphonie, wenn die Hörner einsetzen, leise erst und immer drängender, ach unerbittlich in ihrer Süßigkeit; da war nur eins, das dieser tiefen Pein Ruhe geben konnte: Hingabe. Denn wie der Durst nach Wasser, wie das Fieber nach Schlaf, so begehrt Liebe nach Erfüllung. Ihr ganzes Leben wollte sie ihm schenken, alles – und kein Ende; nie wieder hatte sie sich selber angehört.
Aber an das Schwinden ihres Glücks dachte sie heute nicht mehr. Die Ammen streichen Bitteres auf die Brust, um die Kinder zu entwöhnen; so entwöhnt uns Leid und Verlust vom Leben. Aber, Herr Gott, sie hatte doch einmal alles besessen. Gewinnen, verlieren, was sollten die Worte? War er ihr nicht eben nahe gewesen? Nur eine große, hilflose Dankbarkeit erfüllte sie. Einen Augenblick sah sie hinauf und ihre Augen tranken ... tranken. Dann ging sie, ohne sich umzusehen, zum wartenden Wagen zurück.
Am selben Abend ließ sie den alten Badearzt rufen, den sie aus jener Zeit her kannte, der aber sonst nicht mehr praktizierte. Er blieb lange mit ihr allein. Dann bat er um Schreibzeug und setzte ein Telegramm auf. An den berühmten Mann in Heidelberg. Dabei putzte er sich heftig die Nase in ein großes rotseidenes Taschentuch. Er sah über die Brille Amsel lang und zweifelnd an, als wolle er reden. Aber er seufzte nur und ging.
Der berühmte Mann kam und befahl Ruhe, als ob man bisher in einem Vergnügungstaumel gelebt hätte, und abends kam nun Schwester Ludovika und löste Madame Céline ab, die vom Aufsitzen und nächtlichen Kaffeetrinken elend war. Die Schwester war schlank und durchsichtig mit dunkelumwimperten Augen. »Wie Genovefas Hirschkuh,« meinte Tante. »Aber weißt du, Amsel, als Kind besaß ich einen Tintenwischer, der stellte eine Nonne dar, mit einer Menge Flanellröckchen – du verstehst – für die Federn, aber sonst nichts, und da dachte ich eigentlich, daß Nonnen gar keine Beine hätten.«
Sie lachte mit den Augen und wandte den Kopf dem Licht zu; ihr Haar lag schwer und feucht auf den Kissen, im Lampenschein war die Stirne so klar nach den Qualen der Nacht. Als sei sie jünger geworden durch die Schmerzen.
Amsel führte ihr Leben wie sonst, all ihre kleinen Pflichten, viel Warten und Harren. Flüsternde Stimmenlegten sich ihr aufs Herz. Da war ein schimmernder Punkt am Ende des finstern Ganges: Hoffnung. Dorthin strebte sie, jeden Tag ein winziger Schritt. Aber manchmal sah sie das ferne Licht nicht mehr.
Heut aber saß Tante endlich wieder im langen Zimmer, wo der Flügel war und das Kamin. Neben ihr die kleine Boulekommode, mit offenen Fächern; da waren so viele zusammengebundene Briefe. Am Nachmittag war Frau Schwämmle dagewesen, hatte köstliche Birnen gebracht und einen großen Busch Herbstastern. Zu solchen Visiten preßte sie sich in ein braunes Kaschmirkleid, und auf dem glatten Scheitel balancierte dann ein kleiner Kapotthut mit schwarzem, nickenden Hafer. »Püh,« sagte sie beim Eintreten und riß die Hutbänder unter dem Doppelkinn auf, denn sie war vollblütig und erzählte mit finsterer Genugtuung, daß alle in ihrer Familie am Schlagfluß stürben. In ihrer Waschküche mußte man sie hantieren sehen, in Wolken von Dampf und Seifenschaum, silberne Schweißtröpfchen auf der Oberlippe, den Niobebusen ausgebreitet in der rosa Kattunjacke, an der viele Knöpfe fehlten. Jedes Jahr kam ein Kind, nicht immer um zu bleiben. »Unser Vatter« war Droschkenkutscher. »Ja, der Deifel isch en Eichhörnle,« sagte sie, wenn sie neuen Zuwachs ankündigte.
Tante hatte ein Briefpaket geöffnet, es stand eine Jahreszahl auf der Hülle, verschiedene Handschriften waren darin. Sie blätterte ein wenig, dann legte sie's auf die Glut; ein Kräuseln, ein Aufflammen – pht ...und nun war es nicht mehr. Und das Herz zog sich ihr zusammen, denn nun erst waren sie ganz tot, die ach so bescheidenen Toten, die nur noch leben vom leisen Atem der Erinnerung. Eigentlich eine Hinrichtung, als ließe man vor der Abreise einen alten Hund erschießen, damit er nicht in gleichgültige Hände falle. Manchmal zögerte sie, glättete die Seiten. Da war der englische Freund, der so resigniert und losgelöst über den Zeitverlust aller Politik, aller Ambitionen redete, der zart und unaufdringlich jeden ihrer Wünsche erriet und erfüllte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht: sie ganz jung und leichtherzig, er so viel älter. Seine Fürsorge, seine väterlich-ironische Art: sie hatte alles für Spielerei gehalten. Und nun las sie: »Oh don't be constant, for the fear of losing you is one of your greatest charms« – und begriff (denn das Alter macht auch geistig fernsichtig), warum er die Tür der Ironie immer offengehalten hatte: um sich hinein zu flüchten, weil sie ihn niemals recht verstand.
Hier knisterte der Brief einer alten Freundin, sie auch schon lange tot. Damals wurde viel geredet über eine gemeinsame Bekannte. Aber die alte Dame hatte nie mit eingestimmt: »Je sais qu'on me trouve bien large. Non, je ne veux être que juste et j'ai horreur de la médisance. A part les plaies de Notre Seigneur, auxquelles je crois sans avoir vu, je ne veux rien croire sans voir. Je sais que vous pensez de même, car vous n'écoutez que votre cœur qui est meilleur conseiller que la tête.«
Der Brief flackerte auf, sie öffnete einen anderen. »Maria ist in Rom, sie ist bei den Karmeliterinnen eingetreten. Der allerstrengste Orden. Sie gehen barfuß und dürfen nie, nie wieder heraus. Ihre Augen, ihr Lächeln, ihr entzückender Gang, wir werden sie nie wiedersehen. Warum nur? Zu bereuen hatte sie nichts, wußte ja gar nicht, was Haß und Sünde sind. ›Terra gentile‹, wie die Italiener sagen. Es ist ein Rätsel ...«
Aber in einem anderen Brief war die Lösung. Da stand mit großen eiligen Buchstaben auf vielen kleinen, abgerissenen Blättern, wie man noch rasch ein Abschiedswort kritzelt, wenn das Gepäck schon fort ist und sich nur noch das winzige Notizbuch in der Tasche findet: »Lebewohl und Dank Dir zum letztenmal, Du Einzige, die alles verstehen wird. Immer hatte ich mir gewünscht, einmal zu lieben, ohne geliebt zu werden. O ich Unselige, welch ein wahnsinniger Wunsch. Nun ist er erfüllt und es ist die Hölle ...«
Da waren Briefe alter Diener, Danksagungen für manche geleistete Hilfe. Auch ein armer Tanzlehrer, den sie in seinem Alter und Elend besuchte, schrieb: »Heute danke ich Gott und den Grazien, weil noch einmal die Anmut unter mein armes Dach gekommen ist. Wie gut werde ich diese Nacht schlafen.« Immer wieder fuhren die hungerigen Flammen auf. Nun war nichts mehr übrig. »Amsel,« sagte Tante und ihre Lippen bebten, »das waren lauter gute Menschen. Ich werde sie nie wiedersehen.«
Amsel kroch ganz nah an sie heran, sie legte den Kopf an ihre Schulter, dicht am Hals, und atmete den geliebten Duft, der ein wenig wie Bergamottbirnen war. Dies mit anzusehen war eine große Qual gewesen. Als ob ein Mensch zur Reise rüstet und sein Hündchen steht dabei mit flehenden Augen und weiß ja doch, es wird nicht mitgenommen.
Tante legte die Wange an den kleinen aschblonden Kopf. Armes Kind, es war für sie gesorgt, was man in der Welt darunter versteht. Aber sie mußte durchs dunkle Tor und das Kind würde allein weitergehn. Würde sie ihr sehr fehlen, wenn der erste, scharfe Schmerz vorüber war? Denn sie hatte erlebt, wie sich Wunden schließen, die man für unheilbar hielt, und im Grunde war sie sehr bescheiden, was sie selbst betraf: warum sollte gerade ich unentbehrlich sein? Aber so recht hatte sie das Kind doch nie verstanden, denn zwei Schamhafte hören oft aneinander vorbei, gerade weil sie dieselbe Sprache sprechen.
Ihre Gedanken gingen wieder zu der schönen Marie, die so sehr geliebt worden war, und doch ... was war ihr Leben gewesen? Und plötzlich fing sie zu singen an, sang hin zu ihr, die doch unerreichbar war, mit der lieben atemlosen Stimme, in der man das arme, arbeitende Herz keuchen hörte:
Ihre Farbe kam und ging, ihre Augen standen voll Tränen. Aber Amsel lag wie ein Vogel unter Mutterflügeln; sie horchte auf den geliebten Klang, die fremden Worte verstand sie nicht.
So viele Nächte hatte sie nur halb geschlafen, die Angst im Herzen, sie könnte gerufen werden; aber nun kam der Schlaf – unwiderstehlich. Und Tante lächelte, wie der aschblonde Kopf immer schwerer wurde und hinunter glitt auf ihren Schoß.
Die Uhr tickte deutlich in der Stille, sie hatte es eilig mit ihrer Aufgabe. Und die Rosen dufteten. Schöne, gütige Blumen, wenn sie starben, erblühten neue, aber niemals dieselben. Warum sollte ich weiterleben, dachte sie, habe ich das ewige Leben mehr verdient als eine Rose? Aber wer konnte Recht sprechen, auch über sich selbst? Und alle Schuld war doch Strafe zugleich, es ging gerechter her, als man dachte. Etwas Hartes, Häßliches getan zu haben, das mußte wohl sein wie ein heimliches Gebrechen, wie wenn schöne Frauen häßliche Füße haben: es läßt sie nicht froh werden. Hatte sie auch Häßliches und Hartes getan oder gedacht in ihrem Leben? Es war wohl ihre große Müdigkeit, siekonnte sich durchaus an nichts Böses erinnern, nicht an solches, das ihr andere zugefügt, nicht an solches, das andere um ihretwillen erlitten. Neben ihr lag ein abgegriffenes Gebetbuch, Maries letztes Geschenk; ohne ein Wort dazu war es aus Rom geschickt worden, denn auch das hatte sie nicht besitzen dürfen. Da war ein Gebet, es schien ihr soviel menschlicher als alle anderen, das Buch öffnete sich von selbst an dieser Stelle, und sie las die leicht unterstrichenen Zeilen:
»O Marie, mère si heureuse dans le Ciel, n'oubliez pas les tristesses de la terre. Ayez pitié de ceux qui s'aiment et que Dieu a séparés. Ayez pitié de l'isolement du c[oe]ur, si plein d'abattement et même de terreur.« Und etwas weiter: »Ayez pitié de ceux que nous aimons, o Marie, ayez pitié de ceux qui s'aiment, de ceux qui ne savent pas se faire aimer.« Ja das, das mußte das Bitterste sein:qui ne savent pas se faire aimer. Aber für sie waren diese Worte nicht geschrieben; eins war gewiß, sie hatte grenzenlos geliebt und sie war heiß geliebt worden. Und als es dann zu Ende ging ... Wenn der Sommer zu Ende geht, nennt man ihn darum einen Verräter? ... Und nun kam anderes; etwas Großes, Fremdes tat sich auf, es wehte kühl. Schleier fielen auf die Dinge und sie konnte nicht mehr greifen und halten; nur noch das Aller-Allernächste war zu erkennen.
Ihr Blick ging langsam von einem zum anderen, über ihr Klavier, über die Bilder und das Glas mit denRosen, wie sie standen und dufteten. Und ihr schien, als ginge sie selbst, unbeholfen und schon fremd geworden durch die bekannten Räume, mühsam Dinge beim Namen nennend, an denen doch ihr Herz nicht mehr hing.
Von der Brincken unterschrieb sie sich und Freifrau war sie, wenn auch nur linkshändig und in Gebundenheit. Der rotköpfige Wirt zog heute noch demütig die Zipfelmütze vor ihr, aber wie sie hinaufstieg zu den kleinen schattigen Terrassen der Waldschenke, kam ihr mit dem Erinnern an die anderen Male, da sie die morschen Holzstufen unter den Füßen gespürt hatte, auch dieser Augenblick vor wie etwas schon Erlebtes, etwas, das abgetan ist und nur dumpf wehe tut, als würde einem auf den eingeschlafenen Fuß getreten. Aber die lange Disziplin, die Gewohnheit erwiesener und empfangener Höflichkeit half ihr das Treppchen hinauf.
Unter den düstergrünen Linden und Kastanien war es finster, und der Wirt brachte Windlichter und stellte sie auf die graue Holztafel. Unter ihr auf einer niederen Terrasse spielten drei Männer Karten, ein vierter stand angelehnt, die Pfeife im Mund, und sah zu; das Licht huschte über ihre harten, feinen Bauernköpfe und die Stimmen drangen ab und zu herauf. Sie hatte den dunklen Reisemantel zurückgeschlagen und stützte das Kinn in die schmale, magere Hand. Der breitrandige Federhut warf Schatten über Augen, die sich hochzogen, als spotteten sie der eigenen Tränen. Es war doch merkwürdig, die erste zu sein bei einem Stelldichein, sie, die sonst nie gewartet hatte; aber was lernt ein Mensch nicht alles!
Doch nun kam der Prinz, links, vom Walde her, wo das Forsthaus lag, in welchem er abstieg. Mit federndem Schritt und der etwas übertriebenen Bonhomie im Ausdruckseines jungen, verlebten Gesichts, mit den hellen, schräggestellten Augen, hatte er etwas von einem eleganten jungen Kater, der auf allen Dächern Bescheid weiß. Frau von Brincken erhob sich. Er wurde sehr rot und sagte: »Ich bitte dich.« Aber die kleine Formalität tat ihr wohl; sie liebte es, auch das eigentlich Unkorrekte durch ein gewisses Dekorum einzuhegen, abzusondern von den übrigen, landläufigen Unkorrektheiten. Er küßte ihre Hand, sagte ein paar liebenswürdige Worte über ihr Aussehen, die sie ohne Enthusiasmus entgegennahm, und lehnte sich zurück, die Hand in der Hüfte, die schlanke Lässigkeit unterstreichend, die ihm durch unzählige Porträte und Photographien beinahe zur Pflicht gemacht wurde. Der Wirt kam eilfertig mit eiskaltem Landwein und Kuchen. Sie nippte, er stürzte zwei Gläser hinunter. Warum ist keine Musik? dachte Frau von Brincken, es ist ja doch Theater, die Terrasse, der Wirt –basso buffo– die Statisten ... gleich werden wir aufstehen und unser großes Duett singen, Opfer und Entsagung, schmelzend, abercon bravura...
Sie sprachen. Er mit forciertem Ungestüm, mit Selbstanklage, die aber doch dem Schicksal, das sich ja nicht verteidigen kann, die Hauptschuld zuschob; Mitleid und Besorgnis um ihr ferneres Ergehen in jedem Ton. Immer wieder der tadellose Kater, leichtsinnig, oberflächlich, wenn man wollte, aber doch im geheimsten Winkel seines Bewußtseins: der tadellose. Frau von Brincken fühlte, wie sich ganz leise der Gram von ihr löste, ohne daß sieselber etwas dazu tat, und diese Operation war nicht unangenehm, wenn auch mit einem leichten Frostgefühl verbunden. Mein Gott, waren es denn Kleinodien gewesen oder Glasscherben, die sie so lange, so angstvoll gehütet? War ihr Schicksal eines der vielen, unfertigen, die der Triebsand des Lebens einschluckt, arme, verirrte Reisende, deren protestierende Armbewegung aufwärts wie ein anklagender Wegweiser die Verräterei des Bodens verkündete? Und nun saßen sie hier und lächelten einander zu, und es war, als wenn man mit einem Stückchen Brot im abgestandenen Champagner rührt, um ihn noch einmal zum Moussieren zu bringen. Frau von Brincken sah das wohl mit ihren klargeweinten Augen, in diesem zweiten, beinahe reizvollen Stadium der Enttäuschung, wenn sich die Seele in zwei Hälften teilt und die eine leidet und die andere zusieht. Bei jungen Menschen kann das ein Vorfrühling sein. Der Schmerz hat die Seele gelockert, Neues kann keimen und aufgehen und bringt vollkommene Befreiung, erneuert das Herz nicht nur, sondern auch den Geist. Aber sie dachte heute nur an Frieden. Wie gut würde Ruhe tun, nachdem sie so lange gekämpft hatte. Wie anstrengend war es doch oft gewesen; so mußte den armen Teerosen zumute sein in den großen Tafelaufsätzen, alle hatten sie einen Draht durchs Herz gezogen ...
Er ahnte wohl ihre Gedanken. Und nun war es fast, als seierder Verstoßene, als schritte sie, einsam und erlesen, von dannen, einem Leben entgegen, an das er kein Recht mehr haben würde.
»Unsere liebe alte Waldschenke,« sagte er und seufzte. Er hatte eine Vorliebe für die maßvolle Architektur jenes ausklingenden Jahrhunderts der Jabots und der Zöpfe. Teilweise wohl aus Widerspruch, weil er bei so vielen Enthüllungen fürchterlicher Denkmäler, bei so vielen Einweihungen prunkvoller Theater und Kirchen zugegen sein und lobende Worte sprechen mußte, war ihm gerade diese Bauart sympathisch, deren stilles Behagen, deren karger Zierat uns überkommt wie Resedaduft, mit leisem, schwermütigem Wohlgefühl. Das Haus hatte bessere Tage gekannt, sanft angelehnt am waldigen Hügel. Die schöngegliederte Tür, die leichten, halbverwischten Ornamente der Fenstereinfassungen, das zartsilberne Schindeldach, alles redete von einer Zeit, da zierliche Behäbigkeit der Form auch das Alltägliche erlesen machte. Heute standen Planwagen aufgereiht im weiten Hof, Fässer waren im Torweg aufgestapelt, und vor der Einfahrt tranken schwere Pferde gierig am Brunnentrog. Der Prinz neigte sich vor: »Durstige Tiere trinken zu sehen, ist doch eine Wonne,« sagte er. Frau von Brincken fühlte einen kleinen, süßen Stich ins Herz, und ihre Augen wurden groß wie von aufsteigenden Quellen. »Ich will immer an Sie denken, Ludwig, wie Sie eben den durstigen Pferden zusahen,« sagte sie. »Es gibt viel Durstige – vergessen Sie's nicht. Ihre Hand weiß so schön zu geben, und am meisten habe ich doch wohl Ihre Hände geliebt, damals – ihr Mund bebte ein wenig – als wir die erste schöne Reise machten und am Abend der Korbauf dem Tisch stand mit den herrlichsten, kostbarsten Pfirsichen und Trauben aus Eurer Hoheit Treibhäusern. Wir konnten es kaum erwarten, waren so heiß und durstig von der langen Fahrt. Aber da kamen die Bettler. Ja, Ludwig, und da nahmen Sie den Korb, die Pfirsiche, die Trauben, und schenkten alles, alles an die armen Kinder, behielten nichts zurück, auch für mich nichts, und gerade das, Ludwig ...« Sie wandte sich zur Seite, ihre Augen brannten. »Engel, es war ja deine Hand, die mich das Geben lehrte,« sagte er und war wieder ganz geschmeidiger Kater, »diese reizende Hand, die ich nicht festhalten kann. Aber wenn du mir schreibst, mit unserm lieben kleinen Sternensiegel, da kannst du sicher sein, daß mein dankbares Herz deinen leisesten Wunsch hören wird, bis in die fernsten Zeiten« ... Fast hätte er gesagt »das walte Gott«, denn er war es gewohnt, diese Schlußfloskel ziemlich wahllos anzubringen; aber da war auf einmal etwas in ihrem ferngerichteten Blick, das ihn ernüchterte.
»Es sind nicht einzelne Wünsche, die ich hegte,« sagte sie, und ihre Stimme klang blechern und müde ... »ich hatte Größeres erhofft ... Aber Euer Hoheit Leben ist noch lang, es werden so viel Kreuzwege kommen ... oh, vergiß nicht die durstigen Pferde,« und sie nannte ihn wieder beim Namen.
Es waren ein paar feine Fältchen an ihrem Munde, und er sah sie genau. Sie war ihm rührend wie ein kostbares Porzellanfigürchen, das immer noch mit zierlicher Grandezza zum Tanz schreitet, und hat doch leider schonso manchen feinen Sprung in der Glasur. Und diese unausbleiblichen kleinen Standreden ... nun ja, das war ganz natürlich; erst das Lyrische, und dann wird die Dame didaktisch. Er wollte sich gewiß nicht mit Goethe vergleichen, der ihm überhaupt vorkam wie ein Menschenfresser mit Orden ... aber er mußte seit einiger Zeit häufig an Frau von Stein denken. Es war eben der Altersunterschied; was konnten sie beide dafür! Es war alles bezaubernd gewesen – war es eigentlich noch. Aber eine Unterbrechung ... nun, und was an ihm lag, nichts Definitives, setzte er, zur eigenen Beruhigung, wie ein kleines Pflaster obendrauf.
Der Wind fuhr durch die Lindenwipfel; schmalgeschweifte Samenhülsen segelten herab, sich emsig drehend wie kleine Propeller.
»Sonnenwende,« sagte Frau von Brincken, »das ist eigentlich die schwermütigste Jahreszeit. Der Herbst ist noch nicht da mit seinen Farben, seiner frischen Nebelluft, aber die Bäume sind es müde geworden, grün zu sein. Das war mir als Kind schon die traurigste Zeit, viel ärger als der November, den viele so melancholisch finden.«
»Sei froh,« sagte er und dehnte sich hintenüber in seiner weidenschlanken Länge, »daß dir so etwas wie der Wechsel der Jahreszeit überhaupt damals zum Bewußtsein kam. Unsereiner steckt in solchem Drill, daß er das alles nur empfindet wie ein Schauspieler die veränderte Dekoration; einmal ist es Schneelandschaft, ein andermalFrühlingswald, aber Schneeballen kann man nicht daraus machen und die Rosen sind nur gemalt; er darf seinen Spruch hersagen und damit basta. Das Beste noch war die Jagd, nicht die großen Hofjagden, nein, allein, oder mit zwei, drei Kameraden, und abends dann die gute Müdigkeit am glimmenden Kamin, wo die Hunde liegen und im Traum bellen, man raucht seine Shagpfeife, und mein wackerer alter Buschmann erzählt Jagdgeschichten ... Rita, einmal waren Sie auch dabei, und nun, wirklich, niemals wieder?« Sie sah vor sich hin, unter ihren Augen zuckte es ein wenig: Glimmender Kamin, wackerer Buschmann, er hat nun einmal Redewendungen wie aus einem Schulaufsatz. Darum war's mir immer so peinlich, wenn er schrieb. Seltsam, diese Ausdrucksweise, und dabei dieser unfehlbare Geschmack in der Wahl seiner Kleidung, er käme sich degradiert vor, wenn er sich in der Farbe der Krawatte geirrt hätte ... Dann wurde ihr Blick weich. »Wenn Sie es irgend vermeiden können,« sagte sie, »so enttäuschen Sie niemand. Es ist ja wohl nicht immer zu vermeiden, aber man sollte es versuchen. Sie gehen oft mit Ungestüm auf eine Sache los, dann aber ist sie doch komplizierter, als Sie dachten, oder Sie meinen, Sie seien auf Undank und Ungerechtigkeit gestoßen, wo es oft nur Ungeschick ist ... dann lassen Sie's fallen. Denn es gibt ein Wort, das kennen Sie nicht: Geduld. Es ist auch nicht von Ihnen zu verlangen. Die Weltgeschichte wurde Ihnen von Hoflieferanten serviert und die Gegenwart ist Ihnen ein Schaufenster, und da liegt alles schön aufgebautund ist alles zu haben.« Er lächelte mühsam, denn er dachte an Dinge, die gerade für ihn und seinesgleichen unerreichbar waren. Er hatte eine kleine Schwester gehabt, die hätte so schrecklich gern einmal in der Hundehütte geschlafen, aber das litt die Erzieherin nicht, und die kleine Prinzeß war gestorben, ohne ihren Herzenswunsch erfüllt zu haben. Ja, und er hatte wieder andere unerfüllbare Wünsche. Nun, wer weiß, hätte er sie erlangt, wären sie wohl bald ihres Reizes verlustig geworden. Immerhin, da war so manches, das fernab glitzerte ... jenseits, er würde es nie besitzen.
»Ich habe als Kind eine Enttäuschung erlebt,« fuhr sie fort, »eigentlich eine Kinderei; aber noch heute, wenn ich Faulbaum rieche, kommt es über mich, dies Gefühl der Erwartung, des felsenfesten Vertrauens – und dann auf einmal nichts, eine Leere, ach, ein Verratensein ...«
»Wie ging das zu?« frug der Prinz, der Frau von Brincken gegenüber immer Interesse zur Schau trug, wenn auch manchmal geradedieEigenschaft, die sie ihm absprach, dazu nötig war.
»Das ging so zu,« sagte sie und sah vor sich hin, und die Erinnerung an diese erste Bitterkeit des Lebens stand auf wie eine graue, beklemmende Wolke; »wir schwärmten dort in der kleinen Residenz alle für die Schauspielerin Weiß. Sie gab das Gretchen und Klärchen, aber auch die Königin im Don Carlos und feine Salonrollen, wo sie in entzückenden Toiletten traurige und edle Schicksale verkörperte. Wir Schulmädchen hingen ihr Maiblumenkränzean die Tür, eine ganz Mutige warf ihr sogar Rosen ins offene Parterrefenster, und wenn wir ihr auf der Straße begegneten, hatten wir Herzklopfen. Sie wußte das und fand es wohl recht abgeschmackt, aber sie lächelte freundlich, wenn wir sie grüßten, und schickte uns bisweilen Freibilletts; wir kleinen Beamtentöchter kamen ja sonst nicht oft ins Hoftheater. Schließlich lernte ich sie in einem kunstfrohen Malerhause kennen. Diese Malersfamilie machte im Frühling mit ihren Freunden Landpartien in den herzoglichen Wildpark, es waren lauter junge Leute, Maler und Malerinnen, aber auch Musiker, Polytechniker, Schauspieler. An jenem Tage war Marie Weiß dabei. Es war so ein richtiger Maitag, in den Gärten und auf den Wegen, die zum Wald gingen, blühte der Faulbaum, oh, es war betäubend, und drinnen im Wald in dem dürren heißen Laub standen die großen, duftlosen Hundsveilchen, die anderen waren schon vorüber; und über Bahndämme kamen wir, wie goldene Straßen, das war der Ginster – und überall Zitronenfalter ... Marie Weiß sprach mit mir; sie ginge nun in Urlaub, und sie wüßte nicht, ob sie im Herbst wiederkehren würde. Das Herz wurde mir wie Blei, was sollte mir das Leben, die Stadt, meine Lehrer und Beschäftigungen, wenn dahinter nicht mehr Marie Weiß stand? Sie frug mich, wo ich den Sommer über sei, ich sagte es ihr, bei einer Tante, die ein Gütchen im Schwarzwald hatte, nicht weit von Bühringen. »Nun,« sagte sie, »so um den 20. August herum muß ich nach Bühringen; ich bin ja dort geboren,ich brauche allerhand Papiere. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns?« Sie sah mich so warm und lachend an, sie hatte einen wunderschönen großen Mund und grüne Augen mit braunen Fleckchen drin, es gibt einen Stein, Moosachat, so ähnlich, und ihr dunkles Haar war so reizvoll angewachsen ... Ihr Männer ahnt ja nichts von der Hingabe, mit der ein junges, einsames Ding eine berühmte, selbständige Frau anbeten kann; man atmet kaum, wie in der Messe, wenn eben die Kerzen angezündet werden, ja, man denkt sich aus, was man alles für die Angebetete leiden möchte, Nesseln pflücken, was weiß ich für Unsinn. Aber ich langweile Sie ...« unterbrach sich Frau von Brincken.
»Nein, nein, sprich weiter,« sagte der Prinz, der an anderes gedacht hatte, aber ihre weiche Stimme mit dem leisen südlichen Klang in sich einsickern ließ wie ein angenehmes Akkompagnement. Sie merkte es wohl, aber sie redete weiter, mehr für sich als für ihn. »Bühringen ist eine kleine Stadt, vom Hof meiner Tante sind es drei Stunden zu gehen. Am 19. heuchelte ich schreckliches Zahnweh und erhielt die Erlaubnis, nach der Stadt zu fahren. Es war ein heißer, luftloser Spätsommer, dieselbe Zeit wie jetzt, darum fällt mir's wohl alles wieder ein. Ich war drei Tage in Bühringen; am dritten Tag ging ich zurück; Marie Weiß war nicht gekommen. Aber diese drei Tage werd' ich nie vergessen, sie waren so beklemmend erst und dann so erstickend trostlos, daß sie mich wohl für mein ganzes Leben gefeit haben, und dafür muß ich heut vielleicht dankbar sein.«
Der Prinz sah rasch zu ihr hinüber. Bis dahin war's ihm vorgekommen, als läse sie ihm irgendein Feuilleton vor, es gab jetzt oft solch verschwommenes, abschattiertes Zeug, lauter Beschreibungen, und meist traurig, man wußte nie recht warum; er las eine gute Detektivgeschichte lieber, oder sonst Geschichtliches, woraus man ersah, daß es vorwärts ging in der Welt ... Aber eben war ein Ton in ihrer Stimme, der ihm wehtat: »Liebe, liebe Rita,« sagte er bewegt, »erzähle mir nur alles, ich kann das nachfühlen; meine Jugendzeit hatte auch ihre dornigen Seiten.«
»Hoheit sind gewiß niemals an einem heißen Augustnachmittag in kleinstädtischen Anlagen gewesen – ja, wie kämen Sie auch dorthin! So zwischen fünf und sechs, wenn es ganz windstill ist. Da sitzen dann so kleine, alte Dämchen und häkeln, die Spatzen schlafen in den Büschen, und auf die Wege fallen die ersten welken Blätter – so wie hier ... Dort war ein Bassin, ein längliches Viereck, wo große Goldfische wie fette Mohrrüben schwammen, und ein paar Schüler mit roten Mützen spielten gelangweilt Verstecken hinter den Büschen und der Riesenbüste des Landesvaters, die den Teich übersah; wenn ich nicht irre, ein Großoheim Eurer Hoheit, ob seiner Gerechtigkeit und Leutseligkeit bewundert und geliebt; er konnte einem leid tun, wie er da immerzu lächeln mußte in der heißen Sonne, als träumte er von Veteranenfeiern und Bürgermeistern und könnte zu keinem richtigen Nickerchen kommen.«
»Rita, Sie sind goldig,« sagte der Prinz und wollte ihre Hand küssen; wenn sie sich – es war leider selten – über seine Angehörigen lustig machte, kam sie ihm gleich menschlich so viel näher.
»Ach nein, nein,« sagte sie, »die Verzweiflung kommt wieder über mich. Hoheit ahnen nicht, wie man noch in der Erinnerung zusammenschrumpft, wie man manche Orte, manchen Blumenduft meidet, als säßen Mörder darin, die nur warten, um einem ins Herz zu stoßen. Zwei ganze Tage war ich in Bühringen, ging die Hauptstraße mit ihrem Kanal zwischen großen, staubigen Kastanienbäumen hin und her, saß in der Konditorei, wo es Limonade gab und Kuchen unter Glasglocken, wie Reliquien. Dahinter führte eine kleine Brücke in den Stadtgarten, und immer wieder, zwischen den Zügen, ging ich hin, und war mir anfangs beklommen zumute, so war's mir schließlich unerträglich, und doch mit einem Stich ins Komische. Ich saß dort wie verhext. Alte Herren mit fetten, asthmatischen Hunden kamen an mir vorbei, sie standen in der prallen Sonne und redeten über Steuern und Gemeindesachen, und Euer Hoheit hochseliger Oheim lächelte geduldig zwischen den Buchsbäumen rechts und links, und die Goldfische schliefen im Bassin. In einem Gasthaus in der inneren Stadt war Kaninchenausstellung, dahin ging ich den letzten Tag; ich war immer ein Tiernarr; darum wünschte ich, ich wäre nicht dort gewesen. Es war ein häßlicher Backsteinbau, und überall roch es nach schalem Bier. Droben, in einem dunkelgetäfelten Saalmit altdeutschen Trinksprüchen stand Käfig an Käfig. Sie hatten's viel zu eng, sie saßen in die Winkel gedrückt mit erschrockenen Augen, es war schmutzig in ihren Ställen. Menschen kamen und gingen, die die guten weichen Tiere herausnahmen und wogen und ihnen Zigarrenrauch in die Augen bliesen, man sah die Herzchen klopfen ... ich war dicht am Weinen und ging fort. Ja, und da hatte die Tante geschrieben, wo ich denn bliebe, und da mochte ich ihr nichts weiter vorlügen; so eine tüchtige Lüge, einmal, wenn's sein muß, gut, aber immer wieder, das ist so läppisch. Ich stand am offenen Fenster und packte meine Sachen zusammen; vor der Haustür sprach der Wirt mit einem anderen Mann, und da hörte ich, Marie Weiß sei schon vor vierzehn Tagen hier gewesen beim Bürgermeister, um Papiere zu holen, sie würde heiraten, einen hohen Offizier, der ihr schon lange nahe gestanden. Er hat ja dann auch den Abschied genommen, und sie sind sehr glücklich zusammen gewesen ... sie hatten einen kleinen Jungen ... Ja, da stand ich am Fenster. Dann bin ich zu Fuß heimgegangen, und wie ich über die Höhe kam und die Sterne wachten auf und von den Wiesen kam solch frischer Hauch – da war's, als ob etwas von mir abfiel, und ich sagte mir, es war zum Sterben, aber ich glaube, nun ist's vorbei ... Aber bisweilen kommt es noch so über mich.«
Sie streichelte seine große, schlanke Hand, und dann tat sie einen guten Zug aus ihrem Glase. »All die Länder, wo man offenen Wein trinkt,« sagte sie, »sollten doch von Rechts wegen gut Freund sein miteinander.«
»Stimmt leider nicht –« sagte er, »aber man könnte es in Erwägung ziehen. Völkerbündnisse, je nach Nahrungsmitteln sortiert ....«
Sie trank noch einmal. »So,« sagte sie, »der Wein war gut, und nun ist er zu Ende. Nun aber bleiben Sie hier, Ludwig; mein Wagen hält unten beim Kapellchen. Sehen Sie mir nach, ich werde geradeaus marschieren, wie kein Leibgrenadier es besser kann. Was Tenue betrifft, da kann ich mitreden.«
»Nein, laß mich dich zum Wagen geleiten, Rita, und sprich nicht so – ja, wie soll ich sagen – höhnisch; du brichst mir das Herz.«
»Ach Gott, von Hohn ist keine Rede,« sagte sie. »Wir sind beide betrübte Leute, die ein Einsehen haben. Und glaube mir,il tempo è galantuomo, du wirst es verwinden und sollst es auch, laß mich nicht in einem grämlichen Schleier in deiner Erinnerung stehen. Und habe Dank für alles – hörst du – für alles ...«
Sie nahm seine Hand und legte die Wange für einen Augenblick hinein, so eine Sekunde nur, da war sie wieder jung – wie ein Kätzchen jung ist, jung wie damals, ganz am Anfang, als er sie noch Henrietterl nannte ... dann sah sie sich um, aufmerksam; hierher kehrte sie nie zurück. Und seltsam, es tat eigentlich nicht weh, nur kühl, kühl war alles. Sie merkte, daß sie schon draußen stand im Zuschauerraum, die kleine leere Bühne verlassen hatte. Ach, schenkte das Leben vielleicht ganz heimlich, gerade dann, wenn es nahm? Oder hatte sie zu sehr geliebt, daß es ihr an Kraftzum Schmerz gebrach? Wann würde sie's wissen? Abschied, Opfer, höhere Pflicht ... sonderbare Worte. In der Brust ein toter Fleck, und hier, was blieb zurück? Ein paar verkohlte Zigaretten, ein kleines zertretenes Taschentuch. Und nun kam der Wirt, die Gläser wegzutragen, die Windlichter auszulöschen, und morgen sitzen andere Gäste am Tisch, mit leichten oder schweren Herzen; was weiß ein Mensch vom andern!
Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balken herab, von seiner Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen auf den Lehmboden nieder.
Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte, wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom Blutduft angelockt.
Aber eine saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten Wollbändern um die Beine verschnürt.
»Geh heim, Bärhild,« sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem Tisch.«
Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg, wie bei Katzen. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wußte nicht, wer von beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals, mit kurzer, zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.
»Jetzt geh ich Schlingen legen,« sagte sie mit rauher Knabenstimme und schlüpfte davon.
Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen standen und einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den schleimigen Wänden wuchsen Farn und Moose, nur seltenkam ein Lichtstrahl und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus gekauert zwischen Weiden und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben blau von Vergißmeinnicht. Die Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur manchmal setzten sie die Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen mitgebracht, fremde Schmiedearbeit aus Norden, wunderliche Zeichen drin eingesetzt, sahen aus wie Beile und Galgen.
Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnchen zur Welt gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte sie den zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen Sand.
Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Hier Busch und Binsen, düsterer Erlenwald, wo das Wasser zwischen den geschwärzten Silberstämmen gluckerte und man die schmalen Dämme kennen mußte, um nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war dochpreisgegeben dem Regen, der Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da hörte auch das niedere Gebüsch auf, die Erde wurde karg und steinig, wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Höhlen und Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in den Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wußte sie den Weg nicht; da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte, hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste, die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten dasselbe Los gehabt.
Daheim, bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das Wipfeldach und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren ihr Freunde gewesen, wie Helden stiegen die Stämme aus der rostigen Blätterdecke. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der haßte die Fallen und Schlingen. Ein Pfeil ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht sein, und die Mütter und Kinder blieben geschont; aber es gab kein Quälen mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart, wie scharf sein dunkles Auge, wie gut hatte er's immer gemeint.
Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Duften über den Geruch der Sümpfe, der Gräben voll braunen, faulenden Erlenlaubs dahin. Da hatte wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Blumen aufgetan. Und der Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet, an jenem Tage, als der Jäger nicht heimkam; als wolle er ihr helfen, ihr etwas sagen mit seinem Düften: Sie saß den halben Tag dort und sah ihn versinken im Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen, traurigen Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht zurück. Da brach sie sich einen blühenden Zweig ab und ging in den großen unbekannten Wald.
Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum. Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne glitt an den geraden Buchenstämmen hinab wie einer Mutter Lächeln über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war's noch stiller, Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren reglos. Aber das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller ihr Werk getan; da kam der Fingerhut zu seinem Recht; in Völkern stand er zwischen den Baumstümpfen und öffnete den warmen Samtschlund der Sonne und den Bienen. Und die Stechpalme wucherte und die wilde Himbeere warf die Arme aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, keinBienchen konnte dran vorüber. Dort war sie lange gewesen, die Hände um die Kniee gespannt, der Berghang ihre Lehne, das Erdbeerkraut ihr Teppich; unter ihr die Wiesen lagen im Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck tief und eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.
Wie dann der Abend kam, stand sie in einer Lichtung; da war ein Teich und spiegelte schwarze Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen in der Luft mit gläsernen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln lagen, vom Tau verklebt, in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie sich hin auf ihr Bündelchen, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald seine Hallen.
Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm und gewaltig ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise klirrend die Speere und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt, hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der Wald summte um sie her. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an sich ...
Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Da unten wohnte die Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen Hund. Inhellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen. Nun fing es an zu dunkeln; das Haus versank in Grau, in Weiden und Erlen. Nur unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber früh, kaum daß der Himmel fahl wurde, liefen sie schon und sammelten sich in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie auseinanderstoben.
Die Frau ging ins Haus zurück. Heute nacht wollte der Mann heimkehren von einem Beutezug; da mußte sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die Kittel ihrer kleinen Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie lauschte den Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen in den Bäumen und drinnen im Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich, bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis. Sie wußten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie heimtrugen zu ihrer eigenen Brut, die mit bösen, gelben Augen nach frischem Fleisch schrie. Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben wie die Menschen, und wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf mit heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag verschwiegen der moosige Teppichmit tausend nickenden Flockblumen, die faulenden Blätter des Vorjahrs, durch die sich die gelben Taubnesseln drängten.
Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl und tastete über Bank und Tisch und über die Hände in ihrem Schoß; da stützte sie den schmalen Kopf und dachte an die Abende daheim, wie sie auch dasaß und die Quelle im Dunkeln hörte, und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er die Tür auftat und sein weißer Bart im Monde noch weißer war.
Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört, viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat, haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als der andere, und der kleinste wie ein kleiner Kater, man hätte ihn in der Schürze tragen mögen; die baten um Einlaß.
Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt, saßen mit schweren Augenlidern um die kleine Öllampe und erzählten weinerlich von Mutter und Vater und wie sie in die Irre gegangen seien. Die Frau ging von einem zum anderen, streichelte dem den Kopf, rückte dem das Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie, immer wieder mußte sie den Dunst ihrer braunen Hälschen einatmen, wie er sie aus dem Ausschnitt ihrer Kittel ankam, diesen Duft, in den sich ein Ruch mischte von Harz und Kohlenmeilern und fetterungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende Sprechweise war wie Amselzwitschern. Von einem guten, geplagten Vater, von einer harten geplagten Mutter erzählten sie, von dem Hündchen Strupp und den Meilern tief im Wald, von Bucheckern und Pilzen, und sie meinte, wieder tief drinnen zu stehen, die Füße im Heidelbeerkraut, die Sonnenstrahlen um sie her, als würde das Licht zur Orgel ... Aber auch von einem Dorf erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die einsame Straße hin, wo Krähen auf verschneiten Steinhaufen saßen und schweren Flugs in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen und der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach im Stroh, über ihnen die schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten von frischem Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o um Heilands Namen, Ihr müßt fort, kommt, wir müssen gehen ...«
Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die morschen Stufen hinauf, wo in der großen, niederen Stube ihre kleinen Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen nebeneinander im Mondlicht, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne glitzerten und der laue Atem ging aus und ein.
Draußen wußte sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing, dort war Holz aufgestapelt, ein gutes Versteck. Dort würde sie keiner wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach, durch die Nacht meinte sie schon die rauhe Stimme zu hören, und das Pferd, wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen Augen freiließ, daß er das Beben ihres Mundes nicht gewahr werde, und zog den schweren Riegel zurück, als er näher kam.
Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden Köpfe, und küßte sie ins Genick und sog noch einmal den Duft ihrer sonnverbrannten Hälschen. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond schmalfingerig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war und seichte, silberne Pfützen, wo der tote weiße Sand begann und der Pfad mählich aufstieg und dann am Rande des Steinbruchs vorbei, wo der Wind durch die Hallen und Höhlen fuhr und schwarze Gewässer tief unten heraufstarrten zum Mond wie Seelen, die kein Lichtstrahl mehr erhellen kann ...dort ging die Frau und trug den kleinsten im Arm, ein anderer hielt sie am Kleid und die größten folgten ihr nach; an Abgründen und Kreuzwegen kamen sie vorbei, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends an; sie sah nur gerade in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben liegen, und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten Lichter ... Da kniete sie vor den Kleinen nieder und küßte sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und flüsterte ihnen zu, guten Rat oder waren's nur Töne, wie brütende, säugende Tiere sie ausstoßen, in Angst und Liebe. Und wandte sich ab von ihnen in scharfem Schmerz, die nun still und ernsthaft im Mondlicht weiterstapften, kleine Buben, die so große Schatten warfen.
Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen mußte; erst durch Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten Thymian, dann aber karg, umlagert von Geröll, graues Gesträuch klomm aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad zurück, schon wieder fühlte sie den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die Knie straffte. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken.
Gradaus ging sie mit weiten Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen, und wie der Kreuzweg kam, redete der Wegweiser in ihrem Herzen nicht mehr. Hinauf ging der Pfad, so steil, so steinig; war das der, den sie gekommen? Und der andere führte hinunter ins Geklüft, der ging sich leichter. Im Steinbruch wisperte es und seufzte, und immer tiefer ging sie hinein, und der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen.
Ein zeitlose Geschichte
(Für Agnes und Else und andere artige Kinder)
Also – da war einmal eine Prinzessin, die hatte sich im Walde verirrt und da begegnete ihr ein Drache, der sie sehr erschreckte. Aber so greulich er auch aussah, so hatte er doch ein mitleidiges Herz, und wie er sie weinen sah, nahm er sie mit in seine Höhle. Als sie nun einige Tage bei ihm gewesen war, gefiel sie ihm so gut, daß er sie nicht weglassen wollte, denn er führte ein einsames Leben, und etwas Jugend tat ihm wohl. So wurde die Prinzessin Stütze des Drachen mit Familienanschluß, aber was die Familie angeht, da war nur der Drache, denn er war ein alter Junggeselle, hatte auch keine Dienerschaft, darum war auch alles so verwahrlost, ja es sah recht unordentlich aus in der Höhle; aber das sollte ja nun die Prinzessin mit feinem Geschmack anders gestalten, und sie tat auch, was sie konnte, mit Girlanden und Waldblumenbuketts. Als nun die Prinzessin einige Zeit bei dem Drachen gewesen war und sich an mancherlei hatte gewöhnen müssen, begann sie, denn obgleich sie eine Prinzessin war, fehlte ihr doch nicht der Sinn dafür, die komischen Seiten ihrer Umgebung zu erkennen. Es war dabei manches schlimm genug. Wie zum Beispiel das Schnarchen des Drachen, wenn er sich schamlos dem Mittagsschlaf hingab, denn er gehörte zum Geschlecht der Suppenbläser und stieß abwechselnd aus dem rechten und linken Nasenloch greuliche Dämpfe aus. Hypochondrisch veranlagt wie er war, litt er an beständiger Angst vor Erkältungen, die ihn zu den seltsamsten Maßregeln greifen ließ. So hatteer sich eines Tages ausgeklügelt, der Besitz zweier Nasenlöcher bilde eine stete Gefahr für das katarrhalisch disponierte Individuum, da sich das Gehirn zwischen diesen beiden Korridoren in fortwährender Zugluft befände. Deshalb hatte er, trotz ernstlicher Gegenvorstellungen der Prinzessin, das eine Nasenloch mit Moos verstopft, was eine Anschwellung der Gesichtshälfte, verbunden mit heftiger Migräne, zur Folge gehabt hatte. Nachts hörte die Prinzessin den Drachen in seinen großen Filzparisern durch alle Gänge schlurren, um nachzusehen, ob auch alles zu sei, und bei dem geringsten Wetterumschlag trank er einen abscheulichen Tee aus Baumrinde, zog Pulswärmer an und umwickelte sich den Hals mit einem alten himbeerfarbenen Cachenez, was zu seiner Hautfarbe äußerst fatal aussah und den Schönheitssinn der Prinzessin, die früher beim Hofmaler Weichschnabel aquarelliert hatte, empfindlich verletzte. Angenehm war es auch nicht, dabei sitzen zu müssen, wenn der Drache Makkaroni fraß. Diese hingen ihm dann wie Schlangen zu beiden Seiten des Maules herab, und mit den Pfoten stopfte er nach; die Prinzessin mußte wegsehen, sonst verging ihr der ohnedies zarte Appetit.
Abends legte der Drachen Patience. Seine Klauen waren nie ganz rein; er tunkte sie ab und zu in den Sumpf und meinte damit ein übriges getan zu haben; und der Prinzessin blieb auch hier nichts anderes, als emsig an ihren Binsenkörbchen zu flechten, um nurnicht hinsehen zu müssen. Diese zum Sammeln von Erdbeeren bestimmten Behälter häuften sich in einer Ecke der Höhle an. Es gab keine Erdbeeren in diesem Walde, und so waren sie eigentlich zwecklos. Einmal ertappte sich die Prinzessin bei dem Gedanken, man könne sie ja auf einen Basar für Ferienkolonien geben, denn die Handarbeiten fürstlicher Frauen fanden bei solchen gemeinnützigen Veranstaltungen stets reißenden Absatz. Hier freilich türmten sie sich als Angebot ohne Nachfrage im Hintergrund der Drachenwohnung auf.
Alles in allem aber war die Prinzessin auf bestem Wege, sich den ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen. Alles was recht ist, dachte sie (diese Redewendung hatte sie von einer bayerischen Kinderfrau aufgeschnappt), aber dies absolutesans gêne, diese Dehnbarkeit in der Zeiteinteilung (zum Beispiel das Mittagessen, das, ebenso unberechenbar wie das Osterfest, bald früh, bald spät stattfand), die schönen, ausgiebigen Schläfchen unter den Tannen ... das alles ließ ihr das frühere Leben, die Residenz im Stadtschloß, wie auch die sogenannte ländliche Zwanglosigkeit der sommerlichen Monrepos' und Sorgenfreis wie öde Korrektionshäuser erscheinen, wenn sie auch ab und zu nach ihrer Zofe Fanny mit dem Manikürekasten, nach ihrer silbernen Badewanne und schönen schaumigen Frühstückschokolade Sehnsucht verspürte.
Manchmal ging der alte Drache aus, um andere Drachen, die wie nie abgelöste Schildwachen vor ihrenSchatzkammern lagen, zu besuchen. Er selbst war ein freier Drache, sozusagen ein Finanzminister im Ruhestand, der keine Rechenschaft mehr abzulegen hat, nur die Prinzessin war sein Schatz; und da er von Natur mißtrauisch war, nahm er sie wenn irgend möglich zu diesen Besuchen mit. Dann tranken die Drachen Meth, priemten und spuckten und spielten Karten, wobei sie sich gräßlich beschimpften und mit den Trümpfen auf den Tisch schlugen, daß es dröhnte. Aber allmählich gewöhnte sie sich an den Humor dieser Sonderlinge, ein Gemisch von abgestandenen Börsenwitzen und alemannischer Vierschrötigkeit, das aber zu den alten warzigen Herren paßte, wie die Verwünschungen cholerischer Propheten zu den Steinfratzen gotischer Kathedralen. – – –
Eines Tages nun, es war zu Frühlingsanfang, sah der Drache, nachdem er sein Mittagessen bewältigt hatte, gerührten Auges zu, wie die Prinzessin, nachdem sie einen Rest geschmorter Pilze und das übrige Blaubeerkompott weggeräumt hatte, mit ihren kleinen rauhgewordenen Händen den Eichelkaffee filtrierte. Ach, das war doch alles keine Arbeit für eine Prinzessin, dachte er beschämt und fühlte, wie sich seine kleinen grünen Plieraugen mit Tränen füllten, die er verstohlen mit den Klauen wegwischte, wenn sie auf seinen höckerigen Lederwangen niederflossen, die an ein Reisenecessaire aus Krokodilhaut erinnerten, nur daß sie nicht so schön poliert waren wie diese Erzeugnisse einer raffinierten Kultur.
Draußen zwitscherten die Buchfinken in den knospenden Büschen und suchten nach gegabelten Ästen, ihre Nester darin zu befestigen. Durch das dürre Laub streckten Tausende von Anemonen ihre weißen, feingeäderten Kelche, die im Frühlingswind schwankten, und überall, wo immer ein feuchtes Fleckchen zu finden war, hatte die Sonne es aufgespürt und blitzte darin wie in Glasscherben; durch die kahlen Baumwipfel sah man den blauen Himmel mit vielen kleinen, runden Lämmerwölkchen schimmern, es roch nach Erde und nach Moos, und aus den Sümpfen kamen bedächtig die Kröten gewandert und trugen, wie einst die Weiber von Weinsberg, eine jede ihren kleinen Ehemann auf dem Rücken. Da auf einmal fühlte die Prinzessin ein so tiefes Mitleid mit dem armen Drachen, der so alt und schäbig mitten in dem hellen Frühlingswetter dasaß, und den man eigentlich in eine chemische Reinigungsanstalt hätte schicken müssen. Er würde nie eine Drachin und liebe kleine Drachen sein eigen nennen, dazu war er doch viel zu alt und häßlich, und wenn sie einmal befreit würde, bliebe er allein zurück und hätte niemand, der sich um ihn kümmern würde; denn wenn sie ihn mitnahm, kam er doch nur in den Zoologischen Garten, wo ihn die Kinder mit Sonnenschirmen und Stöcken ärgern würden und er eine betonierte Felsenhöhle bekäme – die reine Attrappe, und alle Tage abgekochte Mohrrüben, die er nicht leiden konnte. Armer, alter Drache! Und sie hatte während der ganzen Zeit kein böses Wörtchenvon ihm zu hören bekommen und hatte doch selber – besonders im ersten halben Jahr – nichts getan, als die Nase rümpfen über das Essen und die mangelhafte Einrichtung; und er gab es doch, so gut er's hatte! Da neigte sie sich über ihn und kraute ihn ein wenig hinter den Ohren, wozu er die Mundwinkel hochzog und ein Gesicht machte wie Wagnerianer, wenn das Lied von den Winterstürmen und dem Wonnemond losgeht, legte ihre Samtwange auf sein runzeliges Haupt und aus ihren schönen Augen rollte eine Träne. Und dann küßte sie ihn mitten auf sein grünpatiniertes Nasenbein.
Aber im selben Augenblick geschah ein furchtbarer Donnerstoß, die Erde schwankte, Bäume und Gestein drängten sich zusammen oder sanken auseinander, ihre Farben verwandelten sich, das Dach der Höhle hob und wölbte sich, und Bäume wurden zu Säulen; es war, als wirbelte ein Kaleidoskop um sie her, und wie sie wieder zur Besinnung kam, saß ein schöner, wohlerzogener Prinz in entzückender Uniform, mit Ordenskette und blitzendem Stern ihr zur Seite, in leuchtendem Saal, und alles war verwandelt, ihr Kuß hatte den Zauber gelöst, nur die Erdbeerkörbchen standen noch da, waren nun aber aus Goldgeflecht, und in jedem lagen, wie Ostereier, vier bunte, leuchtende Steine.
Schöne Damen kamen paarweis geschritten, mit demütigen Schwanenhälsen und hoffärtigen Schleppen, sie hielten ihre Kleider mit spitzen Fingern und versankenwie sterbende Springbrunnen, wenn sie vor Prinz und Prinzessin vorüberzogen. Da waren Herolde, angetan mit historischen Wappenröcken, mit Locken und spitzen Bärten, gerade wie Kartenkönige, nur daß sie Beine hatten; schöne kleine Pagen mit Krone und Zepter auf seidenen Kissen, süß lächelnde Kammerfrauen mit reizenden Hündchen, auch eine kleine Mohrin war dabei. Auf den Galerien aber hinter goldenen Gittern bliesen und fiedelten die Musikanten, daß es eine Lust war, und das silberne Haar des Kapellmeisters wehte nach allen Seiten vor Begeisterung ... Nun zogen die Köche vorbei, weißgekleidet, feist und glatt, mit Kochlöffeln und blanken Messern im Gurt, und hinter ihnen die Küchenjungen, wie ein Echo in kleinem Format, dann der Troß der Stallmeister, der Jäger und Hornisten, die Treiber und Hundejungen mit Peitschen und Netzen, und schließlich auch das Aschenweib, das nur dazu da war, die Asche aus den Kaminen fortzutragen, grau und zerzaust wie eine mauserige Krähe. Aber ganz zuletzt kam die Märchenerzählerin der fürstlichen Kinder, die war so uralt, daß sie die Leute in den Märchen persönlich gekannt hatte; klein und gebückt trippelte sie vorüber in spitzem Hut und grünem Mäntelchen.
Alle machten ihre Reverenz, die Prinzessin mußte in einem fort lächeln und nicken, und nun kamen drei Hofprediger mit feierlichem Glockengeläut und begrüßten das fürstliche Paar im Namen des Höchsten mit überaus herzlichen Gebärden ihrer kleinen, weißen, wohlgenährtenHände, wie segnende Maulwürfe. Die Bäume rauschten, die Brunnen sprangen und tanzten und die Glockentöne waren rund und tief wie die Glocken selbst; aber die Sonne blies die Backen auf und posaunte auf ihre Weise mit langen, heißen Stößen. Und dann wurde die Hochzeit gefeiert. –
Aber als sie nun viele Jahre König und Königin gewesen waren, dachte die Königin manchmal zurück an ihre Höhle. Nun war sie bequem und dick geworden, und die schönste Stunde des Tages war die von drei bis vier, wenn sie ihr Korsett auszog und sich mit einem Roman auf den Diwan legte. Die Kammerfrau holte ihr die herrlichsten Schmöker aus der Leihbibliothek, denn der König ließ sie durch den Hofbibliothekar ausschließlich mit Memoirenliteratur versorgen; aus diesen Produkten desancien régimehoffte er, daß sie den Geist feinerrépartie, der ihr von der Natur versagt war, erlerne. Sie gestand es sich kaum ein, aber eigentlich hatte sie dies Leben gründlich satt mit seinen Denkmalsenthüllungen und Audienzen, wo die Menschen immer ganz kleine Mündchen machten, als könnten sie nur Tütü sagen. Die Tage waren so künstlich zugeschnitten, jede Stunde fügte sich in die andere ein wie bei einem Geduldspiel, da war keine Ritze, wo die kleinste Maus hätte durchschlüpfen können, und nun überkam sie oft ein Verlangen nach anderem, wie ein wohlerzogener Knabe aus guter Familie, der in eine Hafenstadt kommt, voll neidischer Wonne nach den schmutzigen Schiffsjungenauf den Heringsbooten schielt. Der alte Drache – ja es war merkwürdig, wie bald er sich in alles gefügt hatte. Wenn sie an seine Filzpariser dachte! Nun, er hatte sich ja auch viel gründlicher als Drache ausgelebt. Nun war er ein kleiner, trockener, ältlicher Herr geworden, mit einer irritierenden Art sich zu räuspern, und all die Vorschriften der Etikette waren ihm unentbehrlich wie eine hygienische Unterbekleidung. Neuerdings konnte er sich ganz merkwürdig über die kleinsten Mißgriffe aufregen, so neulich, als die Zuckerzange nicht gleich bei der Hand war. Da hatten seine Augen Drachengift geschossen, wie sie es damals, in der Höhle, nie getan. Der Lakai schlotterte und der Oberhofmarschall fühlte die Fundamente seines Daseins wanken. Aber die Königin konnte nicht an sich halten; sie lachte in ihrer unpassend explosiven Art und bekam einen ganz roten Kopf: »Lieber Mann,« sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen – denn sie mußte beim Lachen immer weinen – »als wir noch in der Drachenhöhle lebten, hast du deinen Zucker abgebissen und den Kaffee trankst du aus der Untertasse wie eine Waschfrau.« Alles war wie versteinert, denn die unselige Drachenepisode wurde ja totgeschwiegen und jede Anspielung darauf als grobe Taktlosigkeit empfunden; eine Zeit eisiger Ungnade war die Folge dieser übelangebrachten Reminiszenzen. Seitdem versuchte die Königin ihre seelischen Aufwallungen zu unterdrücken, aber wenn sie im halbverdunkelten Boudoir der Ruhe pflegte, kam es übersie, und vor ihren geschlossenen Augen stand die Höhle wieder auf, braungrün und verräuchert, ach, und so traulich!
Heut gerade war ein schläferiger Sonntagsnachmittag, dessen freundliche Langeweile durch die Ritzen der Jalousien drang. Die Wache auf dem Rondellplatz vor dem Schloß war eben aufgezogen, die Kommandoworte, das Trommeln verhallte, und nun begannen die beiden Schildwachen ihr Auf und Ab, bis zur nächsten Ablösung. Nettgekleidete Bürgerfamilien wanderten auf den Kiespfaden und bewunderten die schönen Teppichbeete, die den Neid zugereister Hofgärtner erregten. Weiter ab, unter den Kastanienbäumen wandelten Landgerichtsräte und Gymnasiallehrer, und bleiche, schwärmerische Jünglinge saßen auf den Bänken und lasen in Reklambändchen. Die kleinen Knaben und Mädchen aber freuten sich ihrer roten Luftballons, und alles strömte dem Schloßgarten zu, der Sonntags dem Publikum offenstand. Die fürstliche Frau hatte es sich leicht gemacht. Das Korsett lag, gedemütigt wie ein verabschiedeter Zeremonienmeister, auf dem Teppich, ihre Füße dehnten sich in weiten, gelben Babuschen, und sie begann eben den zweiten Band vom Geheimnis der alten Mamsell. Aber sogar dieses ganz neue, ungemein fesselnde Werk konnte die Gedanken nicht bannen. Hatte sie nicht eben, in der Ferne, einen leisen Kuckucksruf gehört? Es war das freilich die Schwarzwälderuhr des Türhüters gewesen, die man in der sonntäglichen Stilleschlagen hörte, aber auch die stammte aus dem Walde, darum war wohl ihr Ton so echt; mit einemmal wuchs ihre Sehnsucht riesengroß; sie mußte den Wald wiedersehen, ob sie gleich ahnte, daß es dort nicht mehr sein würde wie einst. Ohne Zaudern zog sie sich an und band einen grünen Schleier über den Hut, von der glänzenden Sorte, die sich Donna Maria nannte und damals Mode war. Das Glück war ihr hold, denn die Lakaien, die im Treppenhaus, bei schläferigem Fliegengesumm Dienst hatten, glaubten, sie ginge in den Privatgarten; als sie aber an die Tür kam, die zu ihm führte, saß da der alte Türhüter und war über dem Sonntagsblättchen eingenickt: so schlüpfte sie hinaus.
Niemand gab auf sie acht, als sie den Schloßpark durchquerte, denn sie ging nur selten zu Fuß; träge und fett, wie sie war, fuhr sie stets in der Karosse. Auch sah sie in ihrem Alter der Frau Hofkonditor Butterweck ähnlich, und in ihrem einfachen Anzug galt sie den Spaziergängern wohl für diese, wenn sie sich überhaupt nach ihr umsahen. So wanderte sie unerkannt, wie irgendeine behäbige Bürgersfrau, durch den Schloßgarten, zum äußeren Tore hinaus und eine lange Rüsterallee hinunter, an deren einer Seite Seildreher ihre Werkstatt hatten, wo man sie wochentags sehen konnte, die Schürze voller Werg, aus dem sie, rückwärtsschreitend, wie Kreuzspinnen, ihre langen Seile drehten. Nach längerem Gehen, das ihr manchen Seufzer entriß, denn es war ihren Füßen eine ungewohnte Fron,lenkte ein Weg seitab in den Wald, oder vielmehr dorthin, wo er früher gestanden hatte. Denn es war freilich alles anders geworden. Da waren Bänke und Wegweiser und kleine Buden, wo man Himbeerwasser und Sandtörtchen kaufen konnte, die reliquienhaft unter Glasstürzen schimmelten; ach und eine ganze Straße von blitzblanken Villas mit Erkern und Türmen und gotischen Fenstern war entstanden, wo pensionierte Generale ihren Ruhestand verlebten, sich der Rosenkultur widmeten und die Blattläuse mit Ausdauer und Tabakslösung bekämpften. Ach, wo war das Dickicht von einst? Den Krötensumpf hatte man ausgetrocknet, Kinder in schottischkarierten Kleidern und schrecklichen Schürzen aus Wachstuch spielten dort im Sand, ja der Platz hieß sogar nach ihr, Karoline-Amalien-Platz, denn in ihrer Familie hatten die Frauen alle so schreckliche Namen, und die Männer hießen Adolf oder Emil oder Ferdinand, was auch nicht hübsch war. Auch ihr Drache hieß Ferdinand. Ach, wo waren die Drachen geblieben! Tot oder ausgewandert? Oder hatte sie alles nur geträumt? Dort, die alte Eiche, oh, sie erkannte sie wieder; wie oft hatte sie dort gesessen und den sich paarenden Eichkätzchen zugeschaut, wie sie sich haschten, immer um den Baum herum. Einmal noch wollte sie seine Rinde streicheln. Aber was hing dort an seinem Stamm? War's ein Muttergotteshäuschen? Dann würde dort auch eine Bank sein, oh, wie brannten ihre Füße, wie gut würde man sitzen unter dem breiten Geäst. Da ging sie näher,aber es war kein Muttergotteshäuschen, sondern ein lackierter Kasten war aufgehängt am Eichenstamm, und es stand daraufgeschrieben: Gegen Einwurf eines Fünfzigpfennigstücks eine Tafel echt deutsche Familienschokolade. Über dem Kasten aber war noch ein Blechschild mit deutender Hand: Restaurant Drachenhöhle, Kegelbahn, Kaffee und Bier. Zehn Minuten. Da fühlte sie Erbarmen mit dem Baum und mit sich und mit all den alten vertriebenen Drachen; und mußte weinen. Aber wenn sie weinte, ging das nie ohne vielfaches Nasenputzen vor sich, daß sie ganz rot und verschwollen aussah, und das war ja auch nicht königlich.
Als sie sich ausgeweint hatte, ging sie langsam, denn die Füße taten ihr weh, in ihr kühles Königsschloß zurück, wo man sie bereits vermißt hatte und ihr Hofstaat im Begriff stand, den Schloßpark nach ihr abzusuchen.