Vierter Abschnitt.

Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art veranlaßt; er mußte ihm in vielem recht geben, nur meinte er doch, daß was die höhere Frömmigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der jetzigen betreffe, aus dem Abt gar zu sehr der Mönch spreche, der Zeichen, Wunder, Verzückungen verlange und wirklich schaue, deren ein frommer kindlicher Sinn, dem die krampfhafte Ekstase eines berauschenden Kultus fremd bleibe, nicht bedürfe, um wahrhaft christliche Tugend zu üben; und eben diese Tugend sei keineswegs von der Erde verschwunden, und könne dies wirklich geschehen, so würde die ewige Macht, die uns aufgegeben und dem finstern Dämon freie Willkür gegönnt, uns auch durch kein Mirakel zurückbringen wollen auf den rechten Weg. —

Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler für sich und betrachtete schweigend noch immer das Bild. Aber immer mehr traten auch bei näherem und näherem Anschauen die Züge des Mörders aus dem Hintergrunde hervor, und Kreisler überzeugte sich, daßdas lebendige Original der Gestalt niemand anders sein könne als Prinz Hektor.

Mich dünkt, hochehrwürdiger Herr! begann Kreisler, ich erblicke dort im Hintergrunde einen wackern Freischützen, der es abgesehen hat auf das edelste Tier, nämlich auf den Menschen, den er pirscht auf mannigfache Weise. Er hat diesmal, wie ich sehe, ein treffliches wohlgeschliffnes Fangeisen zur Hand genommen und gut getroffen, mit dem Schießgewehr hapert's aber merklich, da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand einen muntern Hirsch garstig fehlte. — In der Tat, mich gelüstets gar sehr nach demCurriculum vitaedieses entschlossenen Weidmanns, sei es auch nur ein epitomatischer Auszug aus demselben, der mir schon zeigen könnte, wo ich eigentlich meine Stelle finde und ob es nicht geraten, mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden, wegen eines mir vielleicht nötigen Frei- und Schutzbriefes! —

Laßt nur die Zeit hingehen, Kapellmeister! sprach der Abt, mich sollt' es wundern, wenn Euch nicht in kurzem so manches klar würde, das jetzt noch in trübem Dunkel liegt. — Es kann sich noch vieles Euern Wünschen, die ich erst jetzt erkannt, gar freudig fügen. Seltsam — ja so viel kann ich Euch wohl sagen — seltsam genug scheint es, daß man in Sieghartshof über Euch im gröbsten Irrtum ist. Meister Abraham mag vielleicht der einzige sein, der Euer Innres durchschaut.

Meister Abraham, rief Kreisler, Ihr kennt den Alten, hochehrwürdiger Herr?

Ihr vergeßt, erwiderte der Abt lächelnd, daß unsere schöne Orgel ihre neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu verdanken hat! — Doch künftig mehr! — Wartet nur in Geduld der Dinge, die da kommen werden.

Kreisler beurlaubte sich beim Abt; er wollte hinab in den Park, um so manchen Gedanken nachzuhängen, die ihn durchkreuzten; doch als er schon die Treppe hinabgestiegen war, hörte er hinter sich herrufen:Domine, domine Capellmeistere! — paucis te volo!— Es war der Pater Hilarius, welcher versicherte, daß er mit höchster Ungeduld auf das Ende der langen Konferenz mit dem Abt gewartet. Soeben habe er sein Kellermeisteramt verrichtet und den herrlichsten Leistenwein abgezogen, der seit Jahren im Keller gewesen. Ganz unumgänglich nötig sei es, daß Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum Frühstück, um die Güte des edlen Gewächses zu erkennen und sich zu überzeugen, daß es ein Wein sei, der feurig, geist- undherzstärkend, für einen tüchtigen Kompositor und echten Musikanten geboren.

Kreisler wußte wohl, daß es vergeblich sein würde, dem begeisterten Pater Hilarius entgehen zu wollen und es war ihm selbst recht bei der Stimmung, in die er sich versetzt fühlte, ein Glas guten Wein zu genießen, er folgte daher dem fröhlichen Kellermeister, der ihn in seine Zelle führte, wo er auf einem kleinen, mit einer saubern Serviette bedeckten Tischchen schon eine Flasche des edlen Getränks sowie frischgebacknes Weißbrot und Kümmel vorfand. —Ergo bibamus!rief Pater Hilar, schenkte die zierlichen grünen Römer voll und stieß mit Kreislern fröhlich an. Nicht wahr, begann er, nachdem die Pokale geleert, nicht wahr, Kapellmeister, unser hochwürdiger Herr will Euch gern in den langen Rock hineinvexieren? —Tut'snicht, Kreisler! — Mir ist wohl in der Kutte, ich möchte sie um keinen Preis wieder ablegen; aberdistinguendum est inter et inter.— Für mich ist ein gut Glas Wein und ein tüchtiger Kirchengesang die ganze Welt, aber Ihr — Ihr! Nun Ihr seid noch zu ganz andern Dingen aufgehoben, Euch lacht noch das Leben auf ganz andre Weise, Euch leuchten noch ganz andre Lichter, als die Altarkerzen! — Nun Kreisler! kurz von der Sache zu reden — stoßt an!VivatEuer Mädel, und wenn Ihr Hochzeit macht, so soll Euch der Herr Abt alles Verdrusses unerachtet durch mich von dem besten Wein senden, der nur in unserm reichen Keller befindlich!

Kreisler fühlte sich durch Hilarius Worte berührt auf unangenehme Weise, so wie es uns schmerzt, wenn wir etwas Zartes, Schneereines erfaßt sehn von plumpen ungeschickten Händen. Was Ihr nicht alles wißt, sprach Kreisler, indem er sein Glas zurückzog, was Ihr nicht alles erfahrt in Euern vier Mauern.

Domine Kreislere,rief Pater Hilarius, nichts für ungut,video mysteriumaber ich will das Maul halten! Wollt Ihr nicht auf Euer — Nun! laßt uns frühstücken inCamera et faciemus bonum cherubim— undbibamus,daß der Herr uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemütlichkeit erhalten möge, die bisher geherrscht.

Ist denn die jetzt in Gefahr gekommen! — fragte Kreisler gespannt.

Domine,sprach Pater Hilarius leise, indem er Kreislern vertraulich näher rückte.Domine dilectissime!Ihr seid lange genug bei uns um zu wissen, in welcher Eintracht wir leben, wie sich die verschiedensten Neigungen der Brüder in einer gewissen Heiterkeit einigen, die von allem, von unserer Umgebung, von der Milde derKlosterzucht, von der ganzen Lebensweise begünstigt wird. — Vielleicht hat das am längsten gedauert. Erfahrt es Kreisler! eben ist Pater Cyprianus angekommen, der längst erwartete, der von Rom aus dem Abt auf das dringendste empfohlen wurde. Es ist noch ein junger Mann, aber auf diesem ausgedörrten starren Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemüts zu finden, vielmehr liegt in den finstern abgestorbenen Zügen eine unerbittliche Strenge, die den bis zur höchsten Selbstqual gesteigerten Aszetiker verkündet. Dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen Verachtung alles dessen, was ihn umgibt, die vielleicht wirklich dem Gefühl einer geistlichen Übermacht über uns alle ihren Ursprung verdanken mag. Schon erkundigte er sich in abgebrochenen Worten nach der Klosterzucht und schien großes Ärgernis an unserer Lebensweise zu nehmen. — Gebt acht, Kreisler, dieser Ankömmling wird unsre ganze Ordnung, die uns so wohlgetan, verkehren! Gebt acht,nunc probo!Die Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschließen, und bald wird sich eine Partei wider den Abt bilden, der vielleicht der Sieg nicht entgehen kann, weil es mir gewiß scheint, daß Pater Cyprianus ein Emissar Sr. päpstlichen Heiligkeit ist, dessen Willen sich der Abt beugen muß! — Kreisler! was wird aus unserer Musik, aus Eurem gemütlichen Aufenthalt bei uns werden! — Ich sprach von unserm wohleingerichteten Chor und wie wir die Werke der größten Meister recht wacker auszuführen im Stande, da schnitt aber der finstre Aszetiker ein entsetzliches Gesicht und meinte, dergleichen Musik sei für die profane Welt, aber nicht für die Kirche, aus der sie der Papst Marcellus der Zweite mit Recht ganz verbannen wollen. —Per diemwenn es keinen Chor mehr geben soll und man mir vielleicht auch den Weinkeller verschließt so — doch vorderhand,bibamus!— Man muß sich vor der Zeit keine Gedanken machen,ergo— gluck-gluck.

Kreisler meinte, daß es sich wohl mit dem neuen Ankömmling, der vielleicht strenger schiene als er es wirklich sei, besser fügen und er seinerseits nicht glauben könne, daß der Abt bei dem festen Charakter, den er stets bewiesen, so leicht dem Willen eines fremden Mönchs nachgeben werde, zumal es ihm selbst an wichtigen, erfolgreichen Verbindungen in Rom gar nicht fehle.

In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen, ein Zeichen, daß die feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des heiligen Benedikt vor sich gehen solle.

Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius, der mit einem halbängstlichen:bibendum quidnoch die Neige seines Römers schnell hinunter schluckte, auf den Weg nach der Kirche. Aus den Fenstern des Korridors, den sie durchschritten, konnte man in die Gemächer des Abts hineinschauen. Seht, seht! rief Pater Hilar, indem er den Kreisler in die Ecke eines Fensters zog. Kreisler schaute hinüber und gewahrte in dem Gemach des Abts einen Mönch, mit dem der Abt sehr eifrig sprach, indem eine dunkle Röte sein Antlitz überzog. Endlich kniete der Abt nieder vor dem Mönch, der ihm den Segen gab.

Hab ich recht, sprach Hilarius leise, wenn ich in diesem fremden Mönch, der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei, etwas Besonderes, Seltsames suche und finde.

Gewiß, erwiderte Kreisler, hat es mit diesem Cyprianus eine eigne Bewandtnis, und mich sollt es wundern, wenn nicht gewisse Beziehungen sich sehr bald kundtun sollten.

Pater Hilarius begab sich zu den Brüdern um mit ihnen in feierlicher Prozession, das Kreuz vorauf, die Laienbrüder mit angezündeten Kerzen und Fahnen an den Seiten in die Kirche zu ziehen.

Als nun der Abt mit dem fremden Mönch dicht bei Kreisler vorüberkam, erkannte dieser auf den ersten Blick, daß Bruder Cyprianus eben der Jüngling war, den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum Leben erweckte. — Doch noch eine Ahnung erfaßte Kreislern plötzlich. Er rannte hinauf in sein Zimmer, er holte das kleine Bildnis hervor, das ihm Meister Abraham gegeben, er erblickte denselben Jüngling, nur jünger, frischer und in Offizier-Uniform abgebildet. Als nun —

Ersprießliche Folgen höherer Kultur. — Die reiferen Monate des Mannes.

Hinzmanns rührender Sermon, das Trauermahl, die schöne Mina, Miesmies Wiederfinden, der Tanz, alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt der widersprechendsten Gefühle erregt, so daß ich, wie man im gewöhnlichen Leben gemeinhin sagt, mich eigentlich gar nicht zu lassen wußte und in einer gewissen trostlosen Bangigkeit des Gemüts wünschte, ich läge im Keller in der Grube, wie Freund Muzius. Das war nun freilich sehr arg und ich wüßte gar nicht, was aus mir geworden wäre, lebte nicht der wahre, hohe Dichtergeist in mir, der sofort mich mit reichlichen Versen versorgte, die ich niederzuschreiben nicht unterließ. — Die Göttlichkeit der Poesie offenbart sich vorzüglich darin, daß das Versemachen, kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweißtropfen, doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt, das jedes irdische Leid überwindet, so wie man denn wissen will, daß es sogar oftmals schon Hunger und Zahnschmerzen besiegt hat. Jener soll, da der Tod ihm den Vater, die Mutter, die Gattin raubte, zwar bei jedem Todesfall, wie billig ganz außer sich, aber doch bei dem Gedanken an das herrliche Trauer-Carmen, das er nun im Geist zu empfangen gedachte, niemals untröstlich gewesen sein und bloß noch einmal sich verheiratet haben, um die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben Art nicht aufzugeben. —

Hier sind die Verse, die meinen Zustand sowie den Übergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

Was wandelt horch! durch finstre RäumeIn öder Keller Einsamkeit!Was ruft mir zu: Nicht länger säume!Wes Stimme klagt ein herbes Leid?Dort liegt der treue Freund begraben,Nach mir verlangt sein irrer Geist;MeinTrost soll ihn im Tode laben,Ichbin's, der Leben ihm verheiß!Doch nein! — das ist kein flücht'ger Schatten,Der solche Töne von sich gibt!Sie seufzen nach dem treuen Gatten,Nach ihm, der noch so heiß geliebt!In alte Liebesketten fallen,Rinaldo will's, er kehrt zurück,Doch wie! — Schau' ich nicht spitze Krallen?Nicht eifersücht'gen Zornes Blick?Sie ist's — die Frau! — wohin entfliehen! —Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.Im keuschen Schnee der Jugend blühen,Seh' ich des Lebens höchste Lust.Sie springt, sie nah't, und immer heller,Wird's um mich Hochbeglückten her.Ein süßer Duft durchweht den Keller,Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.Der Freund gestorben —siegefunden —Entzücken! — Wonne! — bittrer Schmerz!Die Gattin — Tochter — neue Wunden! —Ha! sollst du brechen armes Herz?Doch kann den Sinn wohl so betören,Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?Nein — diesem Treiben muß ich wehren,Mich blendet nur ein falscher Glanz.Hinweg ihr eitlen Truggebilde,Gebt höher'm Streben willig Raum.Gar manches führt die Katz' im Schilde,Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,Ichflieh'und Muzius sei gerächt.Verklärter: — ja bei jedem Braten,Bei jedem Fisch gedenk ich dein!Denk'deiner Weisheit, deiner Taten,Denk'Kater ganz wie du zu sein.Gelang es hünd'schem Frevelwitze,Dich zu verderben edler Freund,So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,Es rächet dich, der um dich weint.So flau, so jammervoll im BusenWar mir's, ich wußte gar nicht wie.Doch hoher Dank den holden Musen,Dem kühnen Flug der Phantasie.Mir ist jetzt wieder leidlich besser,Spür' gar nicht g'ringen Appetit,Bin Muzius gleich ein wackrer Esser,Und ganz in Poesie erglüht.Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,Du Trösterin im tiefsten Leid,O! Verslein laß mich stets gebären,Mit genialer Leichtigkeit!Und: Murr, so sprechen edle Frauen,Hochherz'ge Jünglinge, o Murr:„Du Dichterherz, ein zart Vertrauen,„Weckt in der Brust dein süß Gemurr!“

Was wandelt horch! durch finstre RäumeIn öder Keller Einsamkeit!Was ruft mir zu: Nicht länger säume!Wes Stimme klagt ein herbes Leid?Dort liegt der treue Freund begraben,Nach mir verlangt sein irrer Geist;MeinTrost soll ihn im Tode laben,Ichbin's, der Leben ihm verheiß!

Doch nein! — das ist kein flücht'ger Schatten,Der solche Töne von sich gibt!Sie seufzen nach dem treuen Gatten,Nach ihm, der noch so heiß geliebt!In alte Liebesketten fallen,Rinaldo will's, er kehrt zurück,Doch wie! — Schau' ich nicht spitze Krallen?Nicht eifersücht'gen Zornes Blick?

Sie ist's — die Frau! — wohin entfliehen! —Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.Im keuschen Schnee der Jugend blühen,Seh' ich des Lebens höchste Lust.Sie springt, sie nah't, und immer heller,Wird's um mich Hochbeglückten her.Ein süßer Duft durchweht den Keller,Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben —siegefunden —Entzücken! — Wonne! — bittrer Schmerz!Die Gattin — Tochter — neue Wunden! —Ha! sollst du brechen armes Herz?Doch kann den Sinn wohl so betören,Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?Nein — diesem Treiben muß ich wehren,Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg ihr eitlen Truggebilde,Gebt höher'm Streben willig Raum.Gar manches führt die Katz' im Schilde,Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,Ichflieh'und Muzius sei gerächt.

Verklärter: — ja bei jedem Braten,Bei jedem Fisch gedenk ich dein!Denk'deiner Weisheit, deiner Taten,Denk'Kater ganz wie du zu sein.Gelang es hünd'schem Frevelwitze,Dich zu verderben edler Freund,So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im BusenWar mir's, ich wußte gar nicht wie.Doch hoher Dank den holden Musen,Dem kühnen Flug der Phantasie.Mir ist jetzt wieder leidlich besser,Spür' gar nicht g'ringen Appetit,Bin Muzius gleich ein wackrer Esser,Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,Du Trösterin im tiefsten Leid,O! Verslein laß mich stets gebären,Mit genialer Leichtigkeit!Und: Murr, so sprechen edle Frauen,Hochherz'ge Jünglinge, o Murr:„Du Dichterherz, ein zart Vertrauen,„Weckt in der Brust dein süß Gemurr!“

Die Wirkung des Verslein-Machens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd' ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben mit mehreren Witzwörtern undImpromptus, die ich in müßigen Stunden angefertigt und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen, unter dem allgemeinen Titel: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung, herauszugeben. — Zu meinem nicht geringen Ruhm muß ich es sagen, daß selbst in meinen Jünglingsjahren, wenn der Sturm der Leidenschaft noch nicht verbraust ist, ein heller Verstand, ein feiner Takt für das Gehörige, die Oberhand behielt über jeden abnormen Sinnenrausch. So gelang es mir auch die plötzlich aufgewallte Liebe zu der schönen Mina gänzlich zu unterdrücken. Einmal mußte mir denn doch bei ruhiger Überlegung diese Leidenschaft in meinen Verhältnissen etwas töricht vorkommen; dann erfuhr ich aber auch, daß Mina des äußern Scheins kindlicher Frömmigkeit unerachtet, ein keckes eigensinniges Ding sei, die bei gewissen Anlässen den bescheidensten Katerjünglingen in die blanken Augen fahre. Um mir aber jeden Rückfall zu ersparen, vermied ich sorglich Mina zu sehen, und da ich Miesmies vermeintliche Ansprüche und ihr seltsames überspanntes Wesen noch mehr scheute, so hielt ich mich, um ja keiner von beiden zu begegnen, einsam im Zimmer und besuchte weder den Keller, noch den Boden, noch das Dach. Der Meister schien dies gern zu sehen; er erlaubte, daß ich, studierte er am Schreibtisch, mich hinter seinem Rücken auf den Lehnstuhl setzen und mit vorgestrecktem Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte, welches er eben las. — Es waren ganz hübsche Bücher die wir, ich und mein Meister auf diese Art zusammen durchstudierten, wie z. B. Arpe,De prodigiosis naturae et artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis,Beckers bezauberte Welt, Francisci Petrarca Gedenkbuch u. a. m. — Diese Lektüre zerstreute mich ungemein und gab meinem Geist einen neuen Schwung.

Der Meister war ausgegangen, die Sonne schien so freundlich, die Frühlingsdüfte wehten so anmutig zum Fenster hinein; ich vergaß meine Vorsätze und spazierte hinauf auf das Dach. Kaum war ich aber oben, als ich auch schon Muzius Witwe erblickte, die hinter dem Schornstein hervorkam. — Vor Schreck blieb ich regungslos stehen, wie eingewurzelt; schon hörte ich mich bestürmt mit Vorwürfen und Beteuerungen. — Weit gefehlt. — Gleich hinterher folgte der jungeHinzmann, rief die schöne Witwe mit süßen Namen, sie blieb stehen, empfing ihn mit lieblichen Worten, beide begrüßten sich mit dem entschiedenen Ausdruck inniger Zärtlichkeit und gingen dann schnell an mir vorüber, ohne mich zu grüßen oder sonst im mindesten zu beachten. Der junge Hinzmann schämte sich ganz gewiß vor mir, denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die Augen nieder, die leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen höhnischen Blick zu.

Der Kater ist, was sein psychisches Wesen betrifft, doch eine gar närrische Kreatur. — Hätte ich nicht froh sein können, sein müssen, daß Muzius Witwe anderweitig mit einem Liebhaber versehen, und doch konnte ich mich eines gewissen innern Ärgers nicht erwehren, der beinahe das Ansehen hatte von Eifersüchtelei. — Ich schwor niemals mehr das Dach zu besuchen, wo ich große Unbill erlebt zu haben glaubte. Statt dessen sprang ich nun fleißig auf die Fensterbank, sonnte mich, schaute um mich zu zerstreuen auf die Straße herab, stellte allerlei tiefsinnige Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit dem Nützlichen.

Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch, warum es mir noch niemals eingefallen, mich aus eignem freien Antriebe vor die Haustüre zu setzen oder auf der Straße zu lustwandeln, wie ich es doch viele von meinem Geschlecht tun sah, ohne alle Furcht und Scheu. Ich stellte mir das als etwas höchst Angenehmes vor und war überzeugt, daß nun, da ich zu reiferen Monaten gekommen und Lebenserfahrung genug gesammelt, von jenen Gefahren in die ich geriet, als das Schicksal mich, einen unmündigen Jüngling, hinausschleuderte in die Welt, nicht mehr die Rede sein könne. Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte mich fürs erste auf die Türschwelle, in den hellsten Sonnenschein. Daß ich eine Stellung annahm, die jedem auf den ersten Blick den gebildeten, wohlerzogenen Kater verraten mußte, versteht sich von selbst. Es gefiel mir vor der Haustüre ganz ungemein. Indem die heißen Sonnenstrahlen meinen Pelz wohltätig auswärmten, putzte ich mit gekrümmter Pfote zierlich Schnauze und Bart, worüber mir ein paar vorübergehende junge Mädchen, die den großen, mit Schlössern versehenen Mappen nach, die sie trugen, aus der Schule kommen mußten, nicht allein ihr großes Vergnügen bezeugten, sondern mir auch ein Stückchen Weißbrot verehrten, welches ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm. —

Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe, als daß ich sie wirklich zu verzehren Anstalt machte, aber wie groß war meinEntsetzen, als plötzlich ein starkes Brummen dicht bei mir dies Spiel unterbrach, und der mächtige Alte, Ponto's Oheim, der Pudel Skaramuz vor mir stand. Mit einem Satz wollte ich fort aus der Türe, doch Skaramuz rief mir zu: Sei er kein Hasenfuß und bleib er ruhig sitzen; glaubt er, ich werd ihn fressen? —

Mit der demütigsten Höflichkeit fragte ich, worin ich vielleicht dem Herrn Skaramuz nach meinen geringen Kräften dienen könne, der erwiderte aber barsch: In nichts in gar nichts kann er mir dienen, Mosje Murr, und wie sollte das auch möglich sein. Aber fragen wollt' ich ihn, ob er vielleicht weiß, wo mein liederlicher Neffe steckt, der junge Ponto. Er hat sich ja wohl schon einmal mit ihm herumgetrieben, und ihr scheinet zu meinem nicht geringen Ärger ein Herz und eine Seele. Nun? — sag er nur an, ob er weiß, wo der Junge herumschwärmt; ich habe ihn schon seit mehreren Tagen mit keinem Auge gesehen.

Verlegen durch des mürrischen Alten stolzes wegwerfendes Betragen, versicherte ich kalt, daß von einer engen Freundschaft zwischen mir und dem jungen Ponto gar nicht die Rede sei und auch niemals die Rede gewesen wäre. Zumal in der letzten Zeit habe sich Ponto, den ich übrigens gar nicht aufgesucht, ganz von mir zurückgezogen.

Nun das freut mich, brummte der Alte, das zeigt doch, daß der Junge Ehre im Leibe hat und nicht gleich bei der Hand ist mit Leuten allerlei Gelichters sein Wesen zu treiben.

Das war denn doch nicht auszuhalten, der Zorn übermannte mich, das Burschentum regte sich in mir, ich vergaß alle Furcht, und prustete dem schnöden Skaramuz ein tüchtiges: Alter Grobian! ins Gesicht, hob auch die rechte Pfote mit ausgespreizten Krallen in die Höhe und zwar in der Richtung nach des Pudels linkem Auge. Der Alte wich zwei Schritte zurück und sprach weniger barsch, als vorher: Nun, nun Murr! nichts für ungut, ihr seid sonst ein guter Kater und da will ich euch denn raten, nehmt euch in acht vor dem Blitzjungen dem Ponto! Er ist, ihr möget es glauben, eine ehrliche Haut, aber leichtsinnig! — leichtsinnig! zu allen tollen Streichen aufgelegt, kein Ernst des Lebens, keine Sitte! — Nehmt euch in acht, sag' ich, denn bald wird er euch verlocken in allerlei Gesellschaften, wo ihr gar nicht hingehört und euch mit unsäglicher Mühe zu einer Art des sozialen Umgangs zwingen müßt, die eurer innersten Natur zuwider und über die eure Individualität, eure einfache ungeheuchelte Sitte, wie ihr sie mir eben bewiesen, zu Grunde geht. — Seht, guter Murr,Ihr seid, wie ich schon gesagt, als Kater schätzenswert und habt für gute Lehre ein williges geneigtes Ohr! — Seht! so viel tolle, unangenehme ja zweideutige Streiche auch ein Jüngling verführen mag, zeigt er nur dann und wann jene weichliche ja oft süßliche Gutmütigkeit, wie sie Leuten von sanguinischem Temperament immer eigen, so heißt es denn gleich mit dem französischen Ausdruck:Au fondist er doch ein guter Kerl und das soll denn alles entschuldigen, was er beginnt gegen alle Sitte und Ordnung. Aber derfond, in dem der Kern des Guten steckt, liegt so tief und über ihm hat sich so viel Unrat eines ausgelassenen Lebens gesammelt, daß er im Keime ersticken muß. — Für wahrhaftes Gefühl des Guten wird einem aber oft jene alberne Gutmütigkeit aufgetischt, die der Teufel holen soll, wenn sie nicht vermag den Geist des Bösen in einer glänzenden Maske zu erkennen. Traut, o Kater, den Erfahrungen eines alten Pudels, der sich was in der Welt versucht und laßt Euch nicht durch das verdammte:Au fondist er ein guter Kerl, betören! — Seht Ihr etwa meinen liederlichen Neffen, so möget Ihr ihm alles geradezu heraussagen, was ich mit Euch gesprochen, und Euch seine fernere Freundschaft gänzlich verbitten. — Gott befohlen! — Ihr freßt das wohl nicht, guter Murr?

Damit nahm der alte Pudel Skaramuz das Stückchen Weißbrot, das vor mir lag, hurtig ins Maul und schritt dann gemächlich von dannen, indem er mit gesenktem Haupt die lang behaarten Ohren an der Erde schleppen ließ und ein ganz klein wenig mit dem Schweife wedelte. —

Gedankenvoll schaute ich dem Alten nach, dessen Lebensweisheit mir ganz eingehen wollte. Ist er fort, ist er fort? So lispelte es dicht hinter mir, und ich erstaunte nicht wenig, als ich den jungen Ponto erblickte, der sich hinter die Türe geschlichen und so lange gewartet hatte, bis der Alte mich verlassen. Ponto's plötzliche Erscheinung setzte mich gewissermaßen in Verlegenheit, da mir des alten Onkels Auftrag, den ich jetzt eigentlich hätte ausrichten müssen, doch etwas bedenklich schien. Ich dachte an jene entsetzlichen Worte, die Ponto mir einst zugerufen: Solltest du es dir etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen mich zu äußern, so bin ich dir an Stärke und Gewandheit überlegen. Ein Sprung, ein tüchtiger Biß meiner scharfen Zähne würde dir auf der Stelle den Garaus machen. — Ich fand es sehr ratsam zu schweigen. —

Diese inneren Bedenklichkeiten mochten mein äußeres Betragen kaltund gezwungen erscheinen lassen, Ponto guckte mich an mit scharfem Blick. Dann brach er aus in eine helle Lache und rief: Ich merk es schon, Freund Murr! Mein Alter hat dir allerlei Böses vorgeredet von meinem Treiben, er hat mich liederlich, allen tollen Streichen und Ausschweifungen ergeben, geschildert. Sei nicht so töricht, von dem allem auch nur ein Wörtchen zu glauben. Fürs erste! Schau mich recht aufmerksam an und sage mir, was du von meiner äußern Erscheinung hältst? — Den jungen Ponto betrachtend fand ich, daß er nie so wohl genährt, so glau ausgesehen, daß nie diese Nettigkeit, diese Eleganz in seinem Anzuge, nie diese wohltuende Übereinstimmung in seinem ganzen Wesen geherrscht. Ich äußerte ihm dies unverhohlen.

Nun wohl, guter Murr, sprach Ponto, glaubst du wohl, daß ein Pudel, der sich in schlechter Gesellschaft umhertreibt, der niedrigen Ausschweifungen ergeben, der recht systematisch liederlich ist ohne eigentlichen Geschmack daran zu finden, sondern bloß aus Langeweile, wie es denn nun wirklich bei vielen Pudeln der Fall ist — glaubst du wohl, daß ein solcher Pudel so aussehen kann wie du mich findest? Du rühmst vorzüglich die Harmonie in meinem ganzen Wesen. Schon das muß dich belehren, wie sehr mein grämlicher Onkel im Irrtum ist; denke, da du ein literarischer Kater bist, an jenen Lebensweisen, welcher dem, der an einem Lasterhaften vorzüglich das Unharmonische der ganzen Gestaltung rügte,erwiderte: Ist es möglich, daß das Laster Einheit haben kann? Wundere dich, Freund Murr, nicht einen Augenblick über die schwarzen Verleumdungen meines Alten. Grämlich und geizig, wie denn nun einmal alle Oheime sind, hat er deshalb seinen ganzen Zorn auf mich geworfen, weil erpar honneureinige kleine Spielschulden bezahlen müssen, die ich bei einem Wurstkrämer ausgeborgt hatte, der bei sich verbotenes Spiel duldete und den Spielern oft in Cervelaten, Grützen und Lebern (zu Würsten aptiert nämlich) bedeutende Vorschüsse machte. Dann aber denkt der Alte auch noch immer an eine gewisse Periode, in der meine Lebensweise eben nicht rühmlich war, die aber längst vorüber und dem herrlichsten Anstande gewichen ist.

In dem Augenblicke kam ein kecker Pinscher des Weges, guckte mich an, als hab' er meines gleichen noch niemals gesehen, schrie mir die gröbsten Insolenzen in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif, den ich lang aus von mir gestreckt, welches ihm zu mißfallen schien. Sowie ich aber hochaufgerichtet mich zur Wehre setzen wollte, war Ponto auch schon auf den ungesitteten Krakeelerlosgesprungen, hatte ihn zu Boden getreten und zwei-, dreimal überrannt, so daß er unter dem jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell davonfuhr wie ein abgeschossener Pfeil.

Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner tätigen Freundschaft gab, rührte mich ungemein und ich dachte, daß hier das:Au fondist er ein guter Kerl! welches der Onkel Skaramuz mir hatte verdächtig machen wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinne und ihn mit mehrerem Grunde entschuldigen könne, als manchen andern. Überhaupt wollt' es mich bedünken, daß der Alte gewiß zu schwarz gesehen und Ponto zwar leichtsinnige aber nie schlechte Streiche machen könne. Alles dieses äußerte ich meinem Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm dabei dafür, daß er meine Verteidigung übernommen, in den verbindlichsten Ausdrücken.

Es freut mich, guter Murr, erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art war, mit muntren schalkischen Augen umherblickte, daß der pedantische Alte dich nicht irre gemacht hat, sondern daß du mein gutes Herz erkennst. — Nicht wahr, Murr, ich nahm den übermütigen Jungen tüchtig vor? — Er wird daran denken lange Zeit. Eigentlich habe ich ihm heute schon den ganzen Tag aufgepaßt, der Bengel stahl mir gestern eine Wurst und mußte dafür gezüchtigt werden. Daß dabei auch nebenher die Unbill gerächt wurde, die du von ihm erfahren, und daß ich in dieser Art dir meine Freundschaft bewähren konnte, ist mir gar nicht unlieb; ich schlug, wie man im Sprichwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe. — Nun aber wiederum auf unser voriges Gespräch zurückzukommen! — Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau, und sage mir, ob du denn gar keine merkwürdige Veränderung in meinem Äußern wahrnimmst? —

Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und — ach der Tausend! nun erst fiel mir das silberne zierlich gearbeitete Halsband ins Auge, das er trug, und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alcibiades von Wipp. Marschallstraße Nr. 46.

Wie Ponto, rief ich erstaunt, du hast deinen Herrn verlassen, den ästhetischen Professor und dich zu einem Baron begeben?

Verlassen habe ich nun eigentlich den Professor nicht, erwiderte Ponto, sondern er hat mich von sich gejagt mit Fußtritten und Prügeln.

Wie konnte das geschehen, sprach ich, dein Herr bewies dir ja sonst alle Liebe und Güte wie nur möglich?

Ach, antwortete Ponto, das ist eine dumme ärgerliche Geschichte, die nur durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Glück ausschlug. An der ganzen Sache war bloß meine alberne Gutmütigkeit schuld, der freilich ein wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder Minute wollt' ich meinem Herrn Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei mein Geschick, meine Ausbildung zeigen. Deshalb war ich auch gewohnt alles, was an Kleinigkeiten am Fußboden lag, dem Herrn ohne weitere Aufforderung zu apportieren. Nun! — Du weißt vielleicht, daß der Professor Lothario eine blutjunge und dabei bildhübsche Frau hat, die ihn auf das zärtlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie es ihm jeden Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen überhäuft, wenn er, in Büchern begraben, sich auf die zu haltende Vorlesung vorbereitet. Sie ist die Häuslichkeit selbst, da sie das Haus niemals vor zwölf Uhr verläßt da sie doch schon um halb elf Uhr aufgestanden und einfach in ihren Sitten verschmäht sie nicht mit der Köchin, mit dem Stubenmädchen die häuslichen Angelegenheiten bis ins tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser nicht etatsmäßiger Ausgaben halber zu früh aus dem Beutel entwischt und darf der Herr Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die Zinsen dieser Anleihen trägt sie ab in kaum getragnen Kleidern, so wie diese und auch wohl Federhüte, in die die erstaunte Welt der Mägde Sonntags das Stubenmädchen geputzt sieht, als Lohn für gewisse geheime Gänge und andre Gefälligkeiten gelten dürften. Bei so vielen Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswürdigen Frau die kleine Torheit (ist es überhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt werden, daß ihr eifrigstes Streben, all ihr Dichten und Trachten dahin geht, stets nach der letzten Mode gekleidet zu gehen, daß ihr das Eleganteste, das Teuerste, nicht elegant, nicht teuer genug ist, daß sie, hat sie ein Kleid dreimal, einen Hut viermal getragen, den türkischen Shawl einen Monat hindurch umgehängt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die kostbarste Garderobe wegwirft um einen Spottpreis oder wie gesagt, die Mägde sich darin putzen läßt. Daß die Frau eines Professors der Ästhetik Sinn hat für schöne äußere Gestaltung ist wohl gar nicht zu verwundern, und nur erfreulich kann es dem Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin offenbart, daß die Gemahlin mit sichtlichem Wohlgefallen den Blick der feuerblitzenden Augen auf schönen Jünglingen ruhen läßt, diesen auch wohl zuweilen etwas nachläuft. Manchmal bemerkte ich, daß dieser, jener junge Mann,der die Vorlesungen des Professors besuchte, die Türe des Auditoriums verfehlte und statt dieser die Türe, welche zum Zimmer der Professorin führte, leise öffnete und ebenso leise hineintrat. Beinahe mußte ich glauben, daß diese Verwechslung nicht ganz absichtslos geschah, oder wenigstens niemanden gereute, denn keiner eilte, seinen Irrtum zu verbessern, sondern jeder, der hineingetreten, kam erst nach einer guten Zeit heraus und zwar mit solch lächelndem zufriednem Blick als ob ihm der Besuch bei der Professorin ebenso angenehm und nützlich gewesen als eine ästhetische Vorlesung des Professors. Die schöne Lätitia (so hieß des Professors Frau) war mir nicht sonderlich gewogen. Sie litt mich nicht in ihrem Zimmer und mochte recht haben, da freilich der kultivierteste Pudel nicht dort hingehört, wo er bei jedem Schritt Gefahr läuft Florspitzen zu zerreißen, Kleider zu beschmutzen, die auf allen Stühlen umherliegen. Doch wollt es der Professorin böser Genius, daß ich einmal bis in ihr Boudoir hineindrang. Der Herr Professor hatte eines Tages bei einem Mittagsmahl mehr Wein getrunken als gerade dienlich und war darüber in eine hochbegeisterte Stimmung geraten. Zu Hause angekommen, ging er, ganz gegen seine Gewohnheit geradezu in das Kabinett seiner Frau, und ich schlüpfte, selbst wußte ich nicht, was für eine besondere Lust mich dazu antrieb, mit hinein durch die Türe. Die Professorin war in Hauskleidern, deren Weiße dem frisch gefallenen Schnee zu vergleichen, ihr ganzer Anzug zeigte nicht sowohl eine gewisse Sorglichkeit, als die tiefste Kunst der Toilette, die sich hinter dem Einfachen verbirgt und wie ein versteckter Feind desto gewisser siegt. Die Professorin war in der Tat allerliebst und stärker als sonst empfand dies der halb berauschte Professor, der ganz Liebe und Entzücken die holde Gattin mit den süßesten Namen nannte, mit den zärtlichsten Liebkosungen überhäufte und darüber gar nicht eine gewisse Zerstreuung, ein gewisses unruhiges Mißbehagen bemerkte, das sich in dem ganzen Wesen der Professorin nur zu deutlich aussprach. Mir war die steigende Zärtlichkeit des begeisterten Ästhetikers unangenehm und lästig. Ich kam auf meinen alten Zeitvertreib und suchte am Boden umher. Gerade als der Professor in der höchsten Ekstase laut rief: Göttliches, hehres, himmlisches Weib, laß uns — tänzelte ich auf den Hinterbeinen zu ihm heran und apportierte ihm zierlich und, wie bei diesem Akt jedesmal, ein wenig mit dem Stutzschweif wedelnd, den feinen pommeranzfarbnen Männerhandschuh, den ich unter dem Sofa der Frau Professorin gefunden. — Starr blickte der Professor den Handschuh an und rief wie plötzlich aufgeschreckt aus einem süßen Traum: Was ist das? — Wem gehört dieser Handschuh! wie ist er in dies Zimmer gekommen? — Damit nahm er den Handschuh mir aus der Schnauze, besah ihn, hielt ihn an die Nase und rief dann wieder: Wo kommt dieser Handschuh her? Lätitia, sprich, wer ist bei Dir gewesen? — Wie Du, erwiderte die holde treue Lätitia mit dem ungewissen Ton der Verlegenheit, den sie sich vergebens mühte zu unterdrücken, wie Du nun auch seltsam bist, lieber Lothar, wem soll, wem wird der Handschuh gehören. Die Majorin war hier und konnte bei dem Abschiede den Handschuh nicht finden, den sie auf der Treppe ausgestreut zu haben glaubte. — Die Majorin, schrie der Professor ganz außer sich, die kleine zart gebaute Frau, deren ganze Hand hineingeht in diesen Daumen! — Höll und Teufel, welcher Zierbengel war hier? — Denn nach parfümierter Seife riecht das verfluchte Ding! — Unglückliche, wer war hier, welcher verbrecherische Trug der Hölle zerstörte hier meine Ruhe, mein Glück! — Schändliches, verruchtes Weib! —

Die Professorin machte gerade Anstalt in Ohnmacht zu fallen, als das Stubenmädchen hereintrat und ich, froh des fatalen Ehestandsauftritts, den ich veranlaßt, entledigt zu werden, schnell hinaussprang.

Den andern Tag war der Professor ganz stumm und in sich gekehrt; ein einziger Gedanke schien ihn zu beschäftigen, einer einzigen Idee schien er nachzugrübeln. Ob er es nur sein mag! — Das waren die Worte, die dann und wann den verstummten Lippen unwillkürlich entflohen. Gegen Abend nahm er Hut und Stock, ich sprang und bellte freudig; er sah mich lange an, helle Tränen traten ihm in die Augen, er sprach mit dem Ton der tiefsten innigsten Wehmut: Mein guter Ponto! — treue ehrliche Seele! — Dann lief er schnell vors Tor und ich dicht hinter ihm her, fest entschlossen, den armen Mann aufzuheitern mittels aller Künste, die mir nur zu Gebote standen. Dicht vor dem Tor begegnete uns der Baron Alcibiades von Wipp, einer der zierlichsten Herren in unserer Stadt, auf einem schönen Engländer. Sowie der Baron den Professor gewahrte, kurbettierte er zierlich an ihn heran und fragte nach des Professors, dann aber nach der Frau Professorin Wohlbefinden. Der Professor stotterte in der Verwirrung einige unverständliche Worte hervor. In der Tat, sehr heiße Witterung! sprach nun der Baron und zog ein seidnes Tuch aus der Rocktasche, schleuderte aber mit demselben Schwunge einen Handschuh heraus, den ich gewohnter Sitte gemäß meinem Herrn apportierte.Hastig riß mir der Professor den Handschuh fort und rief: Das ist Ihr Handschuh, Herr Baron? Allerdings, erwiderte dieser verwundert über des Professors Heftigkeit, ich glaube, ich schleuderte ihn in dem Augenblick aus der Rocktasche und der dienstfertige Pudel hob ihn auf. So habe ich, sprach der Professor mit schneidendem Ton, indem er den Handschuh, den ich unter dem Sofa in der Professorin Zimmer hervorgesucht, ihm hinreichte, so habe ich das Vergnügen Ihnen den Zwillings-Bruder dieses Handschuhes, den Sie gestern verloren, überreichen zu können.

Ohne des sichtlich betretenen Barons Antwort abzuwarten, rannte der Professor wild von dannen.

Ich hütete mich wohl, dem Professor in das Zimmer seiner teuren Gattin zu folgen, da ich den Sturm ahnen konnte, der sich bald bis auf die Flur hinausbrausend vernehmen ließ. Eben in einem Winkel des Flurs lauschte ich und gewahrte, wie der Professor alle Flammen der Wut im rotgleißenden Antlitz, das Stubenmädchen zur Stubentür, dann aber, als sie sich noch unterfing einige kecke Worte zu sprechen, zum Hause hinauswarf. Endlich in später Nacht kam der Professor ganz erschöpft auf seinem Zimmer an. Ich gab ihm meine innige Teilnahme an seinem trüben Malheur durch leises Winseln zu verstehen. Da umhalste er mich und drückte mich an seine Brust, als sei ich sein bester innigster Freund. Guter, ehrlicher Ponto, so sprach er mit ganz kläglichem Ton, treues Gemüt, du, du allein hast mich aus dem betörenden Traum geweckt, der mich meine Schande nicht erkennen ließ, du hast mich dahin gebracht, daß ich das Joch abwerfen, in das mich ein falsches Weib gespannt hatte, daß ich wieder ein freier unbefangener Mensch werden kann! Ponto, wie soll ich dir das danken! — Nie — nie sollst du mich verlassen, ich will dich hegen und pflegen wie meinen besten treusten Freund, du allein wirst mich trösten, wenn ich bei dem Gedanken an mein hartes Mißgeschick verzweifeln will.

Diese rührenden Äußerungen eines edlen dankbaren Gemüts wurden durch die Köchin unterbrochen, welche mit blassem verstörten Gesicht hereinstürzte und dem Professor die entsetzliche Botschaft hinterbrachte, daß die Frau Professorin in den fürchterlichsten Krämpfen liege und den Geist aufgeben wolle. Der Professor flog hinab. —

Mehrere Tage hindurch sah ich nun den Professor beinahe gar nicht. Meine Speisung, für die sonst mein Herr liebreich selbst sorgte, war der Köchin übertragen, die aber, eine mürrische garstige Person, mir mit Widerwillen statt der sonstigen guten Gerichte nur dieelendesten kaum genießbaren Bissen zukommen ließ. Zuweilen vergaß sie mich auch ganz und gar, so daß ich genötigt wurde bei guten Bekannten zu schmarotzen, auch wohl auf Beute auszugehen, um nur meinen Hunger zu stillen.

Endlich schenkte mir, als ich eines Tages hungrig und matt mit herabhängenden Ohren im Hause herumschlich, der Professor einige Aufmerksamkeit. Ponto, rief er lächelnd, wie denn überhaupt sein Antlitz ganz Sonnenschein war, Ponto, mein alter ehrlicher Hund, wo hast du denn gesteckt? Hab' ich dich doch so lange nicht gesehen? Ich glaube gar, man hat dich ganz gegen meinen Willen vernachlässigt und nicht sorgsam gefüttert? — Nun komm nur komm, heute sollst du wieder von mir selbst deine Speise erhalten.

Ich folgte dem gütigen Herrn in das Eßzimmer. Die Frau Professorin aufgeblüht wie eine Rose, wie der Herr Gemahl vollen Sonnenglanz im Antlitz, kam ihm entgegen. Beide taten zärtlicher miteinander als jemals, sie nannte ihn: englischer Mann, er sie aber: mein Mäuschen, und dabei herzten und küßten sie sich wie ein Turteltaubenpaar. Es war eine rechte Freude, das anzusehen. Auch gegen mich war die holde Frau Professorin freundlich wie sonst niemals, und du kannst denken, guter Murr, daß ich mich bei meiner angebornen Galanterie artig und zierlich zu betragen wußte. — Wer hätte ahnen können, was über mich verhängt war! —

Es würde mir selbst schwer fallen, dir ausführlich all' die heimtückischen Streiche zu erzählen, die meine Feinde mir spielten um mich zu verderben, und noch mehr als das, es würde dich ermüden. Beschränken will ich mich darauf nur einiges zu erwähnen, welches dir ein treues Bild meiner unglücklichen Lage geben wird. — Mein Herr war gewohnt, mir im Speisezimmer während er selbst aß, die gewöhnlichen Portionen an Suppe, Gemüse und Fleisch in einem Winkel am Ofen zu verabreichen. Ich aß mit solchem Anstande, mit solcher Reinlichkeit, daß auch nicht das kleinste Fettfleckchen auf dem getäfelten Fußboden sichtbar. Wie groß war daher mein Entsetzen, als eines Mittags der Napf, kaum hatte ich mich ihm genähert, in hundert Stücke zersprang und die Fettbrühe sich ergoß über den schönen Fußboden! Zornig fuhr der Professor auf mich los mit argen Scheltworten, und unerachtet die Professorin mich zu entschuldigen suchte, las man doch den bittern Verdruß in ihrem blassen Gesicht. Sie meinte, dürfte auch der garstige Flecken nicht wohl fortzubringen sein, so könnte ja doch die Stelle abgehobelt oder eine neue Tafeleingesetzt werden. Der Professor hegte einen tiefen Abscheu gegen solche Reparaturen, er hörte schon die Tischlerjungen hobeln und hämmern, und so waren es die liebreichen Entschuldigungen der Professorin, die ihn mein vermeintliches Ungeschick erst recht fühlen ließen und mir noch außer jenen Scheltworten ein tüchtiges Paar Ohrfeigen einbrachten. — Ich stand da im Bewußtsein meiner Unschuld, ganz verblüfft, und wußte gar nicht, was ich denken, was ich sagen sollte. — Erst als mir dasselbe zwei- — dreimal geschehen, merkte ich die Tücke! — Man hatte mir halb zerbrochene Schüsseln hingestellt, die bei der leisesten Berührung in hundert Stücke zerfallen mußten. Ich durfte nicht mehr im Zimmer bleiben, draußen erhielt ich Speise von der Köchin, aber so kärglich, daß ich, von nagendem Hunger getrieben manches Stück Brot, manchen Knochen zu erschnappen suchen mußte. Darüber entstand denn nun jedesmal ein gewaltiger Lärm, und ich mußte mir eigennützigen Diebstahl da vorwerfen lassen, wo nur von der Befriedigung des dringendsten Naturbedürfnisses die Rede sein konnte. — Es kam noch ärger. Mit großem Geschrei klagte die Köchin, daß ihr eine schöne Hammelkeule aus der Küche verschwunden und daß ich sie ganz gewiß gestohlen. Die Sache kam als eine wichtigere häusliche Angelegenheit vor den Professor. Der meinte, daß er sonst nie den Hang zum Diebstahl an mir bemerkt und daß auch mein Diebsorgan durchaus nicht ausgebildet sei. Auch sei es nicht denkbar, daß ich eine ganze Hammelkeule so verspeiset, daß keine Spur mehr davon vorhanden. — Man suchte nach und — fand in meinem Lager die Überbleibsel der Keule! — Murr! sieh, mit der Pfote auf der Brust schwöre ich's dir, daß ich völlig unschuldig war, daß es mir nicht in den Sinn gekommen, den Braten zu stehlen, doch, was halfen die Beteuerungen meiner Unschuld, da der Beweis wider mich sprach! — Um so ergrimmter war der Professor, als er meine Partie genommen und sich in seiner guten Meinung von mir getäuscht sah. — Ich erhielt eine tüchtige Tracht Prügel. — Ließ mich der Professor auch nachher den Widerwillen fühlen, den er gegen mich hegte, so war die Frau Professorin desto freundlicher, streichelte mir, was sie sonst nie getan, den Rücken und gab mir sogar dann und wann einen guten Bissen. Wie konnt' ich ahnen, daß das alles nur gleisnerischer Trug, und doch sollte sich dies bald zeigen. — Die Türe des Eßzimmers stand offen, mit leerem Magen schaute ich sehnsüchtig hinein und gedachte schmerzvoll jener guten Zeit, als ich, wenn das süße Aroma des Bratens sich verbreitete,nicht vergebens den Professor bittend anschaute und dabei, wie man zu sagen pflegt, ein wenig schnüffelte! Da rief die Professorin: Ponto, Ponto! und hielt mir geschickt zwischen dem zarten Daumen und dem niedlichen Zeigefinger ein schönes Stück Braten hin. — Mag es sein, daß ich im Enthusiasmus des aufgeregten Appetits ein wenig heftiger zuschnappte als gerade nötig, doch gebissen habe ich nicht die zarte Lilienhand, das kannst du mir glauben, guter Murr. Und doch schrie die Professorin laut auf: der böse Hund! und fiel wie ohnmächtig zurück in den Sessel, und doch sah ich zu meinem Entsetzen wirklich ein paar Blutstropfen am Daumen. Der Professor geriet in Wut; er schlug mich, trat mich mit Füßen, mißhandelte mich so unbarmherzig, daß ich mit dir, mein guter Kater hier wohl nicht vor der Türe säße im lieben Sonnenschein, hätte ich mich nicht durch die schleunige Flucht zum Hause hinaus gerettet. An Rückkehr war nicht zu denken. Ich sah ein, daß gegen die schwarze Kabale, die die Professorin aus reiner Rachgier wegen des freiherrlichen Handschuhs gegen mich angezettelt, nichts auszurichten und beschloß mir gleich einen andern Herrn zu suchen. Sonst wäre das der schönen Gaben halber, die mir die gütige, mütterliche Natur verliehen, ein Leichtes gewesen, Hunger und Gram hatten mich aber so heruntergebracht, daß ich bei meinem miserablen Aussehen in der Tat befürchten mußte, überall abgewiesen zu werden. Traurig, von drückenden Nahrungssorgen gequält, schlich ich vors Tor. Ich erblickte den Herrn Baron Alcibiades von Wipp, der vor mir herging und ich weiß nicht, wie mir der Gedanke kam, ihm meine Dienste anzubieten. Vielleicht war es ein dunkles Gefühl, daß ich auf diese Weise Gelegenheit erhalten würde mich an dem undankbaren Professor zu rächen, wie es sich später denn auch wirklich begab. — Ich tänzelte an den Baron heran, wartete ihm auf und folgte, als er mich mit einigem Wohlgefallen betrachtete, ihm ohne Umstände nach in seine Wohnung. Sehen Sie, so sprach er zu einem jungen Menschen, den er seinen Kammerdiener nannte, unerachtet er sonst keinen andern Diener hatte, sehen Sie Friedrich, was sich da für ein Pudel zu mir eingefunden hat. Wär' er nur hübscher! Friedrich rühmte dagegen den Ausdruck meines Antlitzes, sowie den zierlichen Wuchs und meinte, ich müsse von meinem Herrn schlecht gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen. Setzte er noch hinzu, daß Pudel, die sich so von selbst aus freiem Antriebe einfänden, gewöhnlich treue rechtschaffene Tiere wären, so konnte der Baron nicht umhin mich zu behalten. Unerachtet ich nundurch Friedrichs Vorsorge ein recht glaues Ansehen gewann, so schien der Baron doch nicht sonderlich viel auf mich zu halten und litt es nur eben zur Not, daß ich ihn auf seinen Spaziergängen begleitete. — Das sollte anders kommen. —

Wir begegneten auf einem Spaziergange der Professorin. — Erkenne, guter Murr, das gemütliche Gemüt — ja so will ich sagen — eines ehrlichen Pudels, wenn ich versichere, daß, unerachtet mir die Frau sehr weh getan, ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand, sie wiederzusehen. — Ich tanzte vor ihr her, bellte lustig, und gab ihr meine Freude auf alle nur mögliche Weise zu erkennen. Sieh da, Ponto! rief sie, streichelte mich und blickte den Baron von Wipp, der stehen geblieben war, bedeutend an. Ich sprang zu meinem Herrn zurück, der mich liebkoste. Er schien auf besondere Gedanken zu geraten; mehrmals hintereinander murmelte er in sich hinein: Ponto! — Ponto, wenn das möglich sein sollte!

Wir hatten einen nahe gelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm Platz mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmütige Herr Professor nicht befand. Unfern davon setzte sich der Baron Wipp, so daß er, ohne sonderlich von den andern bemerkt zu werden, die Professorin beständig im Auge behielt. Ich stellte mich vor meinen Herrn und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif wedelte, als erwarte ich seine Befehle. Ponto, sollte es möglich sein! wiederholte er. — Nun, setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, nun, es kommt auf den Versuch an! — Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn zusammen, steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin und rief leise: Ponto — allons! — Nicht ein solcher kluger, in der Welt gewitzigter Pudel hätte ich sein müssen, als ich es wirklich bin, um nicht sogleich alles zu erraten. Ich machte mich daher sogleich an den Tisch, wo die Professorin saß und tat, als verspüre ich großen Appetit nach dem schönen Kuchen, der auf dem Tische stand. — Die Professorin war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit der einen Hand, während sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fühlte, wie sie den Papierstreifen hervor zog. Bald darauf verließ sie die Gesellschaft und begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah, wie sie des Barons Worte eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkästchen einen Bleistift hervorholte, auf denselben Zettel einige Worte schrieb und ihn dann wieder zusammenrollte. Ponto, sprach sie dann, indem sie mich mitschalkischem Blick betrachtete, du bist ein sehr kluger vernünftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst! Damit steckte sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterließ nicht eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmaßte sogleich, daß ich Antwort brächte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande hervor. — Der Professorin Worte mußten sehr tröstlich lauten und angenehm, denn des Barons Augen funkelten vor lauter Freude und er rief entzückt: Ponto — Ponto, du bist ein herrlicher Pudel, mein guter Stern hat mir dich zugeführt. Du kannst denken, guter Murr! daß ich nicht weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem, was sich soeben zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen müsse.

In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur möglichen Kunststücke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf, verschmähte das Stück Weißbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das vom Christen usw. Ein ungemein gelehriger Hund! So rief eine alte Dame, die neben der Professorin saß, herüber. Ungemein gelehrig, erwiderte der Baron. Ungemein gelehrig! hallte der Professorin Stimme nach wie ein Echo. — Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter Murr! daß ich den Briefwechsel auf die erwähnte Weise fortwährend besorgte und noch jetzt besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der Abenddämmerung der Herr Baron Alcibiades von Wipp zur holden Lätitia, so bleibe ich vor der Haustüre und mache, läßt sich der Herr Professor nur in der Ferne blicken, solch einen grimmigen Teufelslärm mit Bellen, daß mein Herr ebensogut als ich, die Nähe des Feindes wittert und ihm ausweicht. —

Mir kam es vor, als könne ich Ponto's Betragen doch nicht recht billigen, ich dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen Abscheu vor jedem Halsbande, und schon dies setzte mich darüber ins Klare, daß ein ehrliches Gemüt, so wie es ein rechtschaffener Kater in sich trägt, dergleichen Liebeskuppeleien verschmähe. Alles dieses äußerte ich dem jungen Ponto ganz unverhohlen. Der lachte mir aber ins Gesicht und meinte, ob denn die Moral der Katzen so gar strenge sei, und ob ich nicht selbst schon hin und wieder über die Schnur gehauen, d. h. etwas getan, was für den engen moralischen Schubkasten etwas zu breit sei. — Ich dachte an Mina und verstummte.

Fürs erste, mein guter Murr! sprach Ponto weiter, ist es ein ganz gemeiner Erfahrungssatz, daß niemand seinem Schicksal entgehen kann, er mag es nun anstellen wie er auch will; du kannst als einKater von Bildung das weitere darüber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz angenehm stilisierten Buche,Jacques le fatalistebetitelt. War es nach dem ewigen Ratschluß bestimmt, daß der Professor der Ästhetik, Herr Lothario, ein — Nun du verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja der Professor durch die Art, wie er sich bei der merkwürdigen Handschuhgeschichte — sie sollte mehr Celebrität erhalten, schreib' was darüber Murr — benommen, seinen ganz entschiedenen ihm von der Natur eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen großen Orden zu treten, den so viele viele Männer tragen, mit der gebietendsten Würde, mit dem schönsten Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf hätte Herr Lothario erfüllt, gäb' es auch keinen Baron Alcibiades von Wipp, keinen Ponto. Hatte aber wohl überhaupt Herr Lothario etwas anderes, besseres um mich verdient, als daß ich gerade seinem Feinde mich in die Arme warf? — Dann aber fand auch der Baron gewiß andere Mittel, sich mit der Professorin zu verstehen und derselbe Schaden kam über den Professor, ohne mir den Nutzen zu bringen, den ich jetzt wirklich von dem angenehmen Verhältnis des Barons mit der holden Lätitia verspüre. Wir Pudel sind nicht solche überstrenge Moralisten, daß wir in unserm eignen Fleische wühlen und die im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittenen guten Bissen verschmähen sollten.

Ich fragte den jungen Ponto, ob denn der Nutzen, den ihm sein Dienst bei dem Baron Alcibiades von Wipp verschaffe, in der Tat so groß und wichtig sei, daß er das Unangenehme, das Drückende der damit verbundenen Knechterei aufwiege. Dabei gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß eben diese Knechterei einem Kater, dessen Freiheitssinn in der Brust unauslöschlich, immer widerlich bleiben müsse.

Du redest, guter Murr, erwiderte Ponto stolz lächelnd, wie du es verstehst, oder vielmehr wie es dir deine gänzliche Unerfahrenheit in den höhern Verhältnissen des Lebens erscheinen läßt. Du weißt nicht, was es heißt, der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein, wie es der Baron Alcibiades von Wipp wirklich ist. Denn, daß ich seit der Zeit, als ich mich so klug und dienstfertig benommen, sein größter Liebling geworden, darf ich dir, o mein freiheitsliebender Katz, wohl nicht erst sagen. Eine kurze Schilderung unserer Lebensweise wird dich das Angenehme, das Wohltätige meiner jetzigen Lage sehr lebhaft fühlen lassen. — Des Morgens stehen wir (ich und mein Herr nämlich) nicht zu früh aber auch nicht zu spät auf; das heißt, auf den Schlag elf Uhr. — Ich muß dabei bemerken,daß mein breites weiches Lager unfern dem Bette des Barons aufgeschlagen ist und daß wir viel zu harmonisch schnarchen, um beim plötzlichen Erwachen zu wissen, wer geschnarcht hat. — Der Baron zieht an der Glocke und sogleich erscheint der Kammerdiener, der dem Baron einen Becher rauchender Schokolade, mir aber einen Porzellannapf voll des schönsten süßen Kaffees mit Sahne bringt, den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron seinen Becher. Nach dem Frühstück spielen wir ein halbes Stündchen miteinander, welche Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zuträglich ist, sondern auch unsern Geist erheitert. Ist das Wetter schön, so pflegt der Baron auch wohl zum offenen Fenster hinauszuschauen und die Vorübergehenden mit dem Fernglas zu begucken. Gehen gerade nicht viele vorüber, so gibt es noch eine andere Belustigung, die der Baron eine Stunde hindurch fortsetzen kann, ohne zu ermüden. — Unter dem Fenster des Barons ist ein Stein eingepflastert, der sich durch eine besonders rötliche Farbe auszeichnet, in der Mitte dieses Steines befindet sich aber ein kleines eingebröckeltes Loch. Nun kommt es darauf an, so geschickt herabzuspucken, daß gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird. — Durch viele anhaltende Übung hat es der Baron dahin gebracht, daß er auf das drittemal Treffen pariert und schon manche Wette gewann. Nach dieser Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein. Das geschickte Kämmen und Kräuseln des Haares, vorzüglich aber das kunstmäßige Knüpfen des Halstuchs besorgt der Baron ganz allein, ohne Hilfe des Kammerdieners. Da diese beiden schwierigen Operationen etwas lange dauern, so benutzt Friedrich die Zeit um mich auch anzukleiden. D. h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten Schwamm wäscht er mir den Pelz, kämmt die langen Haare, die der Friseur an schicklichen Örtern zierlich stehen lassen mit einem genugsam engen Kamme durch und legt mir das schöne silberne Halsband um, das der Baron mir gleich verehrte, als er meine Tugenden entdeckt. Die folgenden Augenblicke sind der Literatur und den schönen Künsten gewidmet. Wir gehen nämlich in eine Restauration oder in ein Kaffeehaus, genießen Beefsteak oder Karbonade, trinken ein Gläschen Madeira, und gucken etwas weniges in die neuesten Journale, in die neuesten Zeitungen. Dann beginnen die Vormittags-Visiten. Wir besuchen diese, jene große Schauspielerin, Sängerin, ja auch wohl Tänzerin, um ihr die Neuigkeiten des Tages, hauptsächlich aber den Verlauf irgend eines Debüts von gestern abend, zu hinterbringen. Es ist merkwürdig, mit welchem Geschickder Baron Alcibiades von Wipp seine Nachrichten einzurichten weiß, um die Damen stets bei guter Laune zu erhalten. Niemals ist es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin gelungen, sich nur einen Teil des Ruhms anzueignen, der die Gefeierte krönt, die er soeben im Schmollzimmerchen heimsucht. Man hat die Arme ausgezischt — ausgelacht — und ist denn wirklich erhaltener glänzender Beifall nicht wohl zu verschweigen, so weiß der Baron ganz gewiß ein neues skandalöses Geschichtchen von der Dame aufzutischen, das ebenso begierig vernommen als verbreitet wird, damit gehöriges Gift die Blumen des Kranzes vor der Zeit töte. — Die vornehmeren Visiten bei der Gräfin A., bei der Baronesse B., bei der Gesandtin C. usw. füllen die Zeit aus bis halb vier Uhr; und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschäfte abgemacht, so daß er um vier Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann. Dies geschieht gewöhnlich wieder in einer Restauration. Nach Tische gehen wir zu Kaffee, spielen auch wohl eine Partie Billard und machen dann, erlaubt es die Witterung, eine kleine Promenade, ich beständig zu Fuß, der Baron aber manchmal zu Pferde. So ist die Theaterstunde herangekommen, die der Baron niemals versäumt. Er soll im Theater eine überaus wichtige Rolle spielen, da er das Publikum nicht allein von allen Verhältnissen der Bühne und der auftretenden Künstler in Kenntnis setzen, sondern auch das gehörige Lob, den gehörigen Tadel anordnen, so aber überhaupt den Geschmack im richtigen Gleise erhalten muß. Er fühlt einen natürlichen Beruf dazu. Da man den feinsten Leuten meines Geschlechts ungerechterweise den Eingang in das Theater durchaus nicht verstattet, so sind die Stunden während der Vorstellung die einzigen, in denen ich mich von meinem lieben Baron trenne und mich allein auf meine eigene Hand belustige. Wie dies nun geschieht, und wie ich die Konnexionen mit Windspielen, englischen Wachtelhunden, Möpsen und andern vornehmen Leuten benutze, das sollst du künftig erfahren, guter Murr! — Nach dem Theater speisen wir wieder in einer Restauration, und der Baron überläßt sich in heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune. Das heißt, alle sprechen, alle lachen und finden alles auf Ehre göttlich, und keiner weiß, was er spricht und worüber er lacht und was als auf Ehre göttlich gerühmt werden darf. Darin besteht aber das Sublime der Konversation, das ganze soziale Leben derer, die sich zur eleganten Lehre bekennen, wie mein Herr. Manchmal fährt aber auch wohl der Baron noch in später Nacht in diese, jene Gesellschaft und soll dort ganz exzellent sein. Auch davonweiß ich nichts, denn der Baron hat mich noch niemals mitgenommen, wozu er vielleicht seine guten Gründe haben mag. — Wie ich auf dem weichen Lager in der Nähe des Barons herrlich schlafe, habe ich dir schon gesagt. Gestehe aber nun selbst, guter Katz! wie nach der Lebensweise, die ich hier ausführlich beschrieben, mich der alte mürrische Oheim eines wüsten, liederlichen Wandels anklagen kann? — Es ist wahr, daß ich, schon hab' ich dir's gestanden, vor einiger Zeit gerechten Anlaß gab zu allerlei Vorwürfen. Ich trieb mich umher in schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin, mich überall, vorzüglich in Vermählungsschmäuse ungebeten einzudrängen und ganz unnützen Skandal anzufangen. Alles dies geschah aber nicht aus reinem Trieb zu wüster Balgerei, sondern aus bloßem Mangel an höherer Kultur, die ich bei den Verhältnissen, wie sie in dem Hause des Professors bestanden, nicht erhalten konnte. Jetzt ist das alles anders. Doch! wen erblick' ich? — Dort geht der Baron Alcibiades von Wipp! — Er sieht sich nach mir um — er pfeift!Au revoir,Bester! —

Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen. Das Äußere des Barons entsprach ganz dem Bilde, das ich mir wohl nach dem, was Ponto von ihm gesagt, machen durfte. — Er war sehr groß und nicht sowohl schlank gewachsen als spindeldürr. Kleidung, Stellung, Gang, Gebärde, alles konnte für den Prototypus der letzten Mode gelten, die aber, bis ins Phantastische hinausgetrieben, seinem ganzen Wesen etwas Seltsames, Abenteuerliches gab. Er trug ein kleines sehr dünnes Röhrchen mit einer stählernen Krücke in der Hand, über das er Ponto einigemal springen ließ. So herabwürdigend mir dieses auch schien, gestehen mußte ich doch, das Ponto mit der höchsten Geschicklichkeit und Stärke jetzt eine Anmut verband, die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt. Überhaupt, wie nun der Baron mit vorgestreckter Brust, den Leib eingezogen, mit einem sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in sehr zierlichen Kurbetten bald vorwärts, bald nebenher sprang und sich nur ganz kurze, zum Teil stolze Begrüßungen vorübergehender Kameraden erlaubte, so sprach sich darin ein gewisses Etwas aus, das ohne mir deutlich zu werden, dennoch mir imponierte. — Ich ahnte, was mein Freund Ponto mit der höheren Kultur gemeint und suchte, so viel möglich, darüber ganz ins klare zu kommen. Das hielt aber sehr schwer, oder vielmehr, meine Bemühungen blieben ganz vergebens. —

Später habe ich eingesehen, daß an gewissen Dingen alleProbleme, alle Theorien, die sich in dem Geiste bilden mögen, scheitern und daß nur durch die lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen; die höhere Kultur, welche beide, der Baron Alcibiades von Wipp und der Pudel Ponto in der feinen Welt erlangt, gehört aber zu diesen gewissen Dingen. —

Der Baron Alcibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorübergehen sehr scharf. Es schien mir, als läs' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick. Sollte er vielleicht Ponto's Unterhaltung mit mir gewahrt und ungnädig vermerkt haben? Mir wurde etwas ängstlich zumute, ich eilte schnell die Treppe hinauf. —

Ich sollte nun, um alle Pflichten eines tüchtigen Selbstbiographen zu erfüllen, wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und könnte das nicht besser tun, als mittels einiger sublimer Verse, die ich seit einiger Zeit so recht, wie man zu sagen pflegt, aus dem Pelzärmel schüttle. Ich will —

(Mak. Bl.)— — mit diesem einfältigen armseligen Spielwerk den besten Teil meines Lebens vergeudet. — Und nun jammerst du alter Tor und klagst das Geschick an, dem du vermessen Trotz botest! — Was gingen dich die vornehmen Leute, was ging dich die ganze Welt an, die du verhöhntest, weil du sie für närrisch hieltest, und selbst am närrischsten warst! — Beim Handwerk, beim Handwerk mußtest du bleiben, Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und den Wahrsager. — Sie hätten sie mir nicht gestohlen, mein Weib wäre bei mir, ein tüchtiger Arbeiter säß' ich in der Werkstatt und rüstige Gesellen klopften und hämmerten um mich her, und wir förderten Werke, die sich hören und sehen ließen, wie keine andere weit und breit. — Und Chiara! — vielleicht hingen muntre Knaben mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein schmuckes Töchterlein auf den Knien. — Tausend Teufel, was hält mich ab, daß ich nicht den Augenblick davonrenne und das verlorene Weib suche in der ganzen weiten Welt! — Damit warf Meister Abraham, der dies Selbstgespräch gehalten, das kleine begonnene Automat sowie alles Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf, und schritt heftig hin und her. — Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verließ, rief alle schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor, und wie mit Chiara damals sein höheres Leben begonnen, verließ ihn auch jetzt jener trotzige, dem Gemeinen entsprossene Unwille darüber, daß er über sein Handwerk hinweggeschaut und wirkliche Kunst zu üben sich unterfangen. — Er schlug Severino's Buch auf und schaute langedie holde Chiara an. Wie ein Mondsüchtiger, der der äußeren Sinne beraubt nur nach dem innern Gedanken automatisch handelt, ging Meister Abraham dann zu einem Kasten, der in einem Winkel des Zimmers stand, räumte Bücher und Sachen, womit er bepackt, herunter, öffnete ihn, nahm die Glaskugel, den ganzen Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mädchen hervor, befestigte die Kugel an einer dünnen seidnen Schnur, die von der Decke herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem versteckten Orakel nötig. Erst als er mit allem fertig geworden, erwachte er aus der träumerischen Betäubung und erstaunte nicht wenig darüber, was er begonnen. Ach, jammerte er dann laut, indem er ganz ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, ach Chiara, arme verlorne Chiara, niemals werd' ich wieder deine süße Stimme verkünden hören, was in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost mehr auf Erden, — keine Hoffnung als das Grab. —

Da schwankte die Glaskugel hin und her und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:


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