(M. f. f.)liebst mich also, holde Miesmies? O wiederhol' es mir tausendmal, damit ich noch in ferneres Entzücken geraten und soviel Unsinn aussprechen möge, wie es einem von dem besten Romandichter geschaffenen Liebeshelden geziemt! — Doch Beste, du hast meine erstaunliche Neigung zum Gesange, sowie meine Kunstfertigkeit darin, schon bemerkt, würd' es dir wohl gefällig sein, Teure! mir ein kleines Liedchen vorzusingen? „Ach, erwiderte Miesmies, ach, geliebter Murr, zwar bin ich auch in der Kunst des Gesanges nicht unerfahren; aber du weißt, wie es jungen Sängerinnen geht, wenn sie zum erstenmal singen sollen vor Meistern und Kennern! — Die Angst, die Verlegenheit, schnürt ihnen die Kehle zu, und die schönsten Töne, Trillos und Mordenten bleiben auf die fatalste Weise in der Kehle stecken, wie Fischgräten. — Eine Arie zu singen ist dann pur unmöglich, weshalb der Regel nach mit einem Duett begonnen wird. Laß uns ein kleines Duett versuchen, Teurer!wenn'sdir gefällig! — Das war mir recht. — Wir stimmten nun gleich das zärtliche Duett an: Bei meinem ersten Blick, flog dir mein Herz entgegen usw. Miesmies begann furchtsam, aber bald ermutigte sie mein kräftiges Falsett. Ihre Stimme war allerliebst, ihr Vortrag gerundet, weich, zart, kurz, sie zeigte sich als wackre Sängerin. Ich war entzückt, wiewohl ich einsah, daß mich Freund Ovid wiederum im Stich gelassen. Da Miesmies mit demcantareso herrlich bestanden, so war es mit demchordas tangeregar nichts, und ich durfte nicht erst nach der Guitarre verlangen. —
Miesmies sang nun mit seltener Geläufigkeit, mit ungemeinem Ausdruck, mit höchster Eleganz das bekannte:Di tanti palpitiusw. Von der heroischen Stärke des Rezitativs stieg sie herrlich hinein in die wahrhaft kätzliche Süßigkeit des Andantes. Die Arie schien ganz für sie geschrieben, so daß auch mein Herz überströmte und ich in ein lautes Freudengeschrei ausbrach. Ha! — Miesmies mußte mit dieser Arie eine Welt fühlender Katerseelen begeistern! — Nun stimmten wir noch ein Duett an, aus einer ganz neuen Oper, das ebenfalls herrlich gelang, da es ganz und gar für uns geschrieben schien. Die himmlischen Rouladen gingen glanzvoll aus unserm Innern heraus, da sie meistenteils aus chromatischen Gängen bestanden. Überhaupt muß ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß unser Geschlecht chromatisch ist, und daß daher jeder Komponist, der für uns komponieren will, sehr wohl tun wird, Melodien und alles Übrige, chromatisch einzurichten. Leider hab' ich den Namen des trefflichen Meisters, der jenes Duett komponiert, vergessen, das ist ein wackrer lieber Mann, ein Komponist nach meinem Sinn. —
Während dieses Singens war ein schwarzer Kater heraufgestiegen, der uns mit glühenden Augen anfunkelte. „Bleiben Sie gefälligst von dannen, bester Freund, rief ich ihm entgegen, sonst kratze ich Ihnen die Augen aus, und werfe Sie vom Dache hinab, wollen Sie aber eins mit uns singen, so kann dasgeschehen.“— Ich kannte den jungen, schwarz gekleideten Mann als einen vortrefflichen Bassisten, und schlug daher vor, eine Komposition zu singen, die ich zwar sonst nicht sehr liebe, die sich aber zu der bevorstehenden Trennung von Miesmies sehr gut schickte. — Wir sangen: Soll ich dich Teurer nicht mehr sehen! Kaum versicherte ich aber mit dem Schwarzen, daß die Götter mich bewahren würden, als eine gewaltige Ziegelscherbe zwischen uns durchfuhr, und eine entsetzliche Stimme rief: wollen die verfluchten Katzen wohl die Mäuler halten! — Wir stoben, von der Todesfurcht gehetzt, wild auseinander in den Dachboden hinein. O der herzlosen Barbaren ohne Kunstgefühl, die selbst unempfindlich bleiben bei den rührendsten Klagen der unaussprechlichen Liebeswehmut, und nur Rache und Tod brüten und Verderben! —
Wie gesagt, das, was mich befreien sollte von meiner Liebesnot, stürzte mich nur noch tiefer hinein. Miesmies war so musikalisch, daß wir beide auf das anmutigste miteinander zu phantasieren vermochten. Zuletzt sang sie meine eignen Melodien herrlich nach, darüber wollte ich denn nun ganz und gar närrisch werden, und quälte michschrecklich ab in meiner Liebespein, so daß ich ganz blaß, mager und elend wurde. — Endlich, endlich, nachdem ich mich lange genug abgehärmt, fiel mir das letzte, wiewohl verzweifelte Mittel ein, mich von meiner Liebe zu heilen. — Ich beschloß, meiner Miesmies Herz und Pfote zu bieten. Sie schlug ein, und sobald wir ein Paar worden, merkte ich auch alsbald, wie meine Liebesschmerzen sich ganz und gar verloren. Mir schmeckte Milchsuppe und Braten vortrefflich, ich gewann meine joviale Laune wieder, mein Bart kam in Ordnung, mein Pelz erhielt wieder den alten schönen Glanz, da ich nun die Toilette mehr beachtete als vorher, wogegen meine Miesmies sich gar nicht mehr putzen mochte. Ich fertigte demunerachtet, wie zuvor geschehen, noch einige Verse auf meine Miesmies, die um so hübscher, um so wahrer empfunden wahren, als ich den Ausdruck der schwärmerischen Zärtlichkeit so immer mehr und mehr heraufschrob, bis er mir die höchste Spitze erreicht zu haben schien. Ich dedizierte endlich der Guten noch ein dickes Buch, und hatte so auch in literarisch-ästhetischer Hinsicht alles abgetan, was von einem honetten treuverliebten Kater nur verlangt werden kann. Übrigens führten wir, ich und meine Miesmies, auf der Strohmatte vor der Türe meines Meisters, ein häuslich ruhiges, glückliches Leben. — Doch welches Glück ist hienieden auch nur von einigem Bestand! — Ich bemerkte bald, daß Miesmies oft in meiner Gegenwart zerstreut war, daß sie, wenn ich mit ihr sprach, verwirrtes Zeug antwortete, daß ihr tiefe Seufzer entflohen, daß sie nur schmachtende Liebeslieder singen mochte, ja daß sie zuletzt ganz matt und krank tat. Fragte ich dann, was ihr fehle, so streichelte sie mir zwar die Wangen und erwiderte: „Nichts, gar nichts, mein liebes, gutes Papachen,“ aber das Ding war mir doch gar nicht recht. Oft erwartete ich sie vergebens auf der Strohmatte, suchte sie vergebens im Keller, auf dem Boden, und fand ich sie denn endlich und machte ihr zärtliche Vorwürfe, so entschuldigte sie sich damit, daß ihre Gesundheit weite Spaziergänge erfordere, und daß ein ärztlicher Kater sogar eine Badereise angeraten. Das war mir wieder nicht recht. Sie mochte wohl meinen versteckten Ärger gewahren, und ließ es sich angelegen sein, mich mit Liebkosungen zu überhäufen, aber auch in diesen Liebkosungen lag so etwas Sonderbares, ich weiß es nicht zu nennen, das mich erkältete, statt mich zu erwärmen, und auch das war mir nicht recht. Ohne zu vermuten, daß dies Betragen meiner Miesmies seinen besonderen Grund haben könne, wurde ich nur inne, daß nach und nach auch das letzte Fünkchen der Liebe zuder Schönsten erlosch, und daß in ihrer Nähe mich die tötendste Langeweile erfaßte. Ich ging daher meine Wege und sie die ihrigen; kamen wir aber einmal zufällig auf der Strohmatte zusammen, so machten wir uns die liebevollsten Vorwürfe, waren dann die zärtlichsten Gatten, und besangen die friedliche Häuslichkeit, in der wir lebten.
Es begab sich, daß mich einmal der schwarze Bassist in dem Zimmer meines Meisters besuchte. Er sprach in abgebrochenen geheimnisvollen Worten, fragte dann stürmisch, wie ich mit meiner Miesmies lebe — kurz, ich merkte wohl, daß der Schwarze etwas auf dem Herzen hatte, das er mir entdecken wollte. Endlich kam es denn auch zum Vorschein. Ein Jüngling, der im Felde gedient, war zurückgekehrt, und lebte in der Nachbarschaft von einer kleinen Pension, die ihm ein dort wohnender Speisewirt an Fischgräten und Speisabgang ausgeworfen. Schön von Figur, herkulisch gebaut, wozu noch kam, daß er eine reiche fremde Uniform trug, schwarz grau und gelb, und wegen bewiesener Tapferkeit, als er mit wenigen Kameraden einen ganzen Speicher von Mäusen reinigen wollen, das Ehrenzeichen des gebrannten Specks auf der Brust trug, fiel er allen Mädchen und Frauen in der Gegend auf. Alle Herzen schlugen ihm entgegen, wenn er auftrat keck und kühn, den Kopf emporgehoben, feurige Blicke um sich werfend. Der hatte sich, wie der Schwarze versicherte, in meine Miesmies verliebt, sie war ihm ebenso mit Liebe entgegengekommen, und es war nur zu gewiß, daß sie heimliche verliebte Zusammenkünfte hielten allnächtlich hinter dem Schornstein oder im Keller.
„Mich wundert, sprach der Schwarze, bester Freund! daß Sie bei Ihrer sonstigen Sagazität das nicht längst bemerkt; aber liebende Gatten sind oft blind, und es tut mir leid, daß Freundespflicht mir gebot, Ihnen die Augen zu öffnen, da ich weiß, daß Sie in Ihre vortreffliche Gattin ganz und gar vernarrt sind.“
O Muzius, so hieß der Schwarze, rief ich, ob ich ein Narr bin, ob ich sie liebe, die süße Verräterin! Ich bete sie an, mein ganzes Wesen gehört ihr! — Nein, sie kann mir das nicht tun, die treue Seele! — Muzius, schwarzer Verleumder, empfange den Lohn deiner Schandtat! — Ich hob die gekrallte Pfote auf, Muzius blickte mich freundlich an und sprach sehr ruhig: „ereifern Sie sich nicht, mein Guter, Sie teilen das Los vieler vortrefflichen Leute, überall ist schnöder Wankelmut zu Hause, und leider vorzüglich bei unserm Geschlecht.“ Ich ließ die aufgehobene Pfote wieder sinken, sprang wie in voller Verzweiflungeinigemal in die Höhe und schrie dann wütend: wär es möglich, wär es möglich! — O Himmel — Erde! — was noch sonst? — nenn' ich die Hölle mit! — Wer hat mir das getan, der schwarz grau gelbe Kater? — Und sie, die süße Gattin, treu und hold sonst, sie konnte,höllischenTrugs voll,denverachten, der oft, an ihrem Busen eingewiegt, in süßen Liebesträumen selig schwelgte? — O fließt, ihr Zähren, fließt der Undankbaren! — Himmel tausend sapperment, das geht nicht an, den bunten Kerl am Schornstein soll der Teufel holen!
„Beruhigen Sie sich doch nur, sprach Muzius, Sie überlassen sich zu sehr der Wut des jähen Schmerzes. Als Ihr wahrer Freund mag ich Sie jetzt weiter nicht in Ihrer angenehmen Verzweiflung stören. Wollen Sie sich in Ihrer Trostlosigkeit ermorden, so könnte ich Ihnen zwar mit einem tüchtigen Rattenpulver aufwarten, ich will es aber nicht tun, da Sie sonst ein lieber charmanter Kater sind und es jammerschade wäre um Ihr junges Leben. Trösten Sie sich, lassen sie Miesmies laufen, es gibt der anmutigen Katzen noch viele in der Welt. — Adieu, Bester!“ — Damit sprang Muzius fort durch die geöffnete Türe.
Sowie ich, still unter dem Ofen liegend, mehr nachsann über die Entdeckungen, die mir der Kater Muzius gemacht, fühlte ich wohl etwas in mir sich regen, wie heimliche Freude. Ich wußte nun, wie ich mit Miesmies daran war, und die Quälerei mit dem ungewissen Wesen war am Ende. Hatte ich aber anstandshalber erst die gehörige Verzweiflung geäußert, so glaubte ich, daß derselbe Anstand es erfordere, dem Schwarzgraugelben zu Leibe zu gehen. Ich belauschte zur Nachtzeit das Liebespaar hinter dem Schornstein, und fuhr mit den Worten: „höllischer bestialischerVerräter“, auf meinen Nebenbuhler grimmig los. Der aber, an Stärke, wie ich leider zu spät bemerkte, mir weit überlegen, packte mich, ohrfeigte mich gräßlich ab, daß ich mehreres Pelzwerk einbüßte, und sprang dann schnell fort. Miesmies lag in Ohnmacht, als ich mich ihr aber näherte, sprang sie ebenso behende wie ihr Liebhaber auf, und ihm nach in den Dachboden hinein.
Lendenlahm, mit blutigen Ohren, schlich ich hinab zu meinem Meister, und verwünschte den Gedanken, meine Ehre konservieren zu wollen, hielt es auch für gar keine Schande, die Miesmies dem Schwarzgraugelben ganz und gar zu überlassen.
Welch' ein feindliches Schicksal, dacht' ich, der himmlischromantischen Liebe halber werde ich in die Gosse geworfen, und das häusliche Glück verhilft mir zu nichts anderm, als zu gräßlichen Prügeln.
Am andern Morgen erstaunte ich nicht wenig, als ich, aus dem Zimmer des Meisters heraustretend, Miesmies auf der Strohmatte fand. „Guter Murr, sprach sie sanft und ruhig, ich glaube zu fühlen, daß ich dich nicht mehr so liebe, als sonst, welches mich sehr schmerzt.“
O teure Miesmies, erwiderte ich zärtlich, es zerschneidet mir das Herz, aber ich muß es gestehen, seit der Zeit, daß sich gewisse Dinge begeben, bist du mir auch gleichgültig geworden.
„Nimm es nicht übel, sprach Miesmies weiter, süßer Freund, aber es ist mir so, als wärst du mir schon längst ganz unausstehlich gewesen.“
Mächt'ger Himmel, rief ich begeistert, welche Sympathie der Seelen, mir geht es so, wie dir.
Nachdem wir auf diese Weise einig geworden, daß wir uns einander ganz unausstehlich wären, und uns notwendigerweise trennen müßten auf ewig, umpfoteten wir uns auf das zärtlichste, und weinten heiße Tränen der Freude und des Entzückens! —
Dann trennten wir uns, jeder war hinfort von der Vortrefflichkeit, von der Seelengröße des andern überzeugt, und pries sie jedem an, der davon hören mochte.
Auch ich war in Arkadien, rief ich, und legte mich auf die schönen Künste und Wissenschaften eifriger als jemals.
(Mak. Bl.)— Euch, sprach Kreisler, ja ich sag' es Euch aus tiefer Seele, diese Ruhe scheint mir bedrohlicher, als der wütendste Sturm.Es ist die dumpfe taube Schwüle vor dem zerstörenden Gewitter, in der sich jetzt alles an dem Hofe bewegt, den Fürst Irenäus im Duodezformat mit vergoldetem Schnitt, wie einen Almanach ans Tageslicht gebracht. Vergebens steckt der gnädigste Herr unaufhörlich glänzende Feste auf, wie Gewitterableiter, als zweiter Franklin, die Blitze werden doch einschlagen, und vielleicht sein eignes Staatskleid versengen. — Es ist wahr, Prinzessin Hedwiga gleicht jetzt in ihrem ganzen Wesen einer hell und klar hinströmenden Melodie, statt daß sonst wilde unruhige Akkorde durcheinander auffuhren aus ihrer wunden Brust, aber — Nun! und Hedwiga schreitet jetzt in verklärtem freundlichem Stolz an dem Arm des wackern Neapolitaner's daher, und Julia lächelt ihn an auf ihre holdselige Weise, und läßt sich seine Galanterien gefallen, die der Prinz, ohne ein Auge von der bestimmten Braut zu lassen, ihr so geschickt zuzuwenden weiß, daß sie ein junges unerfahrenes Gemüt wie Ricochett-Schüsse schärfer treffen müssen, als wenn das bedrohliche Geschütz geradezu darauf gerichtet! — Und doch glaubte sich, wie mir die Benzon erzählt, erst Hedwiga von demmostro turchinoerdrückt, und der sanften ruhigen Julia, dem Himmelskinde, wurde der schmucke Generalen chefzum schnöden Basilisk! — O ihr ahnenden Seelen, ihr hattet ja recht! — Teufel, hab ich denn nicht in Baumgartens Welthistorie gelesen, daß die Schlange, die uns um das Paradies gebracht, stolzierte in goldgleißendem Schuppenwams? — Das fällt mir ein, wenn ich den goldverbrämten Hektor sehe. — Hektor hieß übrigens sonst ein sehr würdiger Bullenbeißer, der unbeschreibliche Liebe und Treue zu mir hegte. — Ich wollt' er wär' bei mir, und ich könnt ihn dem fürstlichen Namensvetter in die Rockschöße hetzen, wenn er sich so recht spreizt zwischen dem holden Schwesterpaar! Oder sagt, Meister, da Ihr so manches Kunststück wisset, sagt mir, wie ich es anfange, mich bei schicklicher Gelegenheit in eine Wespe zu verwandeln, und den fürstlichen Hund dermaßen zu turbieren, daß er aus seinem verfluchten Konzept kommt! —
Ich habe Euch ausreden lassen, Kreisler, nahm Meister Abraham das Wort, und frage Euch nun, ob Ihr mich ruhig anhören wollt, wenn ich Euch gewisse Dinge entdecke, die Eure Ahnungen rechtfertigen?
Bin ich denn nicht, erwiderte Kreisler, ein gesetzter Kapellmeister — ich meine das nicht im philosophischen Sinn, daß ich mein Ich gesetzt als Kapellmeister; sondern beziehe das bloß auf die geistige Fähigkeit, in honetter Gesellschaft ruhig zu bleiben, wenn mich ein Floh sticht.
Nun also, fuhr Meister Abraham fort, wisset, Kreisler, daß ein seltsamer Zufall mir tiefe Blicke in des Prinzen Leben vergönnt hat. Ihr habt recht, wenn Ihr ihn mit der Schlange im Paradiese vergleicht. Unter der schönen Hülle — die werdet Ihr ihm nicht absprechen — liegt giftige Verderbtheit, ich möchte lieber sagen, Verruchtheit, verborgen. — Er führt Böses im Schilde — er hat, aus vielem was sich zugetragen weiß ich's — er hat es abgesehen auf die holde Julia. —
Hoho, schrie Kreisler, indem er im Zimmer umhersprang, blanker Vogel, sind das deine süßen Lieder? — Wetter, Wetter, der Prinz ist ein tüchtiger Kerl, er greift zu, mit beiden Krallen auf einmal, nach gebotenen und verbotenen Früchten! — Holla, süßer Neapolitaner, Du weißt nicht, daß Julien ein wackrer Kapellmeister, mit hinlänglicher Musik im Leibe, zur Seite steht, der hält Dich, sowie Du Dich ihr näherst, für einen verdammten Quartquinten-Akkord, der aufgelöst werden muß. Und der Kapellmeister tut, was seinesBerufs ist, das heißt, er löst Dich auf, indem er Dir eine Kugel durch das Gehirn jagt, oder Dir gegenwärtigen Stockdegen durch den Leib rennt — Damit zog Kreisler seine Stockklinge heraus, setzte sich in Fechterpositur, und fragte den Meister, ob er Anstand genug besitze, einen fürstlichen Hund zu durchspießen. „Seid doch nur ruhig, Kreisler, erwiderte Meister Abraham, es bedarf solcher Heldentaten gar nicht, um dem Prinzen das Spiel zu verderben. Es gibt andere Waffen für ihn, und die geb' ich Euch in die Hand. Gestern war ich im Fischerhäuschen, der Prinz kam mit seinem Adjutanten vorüber. Sie gewahrten mich nicht. Die Prinzessin ist schön, sprach der Prinz, aber die kleine Benzon ist göttlich! Mein ganzes Blut wallte siedend auf, als ich sie sah — ha, sie muß mein werden, noch ehe ich der Prinzessin die Hand reiche. — Glaubst Du, daß sie unerbittlich sein wird? — Welches Weib hat Euch widerstanden, gnädigster Herr, erwiderte der Adjutant. — „Aber, beim Teufel, fuhr der Prinz fort, sie scheint ein frommes Kind zu sein“ — und ein argloses, fiel ihm der Adjutant lachend ins Wort, und die frommen arglosen Kindlein sind es ja eben, die überrascht von dem Angriff des sieggewohnten Mannes duldend unterliegen und dann alles für Gottes Fügung halten, wohl gar in ungemeine Liebe geraten zu dem Sieger! — Das kann Euch auch so gehen, gnädigster Herr! — „Das wäre toll genug, rief der Prinz. Aber könnte ich sie nur allein sehen — wie das anfangen?“ — Nichts ist leichter als das, erwiderte der Adjutant. Ich habe bemerkt, daß die Kleine oft allein lustwandelt in diesem Park. Wenn nun — Jetzt verhallten die Stimmen in der Ferne, ich konnte nichts mehr verstehen! — Wahrscheinlich wird irgendein höllischer Plan schon heute ausgeführt, und der muß vereitelt werden. Ich könnte das selbst tun, aber aus gewissen Ursachen möchte ich mich zurzeit dem Prinzen nicht zeigen, daher müßt Ihr Kreisler gleich fort nach Sieghartshof, und aufpassen, wenn Julia etwa in der Dämmerung, wie sie zu tun pflegt, nach dem See lustwandelt, um den zahmen Schwan zu füttern. Diesen Gang hat wahrscheinlich der italienische Bösewicht erlauscht. — Doch empfangt die Waffe, Kreisler, und die höchst nötige Instruktion, damit Ihr im Kampf gegen den bedrohlichen Prinzen, als ein guter Feldherr Euch zeigen möget! —
Der Biograph erschrickt abermals über das total Abrupte der Nachrichten, aus denen er gegenwärtige Geschichte zusammenstoppeln muß. — Wäre hier nicht schicklich einzurücken gewesen, welche Instruktion Meister Abraham dem Kapellmeister erteilte, denn zeigt sich auch später die Waffe selbst, so wird es Dir, geliebter Leser! doch unmöglich sein, einzusehen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Doch kein einziges Wörtlein weiß der unglückliche Biograph zurzeit von jener Instruktion, mittels der (so viel scheint gewiß) der wackre Kreisler in ein ganz besonderes Geheimnis eingeweiht wurde. — Doch! gedulde Dich, günstiger Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen Schreibedaumen zum Pfande, daß noch vor dem Schluß des Buches auch dieses Geheimnis an den Tag kommen soll. — Es ist nun zu erzählen, daß, sowie die Sonne zu sinken begann, Julia, ein Körbchen mit Weißbrot am Arm, singend durch den Park wandelte, zum See, und sich mitten auf die Brücke unweit des Fischerhäuschens stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebüsches, und hatte einen tüchtigen Dollond vor den Augen, mit dem er scharf hinüberschaute durch die Sträucher, die ihn versteckten. Der Schwan plätscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab, die er begierig wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es, daß sie es nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er plötzlich bei ihr stand, fuhr sie zusammen wie im heftigen Schreck. Der Prinz faßte ihre Hand, drückte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich dann dicht neben Julien über das Geländer der Brücke. Julia fütterte, indem der Prinz eifrig sprach, den Schwan, in den See hinabschauend. — „Schneide nicht solche infame süße Gesichter Potentat! merkst Du denn nicht, daß ich dicht vor Dir auf dem Geländer sitze und Dich erklecklich maulschellieren kann? — O Gott, warum färben sich Deine Wangen in immer höherem Purpur, Du holdes Himmelskind? — Warum blickst Du jetzt den Bösen so seltsam an? — Du lächelst? Ja es ist der glühende Gifthauch, vor dem sich Deine Brust öffnen muß, wie vor dem sengenden Sonnenstrahl sich die Knospe in den schönsten Blättern entfaltet, um desto jäher hinzusterben!“ — So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute Dollond ihm dicht herangerückt. — Der Prinz warf jetzt auch Brocken hinab, der Schwan verschmähte sie aber, und brach in ein lautes widriges Geschrei aus. Nun schlang der Prinz den Arm um Julia, und warf so die Brocken hinab, als sollte der Schwan glauben, daß es Julia sei, die ihn fütterte. Dabei berührte seine Wange beinahe die Wange Julia's. — „Recht so, sprach Kreisler, gnädigster Halunke, umkralle, würdiger Stoßvogel, nur Deine Beute recht fest, hier liegt aber einer im Busch, der schon auf Dich zielt, und sogleichDir Deinen glänzenden Fittich lahmschießen wird, und es steht dann erbärmlich mit Dir und Deiner Freijagd!“
Nun faßte der PrinzJuliasArm, und beide schritten dem Fischerhäuschen zu. Dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebüsch, schritt auf das Paar zu und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief bückte: ein herrlicher Abend, eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma darin Sie müssen sich gnädigster Herr hier befinden, wie in dem schönen Neapolis. — „Wer sind Sie mein Herr?“ fuhr ihn der Prinz barsch an. Doch in demselben Augenblick machte sich auch Julia los von seinem Arm, trat freundlich auf Kreislern zu, reichte ihm die Hand und sprach: o wie herrlich, lieber Kreisler, daß Sie wieder da sind. Wissen Sie wohl, daß ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? — In der Tat, die Mutter schilt, daß ich mich gebärde wie ein weinerliches ungezogenes Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich könnte krank werden vor Verdruß, wenn ich glaube, daß Sie mich, meinen Gesang aus der Acht lassen. „Ha, rief der Prinz, giftige Blicke schießend, auf Julien, auf Kreislern, ha, Sie sind Monsieur de Krösel. Der Fürst sprach sehr günstig von Ihnen!“ Gesegnet, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in hundert Falten und Fältchen seltsam vibrierte, gesegnet sei der gute Herr dafür, denn so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten, warum ich Sie gnädigster Prinz anflehen wollte, nämlich Ihre angenehme Protektion. — Ich habe die kühne Ahnung, daß Sie mir auf den ersten Blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im Vorübergehen aus höchst eigner Bewegung, mich zum Hasenfuß zu kreieren geruhten, und da nun Hasenfüße zu allem nur Ersinnlichen taugen so — „Sie sind, unterbrach ihn der Prinz, ein spaßhafter Mann.“ — Ganz und gar nicht, fuhr Kreisler fort, ich liebe zwar den Spaß, aber nur den schlechten, und der ist nun wieder nicht spaßhaft. Gegenwärtig wollt' ich gern nach Neapel gehen, und beim Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreibenad usum delphini.Sie sind, bester Prinz, ein gütiger kunstliebender Herr, sollten Sie mir vielleicht durch einige Empfehlungen. „Sie sind, unterbrach ihn der Prinz auf's neue, Sie sind ein spaßhafter Mann, Monsieur de Krösel, ich liebe das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt mag ich Sie in Ihrem Spaziergange nicht aufhalten — Adieu! — „Nein, gnädigster Herr, rief Kreisler, ich kann die Gelegenheit nicht vorüberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Lüstre zu zeigen. Sie wollten in das Fischerhäuschen treten, dort steht ein kleines Pianoforte, FräuleinJulia ist gewiß so gütig, mit mir ein Duett zu singen!“ „Mit tausend Freuden, rief Julia und hing sich anKreislersArm. Der Prinz biß die Zähne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen flüsterte Julia Kreislern ins Ohr: Kreisler, welche seltsame Stimmung. O Gott, erwiderte Kreisler ebenso leise, und Du liegst eingelullt in betörenden Träumen, wenn die Schlange sich naht, Dich zu töten mit giftigem Biß? — Julia blickte ihn an im tiefsten Erstaunen. Nur ein einziges Mal, im Moment der höchsten musikalischen Begeisterung, hatte Kreisler sie Du genannt. — Als das Duett geendet, brach der Prinz, der schon während des Gesanges öftersBrava, bravissimagerufen, aus in stürmischen Beifall. Er bedeckte Julia's Hände mit feurigen Küssen, er schwor, daß kein Gesang jemals so sein ganzes Wesen durchdrungen, und bat Julien, es zu verstatten, daß er einen Kuß auf die Himmels-Lippen drücke, über die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.
Julia wich scheu zurück. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach: „DaSie mir, Gnädigster! auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden wollen, das ich als Komponist und wackerer Sänger ebensogut verdient zu haben vermeine, als Fräulein Julia, so merke ich schon, daß ich mit meinen schwachen musikalischen Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber auch in der Malerei bin ich erfahren, und werde die Ehre haben, Ihnen ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine Person vorstellt, deren merkwürdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, daß ich alles jedem erzählen kann, der es nur hören will.“ — „Überlästiger Mensch!“ murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kästchen aus der Tasche, nahm ein kleines Bildnis heraus, und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte hin, alles Blut schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine Lippen bebten, zwischen den Zähnen murmelnd:Maledetto!stürzte er fort.
„Was ist das? rief Julia zum Tode erschrocken, um aller Heiligen willen, was ist das, Kreisler — sagen Sie mir alles!“
„Tolles Zeug, erwiderte Kreisler, lustige Streiche, Teufelsbannerei! Sehn Sie, teures Fräulein, wie der gütige Prinz mit den allerlängsten Schritten, deren seine gnädigsten Beine mächtig, über die Brücke läuft! — Gott! er verleugnet ganz seine süße idyllische Natur, er schaut nicht einmal in den See, er verlangt nicht mehr, den Schwan zu füttern, der liebe gute — Teufel!“
„Kreisler, sprach Julia, Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich ahne Unheil — was haben Sie mit dem Prinzen?“
Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die Hände gefaltet, als wolle sie den guten Geist anflehen, daß er die Angst von ihr nehme, die ihr Tränen aus den Augen preßte. „Nein, sprach Kreisler, kein feindlicher Mißton soll den Wohllaut des Himmels verstören, der in Deinem Gemüt wohnt, du frommes Kind! — In gleisnerischer Verkappung gehen die Geister der Hölle durch die Welt, aber sie haben keine Macht über Dich, und Du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen Tun und Treiben! — Sein Sie ruhig, Julia! — lassen Sie mich schweigen, es ist nun alles vorüber! —“
In dem Augenblick trat die Benzon hinein in großer Bewegung. „Was ist geschehen, rief sie, was ist geschehen? — Wie rasend stürzt der Prinz dicht bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. Dicht bei dem Schloß kommt ihm der Adjutant entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann gibt der Prinz, so glaubt' ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen wichtigen Auftrag, denn indem der Prinz in das Schloß schreitet, stürzt der Adjutant in größter Eil nach dem Pavillon, in dem er wohnt. — Der Gärtner sagte mir, Du hättest mit dem Prinzen auf der Brücke gestanden, da überfiel mich, selbst weiß ich nicht warum, die fürchterliche Ahnung irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben — ich eilte her, sagt, was ist geschehen?“ — Julia erzählte alles. „Geheimnisse?“ fragte die Benzon scharf, indem sie einen durchbohrenden Blick auf Kreislern warf. „Beste Rätin, antwortete Kreisler, es gibt Augenblicke — Lagen — Situationen vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten muß, da er, sobald er es öffnet, nichts herausbringt, als konfuses Zeug, das die vernünftigen Leute irritiert! —“ Dabei blieb es, unerachtet die Benzon verletzt schien durch Kreisler's Schweigen.
Der Kapellmeister begleitete die Rätin mit Julien bis an's Schloß, dann begab er sich auf den Rückweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den Laubgängen des Parkes verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus dem Pavillon und verfolgte denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald darauf fiel tief im Walde ein Schuß!
In derselben Nacht verließ der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei dem Fürsten schriftlich beurlaubt, und baldige Rückkehr versprochen. Als am andern Morgen der Gärtner mit seinen Leuten den Park durchsuchte, fand er Kreisler's Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war und blieb verschwunden. — Man —
Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls.
(M. f. f.)Sehnsucht, heißes Verlangen erfüllt die Brust, aber hat man endlich das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so erstarrt jenes Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgültigkeit, und man wirft das errungene Gut von sich, wie ein abgenutztes Spielzeug. Und kaum ist dies geschehen, so folgt bittere Reue der raschen Tat, man ringt aufs neue und das Leben eilt dahin in Verlangen und Abscheu. — So ist einmal der Katz. — Richtig bezeichnet dieser Ausdruck mein Geschlecht, zu dem sich auch der hochmütige Löwe zählt, den deshalb auch der berühmte Hornvilla in Tiecks Oktavian einen großen Katz nennt. — Ja, wiederhole ich, so und nicht anders ist einmal der Katz, und das katzliche Herz ein gar wankelmütiges Ding.
Des ehrlichen Biographen erste Pflicht ist, aufrichtig zu sein, und sich beileibe nicht selbst zu schonen. Ganz aufrichtig, Pfote aufs Herz, will ich daher gestehen, daß trotz des unsäglichen Eifers, mit dem ich mich auf die Künste und Wissenschaften legte, doch oft der Gedanke an die schöne Miesmies plötzlich in mir aufstieg und mein Studium unterbrach ganz und gar.
Es war mir, als hätte ich sie nicht lassen sollen, als hätte ich ein treuliebendes Herz verschmäht, das nur von einem falschen Wahn augenblicklich verblendet. Ach! oft, wenn ich mich an dem großen Pythagoras erlaben wollte, (ich studierte zu der Zeit viel Mathematik) verschob plötzlich ein zartes, schwarzbestrumpftes Pfötchen alle Katheten und Hypotenusen, und vor mir stand sie selbst, die holde Miesmies, ihr kleines, allerliebstes Samtkäppchen auf dem Haupt, und aus dem anmutigen Grasgrün der schönsten Augen traf mich der funkelnde Blitz des zärtlichsten Vorwurfs. — Welche niedliche Seitensprünge, welches holdselige Wirbeln und Schlängeln des Schweifs. — Umpfoten wollt' ich sie mit Entzücken neu entflammter Liebe, doch verschwunden war die neckende Truggestalt. —
Nicht fehlen konnt' es, daß dergleichen Träumereien aus dem Arkadien der Liebe mich in eine gewisse Schwermut versenkten, die der gewählten Laufbahn als Dichter und Gelehrter schädlich werden mußte, zumal sie bald in eine Trägheit ausartete, der ich nicht zu widerstehen vermochte. Mit Gewalt wollte ich mich herausreißen aus diesem verdrießlichen Zustande, einen raschen Entschluß fassen,Miesmies wieder aufzusuchen. Doch, hatte ich schon die Pfote auf die erste Treppenstufe gesetzt, um hinaufzusteigen in die obern Regionen, wo ich die Holde zu finden hoffen durfte, so wandelte mich Scham und Scheu an, und ich zog die Pfote wieder zurück, und begab mich traurig unter den Ofen.
Dieser psychischen Bedrängnisse unerachtet, erfreute ich mich indessen doch eines außerordentlichen körperlichen Wohlseins, ich nahm merklich zu, wo nicht in Wissenschaften, so doch in der Stärke meines Leibes, und bemerkte, wenn ich mich im Spiegel anschaute, mit Vergnügen, daß mein rundbackiges Antlitz nächst der jugendlichen Frische etwas Ehrfurchtgebietendes zu erhalten begann.
Selbst der Meister gewahrte meine veränderte Stimmung. Es ist wahr, sonst knurrte ich und machte lustige Sprünge, wenn er mir schmackhafte Speisung reichte; sonst wälzte ich mich zu seinen Füßen, kabolzte und sprang auch wohl auf seinen Schoß, wenn er, nachdem er morgens aufgestanden, mir zurief: Guten Morgen Murr! — Jetzt unterließ ich das alles und begnügte mich mit einem freundlichen Miau! und jener anmutig stolzen Erhebung des Rückens, die dem geneigten Leser unter dem Namen ‚Katzenbuckel‘ bekannt sein wird. Ja, ich verachtete jetzt sogar das mir sonst so liebe Vogelspiel. — Es möchte für junge Gymnastiker oder Turner meines Geschlechts lehrreich sein zu sagen, worin dieses Spiel bestand. — Mein Meister band nämlich eine oder ein paar Schreibfedern an einen langen Faden, und ließ sie schnell in der Luft auf und absteigen, ordentlich fliegen. Im Winkel lauernd und die richtigen Tempos wahrnehmend, sprang ich nun so lange nach den Federn, bis ich sie erwischte und wacker zerzauste. Dies Spiel riß mich oft ganz hin, ich hielt die Federn wirklich für einen Vogel, ich geriet in Feuer und Flammen, so daß Geist und Körper zugleich in Anspruch genommen, sich bildeten und stärkten. — Ja selbst dies Spiel verachtete ich jetzt, und blieb ruhig auf meinem Kissen liegen, der Meister mochte seine Federn fliegen lassen, soviel er wollte. „Kater, sprach der Meister eines Tages zu mir, als ich, wenn die Feder, an meine Nase streifend selbst auf mein Kissen flog, kaum blinzelnd die Pfote darnach ausstreckte, Kater, du bist gar nicht mehr wie sonst, du wirst mit jedem Tage träger und fauler. Ich glaube, du frissest, du schläfst zu viel.
Ein Lichtstrahl fiel bei diesen Worten des Meisters in meine Seele! — Nur dem Andenken an Miesmies, an das verscherzte Paradies der Liebe, hatte ich meine träge Traurigkeit zugeschrieben, nun erst gewahrte ich aber, wie das irdische Leben mich mit meinen aufwärts strebenden Studien entzweit, und seine Ansprüche geltend gemacht hatte. Es gibt Dinge in der Natur, die es deutlich erkennen lassen, wie die gefesselte Psyche dem Tyrannen, Körper genannt, ihre Freiheit hinopfern muß. Zu diesen Dingen rechne ich nun ganz vorzüglich den wohlschmeckenden Brei von Mehl, süßer Milch und Butter, sowie ein breites, mit Roßhaaren wohlgepolstertes Kissen. Jenen süßen Brei wußte die Aufwärterin des Meisters gar herrlich zu bereiten, so daß ich jeden Morgen zum Frühstück zwei tüchtige Teller voll mit dem größten Appetit verzehrte. Hatte ich aber dermaßen gefrühstückt, dann wollten mir die Wissenschaften gar nicht mehr munden, sie kamen mir vor, wie trockene Speise, und nichts half es auch, wenn ich davon ablassend mich rasch in die Poesie warf. Die hochgepriesensten Werke der neuesten Autoren, die gerühmtesten Trauerspiele hochgefeierter Dichter, konnten meinen Geist nicht festhalten, ich geriet in ein ausschweifendes Gedankenspiel, unwillkürlich trat die kunstfertige Aufwärterin des Meisters in Konflikt mit dem Autor, und es wollte mir gemuten, als verstehe jene sich viel besser auf die gehörige Gradation und Mischung der Fettigkeit, Süße und Stärke als dieser. — Unglückliche, träumerische Verwechselung des geistigen und leiblichen Genusses! — Ja, träumerisch kann ich sie nennen, diese Verwechslung, denn Träume stiegen auf, und ließen mich jenes zweite gefährliche Ding, das breite mit Roßhaaren gepolsterte Kissen suchen, um sanft darauf zu entschlummern. Dann erschien mir das süße Bild der holden Miesmies! — Himmel, so stand wohl alles im Zusammenhange, Milchbrei, Verachtung der Wissenschaften, Melancholie, Polster, unpoetische Natur, Liebesandenken! — Der Meister hatte recht, ich fraß, ich schlief zu viel! — Mit welchem stoischen Ernst nahm ich mir vor, mäßiger zu sein, aber schwach ist des Katers Natur, die besten, herrlichsten Entschlüsse scheiterten an dem süßen Geruch des Milchbreies, an dem einladend aufgeschwellten Polster. — Eines Tages hört' ich den Meister, da er zum Zimmer herausgetreten, auf dem Flur zu jemanden sagen: Mag es sein, meinetwegen, vielleicht heitert ihn Gesellschaft auf. Aber macht ihr mir dumme Streiche, springt ihr mir auf die Tische, schmeißt ihr mir das Tintenfaß um, oder sonst was herab, so werf ich euch alle beide zum Tempel hinaus. Darauf öffnete der Meister die Türe ein wenig und ließ jemanden herein. Dieser Jemand war aber kein anderer, als Freund Muzius. Beinahe hätte ich ihn nicht wieder erkannt. Seine Haare, sonst glatt undglänzend, waren struppig und unscheinbar, die Augen lagen ihm tief im Kopf und sein, sonst zwar etwas rauhes, aber doch ganz leidliches Wesen, hatte etwas Übermütiges, Brutales angenommen. „Na, prustete er mich an, na, findet man euch einmal! Muß man euch aufsuchen hinter euerm verfluchten Ofen? — „Doch mit Verlaub!“ — Er trat an den Teller und verzehrte die Backfische, die ich mir aufgespart hatte zum Abendbrot. „Sagt, sprach er dazwischen, sagt mir nur in's Teufels Namen, wo ihr steckt, warum ihr auf kein Dach mehr kommt, euch nirgends mehr sehen laßt, wo es munter hergeht?“
Ich erklärte, daß, nachdem ich die Liebe zur holden Miesmies aufgegeben, mich die Wissenschaften ganz und gar beschäftigt hätten, weshalb denn an Spaziergänge nicht zu denken gewesen wäre. Nicht im mindesten sehne ich mich nach Gesellschaft, da ich bei dem Meister alles hätte, was mein Herz nur wünschen könne, Milchbrei, Fleisch, Fische, ein weiches Lager usw. Ein ruhiges, sorgenfreies Leben, das sei für einen Kater von meinen Neigungen und Anlagen das ersprießlichste Gut, und um so mehr müßt' ich fürchten, daß dies, ginge ich aus, verstört werden könne, da, wie ich leider wahrgenommen, meine Inklination zur kleinen Miesmies noch nicht ganz erloschen, und ihr Wiedersehen mich leicht zu Übereilungen hinreißen dürfe, die ich nachher vielleicht sehr schwer zu bereuen haben würde.
„Ihr könnt mir nachher noch einen Backfisch aufwichsen!“ So sprach Muzius, putzte sich mit gekrümmter Pfote nur ganz obenhin Maul, Bart und Ohren und nahm Platz dicht neben mir auf dem Polster.
„Rechnet, begann Muzius, nachdem er zum Zeichen seiner Zufriedenheit ein paar Sekunden gesponnen, mit sanfter Stimme und Gebärde, rechnet es euch, mein guter Bruder Murr, für ein Glück an, daß ich auf den Einfall geriet, euch zu besuchen in eurer Klause, und daß der Meister mich zu euch ließ ohne Widerrede! Ihr seid in der größten Gefahr, in die ein tüchtiger, junger Kerl von Kater, der Grütz' im Kopfe hat, und Stärke in den Gliedern, nur geraten kann. Das heißt: ihr seid in der Gefahr, ein arger, abscheulicher Philister zu werden. Ihr sagt, daß ihr den Wissenschaften zu strenge obliegt, um Zeit übrig zu behalten, euch umzusehen unter Katern. Verzeiht Bruder, das ist nicht wahr, ihr seht, rund, gemästet, spiegelglatt, wie ich euch finde, gar nicht aus, wie ein Bücherwurm, wie ein Lukubrant. Glaubt mir, das verfluchte bequeme Leben ist es, was euch faul und träge macht. Ganz anders würde euch zu Mute sein, wenn ihr euch wieunsereins abstrapazieren müßtet, bis ihr einmal ein paar Fischgräten erwischtet, oder ein Vögelein finget.“ —
Ich dachte, unterbrach ich den Freund, daß Ihre Lage gut und glücklich zu nennen, Sie waren ja sonst —
„Davon, fuhr mich Muzius zornig an, ein andermal, aber nennt mich nichtSie,das verbitt' ich mir, sondernIhr,bis wir Schmolles getrunken haben. — Doch Ihr seid ein Philister und versteht Euch nicht auf den Komment.“
Nachdem ich mich bei dem erzürnten Freunde zu entschuldigen gesucht, fuhr er sanfter fort: Also wie gesagt, Eure Lebensart taugt nichts, Bruder Murr. Ihr müßt heraus, Ihr müßt heraus in die Welt. —
Himmel! rief ich voll Schreck, was sprecht Ihr, Bruder Muzius! in die Welt soll ich? — Habt Ihr vergessen, was ich Euch vor einigen Monaten im Keller davon erzählte, wie ich einst hinaussprang aus einem englischen Halbwagen in die Welt? Welche Gefahren mir von allen Seiten drohten? wie mich endlich der gute Ponto rettete und zurückbrachte zu meinem Meister? Muzius lachte hämisch. — Ja, sprach er dann, ja, das ist es eben, darin liegt es eben, der gute Ponto! — Der stutzerische, superkluge, narrenhafte, stolze Heuchler, der sich eurer annahm, weil er gerade nichts Besseres zu tun wußte, weil es ihn gerade belustigte, der, suchtet Ihr ihn auf in seinen Assembleen und Koterien, Euch gar nicht wiederkennen, ja Euch, weil Ihr nicht seinesgleichen seid, herausbeißen würde! der gute Ponto, der statt Euch einzuführen in das wahre Weltleben, Euch unterhielt mit albernen, menschlichen Geschichten! — Nein, guter Murr, jenes Ereignis hat Euch eine ganz andere Welt gezeigt, als die ist, in welche Ihr hineingehört! Glaubt mir auf's Wort, all Euer einsames Studieren hilft Euch ganz und gar nichts, und ist Euch vielmehr noch schädlich. Denn Ihr bleibt dennoch ein Philister, und es gibt auf der ganzen weiten Erde nichts langweiligeres und abgeschmackteres als einen gelehrten Philister!
Aufrichtig gestand ich dem Freunde Muzius, daß ich den Ausdruck Philister, sowie seine eigentliche Meinung nicht ganz fasse. „O mein Bruder, erwiderte Muzius, indem er anmutig lächelte, so daß er in dem Augenblick sehr hübsch aussah, und wieder ganz der alte propre Muzius schien, o mein Bruder Murr, ganz vergeblich würde der Versuch sein, Euch dieses alles zu erklären, denn nimmermehr könnt Ihr begreifen, was ein Philister ist, solange Ihr selber einer seid. WolltIhr indessen zur Zeit mit einigen Grundzügen eines Katzphilisters vorlieb nehmen, so kann —
(Mak. Bl.)— — gar seltsames Schauspiel. In der Mitte des Zimmers stand Prinzessin Hedwiga; ihr Antlitz war leichenblaß, todstarr ihr Blick. Prinz Ignatius trieb sein Spiel mit ihr, wie mit einer Gliederpuppe. Er hob ihr den Arm in die Höhe, der stehen blieb, und sank, wenn er ihn niederbeugte. Er stieß sie sanft vorwärts, sie ging, er ließ sie stehen, sie stand, er setzte sie in den Sessel, sie saß. So vertieft war der Prinz in dies Spiel, daß er die Eintretenden gar nicht bemerkte.
„Was machen Sie da, Prinz!“ — So rief ihm die Fürstin zu, da versicherte er kichernd und fröhlich sich die Hände reibend, daß Schwester Hedwiga jetzt gut und artig geworden und alles tue, was er wünsche, auch ihm gar nicht so widerspreche und ihn ausschelte, wie sonst. — Und damit begann er auf's neue, indem er militärisch kommandierte, die Prinzessin in allerlei Stellungen zu bringen, und jedesmal, wenn sie wie festgezaubert in der Stellung blieb, die er ihr gegeben, lachte er laut und sprang vor Freuden in die Höhe. „Das ist nicht zu ertragen, sprach die Fürstin leise mit zitternder Stimme, indem Tränen ihr in den Augen glänzten, doch der Leibarzt trat auf den Prinzen zu, und rief mit strengem, gebietendem Ton: lassen Sie das bleiben, gnädigster Herr! Dann nahm er die Prinzessin in die Arme, ließ sie sanft nieder auf die Ottomane, die im Zimmer befindlich, und zog die Vorhänge zu. „Es ist, wandte er sich dann zur Fürstin, zur Zeit der Prinzessin nichts nötiger, als die unbedingteste Ruhe, ich bitte, daß der Prinz das Zimmer verlasse.
Prinz Ignatius stellte sich sehr ungebärdig an, und klagte schluchzend, daß jetzt allerlei Leute, die gar keine Prinzen wären, und nicht einmal vom Adel, sich unterfingen, ihm zu widersprechen. Er wolle nun bei der Prinzessin Schwester bleiben, die ihm lieber geworden sei als seine schönsten Tassen, und der Herr Leibarzt habe ihm gar nichts zu befehlen.
„Gehen Sie in Ihre Zimmer, lieber Prinz, sprach die Fürstin sanft, die Prinzessin muß jetzt schlafen, und nach der Tafel kommt Fräulein Julia.
„Fräulein Julia! rief der Prinz, indem er kindisch lachte und hüpfte, Fräulein Julia! — Ha, das ist schön, der zeige ich die neuen Kupferstiche und wie ich abgebildet bin in der Geschichte vom Wasserkönig als Prinz Lachs mit dem großen Orden! — damit küßte erder Fürstin zeremoniös die Hand und reichte die seinige mit stolzem Blick dar, dem Leibarzt zum Kuß. Der faßte aber die Hand des Prinzen und führte ihn zur Türe, die er öffnete, sich höflich verneigend. Der Prinz ließ es sich gefallen, auf diese Art hinausgewiesen zu werden.
Die Fürstin sank, ganz Schmerz und Erschöpfung, nieder in den Lehnstuhl, stützte den Kopf in die Hand und sprach mit dem Ausdruck des tiefsten Weh's leise vor sich hin: Welche Todsünde lastet auf mir, daß mich der Himmel so hart straft. — Dieser Sohn zu ewiger Unmündigkeit verdammt — und nun — Hedwiga — meine Hedwiga! — Die Fürstin verfiel in trübes, düstres Nachdenken.
Der Leibarzt hatte indessen mit Mühe der Prinzessin ein paar Tropfen irgend einer heilsamen Arzenei eingeflößt und die Kammerfrauen herbeigerufen, die die Prinzessin, deren automatischer Zustand sich nicht im mindesten änderte, fortbrachten in ihre Zimmer, nachdem sie von dem Leibarzt die Weisung erhalten, bei dem kleinsten Zufall, den die Prinzessin erleiden könne, ihn sogleich herbeizurufen.
Gnädigste Frau, wandte sich der Leibarzt zur Fürstin, so höchst seltsam, so höchst besorglich auch der Zustand der Prinzessin scheinen mag, so glaube ich doch mit Gewißheit versichern zu können, daß er bald aufhören wird, ohne die mindesten gefährlichen Folgen zu hinterlassen. Die Prinzessin leidet an jener ganz besondern wunderbaren Art des Starrkrampfs, die in der ärztlichen Praxis so selten vorkommt, daß mancher hochberühmte Arzt niemals in seinem Leben Gelegenheit fand, dieselbe zu beobachten. Ich muß mich daher in der Tat glücklich schätzen — Der Leibarzt stockte —
Ha, sprach die Fürstin mit bitterm Ton, daran erkenne ich den praktischen Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur seine Kenntnis bereichert.
Noch vor ganz kurzer Zeit, fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der Fürstin zu beachten, fand ich in einem wissenschaftlichen Buche das Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin verfallen. Eine Dame (so erzählt mein Autor) kam von Vesoul nach Besançon um einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache, der Gedanke, daß der Verlust des Prozesses die letzte, höchste Stufe der empfindlichsten Widerwärtigkeiten, die sie erduldet, sei, und sie in Not und Elend stürzen mußte, erfüllte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die bis zu einer Exaltation ihres ganzen Gemüts stieg. Sie brachte die Nächte schlaflos zu, aß wenig, mansah sie in der Kirche auf ungewöhnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf verschiedene Art tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben Tage, da ihr Prozeß entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die anwesenden Personen für einen Schlagfluß hielten. Die herbeigerufenen Ärzte fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gen Himmel gerichteten, funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern, mit erhobenen Armen undgefaltetenHänden. Ihr vorher trauriges, bleiches Gesicht war blühender, heiterer, angenehmer als sonst, ihr Atemzug ungehindert und gleich, der Puls weich, langsam, ziemlich voll, beinahe wie bei einer ruhig schlafenden Person. Ihre Glieder waren biegsam, leicht, und ließen ohne den geringsten Widerstand sich in alle Stellungen bringen. Aber darin äußerte sich die Krankheit und die Unmöglichkeit irgendeiner Täuschung, daß die Glieder von selbst nicht aus der Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man drückte ihr Kinn abwärts — der Mund öffnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm, nachher den andern auf, sie fielen nicht abwärts, man bog sie ihr nach dem Rücken hin, streckte sie hoch in die Höhe, so daß es jedem unmöglich gewesen sein würde, sich lange in dieser Stellung zu behaupten, und doch geschah es. Man mochte den Körper so sehr herabbeugen, als man wollte, immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht. Sie schien gänzlich ohne Empfindung, man rüttelte, kneipte, quälte sie, stellte ihr die Füße auf ein heißes Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde ihren Prozeß gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkürlichen Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch führte sie unzusammenhängende Reden. — Endlich —
Fahren Sie fort, sprach die Fürstin, als der Leibarzt innehielt, fahren Sie fort, verschweigen Sie mir nichts und sei es das Entsetzlichste! — Nicht wahr? — in Wahnsinn verfiel die Dame!
Es genügt, sprach der Leibarzt weiter, hinzuzufügen, daß ein sehr böser Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, daß sie in Vesoul, wohin sie zurückkehrte, völlig genas und nicht die mindesten schlimmen Folgen ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte. —
Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank, verbreitete sich der Leibarzt weitläufig über die ärztlichen Mittel, die er anzuwenden gedenke, um der Prinzessin zu helfen und verlor sich zuletzt in solche wissenschaftlichen Demonstrationen, als spräche er in einer ärztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren.
Was, unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt, was helfen alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das Heil, das Wohl des Geistes gefährdet.
Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: Gnädigste Frau, das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon zeigt, daß der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag. Man fing, als sie zu einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, daß man ihr Mut einsprach und ihr den bösen Prozeß als gewonnen darstellte. — Einig sind auch die erfahrensten Ärzte darüber, daß eben irgendeine plötzliche starke Gemütsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt. Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten ungewöhnlichen Grade, ja ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und für sich selbst abnorm nennen. Gewiß scheint es, daß irgend eine heftige Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muß die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu können! — Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor. — Nun, gnädigste Frau, die Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt, und diesem die besten Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur.
Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt: Selbst die Bürgerfrau bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Fürstenhaus erschließt sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der Arzt sich nicht zählen darf.
Wie, rief der Leibarzt lebhaft, wer vermag das leibliche Wohl so scharf zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in die Tiefe des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden, wenn er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will zu fehlen. Denken Sie an die Geschichte jenes kranken Prinzen gnädigste Frau —
Genug! unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen, genug! — Nie werde ich mich bewegen lassen eine Unschicklichkeit zu begehen; ebensowenig als ich glauben kann, daß irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlaßt haben kann.
Damit entfernte sich die Fürstin und ließ den Leibarzt stehen.
Wunderliche Frau, sprach dieser zu sich selbst, diese Fürstin! Gern möchte sie andere ja sich selbst überreden, daß der Kitt, womit die Natur Seele und Körper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt etwas Fürstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei, und keineswegs dem zu vergleichen, den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft verbraucht. — Man soll gar nicht daran denken, daß die Prinzessin ein Herz hat, so wie jener höfische Spanier, der das Geschenk von seidnen Strümpfen, das gute niederländische Bürger seiner Fürstin machen wollten, deshalb verschmähte, weil es unschicklich sei daran zu erinnern, daß eine spanische Königin wirklich Füße habe wie andere ehrliche Leute! — Und doch: zu wetten ist es, daß in dem Herzen, dem Laboratorio alles weiblichen Weh's, die Ursache des fürchterlichsten aller Nervenübel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen. —
Der Leibarzt dachte an Prinz Hektor's schnelle Abreise, an der Prinzessin übermäßige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche Art, wie sie sich (so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen haben sollte, und so schien es ihm gewiß, daß irgendein plötzlicher Liebeszwist die Prinzessin bis zu jäher Krankheit verletzt. — Man wird sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht. Was die Fürstin betrifft, so mochte sie Ähnliches vermuten und eben deshalb alle Nachfrage, alles Forschen des Arztes für unschicklich halten, da der Hof überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstatthaft verwirft und gemein. — Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz, aber das seltsam halb lächerliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein Zeichen des innern Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen. Gelingen mußt' es ihr daher selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit dem Prinz und der Prinzessin begeben, zu verwinden und den stolz abweisen, der nichts wollte als helfen.
Während sich dies im Schlosse begab, ereignete sich auch im Park manches, was hier beizubringen ist.
In dem Gebüsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog ein kleines goldenes Döschen aus der Tasche, wischte, nachdem er eine Prise Tabak genommen, mit dem Rockärmel einigemal darüber weg, reichte es dem Leibkammerdiener des Fürsten hin und sprach also: Schätzenswerter Freund, ich weiß, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie gegenwärtiges Döschen als ein geringes Zeichen meines gnädigen Wohlwollens an, auf das Sie stets rechnen können. — Doch sagen Sie, Liebster! wie kam das mit dem seltsamen ungewöhnlichen Spaziergange?
Mich untertänigst zu bedanken! erwiderte der Leibkammerdiener indem er die goldne Dose einsteckte. Dann räusperte er sich und fuhrfort: Versichern kann ich, hochgebietende Exzellenz, daß unser gnädigster Herr sehr alarmiert sind, seit dem Augenblick, als der gnädigsten Prinzessin Hedwiga, man weiß nicht wie, die fünf Sinne abhanden gekommen. Heute standen sie am Fenster ganz hoch aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und trommelten mit den gnädigsten Fingern der rechten Hand schrecklich auf die Spiegelscheibe, daß es klirrte und krachte. Aber lauter hübsche Märsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein seliger Schwager der Hoftrompeter zu sagen pflegte. — Exzellenz wissen, mein seliger Schwager der Hoftrompeter war ein geschickter Mann, er brachte sein Flattergrob heraus wie ein Däuschen, seine Grobstimme, seine Faulstimme klang wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen betrifft. — Alles weiß ich, unterbrach der Hofmarschall den Schwätzer, mein Bester! Ihr seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher Hoftrompeter, aber jetzt, was taten, was sprachen Durchlaucht, als sie die Märsche zu trommeln geruht hatten?
Taten, sprachen! fuhr der Leibkammerdiener fort, hm! — eben nicht viel. Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen Augen, zogen die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut: François — François! Durchlaucht ich bin schon hier, rief ich. Da sprachen aber der gnädige Herr ganz zornig:Esel,warum sagt er das nicht gleich! Und darauf: Mein Promenadenkleid! Ich tat wie mir geheißen. Durchlaucht geruhten den grünseidenen Überrock ohne Stern anzulegen und sich nach dem Park zu begeben. Sie verboten mir ihnen zu folgen aber — hochgebietende Exzellenz, man muß doch wissen wo sich der gnädigste Herr befinden, wenn etwa ein Unglück — Nun! — ich folgte so ganz von weitem und gewahrte, daß der gnädigste Herr sich in das Fischerhäuschen begaben. —
Zum Meister Abraham! — rief der Hofmarschall ganz verwundert. „So ist es, sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges geheimnisvollesGesicht.“
Ins Fischerhäuschen, wiederholte der Hofmarschall, zum Meister Abraham! — Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im Fischerhäuschen! —
Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall weiter: und sonst äußerten Durchlaucht gar nichts? „Gar nichts, erwiderte der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. Doch, fuhr er schlaulächelnd fort, ein Fenster des Fischerhäuschens geht heraus nach dem dicksten Gebüsch, es ist dort eine Vertiefung, man verstehtjedes Wort, was drinnen im Häuschen gesprochen wird — man könnte — Bester, wenn Sie das tun wollten, rief der Hofmarschall entzückt! — Ich tue es, sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch als er aus dem Gebüsch hervortrat, stand der Fürst, der eben nach dem Schloß zurückkehrte, dicht vor ihm, so daß er ihn beinahe berührte. In scheuer Ehrfurcht prallte er zurück: „Vous êtes un grandTölpel!“ donnerte ihn der Fürst an, rief den Hofmarschall ein kaltesdormez bien!zu und entfernte sich mit dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schloß.
Ganz bestürzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte, Fischerhäuschen — Meister Abraham —dormez bien— und beschloß sogleich zu dem Kanzler des Reichs zu fahren, um sich über die außerordentliche Begebenheit zu beraten, und womöglich die Konstellation herauszufinden, die am Hofe ob dieses Ereignisses sich erzeugen könne. —
Meister Abraham hatte den Fürsten bis eben an das Gebüsch begleitet, in welchem sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier war er umgekehrt auf Geheiß des Fürsten, der nicht wollte, daß man ihn aus den Fenstern des Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke. — Der geneigte Leser weiß, wie gut es dem Fürsten gelungen, seinen einsamen geheimen Besuch bei dem Meister Abraham im Fischerhäuschen zu verbergen. Aber noch eine Person außer dem Kammerdiener hatte den Fürsten, ohne daß er es ahnen konnte, belauscht.
Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung, als ihm ganz unvermutet, aus den Gängen, die schon zu dunkeln begannen, die Rätin Benzon entgegentrat.
Ha, rief die Benzon mit bittrem Lachen: der Fürst hat sich bei Euch Rats erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Stütze des fürstlichen Hauses, dem Vater und dem Sohne laßt Ihr Eure Weisheit und Erfahrung zufließen, und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben ist — So, fiel Meister Abraham der Benzon ins Wort, so gibt es eine Rätin, die eigentlich das glanzvolle Gestirn ist, das hier alles erleuchtet, und unter dessen Einfluß auch nur ein armer alter Orgelbauer bestehen, und sein einfaches Leben ungestört durchfristen kann.
Scherzt nicht so bitter, sprach die Benzon, Meister Abraham, ein Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann unserm Horizont entfliehend schnell verbleichen, und endlich ganz untergehen. Die seltsamstenEreignisse scheinen sich durchkreuzen zu wollen, in diesem einsamen Familienkreise, den eine kleine Stadt und ein paar Dutzend Menschen mehr, als eben darin wohnen, Hof zu nennen gewohnt sind. — Die schnelle Abreise des sehnlich erwarteten Bräutigams — Hedwiga's bedrohlicher Zustand! — In der Tat, tief niederbeugen mußte dies den Fürsten, wäre er nicht ein ganz gefühlloser Mann. — Nicht, nicht immer waren Sie dieser Meinung, unterbrach der Meister Abraham die Benzon, Frau Rätin. —
Ich verstehe Euch nicht, sprach die Benzon mit verächtlichem Ton, indem sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das Gesicht abwandte. —
Fürst Irenäus hatte im Gefühl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham schenken, ja der geistigen Übermacht, die er ihm zugestehen mußte, alle fürstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt, und im Fischerhäuschen sein ganzes Herz ausgeschüttet, auf alle Äußerungen der Benzon über die verstörenden Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wußte der Meister, und um so weniger durfte ihm die Empfindlichkeit der Rätin auffallen, wiewohl er sich verwunderte, daß, kalt und in sich verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht besser zu verbergen vermochte.
Wohl mußte es aber die Rätin tief schmerzen, daß sie das Monopol der Vormundschaft über den Fürsten, das sie sich angeeignet, aufs Neue, und zwar in einem kritischen, verhängnisvollen Augenblick, gefährdet sah.
Aus Gründen, die sich vielleicht später klar entwickeln dürften, war die Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rätin feurigster Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so mußte sie glauben, und jede Einmischung eines dritten in diese Angelegenheit ihr bedrohlich erscheinen. Überdies sah sie sich zum erstenmal von unerklärlichen Geheimnissen umringt, zum ersten Mal schwieg der Fürst, konnte sie, die gewohnt das ganze Spiel des phantastischen Hofes zu regieren, tiefer gekränkt werden?
Meister Abraham wußte, daß einem aufgeregten Weibe nichts besser entgegenzusetzen ist als unüberwindliche Ruhe, er sprach daher kein Wörtchen, sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in tiefen Gedanken nach jener Brücke wandte, die der geneigte Leser schon kennt. Sich auf das Geländer stützend schaute die Rätin hinein in die fernen Büsche, denen die sinkende Sonne, noch wie zum Abschiede, goldene leuchtende Blicke zuwarf.
„Ein schönerAbend“, sprachdie Rätin, ohne sich umzuwenden. Gewiß, erwiderte Meister Abraham, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes, unverstörtes Gemüt.
„Sie können, fuhr die Rätin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie sonst den Meister anredete, aufgebend, mein lieberMeister, esmir nicht verargen, daß ich mich schmerzhaft berührt fühlen muß, wenn der Fürst plötzlich nurSiezu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht, in einer Angelegenheit, über die eigentlich die welterfahrene Frau besser zu raten, zu entscheiden weiß. Doch vorüber, ganz vorüber ist die kleinliche Empfindlichkeit, die ich nicht zu bergen vermochte. Ich bin ganz beruhigt, da nur die Form verletzt ist. Der Fürst selbst hätte mir das alles sagen sollen, was ich nun erfahren habe auf andereWeise,und ich kann in der Tat alles, was Sie, lieber Meister, ihm erwiderten, nur höchlich billigen. — Selbst will ich gestehen, daß ich etwas tat, was eben nicht lobenswert ist. Mag es nicht sowohl weibliche Neugierde, als die tiefste Teilnahme an allem, was sich in dieser fürstlichen Familie begibt, entschuldigen. Erfahren Siees,Meister: ich habe Sie belauscht, Ihre ganze Unterredung mit dem Fürsten angehört, jedes Wort verstanden —
Den Meister Abraham erfaßte bei diesen Worten der Benzon einseltsames,von höhnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefühl. Ebensogut wie jener Leibkammerdiener des Fürsten, hatte Meister Abraham bemerkt, daß man in der buschichten Vertiefung, dicht vor dem einen Fenster des Fischerhäuschens versteckt, jedes Wort vernehmen konnte, was drinnen gesprochen wurde. Durch eine geschickte akustische Vorrichtung war ihm indessen gelungen, es zu bewirken, daß jedes Gespräch im Innern des Häuschens dem draußen Stehenden nur wie ein verwirrtes unverständliches Geräusch klang und es schlechterdings unmöglich blieb, auch nur eine Silbe zu unterscheiden. — Erbärmlich mußte es daher dem Meister erscheinen, wenn die Benzon zu einer Lüge ihre Zuflucht nahm, um hinter Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnenmochte, abernicht der Fürst, und die dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham vertrauen konnte. — Man wird erfahren, was der Fürst mit dem Meister im Fischerhäuschen verhandelte.
O!rief der Meister, o meine Gnädige, es war der rege Geist der lebensweisen, unternehmenden Frau selbst, der Sie an das Fischerhäuschen führte. Wie kann ich armer, alter, jedoch unerfahrner Mann mich in allen diesen Dingen zurechtfinden, ohne Ihren Beistand! Ebenwollt' ich alles, was mir der Fürst vertraut, weitläuftig hererzählen, aber es bedarf keiner fernern Erläuterungen, da Ihnen schon alles bekannt. Möchten Sie, Gnädige, mich würdig achten, sich über alles, was vielleicht schlimmer sich darstellen mag, als es wirklich ist, recht von Herzen auszusprechen.
Meister Abraham traf den Ton der biederen Zutraulichkeit so gut, daß die Benzon, all' ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet, nicht gleich zu entscheiden wußte, ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder nicht, und die Verlegenheit darüber schnitt ihr jeden Faden ab, den sie erfassen und zur für den Meister verfänglichen Schlinge hätte verknüpfen können. So geschah es aber, daß sie vergebens nach Worten ringend, wie festgebannt auf der Brücke stehen blieb, und hinabschaute in den See.
Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein, dann richteten sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages. Er wußte wohl, wie Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse gestanden, ein tiefer Schmerz über den Verlust des teuersten Freundes erfaßte ihn, und unwillkürlich entfloh ihm der Ausruf: Armer Johannes!
Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit losbrechender Heftigkeit: Wie, Meister Abraham, Ihr seid doch nicht so töricht, an Kreislers Untergang zu glauben? Was kann ein blutiger Hut beweisen? — Was sollte ihn auch so plötzlich zu dem schrecklichen Entschluß gebracht haben, sich selbst zu töten — man hätte ihn ja auch gefunden. —
Nicht wenig erstaunte der Meister, die Benzon von Selbstmord sprechen zu hören,hier, woein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien, ehe er indessen antworten konnte, fuhr die Rätin fort: Wohl uns, wohl uns, daß er fort ist, der Unglückliche, der überall, wo er sich blicken läßt, nur verstörendes Unheil anrichtet! Sein leidenschaftliches Wesen, seine Verbitterung, nicht anders kann ich seinen hochgepriesenen Humor bezeichnen, steckt jedes reizbare Gemüt an, mit dem er dann sein grausames Spiel treibt. Zeugt die höhnende Verachtung aller konventionellen Verhältnisse, ja der Trotz gegen alle üblichen Formen von Übergewicht des Verstandes, so müssen wir alle unsere Knie beugen vor diesem Kapellmeister, doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht auflehnen gegen alles, was durch die richtige Ansicht des wirklichen Lebens bedingt, und als unsere Zufriedenheit begründend anerkannt wird. Darum! — dem Himmel sei gedankt, daß er fort ist, ich hoffe ihn nie wiederzusehen.
Und doch, sprach der Meister sanft, waren Sie sonst die Freundin meines Johannes, Frau Rätin, und doch nahmen Sie sich seiner an, in einer bösen kritischen Zeit und führten ihn selbst auf die Bahn, von der ihn nur eben jene konventionellen Verhältnisse, die Sie so eifrig in Schutz nehmen, wegverlockt hatten? — Welch ein Vorwurf trifft jetzt so plötzlich meinen guten Kreisler? — Was für Böses hat sich aus seinem Innern aufgetan? Will man ihn darum hassen, weil in den ersten Augenblicken, da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen, das Leben feindlich auf ihn zutrat, weil das Verbrechen ihn bedrohte, weil — ein italienischer Bandit ihm nachschlich? —
Die Rätin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen. Welch', sprach sie dann mit zitternder Stimme, welch einen Gedanken der Hölle, hegt Ihr in der Brust, Meister Abraham? — Aber wäre es so, wäre Kreisler wirklich gefallen, so wurde in dem Augenblick die Braut gerächt, die er verdorben. Eine innere Stimme sagt es mir, Kreisler allein ist schuld an dem fürchterlichen Zustande der Prinzessin. Schonungslos spannte er die zarten Saiten im innern Gemüt der Kranken, bis sie zersprangen. So war, erwiderte Meister Abraham giftig, der italienische Herr ein Mann von raschem Entschluß, der die Rache der Tat vorausschickte. Sie haben ja, Gnädige, alles angehört, was ich mit dem Fürsten gesprochen im Fischerhäuschen, Sie wissen daher auch, daß Prinzessin Hedwiga in demselben Augenblick, als der Schuß im Walde fiel, zur Leblosigkeit erstarrte.
In der Tat, sprach die Benzon, man möchte an all' das schimärische Zeug glauben, das uns jetzt aufgetischt wird, an psychische Korrespondenzen und dergleichen! — Doch! noch einmal, wohl uns, daß er fort ist, der Zustand der Prinzessin kann und wird sich ändern. — Das Verhängnis hat den Störer unserer Ruhe vertrieben und — sagt selbst, Meister Abraham, ist nicht unser Freund im Innersten zerrissen auf solche Weise, daß das Leben ihm keinen Frieden mehr zu geben vermag? — Gesetzt also wirklich daß —
Die Rätin endete nicht, aber Meister Abraham fühlte den Zorn, den er mit Mühe unterdrückt, hoch aufflammen.
Was habt Ihr alle gegen diesen Johannes, rief er mit erhöhter Stimme, was hat er euch Böses getan, daß Ihrihmkeine Freistatt, kein Plätzchen gönnt auf dieser Erde? — wißt Ihrs nicht? — Nun so will ich es Euch sagen. Seht, der Kreisler trägt nicht Eure Farben, er versteht nicht Eure Redensarten, der Stuhl, den Ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme unter Euch, ist ihm zu klein, zu enge! Ihr könnt' ihn garnicht für euresgleichen achten, und das ärgert Euch. Er will die Ewigkeit der Verträge, die Ihr über die Gestaltung des Lebens geschlossen, nicht anerkennen, ja er meint, daß ein arger Wahn, von dem Ihr befangen, Euch gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und daß die Feierlichkeit, mit der Ihr über ein Reich zu herrschen glaubt, das Euch unerforschlich, sich gar spaßhaft ausnehme, und das alles nennt Ihr Verbitterung. Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz, der sich aus der tiefern Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schönste Gabe der Natur zu nennen, die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens schöpft. Aber Ihr seid vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen. — Der Geist der wahren Liebe wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz zu erwärmen, das auf ewig zum Tode erstarret ist, ja in welchem niemals der Funke war, den jener Geist zur Flamme aufhaucht? Ihr möget den Kreisler nicht, weil Euch das Gefühl des Übergewichts, das Ihr ihm einzuräumen gezwungen, unbehaglich ist, weil Ihr ihn, der Verkehr treibt mit höheren Dingen als die gerade in Euern engen Kreis passen, fürchtet. —
Meister Abraham, sprach die Benzon mit dumpfer Stimme, der Eifer, mit dem Du für Deinen Freund sprichst, führt Dich zu weit. Du wolltest mich verletzen? — Nun wohl, es ist Dir gelungen, denn Du hast Gedanken in mir geweckt, die lange, lange schlummerten! — Todstarr nennst Du mein Herz? — Weißt Du denn, ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm gesprochen, ob ich nicht allein in konventionellen Verhältnissen des Lebens, die der überspannte Kreisler verächtlich finden mag, Trost und Ruhe fand? — Glaubst Du denn nicht überhaupt, alter Mann, der auch wohl so manches Leid erfahren, daß es ein gefährliches Spiel ist, sich über jene Verhältnisse erheben, und dem Weltgeist näher treten zu wollen in der Mystifikation des eigenen Seins? Ich weiß es, die kälteste, regungsloseste Prosa des Lebens selbst, hat mich Kreisler gescholten und es ist sein Urteil, das sich in dem Deinigen ausspricht, wenn Du mich todstarr nennst, aber habt Ihr jemals dieses Eis zu durchblicken vermocht, das meiner Brust schon längst ein schützender Harnisch war? — Mag bei den Männern die Liebe nicht das Leben schaffen, sondern es nur auf eine Spitze stellen, von der herab noch sichre Wege führen, unser höchster Lichtpunkt, der unser ganzes Sein erst schafft und gestaltet, ist der Augenblick der ersten Liebe. Will es das feindliche Geschick, daß dieser Augenblick verfehlt wurde, verfehlt ist das ganze Leben für das schwache Weib, das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit,während das mit stärkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft, und eben in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens eine Gestaltung erringt, die ihm Ruhe und Frieden gibt. — Laß es Dir sagen, alter Mann — hier in der Dunkelheit der Nacht, die das Vertrauen verschleiert, laß es Dir sagen! — Als jener Moment in mein Leben trat, als ichdenerblickte, der alle Glut der innigsten Liebe, deren die weibliche Brust nur fähig, in mir entzündete — da stand ich vor dem Traualtar mit jenem Benzon, der ein guter Ehemann wurde wie kein anderer. Seine völlige Bedeutungslosigkeit gewährte mir alles, was ich, um ein friedfertiges Leben zu führen, nur wünschen konnte, und nie ist eine Klage, ein Vorwurf meinen Lippen entflohen. Nur den Kreis des Gewöhnlichen nahm ich in Anspruch, und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab, das mich unvermerkt irre leitete, wenn ich manches, das strafbar erscheinen möchte, mit nichts anderm zu entschuldigen weiß als mit dem Drange des augenblicklichen Verhältnisses, so magdasWeib mich zuerst verdammen, die, so wie ich, den schweren Kampf durchkämpfte, der zu gänzlichem Verzicht auf alles höhere Glück führt, sollte dies auch nichts anders sein, als ein süßer träumerischer Wahn. — Fürst Irenäus machte meine Bekanntschaft. — Doch ich schweige von dem, was längst vergangen, nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein. — Ich hab es Dir vergönnt in mein Innerstes zu schauen, Meister Abraham, Du weißt nun, warum ich, so wie die Dinge sich hier gestalten, jedes Hineindrängen eines fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich fürchten muß. Mein eigenes Geschick in jener verhängnisvollen Stunde grinset mich an, wie ein furchtbar warnendes Gespenst. Retten muß ich die, die mir teuer sind, ich habe meine Pläne gemacht. — Meister Abraham, seid mir nicht entgegen, oder, wollt Ihr in den Kampf treten mit mir, so seht Euch vor, daß ich Eure besten Taschenspielerkünste nicht zu Schanden mache!