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Trotzdem hört Heinrich Pestalozzi allmählich auf, der unfreiwillige Spaßvogel seiner Mitschüler zu sein; er lernt sich zu wehren, und kommt durch einen Vorfall sogar in den Ruf einer besonderen Tollkühnheit:

Er ist ein Jahr lang Lateinschüler gewesen, als sein zeitweiliger Spielfreund Ernst Luginbühl aus Höngg in die untere Klasse eintritt. Dessen Vater ist herkömmlich ein verarmter Stadtbürger, der sich in sein dörfliches Anwesen hinein geheiratet hat, aber bis in seine Baumwollenweberei ein unruhiger Kopf bleibt, weshalb ihn auch der Großvater nicht gern in seiner Dorfgemeinde sieht. Ihm selber ist es mit allen möglichen Anschlägen fehl gegangen, darum will er seinem Buben eine bessereBildung mitgeben und bringt ihn — der einen klaren Kopf hat und gern lernt — in die Lateinschule, wo er, älter als die andern, in die untere Klasse aufgenommen wird. Er hat noch immer seine roten Backen und die wasserhellen Augen, aber er trägt Schuhe an den Füßen und ist auch sonst für die städtische Schule zurecht gemacht, in einer ländlichen Art, die den Stadtkindern von selber zum Gespött wird. Heinrich Pestalozzi weiß längst, wie die Bürgersöhne den Knaben vom Land die Schule verleiden, als ob sie Eindringlinge in ihre Vorrechte wären; ihn selber lassen sie deutlich genug merken, daß seine Mutter nur eine Landbürgerin ist; nun aber trifft es seinen Freund, der in dieser fremden, feindseligen Welt mit den Bauernaugen um Mitleid zu flehen scheint. Jeden Morgen kommt er den mühsamen Weg von Höngg herunter, manchmal, wenn es geregnet hat, naß bis auf die Haut; und mittags, wenn die andern heimgehen, fertigt er seinen Hunger im Klassenraum mit einem Stück Brot ab. Er gerät in ein hartes und verstocktes Dasein, und wenn ihn Heinrich Pestalozzi anspricht, ist es fast, als ob er etwas von seinem Haß gegen die hochmütigen und grausamen Bürgersöhne auf ihn übertrüge, sodaß es hier in der Stadt keine rechte Fortsetzung der ländlichen Freundschaft geben will.

Eines Mittags kommt Heinrich Pestalozzi zufällig als der Letzte aus der Klasse und hört unter dem Gang im Hof ein Hetzgeschrei. Einige größere Knaben haben den mißliebigen Weberssohn in eine Ecke gedrängt und hauen auf ihm, der sich kratzend und beißend wehrt, mitLinealen herum; einer muß ihn am Kopf getroffen haben, denn aus dem weißblonden Haar laufen ein paar Zickzacklinien von Blut herunter. Heinrich Pestalozzi weiß nichts von dem Anlaß des Streites, er sieht nur das Blut, und wie sie ihren Übermut und Hohn an dem Knaben auslassen; darüber faßt ihn augenblicklich der zornige Eifer so, daß er blindlings aus der offenen Halle über die Steinbrüstung hinunter klettert. Es ist eine kleine Stockwerkshöhe, und er könnte sich leicht zu Tode stürzen, als er für einen Augenblick selber erschrocken an der Steinbrüstung hängt. Er purzelt aber einem, der sich gerade bückt, auf die Schultern, daß der bäuchlings hinfällt und ihn wie einen Igel abkugeln läßt, ist gleich von Zorn besessen wieder auf und springt auf die andern ein, die im ersten Schrecken auseinander rennen. Auch der von seinem Sprung Betroffene will fort, kann aber nicht auf und kriecht auf Händen und Füßen eilig davon. Darüber erheben die andern, die schadenfroh der Prügelei zugesehen haben, ein solches Hohngeschrei, daß ein Lehrer dazukommt, ehe die Überfallenen ihrem kuriosen Angreifer heimzahlen können. Es gibt nun zwar ein strenges Verhör, bei dem Heinrich Pestalozzi, weil er trotzig schweigt, als der allein Schuldige übrigbleibt und auch in Strafe genommen wird: aber mit seinem tollkühnen Sprung ist er doch Sieger geblieben, und die Schande einer feigen Flucht vor dem schmächtigen Heiri Wunderli von Torliken bleibt auf den andern sitzen. Das Babeli, als es durch den Johann Baptista davon hört, will ihn strafen, weil die Hosen zerrissen sind; aber die Mutter wehrt ihr und streichelt ihn.


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