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Im Dezember des gleichen Jahres sind die Schüler in der Klasse von Heinrich Pestalozzi gerade aufgestanden, ein Weihnachtslied zu üben, als es einen Erdstoß gibt, wie wenn Pferde einen Wagen anzögen, auf dem sie ständen. Sie hören in derselben Sekunde auf zu singen und halten sich an den Bänken fest; dann ist der Lehrer der erste, bei dem sich die Erstarrung auf die Gefahr besinnt. Mit langen Beinen springt er zur Tür, die Geige und den Bogen noch in den Händen; aber ehe er dort ist, drängen sich ihm schon die nächsten Knaben vor. Draußen quillt die Schreckensflucht aus den andern Räumen ebenso zur Treppe; und ist es zuerst totenstill gewesen, so erhebt sich nun das Geschrei; erst derer, die hinfallen und getreten werden, dann der andern, die davon angesteckt die letzte Besinnung verlieren. Es gibt keinen Einzelnen mehr, nur noch eine Herde, dahinein die Todesfurcht gefahren ist; und die am ehesten Kaltblütigkeit bewahren sollten, die schulmeisterlichen Hirten gehen mit langen Beinen über die Köpfe und abwehrenden Hände der Knaben hinweg.

Auch Heinrich Pestalozzi ist wie die andern von der Besessenheit gepackt worden und hat Arme und Beine gebraucht, sich in dem Strudel oben zu halten; aber darum haben seine Augen doch das unwürdige Beispiel der Lehrer aufgefaßt; und als er unten auf dem Hofe steht, wo rundherum die Stücke von Dachziegeln in dem schwärzlichen Schnee liegen und die Nachzügler kommen, die von den andern überrannt wurden und teilweise bluten — einer liegt leichenblaß seitwärts allein,weil er aus dem Fenster gesprungen ist und den Fuß gebrochen hat — muß er weinen vor Zorn. Die meisten drängen auf die Gasse hinaus, wo die Bürger unterdessen aus den Werkstätten gelaufen sind und in den Himmel starren, der unbewegt über dem Erdbeben steht. Die zurück bleiben, möchten zum Teil gern ihre Bücher und Hüte herunterholen, aber keiner wagt sich hinein; obwohl nach der ersten Erschütterung, die gleich einem langen Gerolle von unterirdischen Wagen gewesen ist, nichts mehr geschieht und die leeren Gebäude gleichsam verwundert auf die ängstliche Menschheit herunter sehen. Der Widerspruch zwischen dieser lächerlichen Flucht und dem alten Heldentum, davon sie täglich durch die selben Lehrer hörten, macht, daß ihm sein Knabenherz trotzig aufspringt, sich selber und den andern ein Beispiel von Tapferkeit zu geben. Während einige Bürger in den Schulhof gekommen sind und den Jungen mit dem zerbrochenen Fuß aufheben, geht er in das verlassene Schulhaus zurück: obwohl es unheimlich ist auf der leeren Treppe und oben im Gang, wo alle Türen offen stehen, kommt er bis an die Klasse und holt seine Sachen heraus; auch einigen andern bringt er mit, was er rasch greifen kann; und nachher zwingt er seine Furcht, daß er die Treppe nicht hinunter springt, Schritt für Schritt die Stufen nimmt und triumphierend zu den Wenigen hinaus tritt, die da noch warten.

Als er danach heim kommt in die Stube, ist der Johann Baptista schon längst dabei, dem Bärbel das Abenteuer zu erzählen, indessen das Babeli verzweifelt durchs Fenster sieht und ihn scheltend empfängt, daß er so spätkäme; nun wäre die Mutter aus Angst um ihn schon auf die Gasse gelaufen! Er könnte ihr anders antworten; doch wirft er nur die Sachen verächtlich auf einen Stuhl und springt hinunter, den Schrecken der Mutter abzukürzen. Er findet sie auch gleich, wie sie mit blassem Gesicht zurück kommt und ihn erblickend nichts anderes vermag, als ihn hastig am Arm zu nehmen, wie wenn sie ihn jetzt noch retten müßte.

Bei den Genossen aber gilt der Heiri Wunderli seit diesem Erdbebentag als einer, der sich aus Großmannssucht für etwas Besseres hält, und ihrem Spott ist fortab deutlich der Haß beigemischt, der für das Ungewöhnliche das sicherste Erbteil unter den Menschen ist.


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