12.
Mit zwölf Jahren kommt Heinrich Pestalozzi wieder hinüber in die große Stadt, wo seine Mutter im Haus zum Roten Gatter an der Münstergasse eine billige Wohnung gefunden hat. Er tritt nun in die Lateinschule am Großmünster über und verliert dadurch seinen ländlichen Freund aus Höngg ganz aus den Augen. Um so betroffener wird er, als er beim Großvater in die Ferien einrückt und dort erfährt, dem Baumwollenweber sei es zu teuer geworden mit der Schule, auch habe der Ernst Luginbühl selber die Plage mit den Stadtsöhnen nicht mehr gemocht. Er benutzt den ersten Ausgang, ihn zu besuchen; schon draußen vor dem kleinen, windschiefen Haus hört er den Webstuhl klappern, aber als er zögernd hinein kommt, sitzt statt des bärtigen Baumwollenwebers der Sohn im Gestänge. Es ist so laut inder Stube, daß der ihn nicht gleich bemerkt; als er sich nachher umsieht, dauert der Streifblick nicht länger als eine Sekunde, dann starrt er wieder in seinen Webstuhl.
Heinrich Pestalozzi denkt, daß es die Arbeit so erfordere, und wartet geduldig eine Pause ab; als sich nach einer Viertelstunde immer noch nichts ändert an dem gleichförmigen Takt, ruft er ihn an, erst leise, dann mehrmals lauter: der andere aber zieht nur trotzig die Schultern ein. Da merkt er, daß ihn der Ernst Luginbühl nicht mehr ansehen will, und in einer tief rinnenden Traurigkeit verläßt er die Stube. Draußen sieht er gerade noch, wie die mattrote Sonnenscheibe in dem Wolkengerinnsel am Horizont versinkt; was ein warmer Glanz mit lustig langen Schatten war, als er herauf kam, ist nun eine rote Glut, die sich brandig in den Himmel einfrißt. Nur am Ütliberg läuft noch eine feurige Kante hinauf, und unten starrt das Kriegslager von Zürich vor dem See, als ob es dunkel auf eine bläßliche Glasscheibe gemalt wäre. Er fühlt mit seinen zwölf Jahren, daß alles, was bisher in seinem Herzen gewesen ist, Zorn und Empörung, Mitleid und Freude: mit den Stunden kam und verrann, wie dort das Sonnenlicht verrinnt und morgen wiederkommt; aber, was da am Webstuhl angeschlossen ist, kam nicht mehr los aus seiner Unabwendbarkeit.
Heinrich Pestalozzi vermag nicht ins Pfarrhaus zurückzugehen; bis zur Dunkelheit sitzt er am Rain und versucht, aus dem Knäuel dieser Gedanken heraus zu kommen. Das einzige, was er gewinnt, ist ein Gefühl, dass bis zur Stunde alles eitel und selbstsüchtig in ihmwar: nur, weil er die reichen Verwandten am See und hier den Großvater im wohlbestallten Pfarrhaus hat, durch kein anderes Vorrecht, ist er vor dem gleichen Schicksal behütet. Je tiefer er sich da hinein denkt, um so mehr schämt er sich vor dem Knaben und um so glühender wird sein Wunsch, ihm wenigstens ein Pfand der Liebe aus seinem Herzen hinzulegen, da er ihm sonst nicht helfen kann. Und als er das Pfand gefunden hat — es darf nur das Liebste sein, was er besitzt — hindert Heinrich Pestalozzi nichts mehr, sein Herz zu erfüllen:
Vor der Tür des Pfarrhauses, aus dem ein Licht der Wohlhabenheit in den Abend leuchtet, zieht er die Schuhe aus und schleicht auf Strümpfen in die Kammer. Der Ranzen ist noch nicht ausgepackt, und seine Hände wühlen im Dunkeln nach dem silberbeschlagenen Testament, das seine Mutter von ihrem Vater zur Konfirmation erhalten und ihm kürzlich am Grab des eigenen Vaters in die Hand gegeben hat. Er fühlt das Unrecht, das er damit tut: es gehört ihm selber garnicht, es ist ein Vorrecht vor den Geschwistern, es zu haben. Aber gerade das bestimmt ihn, es herzugeben; denn nur darum ist er wie alle übermütigen Stadtbürgersöhne in Zürich gegen den Weberknaben im Vorteil, weil sie in den Reichtum solcher Familienstücke hineingewachsen sind! Und daß es ein Liebespfand von seiner Mutter ist, darauf hat Christus selber zu Maria gesagt: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?
Als er zitternd und mit einem schmerzenden Knie, weil er im Eifer gefallen ist — auch die Schuhe wieder anzuziehen, hat er vergessen — zu dem Knaben in dieStube kommt, ist von dem Lichtspan an der Wand ein trübes Licht darin, das die Schatten des Webstuhls wie Ratten in dem halbhellen Raum hin und her laufen läßt. Diesmal hört der Ernst Luginbühl gleich auf zu weben, so sehr scheint er erschrocken, wie einer aus der Dunkelheit mit bittend hingestreckten Armen in sein Licht kommt. Vor den heißen Augen weiß Heinrich Pestalozzi keins von den Worten zu sagen, mit denen er her gelaufen ist; weil die Hände des Knaben am Webstuhl hängen bleiben, legt er ihm das Testament mit dem blinkenden Silber darauf. Wohl eine Minute lang ist es still um die Atemzüge der beiden Knaben, wie wenn dieses Liebespfand sie wirklich vereinen könnte; dann reißt der Webersohn die Hände fort, als ob ihn mit dem kalten Metall des Buches ein widerliches Tier berührt hätte. Klappernd fliegt es gegen das Holz und fällt seitwärts auf den Lehmboden; doch darf es auch da nicht liegen, der Dämon in dem Knaben fährt auf und spuckt danach; und als Heinrich Pestalozzi schützend seine Hände über sein Heiligtum breiten will, tritt er mit beiden Füßen darauf, bis es in den Lehm eingestampft ist. Erst dann bricht er schluchzend aus und läuft durch die offene Tür in die Nacht.
Heinrich Pestalozzi meint, die Mutter laut mit sich weinen zu hören, als seine zitternden Finger das Buch aus dem Boden graben; mit einem Grauen, darin das Großmünster aus seiner ersten Jugend über ihm einstürzt, geht er aus der Stube. Am Zürichberg wird unheimlich das Signal der Mondscheibe aufgezogen; so rot ist sie, als hätte sie dem Abendrot das Blut ausgetrunken.Und wenn Heinrich Pestalozzi auch erst nach Jahren die Verzweiflung verstehen soll, die ihm sein Liebespfand bespien und zertreten hat, eine Ahnung trägt er schon an diesem Abend ins Pfarrhaus hinunter: alles andere, nur nicht das gedruckte Evangelium hätte er dem Knaben auf die Hände legen dürfen, der sich von einer auf dieses Evangelium gegründeten Welteinrichtung verraten fühlt.