17.
Heinrich Pestalozzi ist im Januar siebzehnjährig geworden, als er zum Frühjahr ins Collegium Carolinum eintritt. Er weiß, daß er für keinen schlechten Kopf gilt, wenngleich er bis zuletzt als ein unordentlicher und zerstreuter Schüler gescholten worden ist: nun liegt die Zeit der Abrichtung hinter ihm, und er steht als Student zu Hause wie vor den Mitbürgern mit dem Stolz da, endlich auf die Wissenschaften selber zu zielen. Wo Bodmer helvetische Geschichte lehrt und Breitinger außer den alten Sprachen Philosophie, da hat die Schulmeisterei ihr Ende; das sind Männer, um die er Zürich von halb Europa beneidet weiß, und zu denen weither die Berühmtheitenangereist kommen. Namentlich Bodmer mit seiner vaterländischen Begeisterung, der auch als Mitglied des großen Rates in Zürich selber in die Regierung eingreift, ist das Ziel seiner Verehrung. Der ist damals noch nicht der schrullenhafte Greis, trotz seiner fünfundsechzig Jahre behend und rasch mit der trefflichen Rede. Unter seinen Zuhörern zu sitzen, bedeutet für Heinrich Pestalozzi, in die geistige Gemeinschaft seiner Stadt eingetreten zu sein; und als es ihm zum erstenmal gelingt, einige Worte mit ihm zu sprechen, erzählt er nachher der Mutter und dem Bärbel glückselig von der Begegnung. Die Mutter, wie immer, hört mit leiser Trauer zu; das Bärbel aber, das nun schon vierzehnjährig mit seinen Italieneraugen ein zärtliches Kind vorstellt, ist stolz auf den großen Bruder.
Heinrich Pestalozzi spürt seit dem ersten Tage, daß ihm die Zeitumstände einen günstigen Wind in sein Studium bringen; tagtäglich kann er neue Segel aufziehen, und wenn er sein Lebensschiff in dieser ersten Studentenzeit aufmalen könnte, wäre es von der Mastspitze bis zum Steuer bewimpelt.
Aus Frankreich ist die Nachricht von einem Buch gekommen, das einen Schweizer, den Genfer Uhrmacherssohn Jean Jacques Rousseau, zum Verfasser hat und im Auftrag des Parlaments in Paris vom Henker zerrissen und verbrannt worden ist; auch der Magistrat in Genf hat das Buch verdammt, und so gibt es wenige, die seinen Inhalt wirklich kennen. Aber als ob aus den Flammen des Henkers Funken fortgeweht wären, nistet sich der Brand allerorten ein, sodaß die Wirkung des»Emil« — wie das Buch heißt — ihm in hitzigen Gesprächen vorausläuft, besonders da, wo die übrigen Schriften des welschen Schweizers seine Naturreligion schon verbreitet haben. Heinrich Pestalozzi kann nicht daran denken, so bald ein Exemplar dieses Buches zu erhalten, wohl aber bekommt er seine Wirkung zu spüren. Er war eben aus der Lateinschule gekommen, da haben die neun Schweizer, durch Iselin in Basel gerufen, ihre Freundschaftsfahrt nach Schinznach gemacht, die helvetische Gesellschaft zu gründen. Auch ein Zürcher, Hans Kaspar Hirzel, ist dabei gewesen, und obwohl die Gestrengen Herren im nächsten Jahr die Teilnahme an den Verhandlungen in Schinznach als staatsgefährlich verboten haben, weiß er wohl, daß ihrer sieben heimlich dort gewesen sind; und er entsinnt sich noch, mit welchen Augen selbst die Knaben in der Schule davon sprachen, als ob Schinznach ein neues Rütli für die Eidgenossenschaft wäre gegen den gewalttätigen Herrschaftsgeist der einzelnen Kantone. Und nun kommt der Tag, wo der alte Bodmer das Licht öffentlich aufsteckt, das bis dahin nur mit Tüchern verhüllt heimlich von Haus zu Haus getragen worden ist; wo er als der einzige in Zürich, der die Geltung und den Freimut zugleich besitzt, dergleichen zu wagen, die helvetische Gesellschaft zur Gerwe einrichtet.
Als Heinrich Pestalozzi sich mit andern Studenten vor den Anschlag drängt, der den Arbeitsplan der Gesellschaft kundgibt, kommt zufällig Bodmer mit zwei jungen Männern daher, die schon die Kleidung der zukünftigen Geistlichkeit tragen und aus Respekt vor demProfessor, obwohl er freundschaftlich mit ihnen spricht, die Hüte in der Hand halten. Die beiden sind ziemlich allen bekannt als die Predigtamtskandidaten Bluntschli und Lavater, die dem alten Herrn eifrig zu Diensten und auch bei der Gründung der neuen Gesellschaft seine Handlanger sind. Sie verziehen keine Miene ihrer feierlichen Gesichter, als sie vorübergehen; Bodmer aber bleibt seiner scherzhaften Laune folgend stehen, und weil er zufällig an Heinrich Pestalozzi gerät, tippt er ihm mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust: ob er Lust zur Mitarbeit habe? Die Frage scheint nicht weiter gemeint, der alte Herr wartet auch gar keine Antwort ab und geht mit den schwarzen Pagen zur Münstertreppe hinunter: aber darum hat er ihm doch mit dem Finger ans Herz gerührt. Er wäre auch sonst glücklich gewesen, mit bei dieser Sache zu sein, die aus seinen glühenden Wünschen gemacht scheint; nun aber sind seinem Ehrgeiz Hoffnungen geweckt, die er sich selber wie eine Fahne aufrollt.
Der schwarze Pestaluz wird Tambour! höhnt ein Bürgersohn, den die Bevorzugung ärgert, und die andern lachen dazu, als ob sie ihn schon trommeln hören; er aber ist viel zu erregt, darauf zu achten, und noch als er zu Hause die Treppe hinaufgeht, spürt er die Stelle, wo ihm der Bodmer genau auf das Herz getippt hat.