18.
Die Gesellschaft heißt zur Gerwe, weil ihre Versammlungen im Zunfthaus der Gerber abgehalten werden, das unterhalb des Rathauses über die Limmat hinausgebaut ist. Als Heinrich Pestalozzi zum erstenmal hinkommt, ist noch niemand da, weil seine Ungeduld sich verfrüht hat; so wird er von einigen Männern, die nach ihm eintreten, um eine Auskunft angesprochen und gerät dadurch gleich anfangs in die Stellung eines Vertrauten, der mehr von dieser Sache weiß, um so mehr als Bodmer nachher der Versammlung scherzhaft ankündigt, daß sie es einmal mit der umgedrehten Welt versuchen und der Jugend das Wort lassen wollten, indessen sie, die Alten, diesmal nur das Parterre im Theater wären. Es mögen an die hundert Personen in dem getäfelten Saal sein, wie Heinrich Pestalozzi an der Begrüßung merkt, zumeist Schüler Bodmers, der seit vierzig Jahren vaterländische Geschichte in Zürich liest und schon der Lehrer einiger Graubärte gewesen ist, die nun als begeisterte Eidgenossen in seine Studiengesellschaft eintreten. Den ersten Vortrag hält der Kandidat Bluntschli; er liest ihn mit einer Stimme, die beinern vor Erregung ist, und das Papier zittert ihm so in den Händen, daß ein Blatt mitten durch reißt. Auch seine Worte sind so, sie handeln von den Grundsätzen der politischen Glückseligkeit, und wie Heinrich Pestalozzi den blassen, schon durch die Schwindsucht gezeichneten Menschen von den politischen Einrichtungen Zwinglis sprechen hört, glaubt er den Reformator fast selber zu sehen, so erfüllt ist dieser Kandidat von der unbeugsamen Sittlichkeit seiner Gedanken.
Nachher gibt es eine Aussprache, und nun spürt Heinrich Pestalozzi, daß dies mehr sein soll und ist, als eine Studiengesellschaft der vaterländischen Geschichte.Einer der Männer, die ihn zu Anfang angesprochen haben, nimmt auch das Wort, und es ist schon ein Zeichen selbständiger Gesinnung, wie er mit seinem braunen Vollbart gegen die rasierten Gesichter der modischen Herren steht. Er bringt die Rede auf den Landvogt Grebel in Grüningen, der in seiner sechsjährigen Amtszeit mehr ein Räuber als eine Obrigkeit im Sinne Zwinglis gewesen sei und nur deshalb seinen Raub trotz aller Klagen des Landvolks behalten könne, weil er der Eidam des Bürgermeisters wäre. Obwohl der alte Bodmer sichtlich erschrocken die harten Worte mit erhobenen Händen abwehrt, muß er sie wieder sinken lassen; denn aus der Versammlung bricht die Empörung über die allbekannten Greuel des leichtfertigen und bösen Mannes in solchen Zurufen aus, als ob sie sich alle nur deshalb in der Gerwe vereinigt hätten. Bodmer weiß zwar die Erregung mit klugem Bedacht wieder auf eine Aussprache zurückzulenken, aber die Worte, die nun kommen, sind anders, als die vorher waren: als ob sie auf einem Wasser hingerissen würden, so vergeht der einzelne Schall, aber die stark strömende Flut der Erregung bleibt.
Heinrich Pestalozzi fühlt sich aus seinem jünglinghaften Träumerdasein mitten ins Leben versetzt; er könnte die Worte des bärtigen Mannes aus dem Gedächtnis sagen, so sind es Hammerschläge auf sein Herz gewesen, und als es zum Schluß noch ein erregtes Zwiegespräch mit dem Bluntschli gibt, steht er im Rausch dabei: Der Kandidat ist mit der Anwendung seiner Grundsätze nicht einverstanden; weil er aber nur abzulesen,nicht frei zu sprechen vermag, hat er dem braunen Mann vor der Versammlung nicht entgegnen können; nun, wo die meisten, auch Bodmer, schon gegangen sind, gerät sein zu lange verhaltener Widerspruch in Zorn, sodaß es fast einen Streit gibt. Der andere aber, der vorher so scharf gewesen ist, weiß nun den Humor des Älteren herauszukehren, sodaß sie zuletzt noch friedlich mit einander auf die Gasse kommen. Heinrich Pestalozzi hätte längst heim gemußt, er kann sich aber nicht von den andern lösen, solange derartige Dinge in den Worten sind; so geht er treulich noch am nächtlichen Limmatufer mit den andern hinauf und befindet sich, als es unvermutet eine Abschiedsecke gibt, zu seiner eigenen Verwunderung mit dem Kandidaten allein.
Der in seiner gereizten Stimmung ist augenscheinlich froh, noch einen Zuhörer für seine zornigen Gedanken zu haben. Vielemal läuft er mit ihm disputierend am Wasser auf und ab, auf dem der Mond sein Silberlicht in einen ruhelosen Abgrund schüttet: Er habe die Grundlage der sittlichen Bürgerordnung, nicht den Aufruhr stipulieren wollen, sagt der Kandidat, und obwohl Heinrich Pestalozzi seine Freude an dem braunbärtigen Manne gehabt hat, folgt er dem Aufgeregten in seine Welt. Es tut ihm wohl, von dem Älteren so gewürdigt zu werden, und als er endlich allein — vom Nachtwächter verscheucht — zum Roten Gatter hinaufgeht, geben die einstürmenden Erinnerungen aus der Stadtgeschichte nur noch die Begleitung zu seiner fast trunkenen Melodie, daß er nun mit beiden Füßen in das Gemeinleben der Stadt eingetreten sei und daß er andem Kandidaten einen Bekannten gewonnen habe, von dessen entschiedenen Meinungen er sich manches für seine eigene Zukunft erhoffen dürfe.