19.
In der Folge sorgt Heinrich Pestalozzi, daß ihn der Bluntschli nicht wieder aus den Augen verliert. Er weiß, wie der unbemittelte Sohn eines Steinmetzen es gleich ihm nicht leicht hat zwischen den reichen Bürgersöhnen, aber um seines Fleißes und der jungmännlichen Strenge willen mit besonderen Hoffnungen betrachtet wird. Wen der Bluntschli von den Studenten seines Umgangs würdigt, der ist damit schon etwas Besonderes; obwohl er den unfröhlichen Menschen bisher nicht günstig angesehen hat, überläßt sich Heinrich Pestalozzi nun willig seiner Führung, weil sein Ehrgeiz in dieser Gefolgschaft schneller einen Weg in die Lebensdinge zu finden hofft, als auf dem Umweg der Schule.
Es dauert auch nicht lange, so darf er ihn besuchen im Zunfthaus zu den Zimmerleuten, wo sein Vater Stubenverwalter ist. Er spürt wohl, daß der Bluntschli einen herrschsüchtigen Hang hat und seinen Freunden strengere Pflichten auferlegt, als es einem Lehrer gestattet würde; aber weil er selber in einen fanatischen Lerneifer geraten ist, sodaß er nicht essen kann, ohne daß noch ein Buch neben dem Teller liegt, ist ihm die Strenge recht.
Eines Tages kommt es zu einem Spaziergang, durch Sihlport hinaus gegen den Uto. Er muß sich einen Tadel gefallen lassen, weil er dem Bluntschli zu hastig mitden Armen schlenkernd dahinläuft; als sie dann gegen den Waldrand hinauf wollen, merkt er freilich, daß es nicht nur die Sorge um seine Würde ist, die den andern so gemessen schreiten läßt: der Atem wird ihm bald zu kurz, sodaß sie den steilen Weg verlassen und einem Pfad links unter der Manegg her folgen. Wo die Büsche den Blick frei lassen, geht er über die schattige Rinne des Sihltals und den dunklen Waldrücken bei Wollishofen in das blaue Himmelsbecken des Zürichsees, darin Wolken und Bergfernen ihr schimmerndes Licht mischen: so erstaunt Heinrich Pestalozzi nicht, als sie in einer grünen Wiesenbucht einen Maler emsig dabei finden, die Linien und Farben dieser Ansicht auf ein Papier zu bringen. Ein Genosse von ihm hat sich augenscheinlich als Staffage auf eine Kuppe davor gesetzt, und ein weißer Hund liegt artig ihm zu Füßen, als ob er seine Wichtigkeit im Bild fühle. So emsig der eine mit den Wasserfarben hantiert, so eifrig liest der andere in einem Buch; und erst als der Hund sich erhebt, die beiden Ankömmlinge knurrend zu stellen, schauen beide auf, erst der Maler, und als der gleich einen Juchzer ausstößt, auch der Leser.
Der mit dem Buch ist Lavater, und Heinrich Pestalozzi begreift nicht, daß er ihn nicht beim ersten Blick erkannt hat; von dem andern weiß er, daß er ein Sohn des Malers Füeßli ist, gleichfalls Theologie studierend, aber gern mit dem Handwerkszeug seines Vaters über Land, und den Lehrern mit seiner freimütigen Art vielmals ein Ärgernis. Er hat wie meist sein Waldhorn mit, und ehe sie noch ihren Gruß sagen können, bläst er ihnenschon einen ländlichen Hopser ins Gesicht. Dem Bluntschli scheint die Begrüßung zu mißfallen; er geht an dem übermütigen Bläser vorbei gleich auf Lavater zu, und es sieht aus, als ob er ihn zur Rede stelle. Dabei hat er den Hund des Malers nicht mit berechnet; denn als er mit einer beschwörenden Gebärde auf den Freund losgeht, stellt das große Tier seinen Mann und legt ihm die Pfoten auf die Schultern, sodaß er statt dem Gesicht des Ungetreuen das bleckende Maul vor sich hat. Der Füeßli kann vor Gelächter nicht mehr blasen; er ruft den Hund erst zurück, als er sieht, daß der Bluntschli sich mit seinem blassen Zorn in Gefahr bringt.
Heinrich Pestalozzi hat den Auftritt, weil der Füeßli nicht zu seiner Bekanntschaft gehört, wie ein überflüssiger Zuschauer erlebt; sein Pflichtgefühl ist bereit, sich zu dem Zornigen zu schlagen; als aber der Maler ihm lachend die Hand hinhält, vermag er den lustigen Augen nicht standzuhalten. Die andern scheinen sich unterdessen auch geeinigt zu haben; obwohl verstimmt, kommen sie hinzu, setzen sich auch zögernd, wie der mit dem Waldhorn vorschlägt, miteinander auf den trockenen Grasboden und betrachten sein Bild. Es zeigt erst die porzellanene Bergferne und vorn das waldige Sihltal wie eine dicke grüne Raupe, aber es ist sauber gemalt, und Heinrich Pestalozzi muß den leichtherzigen Menschen bewundern, der gleichwohl solches vermag. Dem Bluntschli scheint das Bild keiner Beachtung wert; er will wissen, was für ein Buch Lavater gelesen hat, und als der ihm den Titel zeigt, weist er es kopfschüttelnd zurück. Als ob er sich vor Pestalozzi rechtfertigen müsse,gibt Lavater ihm das Buch in die Hand: es ist eine Schrift von Winckelmann über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Er weiß nicht weshalb, aber er hat im Augenblick, da er es nahm, gehofft, es möchte der Emil von Rousseau sein; so gibt er das Buch enttäuscht aus der Hand.
Der Maler will die Stimmung retten und schlägt vor, daß sie zusammen durch das Sihltal hinüber nach Wollishofen wandern und von da am Abend in einem Schiff zurückfahren sollten. Heinrich Pestalozzi würde das trotz seinem Erlebnis an dem Weidling mitgemacht haben; aber Bluntschli steht geärgert auf und geht ohne Gruß den gleichen Pfad zurück, es ihm überlassend, ob er folgen oder sich den andern anschließen will. Er wäre auch bei besserer Stimmung eines solchen Verrats nicht fähig, gibt also beiden mit einem flehenden Blick für seinen zornigen Genossen die Hand und springt ihm nach.
Bis zur Sihlbrücke kommen sie schweigend, Bluntschli immer vorauf und er wie sein Pudel hinterher; dann scheint das rauschende Wildwasser den Groll zu lösen, und obwohl Heinrich Pestalozzi deutlich fühlt, daß nur die Eifersucht um Lavater den Verärgerten so sprechen läßt, horcht er doch seinen Worten. Die ersten hört er kaum im Lärm der Sihl, erst nachher versteht er, daß der Bluntschli streng und erbittert von dem Geist der Aufklärung spricht, von dem Heidentum, das mit der gerühmten modernen Bildung in die Stadt Zwinglis gekommen sei und sich da mit dem Tand seidener Kleider, mit komischen Erzählungen lüsterner Art, mit radierten Idyllen und dem armseligen Götterwerk derheidnischen Welt breitmache. Solange man seine Urteilskraft an wahrhaft nützlichen Gegenständen üben könne, sei es ein Abfall, dürre und unfruchtbare zu wählen: Die nötigen Kenntnisse sind allen Menschen gemein, die nicht allgemeinen sind unnötig!
Es ist zuviel von seiner eigenen Gesinnung darin, als daß Heinrich Pestalozzi ihm nicht zustimmen sollte, und für eine Weile stehen die beiden da oben im Wald vor ihnen wie rechte Taugenichtse da; aber als sie von der Meisezunft her gegen die Wasserkirche über die Brücke gehen, lehnt bei dem Mühlrad ihr Lehrer, der weise Bodmer, und sieht in das glatt strömende Wasser, als ob er etwas in seinem Grund suche. Sie wollen ehrfürchtig grüßend an ihm vorbei; er erkennt sie aber und hält sie an: ob sie schon wüßten? Als sie beide den Kopf schütteln, nimmt er sie mit hinunter in die Gerwe und zeigt ihnen da eine Anklageschrift gegen den Landvogt Grebel, die in der ganzen Stadt verbreitet wäre und, wie er bestimmt vermute, Lavater und Füeßli zu Verfassern hätte: Wenn sie sich dazu bekennen müssen, sagt er und faltet das Papier wieder in seine Brusttasche, ist den beiden der Wellenberg sicher!