21.
Heinrich Pestalozzi kommt am nächsten Morgen aus Höngg zurück, als ob der Geist Tells in der Stadt Zürich auf ihn warte. Er findet den Kram der Straßen in der gleichmütigsten Geschäftigkeit, und nur am Rathaus drängen sich die Leute vor einem Anschlag der Gestrengen Herren: Man habe mißfällig vernommen, daß gewisse für die Ordnung des Staates zwar wichtige Nachrichten auf eine illegale Weise angezeigt worden wären, und wolle hiermit jedermann erinnert haben zu berichten, was er von der Sache wisse! Der Vorwitz der Stunde treibt ihn, sich eines Wortes von Bodmer zu erinnern, daß es der Charakter der Regierungen sei, sich selber allen Patriotismus zuzuschreiben und bei andern Leuten nichts als Unverstand, unreine Absichten, Wildheit und Aufruhr zu bemerken. Aber einige grämliche Handwerker, die dabei stehen, nehmen ihm den jugendlichen Vorwitz übel und hätten ihm die vorlauten Worte mit Schlägen heimgezahlt, wenn er nicht eilig in die Marktgasse hinauf entwichen wäre. Als er sich da nach den schimpfenden Verfolgern umsieht, aber hastig weiterläuft, hat er das Unglück, in eine offene Kellertreppe hinein zu fallen, wodurch er zwar ihrem Zorn entgeht, sich aber schmerzhaft den Knöchel vertritt. Er ist noch nicht aufgestanden, als schon mit einem Licht aus der Tiefe des Kellers ein Mann im Lederschurz herzuläuft, den er gleich als den braunbärtigen Ankläger aus der Gerweerkennt. Der hilft ihm mit lustigem Spott auf, leuchtet ihn ab und bringt einen Napf mit Wasser, die Schramme an, der Stirn zu waschen, aus der ihm Blut in die Augen läuft. Es scheint nichts Schlimmes damit, und da er bei seiner hastigen Art Beulen und Schrammen gewöhnt ist, hält ihn das Gespräch mit dem handfesten Mann länger auf als seine Wunde. Er erfährt, daß sich Lavater und Füeßli gleich tapfer zu der Schrift bekannt haben und sofort ins schärfste Verhör genommen sind: weil sie geblasen hätten, was sie nicht brannte.
Um seine Mutter nicht unnötig zu erschrecken, humpelt er zunächst ins Carolinum, wo ihm die allgemeine Aufregung die Mitteilung des Mannes bestätigt. Er kommt in der kampflustigsten Stimmung, aber mit schmerzendem Fuß zu Hause an, und über Nacht schwillt dieser so auf, daß der Doktor kommen muß. Es ist nur eine Zerrung der Sehnen, aber der Fuß wird eingepackt, und er liegt nun als das erste Opfer der Begebenheit zu Hause. Das Babeli läßt ihn ihren Grimm über den unnützen Fall spüren, und wenn ihm das Bärbel nicht mit schwesterlichem Eifer zu Diensten wäre, hätte er es hart. Sie bringt ihm ans Lager, was er braucht, und holt Erkundigungen über den Stand der Dinge ein: Es gibt zwar eine zornige Partei, die den beiden Angebern nach altem Brauch kurzerhand den Wellenberg verordnen möchte, aber der Kreis der Patrioten aus der Gerwe sammelt Unterschriften aus der ganzen Stadt, daß die beiden nur nach ihrem Bürgereid gehandelt hätten. Da der Bürgermeister Leu sich in der Sache neutral verhält, obwohl der beschuldigte LandvogtGrebel sein Eidam ist, auch Lavater wie Füeßli aus angesehener Familie sind, gelingt es Bodmer, sie vorläufig freizuhalten, indessen die Untersuchung nach anderen Aufrührern ihre verbissenen Gänge weiter wühlt.
Heinrich Pestalozzi kann schon wieder vom Fenster an die Ofenbank humpeln, als es eines Abends gegen die Dämmerung zaghaft an die Stubentür klopft. Das Babeli hebt noch schnell ein Stuhlkissen auf, das er dem Bärbel im Scherz nachgeworfen hat, bevor es den Riegel aufklinkt. Herein kommt aber nur die unsichere Gestalt Lavaters, der den Hut schon draußen abgenommen hat und damit ein Päckchen in seiner Hand bedeckt. Heinrich Pestalozzi kennt ihn bisher eigentlich nur aus der Gerwe, wo er freilich einmal lange mit ihm gesprochen hat, und ist ebenso überrascht von dem Besuch, wie der andere verlegen scheint. Er habe erst jetzt von seinem Mißgeschick gehört, sagt er schließlich, als ihm Hut und Päckchen abgenötigt sind, und fängt an, vor Heinrich Pestalozzi auf und ab zu schreiten: seine eigene Sache stände nicht günstig, er wolle zwar nicht vorher fliehen, aber nach dem Urteil außer Landes gehen; zu Hause und vor der übrigen Verwandtschaft als einer dazustehen, der aus Leichtsinn seine Zukunft verspielt habe — hier läuft das Babeli weinend aus der Stube — wäre ihm unerträglich; er wolle sehen, ob die Welt keinen andern Platz für ihn habe! Er spricht noch manches, bis es völlig dunkel wird, und verhehlt auch nicht, daß Füeßli der treibende Wille und er nur die Feder dieser Anklageschrift gewesen sei, die ihn nun selber zum Angeklagten gemacht habe. Als das Bärbel ein Lichtbringt, nimmt er seinen Hut, bevor Heinrich Pestalozzi weiß, was er eigentlich gewollt bat, das Päckchen läßt er liegen; die Schwester will es ihm nachbringen, aber er wehrt mit einer komischen Verdrießlichkeit ab und geht auf seine lautlose Art rasch die Treppe hinunter, von dem Bärbel beleuchtet.
Als sie wieder zurückkommt mit dem Licht und Heinrich Pestalozzi das sauber verschnürte Päckchen ansieht, trägt es seinen Namen. Ungeduldig, nun endlich zu wissen, was der seltsame Besuch des Kandidaten für ihn bedeutet, reißt er den Umschlag ab, und dann steht für einen Augenblick sein Leben still wie eine Kerzenflamme: was er in den Händen halt, ist Rousseaus »Emil«.
Was hast du? fragt die Schwester, als sie ihn mit dem Buch in den Händen so dasitzen sieht; er hält ihr den Titel hin und weiß kaum selber, was sein Mund spricht: Ich habe den Propheten!