22.
Heinrich Pestalozzi vermag nicht so fließend französisch zu lesen, daß er das Buch verschlingen könnte; er muß es wie einen alten Schriftsteller studieren, und oft genug stockt er bei einem Wort, dessen Sinn ihm vieldeutig oder unklar ist. Aber darum ist es doch für ihn, als ob er eine Feuersbrunst erlebte, wie erst nur die Flämmchen nach dem First hinlaufen, auf einmal Pfannen niederprasseln und endlich das feurige Gerippe brennender Balken in der Lohe steht, wo vorher ein Dach jahrhundertelang die Menschlichkeit vor den Elementenbeschützt hat. Zeit und Raum verliert er vor dem Buch; und wenn er aus den Seiten aufblickt in die Stube, kann er staunend seine Mutter oder das Bärbel dasitzen sehen, als ob sie im Augenblick aus himmlischen Weiten hergeweht wären. Vieles kennt er schon, aber gerade darum ist es ihm, als ob in den Gesprächen Bluntschlis, in den Reden Bodmers und allen Verhandlungen der Gerwe nur Irrlichter gewesen wären von dem Feuer, das hier durch Tag und Nacht seinen Brand brennt. Mehr als dies alles aber ist die heimlich wachsende Erstaunung, daß die Seele seiner Jugend in dem Buch ihre Heimat findet; immer bis zu diesem Tag ist es gewesen, daß es von ihr zur Welt keinen Zugang gab: So irrend er gesucht hat, so lieb ihm die Mutter und das Bärbel, das Babeli und der Baptist, die Großeltern in Höngg und das heimelige Pfarrhaus gewesen sind, er ist doch in der Einsamkeit geblieben, als ob nicht schon seine Ahne vor mehr als zweihundert Jahren, sondern er selber erst fremd über die Alpen nach Zürich gekommen wäre. Auch alle Schriften, die er bis dahin gelesen hat, sind für ihn von dieser fremden Welt gewesen; nun aber ist es, als ob in diesem Buch seine Seele selber aufgebrochen wäre, sodaß es in der Welt ringsum nichts mehr gäbe als sie. Alles bis zu diesen Tagen, was er gefühlt, gewollt und getan hat, ist mit dem schmerzlichen Gefühl des Unrechts geschehen; zum erstenmal steht seine Natur auf und sieht, daß sie recht hat.
Die Tage füllen sich zu Wochen, und die Wochen laufen schon in den zweiten Monat, daß Heinrich Pestalozzinoch immer mit dem Buch dasitzt und sich mit achtzehn Jahren erst eigentlich zur Welt bringen läßt. Unterdessen läuft draußen alles seinen Gang ab: der Landvogt Grebel wird schuldig gesprochen, aber Lavater und Füeßli müssen öffentlich Abbitte tun; sie verlassen bald miteinander Zürich, wo die Patrioten in der Gerwe vom Argwohn und Haß der Gestrengen Herren beaufsichtigt bleiben und von den Kanzeln gegen den aufrührerischen Geist der Jugend gepredigt wird. Im Carolinum werden die alten Schriften und die Kirchenväter gelesen, und in den Zünften wird mißtrauisch über die städtischen Rechte der Gewerke Buch geführt, das Bauernvolk bringt zu Wagen und zu Schiff die Erträgnisse seiner Arbeit auf den Zürcher Markt, und Sonntags strömen die geputzten Bürgersöhne und Mamsells hinaus in seine ländliche Welt, in den Gasthöfen steigen Kaufleute und empfindsame Reisende aus allen Ländern Europas ab, und die Baumwollenweberei stellt zum Nutzen Zürcher Fabrikherren einen Stuhl nach dem andern in den Dörfern auf, angeblichen Wohlstand verbreitend, die Landreiter gehen auf die Betteljagd, und an zierlichen Tischen werden die Idyllen Geßners gelesen: alles um ihn läuft seinen Gang wie zuvor, nur steht das sehnsüchtige Gefühl seiner Jugend nicht mehr als ein unbrauchbarer Fremdling darin. Es hat die Natur als Boden der Menschlichkeit gefunden, wo alles Verirrung und Falschheit ist, was dem inneren Gefühl um äußerlicher Vorteile willen widerstrebt, und er ist sicher: dies ist der einzige Schlüssel für den Menschen in die Welt.