25.
Mitten in den Entmutigungen dieser Zeit trifft Heinrich Pestalozzi ein merkwürdiges Ereignis: Lavater ist nach fast einjähriger Abwesenheit in der Stille zurückgekehrt, hat sich auch den Freunden einige Wochen lang nicht gezeigt und überrascht sie eines Tages mit einem Bändchen Schweizerlieder. Der nach seiner demütigen Abbitte aus der Vaterstadt entwichene Kandidat kehrt damit als ein Dichter in die Heimat zurück, den nun auch die Mißgünstigen nicht mehr wie einen jugendlichen Störenfried abtun können. Als er danach zum erstenmal wieder in die Gerwe kommt, von Bodmer an der Hand geführt, wird der Tag von den Patrioten wie ein Sieg der vaterländischen Sache gefeiert. Auch HeinrichPestalozzi schüttelt dem Glücklichen die Hand, geht aber bald wehmütig fort; nicht, daß er dem Lavater den Triumph weniger als ein anderer gönnte, aber es wird ihm mitten im Kreis der Freunde, die sich um ihn drängen, deutlich, daß er nicht zu ihnen gehört, daß er nur einen jüngeren Nachzügler ihrer Generation vorstellt. Fast alle sind älter als er und haben ihr Studium schon beendigt, während er sich selber immer mehr als ein Gescheiterter vorkommt. Darin hilft ihm auch sein Rousseau nur zu einem trotzigen Selbstbewußtsein, das letzten Grundes seine Unfähigkeit zu einer bei jenen geachteten Existenz bestätigt.
In dieser Laune begegnet er Bluntschli, der unterdessen Hauslehrer in Zürich geworden ist und, durch seine Verpflichtungen verspätet, noch zur Gerwe will. Um mit seinem frühen Weggang nicht sonderbar zu erscheinen, geht er einige Straßen mit ihm zurück und klagt ihm offenherzig seine Not. Der hört ihn schweigend an, aber als sie vor der Gerwe stehen, kehrt er kurzerhand um: Wenn es ihm recht wäre, könnten sie miteinander noch auf den Lindenhof gehen!
Es ist eine unermeßliche Sternennacht da oben; obwohl der Mond noch nicht aufgegangen ist, scheinen die Dächer der Stadt vom Licht begossen, und der See leuchtet den Himmel in einer zarten Verklärung wider. Sie schweigen lange, bis Bluntschli spricht: Du hast mir von einem Menschen gesagt, der sein Leben nicht wie einen sauberen Parkweg vor sich sieht und darum verzweifelt ist; ich könnte dir von einem andern erzählen, der seine Stunden sorgfältig vorbereitet hat, nurdaß er sie selber nicht mehr wird schlagen hören, weil ihm das Uhrwerk vom Rost zerfressen ist! Er hat die Hand auf seine vom Anstieg angestrengte Brust gelegt, als er das sagt, und danach schweigt er, sodaß Heinrich Pestalozzi — der kein Wort findet, das ehrlich und zart zugleich ist, um eine Antwort auf dieses Bekenntnis eines Todgeweihten zu sein — in einer Spannung dasteht, als müsse ihm der Kopf zerspringen. Auch der andere kommt nicht mehr zurecht, bis sie schweigend aus dem Schauer dieser Sternennacht hinunter gehen, in die dunklen Gassen und auf der Brücke mit dem Mühlrad nach der großen Stadt hinüber. Erst auf der Münsterterrasse, wo die beiden Türme sich riesenhaft in die Sterne einzubauen scheinen, findet die Erregung noch einmal ein Wort: Wozu meinst du, sagt der Bluntschli und zeigt an den Steinmauern hinauf, wozu meinst du, daß die dastehen? Für dich nicht und für mich nicht, für jeden einzelnen wären sie zu groß, und für alle sind sie auch nicht da; denn ich weiß hundert, denen sie gleichgültig bleiben! Aber daß die Menschlichkeit im Namen des Höchsten, das wir kennen, täglich in die Geschäfte und die Arbeit eingeläutet wird, dafür sind sie so dick und dauerhaft gebaut. Und daß sie uns sagen: was einer für sich selber Irdisches zuwege bringt, das hört mit seinem Leben auf; aber was er an der Menschlichkeit tut, das ist unsterblich. Du sorgst, was aus dir werden soll, und mir ist die Sorge bald abgenommen — am Ende aber ist es wichtiger, was wir gewesen sind!
Er läßt ihn danach stehen, gibt ihm nicht einmal die Hand und geht auf seine vorgebeugte Art davon. HeinrichPestalozzi kommt nach Haus, als ob er aus dem Jenseits wiederkehre.