26.
Seit diesem Frühwinterabend verliert Heinrich Pestalozzi die enge Fühlung mit den Freunden in der Gerwe nicht mehr; es ist, als habe er eine Verkündigung erlebt, was zwischen ihnen Gemeinsames sei. Als sie zum Januar ein Wochenblatt gründen, das der Erinnerer heißt und von der klugen Hand Lavaters in Gemeinschaft mit Heinrich Füeßli — einem Vetter des Malers, der unterdessen in London seine Künstlerlaufbahn begonnen hat — geleitet wird, ist er eifrig dabei. Sie haben nun alle Rousseau gelesen; und wenn Bodmer sie von Anfang an lehrte, daß der sicherste Weg zur persönlichen Freiheit der sei, sich aller unnötigen Bedürfnisse zu entwöhnen, da man nur durch diese den Machthabern ausgeliefert, ohne Bedürfnisse aber frei wäre: so wird nun ein asketischer Wetteifer daraus, der über die persönliche Unabhängigkeit hinaus eine spartanische Vereinfachung der Sitten erzwingen will. Mit jugendlicher Behendigkeit wird dadurch das Ideal des sittlichen Lebens aus der Zeit Zwinglis und der Eidgenossen in das Kriegslager der Spartaner zurückverlegt; und auch Heinrich Pestalozzi überrascht das Babeli damit, daß er sich auf den Stubenboden bettet, nur mit einem Rock zugedeckt, und dies auch monatelang zu ihrer Verzweiflung durchhält.
Unvermutet gibt die Züricher Regierung den patriotischen Jünglingen Gelegenheit, die spartanische Tugendzu erproben: Schon in der deutschen Schule ist in der Klasse von Heinrich Pestalozzi ein Sohn des Amtmanns Schinz zu Embrach gewesen, der — ein Jahr älter als er — jetzt mit ihm Theologie studiert und auch einer aus der Gerwe ist. Dessen Eltern besitzen einen Pachthof in Dättlikon, wo der Pfarrer Hottinger von seiner Gemeinde eher für einen Wolf im Schafspelz als für einen guten Hirten gehalten wird. Da ihn die Züricher Regierung trotz der bösesten Gerüchte weiter amtieren läßt, weil er anscheinend beim Antistes einen verläßlichen Fürsprecher hat, setzt der Student Rudolf Schinz eine Anklageschrift auf, die von dem Gerichtsvogt und dem Schulmeister in Dättlikon, den Gebrüdern Ernst, unterschrieben und mit sorgfältiger Beachtung aller Vorschriften in Zürich eingereicht wird. Als darauf zwei Monate lang nichts geschieht, als ob die Gestrengen Herren auch diese Anklage noch verschweigen wollten, findet der Antistes Heß an einem Maitag in seinem Kirchenstuhl einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem der Oberpfarrer an seine Pflicht erinnert wird: Weil sonst die Steine anfangen möchten zu schreien!
Dieser Lästerbrief, wie er danach in den Akten heißt, bringt die Gestrengen Herren mehr in Zorn als alle Amtsvergessenheit eines lasterhaften Pfarrers. Wer von den Patrioten fähig scheint, ihn verfaßt zu haben, wird peinlich ins Verhör genommen; auch Heinrich Pestalozzi trifft es diesmal. Seine Mutter verschließt sich traurig in die Kammer, als er den Weg aufs Rathaus antreten muß, und das Babeli putzt ihn grimmig zurecht, daß er zum wenigsten noch in der Kleidung als einordentlicher Mensch vor die Herren käme; er selber ist voll überlegener Verachtung. In einem öffentlichen Anschlag des Kleinen Rates sind dem, der den Briefschreiber verriete, zweihundert Dukaten versprochen worden unter Verschweigung seines Namens: Daß eine Regierung, die in ihren Schulen die Tugenden der Römer und Spartaner lehren läßt, sich so weit vergißt, hat — wie der Bluntschli sagt — aus dem Schwert der Gerechtigkeit ein Dolchmesser gemacht. So hört Heinrich Pestalozzi die umständlichen Vermahnungen der Herren mit verächtlichem Trotz an und verweigert wie die andern den verlangten Eid — nichts von der Sache zu wissen — mit der vereinbarten Begründung, daß er bereit sei, einen Eid für alles zu schwören, was er nach seinem Bürgergewissen zu sagen sich für verpflichtet halte.
Gegen so viel Festigkeit der Jünglinge, die sich in die Hand gelobt haben, ein Beispiel spartanischer Tugend zu geben, wagen die Gestrengen Herren diesmal noch nicht vorzugehen: der Pfarrer Hottinger wird seines Amtes enthoben, die Brüder Ernst in Dättlikon als Landbürger müssen »übertriebener Anklägten« halber zweimal vierundzwanzig Stunden aufs Rathaus in Arrest, Rudolf Schinz kommt als Stadtzürcher mit einer Verwarnung davon.
In Heinrich Pestalozzi löst das Ergebnis einen Plan aus, den er schon lange mit sich herumgetragen hat: Seitdem Klopstock und andere deutsche Dichter Zürich hoch gerühmt haben, ist es eine beliebte Äußerung des Heimatstolzes geworden, die Stadt an der Limmat mit Athen zu vergleichen. Ihm scheint der Vergleich indem besonderen Sinn zu passen, daß athenischer Luxus und athenische Verweichlichung in der Stadt Zwinglis überhand genommen haben, und daß es not täte, sie auf das Beispiel Spartas zurückzuführen. Nun hat Heinrich Pestalozzi in der ganzen Geschichte des lakonischen Staates nichts so gerührt wie das Schicksal des jungen Königs Agis, der die von athenischen Sitten angesteckte Stadt wieder zu den Gesetzen des großen Lykurgus zurückführen wollte und darüber von seinen eigenen Landsleuten hingerichtet wurde. Lykurgus und Zwingli sind für sein Gefühl eins; weil aus dem spartanischen Zürich der Reformationszeit das Limmatathen des Dättlikoner Handels geworden ist, liegt es für ihn nahe, auch für Zürich einen Agis zu erwarten, und tatsächlich vermag er nicht an seinen Freund Bluntschli zu denken, ohne daß dieser ihm das Bild jenes edlen und unglücklichen Agis vorstellt. Nun sie in dem Handel Sieger geblieben sind, gewinnt er Mut zur Beschwörung des alten Heldenjünglings; aber seine Darstellung soll so deutlich auf Zürcher Verhältnisse zielen, als ob der spartanische Reformator noch einmal in die Welt gekommen wäre.
So schreibt Heinrich Pestalozzi, der sein zwanzigstes Lebensjahr noch nicht vollendet hat und unter den Patrioten immer noch das Nesthäkchen ist, als Antwort auf den Dättlikonhandel seinen »Agis« nieder, den er dem greisen Bodmer in Handschrift überreicht, und den er nachher auch in der Gerwe vorlesen darf. Endlich kommt sein Ehrentag, und er hätte am liebsten seine Mutter, das Bärbel und das Babeli dabei — den Großvaterhat er gefragt, aber der hat sich nicht entschließen können mit seinen dreiundsiebzig Jahren — wie er den jungen und alten Patrioten seiner Heimatstadt ein Bild ihrer schlimmen Zustände im Spiegel Spartas zeigen darf. Nicht allen sind seine starken Ausdrücke recht, wie er das Reislaufen für fremdes Gold, die Raubsucht der Reichen, die aufgeblasene Weisheit, das kriechende Wesen der Untertänigen und den Redner, der um Beifall spricht, mit dem Zeigefinger aus dem Bild herausholt; als er die Verleumdung gegen Agis auch die Sprache der Niedrigkeit unserer Tage nennt, stürmen die Jünglinge so laut mit ihrem Beifall, daß einige Ältere aufstehen und sich entfernen; und als er den Agis sagen läßt: Ich rede die vergessene Sprache der Freiheit in ein Jahrhundert hinein, das gewohnt ist, die ewigen Gesetze der Freiheit verletzen, Mitbürger in Sklaverei stürzen und das Heil des Staates vertilgen zu sehen! sind auch manche von den Jüngeren erschrocken, und viele Augen richten sich fragend auf den sonst so klugen Bodmer. Der aber, der den Schluß kennt, sieht unbewegt und fast spöttisch unter seinen weißen Augenbüscheln gegen das vertäfelte Gebälk der alten Zunftdecke. Als sich dann das Schicksal des spartanischen Jünglings unter hohen Worten erfüllt, kommt alles so, wie es der alte Herr vorausgesehen hat: mit ihrer Rührung um den Helden gehen sie doch wieder in das griechische Altertum ein; soweit sie ängstlich gewesen sind, sichtlich froh, alle harten und bösen Worte mit dahinein packen zu können.
Aber in den Erinnerer wagt Lavater die Arbeit dochnicht zu nehmen, und selbst Bluntschli, der sich die Handschrift noch an dem Abend mitnimmt, bringt sie nach einigen Tagen, manchen Ausfall tadelnd, zurück. Bei den Jungen und Stürmischen aber trägt ihm die Vorlesung ein, daß sie seitdem auf ihn als einen Führer sehen, wie er selber beim Eintritt ins Collegium auf Lavater und Bluntschli gesehen hat.