27.

27.

Der Beifall, den Heinrich Pestalozzi an seinem Abend in der Gerwe genossen hat, die Achtung selbst von denen, die bis dahin bereit gewesen sind, ihn um seiner Wunderlichkeit willen zu verspotten, die bedenklichen Gesichter der Abwägenden und das Gemunkel um seine rebellischen Ausfälle: bringen für ein paar Wochen einen Überschwall in ihm zustande, als ob er selber seiner Stadt ein Agis werden könne. In dieser Stimmung findet er eines Mittags, aus dem Collegium heimkehrend, ein Billett, das ihm jemand unbemerkt zwischen seine Bücher und Hefte gesteckt hat: Einer, der von seinem Vortrag gehört habe, bäte ihn aus einer verzweifelten Notwendigkeit um ein geheimes Gespräch; er möge nachmittags um fünf Uhr unauffällig durch die Stadelhofporte hinausgehen bis ans Zürichhorn, wo ihn dort oder schon unterwegs jemand ansprechen würde.

Das Wetter ist dem sonderbaren Ausflug nicht günstig; schwarze Wolkenballen drohen ein Gewitter, und gerade, als er zur Porte hinaus will, prasselt ein Platzregen los mit Hagelkörnern und Donnerschlägen. Er wartet mit drei modischen Mamsells, die sich nicht rechtzeitighaben retten können und nun verdrießlich die Federn hängen lassen, den schlimmsten Aufruhr ab und geht dann tapfer den Wiesenpfad am See entlang. Unterwegs kommt die Sonne in die Nässe, und über den Weinbergen versucht sich ein Regenbogen. Am Zürichhorn ist niemand; aber als er sich schon für gefoppt hält, legt ein Weidling an, darin jemand mit einer Angel gesessen hat. Es ist ein Student aus dem Alumnat, den er von Ansehen, nicht mit Namen kennt, ein ungewöhnlich langer und blasser Jüngling, dem die Hosen an den Beinen kleben von dem Regen. Der fragt ihn nach einer scheuen Begrüßung, ob er ein Stück mitfahren wolle auf die Seehöhe hinaus; und erst, als sie so weit auf der gleißenden Wasserfläche sind, daß sie vom Ufer aus nicht mehr erkannt werden können, fängt er an zu sprechen: nicht scheu und stockend, wie Heinrich Pestalozzi erwartet, sondern rasch und fest wie einer, der sich die Worte vielmals überlegt hat und seiner Scheu damit Gewalt antut.

Was er mitteilt, ist Heinrich Pestalozzi nicht unbekannt; es betrifft die geheimen Dinge im Alumnat, von denen im Carolinum längst die schändlichsten Gerüchte gehen. Aber was ihm bisher nur ein verächtliches Laster gewesen ist, bekommt in den Worten des Jünglings eine Gefährlichkeit, daran er nicht gedacht hat: auch die noch unbefleckt einträten, würden Opfer der allgemeinen Verführung, sodaß die gesundesten Landsöhne schon ein halbes Jahr nach ihrem Eintritt wie junge Birken wären, denen im Frühjahr der Saft abgezapft wurde. Er selber sei einer von denen, die sich anfangs gewehrthätten: aber weil das Laster nicht mehr heimlich, sondern die allgemeine Gewohnheit im Alumnat sei, würde die Tapferkeit nur verhöhnt als ländliche Dummheit, auch vermöge sie schließlich der Lüsternheit, die doch nun einmal in jeder menschlichen Natur läge — hier fühlt Heinrich Pestalozzi in der Erinnerung an seinen Rousseau einen feinen Stich im Herzen — nicht standzuhalten: Was er von ihm verlange, sei nichts als ein Antrag auf Untersuchung, auch was die nächtlichen Zusammenkünfte auf dem hinteren Speicher beträfe, der dafür seit Jahren eingerichtet sei. Aber ihn als Angeber verraten dürfe er nicht, was auch käme, und er müsse ihm das schon in die Hand versprechen, wenn ihm eine Hand wie die seine dazu noch recht sei!

Heinrich Pestalozzi verspricht es ihm in die Hand und läßt sich ans Ufer fahren, wo die Sonne aus der Regenfeuchtigkeit einen heißen Dunst macht. Er geht durch Binsen und Gebüsch der reisigen Stadt Zürich zu wie ein Bote, dem die Feinde eine eiserne Halskrause umgeschmiedet haben. Als er sich vor der Stadelhofporte zurückwendet, erkennt er den Weidling noch, wie er mit beigelegten Rudern auf dem schimmernden Wasserberg steht; es ist ihm nun fast sicher, daß er das häßliche Geheimnis bewahren muß. Aber noch am selben Abend schreibt er tapfer die Anzeige und gibt sie so ohne Vorsicht an der Tür des Antistes ab, daß er schon am andern Mittag ins Verhör genommen wird. Er steht noch immer in Verdacht, den Lästerbrief geschrieben zu haben, auch hat sein spartanisches Sittenbild die Stimmung der Chorherren gegen ihn nicht gebessert: so setzen sie ihm scharf zu.

Es ist eine andere Luft als in der Gerwe zwischen den hitzigen Herren, von denen ihm jeder einzelne seine bürgerliche Zukunft mit einem Tintenstrich durchstreichen kann; er hält aber ihre Kreuzfragen aus und verweigert standhaft, einen Gewährsmann zu nennen: er habe ihm seine Hand darauf geben müssen, und niemand in der Welt dürfe ihn zwingen, wortbrüchig zu werden. Er hätte seine Hand dem sagenhaften Römer gleich ins Feuer stecken können, so überzeugt ist seine Gebärde, aber den Herren scheint der Fall zu heikel für solche Gewalt. Sie ziehen sich mit ihrer Unschlüssigkeit in das geheime Gemach zurück und lassen ihn allein zwischen den Stühlen und Schränken. Doch steht ein Fenster auf, und er kann hinunter sehen auf den Münsterplatz, wo gerade der Bluntschli mit seinen vier Zöglingen daher kommt. Um eines Übermuts willen laufen sie ihm fort, und der Kandidat vermag ihnen nicht zu folgen gegen den steilen Berg. Heinrich Pestalozzi hört ihn husten und sieht auch, wie ihn der Anfall würgt; er möchte ihm beispringen, aber während er noch den unnützen Gedanken erwägt, machen die Kinder in einem neuen Übermut kehrt und laufen an ihm vorbei gegen das Haus zum Loch hinunter. Indem Bluntschli ihnen dahin folgt, sieht er ihn mit seiner weltmännischen Höflichkeit eine Jungfer grüßen, die freundlich nickend an ihm vorübergeht. Es ist Anna Schultheß, die schöne Schwester ihres gemeinsamen Freundes, des Theologiestudenten, und wie er seitdem erfahren hat, die Tochter des braunbärtigen Mannes aus der Gerwe. Er weiß, daß die beiden miteinander im Gerede sind, und esmacht ihn wehmütig, sie so lebendig gegen den Berg schreiten zu sehen, der seiner kranken Brust zu steil gewesen ist.

Nach ihr kommen noch viele Menschen über den Platz, fremde und solche, die er kennt; er hat Zeit, ihnen nachzudenken, denn dreimal schlägt die volle Stunde am Münsterturm, bis seine Richter wiederkommen, verärgert und erhitzt. Sie schicken ihn nach Haus, wo er sich unter Androhung schwerer Strafen verhalten soll, bis sie ihn wieder rufen ließen. An dem Abend hört er nichts mehr von ihnen; nur seine Mutter scheint unterdessen eine Nachricht zu haben: sie hält sich in der Kammer eingeschlossen, und er weiß, daß dies ein Zeichen schwerer Kränkung ist. Andern Mittags wird sie statt seiner vor die Herren gerufen; sie bringt ihm, blaß wie der Tod, die Weisung mit, daß er sich noch am selben Tag zu seinem Großvater, dem Dekan in Höngg, verfügen müsse, dem er vorläufig für vier Wochen zur Ahndung seiner vorlauten Anzeige überantwortet sei. Diese Weisung steht in der Schrift, die sie ihm überbringt; sie selber sagt kein Wort, nimmt auch das Bärbel mit in die Kammer, sodaß er ohne Abschied, nur vom bitterbösen Babeli vor die Tür getan, den Weg antreten muß, den er nun doch in Trotz und Bitterkeit geht.


Back to IndexNext