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Die Nachricht von der Flucht Ernst Luginbühls hat Heinrich Pestalozzi auf den Gedanken einer heimlichen Pilgerfahrt gebracht: Er weiß, daß Rousseau seit dem Frühjahr auf der Petersinsel im Bielersee wohnt, und er malt sich das Abenteuer aus, dort einmal mit dem großen Mann zu sprechen; wenn er bis Baden eine Schiffgelegenheit nimmt, kann er den Weg in zwei Tagen hinter sich bringen. Die Mutter wehrt mit der Hand seine Worte ab, und er sieht, daß sie bis ins Herz erschrocken ist, als er nur im Scherz davon spricht; den Bluntschli aber fragt er einmal in der Gerwe auf den Kopf, was er davon hielte?

Da müßtest du weit reisen, sagt der; denn Rousseauist auf der Flucht nach England! Und so erfährt Heinrich Pestalozzi, was der andere freilich auch erst seit zwei Tagen weiß, daß die bernische Regierung dem Flüchtling sein Asyl auf der Petersinsel gekündigt habe. Warum ist er nicht nach Zürich gekommen? fragt er in der ersten Enttäuschung; aber nun wird Bluntschli, der eben noch gescherzt hat, bitter: Weil die Zeiten Zwinglis vorüber sind und wir keinen Ulrich von Hutten mehr brauchen können; besonders, wenn es nur ein Genfer Uhrmachersohn ist! Wollte der große Voltaire kommen, sie möchten den Regenten der Aufklärung mit vierundzwanzig Pferden einholen und er könnte bei dem Antistes wohnen, aber den Rousseau mit seinen Menschenrechten würden die Gestrengen Herren in den Wellenberg stecken!

Sie haben im Eifer nicht gemerkt, daß unterdessen der mit dem braunen Bart — wie Heinrich Pestalozzi nun längst weiß, der Pfleger Schultheß zum Pflug, der Vater Annas und ihres gemeinsamen Freundes Kaspar — hinter sie getreten ist: Der Wellenberg wäre das Mindeste für einen Mann, sagt er ernst, der seine Kinder ins Findelhaus schickt und ungetraut mit einem Weibsbild lebt!

Der Bluntschli steht artig auf, und Heinrich Pestalozzi sieht, wie er todblaß geworden ist; auch ihn selber hat es ins Herz getroffen, das Vorbild so von ihrer strengen Tugend entblößt zu sehen. Darüber treten andere hinzu, die auch schon die Nachricht von Bern haben, und weil durch ein Mißgeschick der angesagte Vortrag ausfällt, wird Rousseau das erregte Abendgespräch an allen Plätzen.

Heinrich Pestalozzi hat über den Sommer zuviel in den Wolken gesegelt; nun merkt er erstaunt, wie sehr das sogenannte Genfer Geschäft auch schon die Züricher erhitzt. Es heißt, daß der Rat von Genf gegen seine eigene Bürgerschaft — die das Verdammungsurteil über Rousseau und seine Schriften nicht anerkennt und darum schon im vierten Jahr mit ihm streitet — die Gesandtschaften von Zürich, Bern und Frankreich als Friedensrichter in dieser Sache anrufen wolle. Damit würde, wie Bodmer freimütig über die Tische weg sagt, sich auch Zürich zu entscheiden haben, wieviel Macht der Wahrheit noch über Interesse, Herrschaft und falsche Politik geblieben sei! Heinrich Pestalozzi vermag aber nicht, diese Gespräche noch weiter anzuhören; das Wort des Pflegers Schultheß hat ihn zu sehr getroffen. Als er den Bluntschli bald aufstehen sieht, folgt er ihm rasch, um mit ihm in den gleichen Gedanken eingespannt früher als sonst heimzugehen: Auch der Hutten soll an einer häßlichen Krankheit gelitten haben, sagt der andere mit leiser Stimme, als sie oben auf der Niederdorfgasse sind; dann sprechen sie nichts mehr, bis sie sich ohne Gruß und Handdruck trennen.


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