35.
Die Fahrt nach Kirchberg dauert zwei Tage; es ist die erste wirkliche Reise, die Heinrich Pestalozzi macht. Sie geht das Limmattal hinunter über Baden nach Brugg und dann im breiten Aaretal hinauf über Aarau ins Berner Vorland hinein; die Landschaft wechselt aus der waldigen Enge seiner Zürcher Heimat in die breite bernische Behaglichkeit, und auch die Sprache macht diesen Wechsel mit: er nimmt davon so wenig wahr wie von den Mitreisenden. Wenn ihn etwas so bewegt, wie jetzt der Abschied und die kreisenden Gedanken um das Ziel, verlieren seine Sinne den Zugang zum Bewußtsein; er kann stundenlang sitzen und ihren Wahrnehmungen keine Aufmerksamkeit schenken, sodaß sie gleichsam an den Zäunen Wächterdienste tun, indessen seine Seele im Garten ihrer selber spazieren geht.
Erst als sie am zweiten Nachmittag ins weite Emmental hinein fahren und einer beim Anblick der ersten Krappfelder den Namen Tschiffeli ausspricht, wacht er auf und möchte am liebsten gleich aus dem Wagen springen, die berühmte Kultur der Färberröte zu sehen. Er weiß, daß es nur die Wurzeln sind, die den Farbstoff enthalten, an mannshohe Stauden mit stachligen Blättern und Blüten hat er nicht gedacht; als nun ein leiser Wind hindurch rieselt, erschließt sich ihm die beglückende Aussicht, daß dieser Anbau die Schönheit ländlicher Arbeit nicht vermissen lasse: wie beim Korn, beim Flachs und in den Wiesen gibt sich auch hier das Wachstum der Natur als ein Segen, der dem Menschenmit allen Wundern der Blüte und der schwellenden Frucht in die Hände wächst.
Er findet Tschiffeli als einen gebräunten Mann anfangs der Fünfziger, der diesen Überschwall wogender Felder aus einer verwahrlosten Öde geschaffen hat und wie ihr leibhaftiger Gottvater darin umher geht. Als blutarmer Leute Kind verdankt er alles der eigenen Kraft, die seine neumodischen Einfälle gegen die guten Meinungen und Ratschläge der Gewohnheit durchgesetzt hat, bis er als erfolgreicher Mann vor seinem Vaterland dasteht. Das gibt seinem mannhaften Wesen eine andere Geltung, als die Zürcher Herren sie aus ihrer Herkunft oder Gelehrsamkeit besitzen; Heinrich Pestalozzi fühlt hier einen Teil von sich selber zur Vollendung gekommen, und wenn er ihn Vater nennt, wie es auf dem Gut Sitte ist, liegt für ihn ein besonderer Sinn darin. Tschiffeli wiederum freut sich dieses Zöglings, der garnicht das Stadtsöhnchen spielt, den ganzen Tag in Hemdärmeln arbeitet und abends noch lustig ist zu Tabellen und Berechnungen. Wenn seine Ungeschicklichkeit auch viel mit zerschnittenen Fingern und Beulen zu tun hat, so ist doch noch niemand da gewesen, der seinen Spekulationen so begeistert und mit Verständnis anhängt.
Es wird ein reicher Herbst und Winter für Heinrich Pestalozzi, der mit seinen eigenen Plänen hier nicht verlacht wird, wie bei den Freunden in Zürich, sondern einen bereitwilligen Berater findet. Wenn er sieht, wie Tschiffeli für die fünf Gemeinden seiner Güter ein Wohltäter geworden ist, indem durch ihn Ordnung und Verdienst dahin kam, wo vorher Unordentlichkeitund Armut waren, erkennt er freilich auch, daß es wirksamere Mittel zur Übung der Volkswohlfahrt gibt als die öffentliche Anklägerei der jugendlichen Patrioten: das Beispiel und der Antrieb zur Selbsthilfe. So wie Tschiffeli im bernischen Land will er einmal im Zürcher Gebiet dastehen als der Mittelpunkt einer in planvoller Gemeinsamkeit fröhlich schaffender Bauernsame. Er kann einen wahren Spott mit sich selber treiben, wenn er an Winterabenden bei den Berechnungen hilft — wieviel Jucharten für diese und jene Kultur einzurichten wären, um mit der mutmaßlichen Ernte den Abschlüssen gerecht zu werden — und dann an seine Jugendläuferei in Zürich denkt, an den Schwall seiner Freunde, Pläne und Sehnsüchte, und wie hier alles sich selber zufrieden macht; die Zürcher Stadtbürger haben den schwarzen Pestaluz sicher kaum kritischer betrachtet, als er es nun selber tut.
Aber feierlich wie das große Himmelslicht jeden Morgen hinter den Emmentaler Bergen wärmend und segnend über der Arbeit Tschiffelis aufsteigt, so steht die Liebe über seinem Tageslauf: sie weckt ihn in der Frühe und sie bläst ihm abends die Kerze aus, nichts gerät ihm, ohne daß er die Stimme Annas zu hören glaubt, und nichts mißrät, ohne daß er ihre Augen mit dem scherzhaften Tadel darin fühlt. Er hat sich eine feste Ordnung gemacht, ihr seine Erlebnisse und Erfahrungen zu schreiben, und da sie ebenso pünktlich antwortet, flechten die hin und her reisenden Briefe aus ihren getrennten Lebensläufen einen Zopf, darin die Hoffnung mit lustigen Schleifen eingebunden ist.