38.
Jeden Morgen steigt Heinrich Pestalozzi den steinichten Hügelweg hinauf, das Birrfeld wie ein Eroberer zu durchqueren; die Mutter hat ihm einen Rest des väterlichen Vermögens mitgebracht, den sie zur Not entbehren kann, und so kann er auf eigenen Landerwerb ausgehen. Er findet die besten Plätze bald in den Hummeläckern, die ziemlich mitten im Birrfeld liegen und zu der Gemeinde Lupfig gehören. Die Üppigkeit einiger Kirschbäume gibt ihm Gewißheit, daß der verwahrloste Boden mit guter Düngung bald ertragreich zu machen wäre, und rasch entschlossen wendet er siebenundfünfzig Gulden an, sich vier bis fünf Jucharte davon zu kaufen, die er mit allem Eifer seiner gelernten Künste aus einem Mergellager am Kestenberg aufbessern will. Darüber aber kommt er bei den Leuten der Gemeinde auch schon ins Gespräch als Herrenbauer, und mehr als einer hört die ungewohnte Geldquelle gegen seine Äcker rinnen. Als er darauf mit weiteren Ankäufen zögert, fangen die bäuerlichen Listen an, sich mit Wegerechten, Weidgang und andern Vorwänden drückend zu machen, sodaßer wohl oder übel zu höheren Preisen kaufen muß.
In diesen Schwierigkeiten, die ihn allein befallen, weil seine Mutter wieder nach Höngg zum kranken Großvater gerufen ist, geht er eines Nachmittags verdrießlich nach seinem Turm zurück, als ihn ein Mann mit seinen Wägelchen einholt und aufsteigen heißt, da er gleichfalls nach Müligen führe. Er hat den Mann auf seinen Gängen schon mehrmals angetroffen, und weil ihn die Mißlichkeiten müde und unlustig zum Gehen gemacht haben, nimmt er das Angebot gern an. Unterwegs holt ihn der andere beiläufig aus, ob er auf seinem Hummelacker zu bauen gedächte, und als er das bejaht: ob er denn Wasser habe? Warum er nicht weiter aus dem Birrfeld hinaus, etwa da oben in den Letten baue? Da habe er Quellen genug, brauche sich mit keinem Anlieger herumzuschlagen und sei Herr auf seinem Boden. Billiger als da unten sei das Land sicher, wo auch sonst die Lupfiger keine günstige Nachbarschaft wären.
Heinrich Pestalozzi weiß, daß der Mann, den er von seinen Gängen her als einen Metzger und Wirt aus Birr mit Namen Märki kennt, wohlhabend und durch seine Geschäfte bewandert in allen Verhältnissen der Gegend ist. Irgendwie fällt ihm das Wort Bluntschlis von dem Ratgeber ein, und da ihn der Mann im Sprechen auffällig an seinen Lehrmeister Tschiffeli erinnert, nur daß er genau so drastisch in seinen Ausdrücken wie jener vorsichtig ist, sieht er ihn prüfend von der Seite an und nicht unlustig, seine Dinge mit ihm zu besprechen. Der aber scheint von dem Gespräch genugzu haben, kutschiert gleichmütig darauf los, bald hier bald dort mit dem Peitschenstiel auf eine Merkwürdigkeit deutend, sodaß Heinrich Pestalozzi fast bedauert, als sie hart bremsend den letzten gewundenen Abstieg nach Müligen hinunter fahren. Eine Einladung, bei ihm für einen Augenblick abzusteigen, nimmt der Mann nicht an, da er es wegen der Dunkelheit eilig habe. Bald sieht er ihn denn auch wieder den Weg hinauf kutschieren, rüstig zu Fuß, das Pferd am Zügel führend.
Schon am andern Tag macht er einen Weg in die Letten hinauf; er findet den Boden mit vermodertem Kalkgestein durchsetzt, das vielfach auch mit einem beinernen Glanz zutage liegt: Hier ist wirklich Ödland, aber wo der Hang ins ebene Feld ausläuft, doch wieder guter Boden, vor allem aber ist reichlich Wasser da, und die abseitige Lage lockt ihn besonders. Als er bis an den Waldrand hinaufgegangen ist und von da unter einem Nußbaum über das stundenweite Birrfeld hinsieht — stärker als je in dem Traum, es von hier aus stückweise zu erobern und ein Gartenmeer daraus zu machen, das Wohlstand in all die ärmlichen Dörfer rundum verbreiten soll — hört er hinter sich seinen Namen rufen, und als er umsieht, steht der Märki dort und winkt ihm. Augenscheinlich will er nicht gesehen werden, und so steigt Heinrich Pestalozzi zu ihm hinauf in den Wald. Der selbe Mann, der gestern gleichmütig war, scheint heute wütend: falls er etwa die Absicht habe, hier zu kaufen, so möge er sich selber das Geschäft nicht verderben, indem er hellen Tags hier herumlaufe!Bauern seien Bauern: wenn er, der Märki, etwa hinginge und ihnen bares Geld für einen Acker brächte, wären sie noch so froh; so aber der Herrenbauer käme, glaube jeder gleich das große Los zu spielen. Er wolle sich mit diesem Beispiel nicht etwa aufdrängen, er habe hier nur zufällig einer Klafter Kleinholz nachgehen wollen, die überm Winter vergessen worden sei. Da er ihm aber nun einmal den Rat gegeben habe, möge er natürlich nicht, daß er dabei zu Schaden käme und ihm schließlich noch Vorwürfe mache!
Nichts für ungut, sagt er dann wieder höflich, als er das alles mit rotem Kopf mehr geschimpft als gesprochen hat, lüpft an seiner Kappe und geht davon, gefolgt von einem Metzgerhund, der sich faul aus der Sonne aufhebt. Heinrich Pestalozzi bleibt wie ein gescholtener Schüler zurück, doch ist er dem Mann dankbar; wenn er an die Tagelöhner in Lupfig denkt, daß nie einer ein richtiges Wort aus den Zähnen läßt und jeder an seinem Mißtrauen würgt, irgend einen Vorteil zu verlieren, so ist dies doch von der Leber gesprochen. Er folgt seiner Weisung, geht nicht über Birr, sondern im Bogen durch den Wald gegen die Hummeläcker, wo ihm nun nichts mehr gefällt, sodaß er seine Pläne umdenkend nach Müligen heimkehrt. Noch am selben Abend schickt er dem Märki eine Botschaft nach Birr hinauf, und nun wird es rasch ein anderes Geschäft für ihn: in knapp acht Tagen hat er durch den gewandten Unterhändler zehn weitere Jucharte dazu gekauft, nicht übles Land, noch in der Ebene gegen den Letten gelegen, sodaß er einen guten Platz für sein Haus, einen Brunnendazu und Land genug besitzt, um seine Plantage zu beginnen. Daß die nun in zwei Stücken auseinander liegt, die Hummeläcker mitten im Birrfeld und das andere eine gute halbe Stunde weiter hinauf am Letten, beunruhigt ihn ebensowenig wie der doppelte Preis: auch Tschiffeli hat so zerstreut Boden fassen müssen, und schließlich ist doch alles ein großer Besitz geworden. Seitdem er den Metzger Märki als Ratgeber hat, fehlt es ihm nicht mehr an Zutrauen, daß auch sein Traum gelingt. Denn daß er selber in die Hände eines Mannes geraten ist, der vieles zu sich heranbiegt, um daraus nichts als seinen Nutzen zu haben — was unter Kaufleuten die einzige Moral ist — während er sich selber einen Nutzen immer nur erträumt, um eine Quelle des Wohlstandes für die andern zu sein: das soll er noch erst erfahren.