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Als Heinrich Pestalozzi Anna Schultheß aus ihrem wohlhabenden Stadtbürgertum in seine bäuerliche Einsamkeit holt, ist sein Besitz auf neununddreißig Jucharte angewachsen, die meist im steinichten Letten am Fuß und Abgang des Kestenbergs liegen. An die geplante Gärtnerei kann er nicht denken, solange er selber noch so weit entfernt von seinen zerstreuten Ländereien in Müligen wohnt; so beginnt er auf dem Hummelacker wie auf den unteren Feldern im Letten seine Krappkultur und sät die minderen Flächen vorerst mit Esparsette an, weil er weiß, daß dieser Futterklee auchauf steinichtem Boden gerät und das Land für anderen Anbau fruchtbar macht: das eifrigste seiner Geschäfte aber ist der Plan eines eigenen Wohnhauses, das den zerstreuten Besitz erst zu einem Gut machen muß, und mancher glückliche Herbstgang mit der tapfer erkämpften Lebensgefährtin gilt der Bestimmung des Platzes, wo sie als Hausfrau seiner Besitzung walten soll.

Auch was hierbei wehmütig ihre Schritte begleitet, daß ihr das eigene Elternhaus feindlich versperrt sei, erfährt bald eine unvermutete Wendung: ihrem Vater, dem Zunftpfleger zur Saffran, ist augenscheinlich die Trennung von seiner einzigen Tochter das eigentliche Ärgernis an ihren Heiratsplänen gewesen — um so mehr, als er mit den Söhnen nicht aufs beste steht und oft Verdruß mit ihnen hat — und auch die Mutter sieht nach der Trennung ein, daß es besser sei, eine Frau Pestalozzi als gar keine Tochter mehr zu haben. Nicht länger als zwei Monate hält ihr gekränkter Bürgerstolz der Sehnsucht stand, dann kommen Briefe nach Müligen, die deutlich nach einer Aussöhnung verlangen; und eben will der Winter das einsame Paar einschneien, als eine Einladung erscheint, den vorenthaltenen elterlichen Segen zu holen, damit Weihnachten keinen Unfrieden mehr in der Familie fände. Mitte Dezember schließen sie frühmorgens in dunkler Kälte die Haustür in Müligen ab und sind abends miteinander im Pflug, wo die Rührung des Wiedersehens die verlegene Erinnerung an die lange Zwietracht im ersten Augenblick zudeckt und danach rasch ein so erträgliches Verhältnis entsteht, daß sie statt der gewollten drei Tagebis über Weihnachten bleiben. Es kommt nun doch noch zu den verwandtschaftlichen Besuchen; die Mutter Pestalozzi erscheint im Pflug, und die Zunftpflegersleute bemühen sich zum Essen ins Rote Gatter, wo die geborene Hotzin sie mit den Formen ihrer Jugend empfängt. Auch sonst gehen die jungen Leute den Fäden ihrer Freundschaften nach, und der heilige Abend kommt als der Schlußpunkt fröhlicher Festwochen. Um den Übermut zu vollenden, erscheint der Oheim Hotz von Richterswil mit aller Behaglichkeit seines Alters und nimmt sie mit auf eine Schlittenfahrt nach Hegi und Winterthur. Als sie endlich, diesmal im Schiff, aus dem winterlichen Zürich heimfahren, sind sie beschüttet von Segenswünschen und Versicherungen herzlicher Freundschaft; denn der Heinrich Pestalozzi, im Pflug als Tochtermann angenommen, steht anders vor der Welt da als der Wundarztsohn, der mit der Tochter im Unfrieden auf einem Bauernfuhrwerk davongefahren ist.

So hätten sie Anlaß, fröhlich auf dem Wasser zu sein, das von der winterlichen Mittagssonne dampft, und Anna sagt es auch, noch von dem Übermut des Abschieds voll: daß dies erst ihre rechte Hochzeitsfahrt sei. Aber ihre Fröhlichkeit schwimmt nur noch wie das Schiff auf dem dunklen Wasser; und als ihr Heinrich Pestalozzi ins Auge sieht, traurig fragend mit diesem Blick, wie sie das meine, kommt sie unvermutet ein tiefes Weinen an, das er viel eher als den Übermut versteht. Ihm ist aus dem Lärm dieses Mittags schon vorher die Wehmut aufgestiegen, daß sie auf ihrem Wagen damals, den er selber durch den regnerischen Herbsttaglenkte, einander näher gewesen seien, und mehr als dies, daß sie näher am Herzen Gottes gehangen hätten als jetzt auf dieser schaukelnden Schiffahrt, wo sich ihre Hände aus der Zerstreuung so vieler Tage nicht zu finden vermögen.

Erst als sie von Turgi noch unter der mondhellen Sternennacht den langen Weg nach Müligen wandern und kein Wort sprechen, verliert sich Klang und Schaum der überfüllten Tage bis auf den letzten erdigen Rest, der ihnen bitter schmeckt — bis sich noch vor der Haustür Hand und Mund zum innigen Gelöbnis finden.


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