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Andern Morgens im Frühdunkel verläßt Heinrich Pestalozzi das Haus, um noch einmal nach den Feldern zu sehen, darüber er am selben Vormittag in Königsfelden vor dem Landvogt den Kaufvertrag machen will. Auf dem einen steht der breite Nußbaum, unter dem er oft mit seiner jungen Frau gestanden und das zukünftige Besitztum überblickt hat; da soll dann ein schattiger Sitzplatz sein. Es ist kaum hell, als er hinkommt; um so mehr erstaunt er, als Anschläge klingen und gleich darauf ein schwerer Baum krachend niederstürzt; wie er Böses ahnend zuläuft, liegt der Nußbaum auf der Erde, und der ihn gefällt hat, ist der Mann, von dem er den steinichten Acker um dieses Nußbaums willen nicht eben billig kaufen will. Es ist, wie er weiß, ein Tanner — so nennen sie die Tagelöhner im Birrfeld — dem es mit sieben Kindern übel geht und dem er deshalb auf Zureden Märkis auch den geforderten Kaufpreisohne Abrede zugestanden hat. Da er nur zufällig noch auf den Acker gekommen ist und ihn andernfalls gekauft und bezahlt hätte, macht ihn die Niedertracht des Mannes wütend, sodaß er schimpfend gegen ihn anläuft. Der aber ist selber so im Zorn, daß er die Axt gegen ihn hebt; und als er seinem Frevel dann mit Worten beikommen will — nun kaufe er den Acker überhaupt nicht oder nur um die Hälfte des Kaufpreises — schlägt der Mann die Axt in den Stamm, daß es zischt: das sei ihm beim Leibhaftigen gleich, und nur der Märki habe den Schaden davon! Seine Wirtsschulden würden ihm doch falsch angekreidet, und er bekäme keinen Kreuzer von dem Kaufgeld. Den Baum habe er als Knabe selber gepflanzt und er solle auch keinem andern gehören!

Heinrich Pestalozzi hat schon mehrmals solche Dinge von dem Märki vernommen, und von dem Pfarrer weiß er, daß die Leute um seiner Verbindung mit dem Metzger willen gehässig gegen ihn sind; aber daß der ihn betrügt wie hier, wo er sich den höheren Kaufpreis in seine eigene Tasche gehandelt hat, das ist ihm eine bittere Erfahrung. Er geht traurig von dem Platz fort und läßt dem Märki durch einen Boten sagen: er könne nicht mit ihm fahren, würde aber pünktlich in Königsfelden sein. Als er dann nach einer verstimmten und nicht gradlinigen Wanderung den großspurigen Mann sieht, der auch unter Menschen immer dasteht, wie wenn er gleich zu metzgen anfangen möchte, hat er nicht den Mut, ihm den Handel auf den Kopf zuzusagen, unterschreibt auch den Kaufvertrag trotz dem gefällten Nußbaum— da der Märki die Vollmacht des Tanners vorweist — und ist erschrocken über soviel Verschlagenheit. Nur auf seinen Wagen steigt er auch diesmal nicht, und erst, als der andere ihn augenscheinlich um seiner Verstimmung willen in allerlei Gesprächen aufhält, sagt er ihm sein Erlebnis aus der Morgenfrühe ins Gesicht und läßt ihn stehen. Er hört ihn noch über das Tannerpack schimpfen, als er mit langen Beinen aus seinem Bereich eilt; und kaum ist er eine Viertelstunde unterwegs, da rollt der Wagen schon hinter ihm her. Er denkt nicht anders, als daß der Metzger sein Pferd zornig an ihm vorbeipeitschen würde; aber der läßt es in Schritt fallen, immer neben ihm heran. Ob der Herr Pestalozzi dem versoffenen Lumpenkerl vielleicht auch noch glaube? Dann möge er sich jemand anders für seine Geschäfte suchen: er habe sich weder aufgedrängt noch sei er versessen darauf, für ihn mit aller Welt in Händel zu geraten!

Heinrich Pestalozzi kann nicht antworten, so widerlich ist ihm nun Art und Stimme des Mannes. Er tritt in den Graben und will ihn vorfahren lassen; der Märki aber hält sein Pferd an, wie wenn er ihn anders verstanden habe: er wolle also doch noch aufsteigen? Da merkt er, daß ihn der Metzger nicht loslassen will, und läuft querfeld über den gefrorenen Acker davon, wo ihm das Fuhrwerk nicht folgen kann. Noch von weitem hört er das höhnische Gelächter, und es hallt ihm noch in den Ohren, als er verbittert über sich und seine Händel zum Mittag durch die Haustür in Müligen eingeht. Da will es sein Unglück, daß auch Anna Ärgermit ihrer aufsässigen Magd gehabt hat, sodaß sie beide gereizt am Tisch sitzen. Er will ihr nichts sagen, aber sie fragt, bis seine kargen Antworten ihr doch den Handel verraten. Da legt sie freilich den Löffel hin: ob er den Kauf wirklich gemacht habe? Und als er, nun schon trotzig, ja sagt, entfährt ihr ein hartes Wort. Sofort flammt auch sein Jähzorn auf, und obwohl er innerlich verzweifelt vor ihr kniet, daß sie ihm die Sätze nicht nachtragen möge, bleibt sein hitziges Blut im bösen Streit mit ihr, bis er vom Tisch aufspringt und gegen die Reuß hinunterläuft.

Vor dem emsigen Zorn der Wellen findet er sich wieder, und schon zur Vesper sind sie nach bitteren Tränen der Reue wieder ausgesöhnt: doch bleibt das Weh seiner Scham, daß er sterben möchte und sich danach auch wirklich bis zur Krankheit in die Selbstanklagen vergrübelt. Sylvester feiern sie noch miteinander auf die vorbedachte Art, indem sie an die Armen von Müligen einen Korb Brot verteilen — was als ein Anfang seiner Wohltätigkeit gedacht war, scheint ihm nun ein kläglicher Rest seiner Beglückungspläne — dann legt er sich hin und bleibt fast eine Woche lang im Bett, unfähig vor Fieber und Mutlosigkeit. Es ist längst nicht mehr der böse Tag allein, was ihn quält; es ist die erste Abrechnung mit seinen Plänen und mit sich selber, dem hochmütigen Plänemacher. Die Sehnsucht seiner Jugend hebt sich auf und steht ratlos vor dem Schwall seiner Handlungen in diesem letzten Jahr. Er weiß nicht, wo seine Füße anders hätten gehen sollen; nur daß sie falsch gehen, das fühlt er genau. GleichTrompeten schreit eine Stimme in ihm, daß er die Forderungen seiner Natur betäubt habe: Was bin ich, und was wird aus mir werden? schreibt er ins Tagebuch seiner Frau, das immer offen vor dem Bett liegt, obwohl sie sich selber darin nicht schont. Und alles, was er als Antwort findet, ist die Verzweiflung, in Irrtum und Unrecht unwichtiger und falscher Dinge verstrickt zu sein; nicht anders, als ob er selber mit der Peitsche im Metzgerwagen des Märki säße und seine Seele über die hartgefrorenen Felder angstvoll davonliefe.


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