43.
Als Heinrich Pestalozzi wieder aufsteht von seiner Krankheit, ist kein Entschluß aus seinen bitteren Gedanken gekommen; sie sind vergangen, wie nach Unwetter tagelang die Wolken auf den Bergen lasten, als ob sie sich nie wieder heben wollten, und eines Morgens scheint doch die Sonne in eine blanke Welt. Er kann wieder mit Freude an seine Unternehmungen denken, und alle verzweifelten Gedanken daran kommen ihm als bequeme Mutlosigkeiten und als Rückfälle in die unstete Natur seiner Knabenjahre vor; er weiß, daß er in diesem Jahr Vater werden soll, und schämt sich der Unmännlichkeit, die nicht für das Kind und seine Mutter die selbstgewählte Pflicht erfüllt.
Der erste, an dem er sich erprobt, ist Märki; der kommt, das vorgelegte Kaufgeld einzufordern, und ist wieder der schlau beherrschte Mann, der Nachsicht mit den Launen seines Schützlings hat und ihn, wo er sich auflehnen will, die Überlegenheit an Alter und Erfahrungfühlen läßt. Heinrich Pestalozzi begreift sich selber nicht mehr, wie er ihm damals ausweichen konnte: er sagt ihm unverhohlen und ohne Zorn, daß er das andere anweisen, jedoch die Kaufsumme für den Acker um den geschlagenen Nußbaum kürzen müsse, da er ihn hierbei in einer Täuschung gehalten habe. Der Märki will aufbrausen, aber er verweist ihm das gleich so bestimmt, daß der den andern Wind merkt und sich nach mehreren Seitensprüngen um der Freundschaft willen, wie er sagt, zu der Sache bequemt.
Nach einigen Tagen bringt der Baumeister den Plan des Wohnhauses, wie es nach seinen eigenen Angaben sein soll: etwa dreißig Schritt im Geviert mit einem Zeltdach und ganz aus Steinen gebaut; es soll unten am Letten stehen, wo der angeschwemmte Boden als Gartenland geeignet ist, und Neuhof heißen. Der Baumeister hat neben den Aufrissen auch eine Ansicht des Hauses in Farben gemacht; es sieht mehr einer italienischen Villa gleich als einem schweizerischen Bauernhaus, aber gerade das gefällt ihm. Er scherzt, daß er selber ein Italiener wäre, und so oft er das hübsche Bild ansieht, wird der Traum seiner landwirtschaftlichen Existenz daran lebendig: wie er mit seiner Stauffacherin da aus und ein gehen wird, wie unter den Bäumen — die bis jetzt nur auf dem Papier grün sind — Kinder spielen und auf den Feldern rundum fleißige Tanner lohnende Arbeit finden, wie die breit gewölbten Keller sich mit Feldfrüchten füllen, und wie er als ein neuer Tschiffeli der Mißwirtschaft des Birrfeldes aufhielt durch sein Beispiel planvoller Arbeit!
Auch der Baumeister Daniel Vogel, den er sich als fachmännischen Berater aus Zürich holt, billigt den Plan; der setzt im freundschaftlichen Vertrauen die Berechnungen fest und macht die Akkorde mit den Handwerkern unter genauen Abmachungen über das Material und die Ausführung. Es ist ein sicherer Gang der Ordnung, wie ihn Heinrich Pestalozzi bisher noch nicht in seinen Dingen gespürt hat; als ob ihm neue Hände gewachsen wären, seitdem in den abwartenden Verdruß des Winters ein wirkliches Geschäft gekommen ist, so gibt sich eins ins andere und bringt die Fröhlichkeit zweckbewußter Arbeit mit. Als erst der Boden ausgehoben, Steine gebrochen und die Fundamente gelegt werden, ist er von früh bis spät dabei und scheut das nasse Schneewasser nicht, selber jede Art von Arbeit mitzutun. Daß morgens die Leute kommen, Tag für Tag, zum Teil stundenweit und sichtlich froh, gute Beschäftigung zu haben, gibt ihm ein Vorbild, wie es einmal auf Neuhof sein soll; und wenn er sie Sonntags entlöhnt, ist sein Traum schon Wirklichkeit: daß er als der Mittelpunkt einer Unternehmung dasteht, daraus die ersten Quellen aller Wohlhabenheit, der sichere Verdienst einer regelmäßigen Arbeit, ins magere Birrfeld fließen.
Nachdem Ende Januar unerwartet ein Wechsel aus dem Pflug nach Müligen geflattert ist für das Laufende, kommen nacheinander die Brüder, am längsten der Doktor Salomon, der die warmen Frühlingstage schon zum Angeln — seiner Lieblingsbeschäftigung — geeignet glaubt. Sie mögen Bericht nach Zürich gegeben haben;denn an dem Mittag, da sie abreisen wollen, steht unvermutet die alte Schultheßin mit dem jüngsten Bruder gerade vor der Haustür, als sie hinaustreten. Nun bleiben alle bis zum andern Tag, und weil die Aprilsonne scheint, wird noch am Nachmittag ein fröhlicher Spaziergang durch die Felder und auf den Bauplatz gemacht, wo die Fundamente schon kniehoch aus der Erde sind und eingewölbt werden sollen. Auch auf den Hang kommen sie, wo der Nußbaum niedergebrochen ist; sein Stamm reicht allen zum Sitz, sodaß einer den Scherz macht, sie weiheten die Bank ein, bevor das Holz dazu geschnitten wäre. Von unten klappert das Gewerk der Maurer, und einer, der den Mörtel in der großen Pfanne rührt, singt das alte Grenchenlied mit dem spöttischen Hohoho als Schlußreim, in den die andern einfallen. Auch die Schultheßin, die mit unverhohlenem Mißtrauen den ausgespreiteten Mergel auf den Kleefeldern für weißen Schutt gehalten hat, vermag die fröhliche Luft nicht einzuatmen, ohne daß auch ihr etwas davon ins gallige Blut geht. Die Scherze der Brüder sorgen dafür, daß die Ausgelassenheit auch den Rückweg im sinkenden Nachmittag besteht, durch den sie, nun selber das Grenchenlied singend, über die Kante des Birrfeldes nach Müligen hinunter kommen.
Andern Morgens nehmen sie Anna für ein paar Tage mit nach Zürich, wo sie das Rote Gatter ebenso überraschen will, wie sie selber überrascht worden sei. Heinrich Pestalozzi gibt ihnen das Geleit bis Baden; der laute Abschied erinnert ihn an die wehmütige Winterschiffahrt, und daß ihm die Brüder mit ihrer Ausgelassenheitdie Geliebte für ein paar Tage entführen, ist ihm auch nicht recht; doch läßt sie ihm ein inniges Wort zurück, das er feierlich durch den Morgen nach Hause trägt: Ich will deiner Mutter meine Hoffnung sagen!
Er ist noch keine Viertelstunde unterwegs, als er den übrigen Schwall schon vergessen hat und nur noch an das Glück denkt, das sie bei der Mutter mit ihrem Geständnis einbringen wird. Dabei lallt er die sieben Worte immerzu; sie bilden eine Perlschnur, an der die beiden Frauen als die letzten angereiht sind — bald werden sie eins weiter gerückt und in die Kette eingereiht sein — ihm aber ist sie mit der Sorge in die Hand gelegt, daß die Perlen bei dem Wechsel der Vergangenheit in die Zukunft keinen Schaden nähmen. Was bin ich, und was wird aus mir werden? hat er ins Tagebuch seiner Frau eingeschrieben; aber auf die Anklage seines Leichtsinns hat das Gefühl der Vorsehung einen Segen gelegt, den er glücklich in den Lerchenmorgen hinein trägt: Was er ist, darauf haben die beiden Frauen in unübersehbaren Stunden Schätze der Liebe gehäuft. Und wenn er ein sinnloser Verschwender damit würde, es kann ihm nicht gelingen bis in den Tod, sie auszugeben! Als ihn kurz vor Brugg ein Bettler um Geld anspricht, bietet er ihm alles, was er in seiner Tasche findet, und geht glücklich weiter, ihm für eine Stunde um keinen Kreuzer voraus zu sein.