5.
Nach diesem Abend verlangt Heinrich Pestalozzi sehnsüchtig in die Schule. Seitdem die Schwester Dorothea gestorben ist und der Johann Baptista, um ein Jahr älter als er, täglich sechs Stunden zu den Schulmeistern am Neumarkt geht und nachher bei den Schularbeiten sitzt, ist er tagsüber allein mit dem Bärbel, das immer noch in der Wiege liegt und ihm kein Gespiele sein kann. Für die deutsche Schule scheint es der Mutter noch zu früh, so bringt ihn das Babeli eines Morgens in die Hausschule.
Es wird aber kein schönes Erlebnis für ihn: als sie in den schmalen Raum eintreten, der eigentlich nur einen breiteren Gang vorstellt, ist der alte Lehrer gerade dabei, einen Buben zu walken; es sieht aus, als ob er ihm die Haare in Büscheln ausreißen wolle; zugleich vollführen die beiden ein weinerliches Geschrei, über das die andern Kinder, Buben und Mädchen durcheinander, schadenfroh lachen. Erst als das Babeli den Zornigen anruft, hört er auf. Hinten ist noch eine Bank frei, dahinein wird Heinrich Pestalozzi mit seinen Sachen gesetzt; das Babeli droht ihm noch einmal mit dem Fingerund überläßt ihn den Kindern, von denen er nicht eines kennt, und dem weißköpfigen Schulmeister, der — als er den Namenszettel gelesen hat — die Magd für die Frau Pestalozzi selber hält und ihr mit vielen Komplimenten an die Tür nachläuft. Der Lärm, der durch die Neugier gestockt hat, hebt wieder an: die Kinder haben neben den Büchern ihre Eßwaren, und was sie sonst mit sich führen, auf den Pulten ausgebreitet; ein jedes liest laut oder schreibt für sich wie zuhause: der Lehrer ist nur eine Art Unhold, der eines nach dem andern vornimmt und die andern schwatzen und balgen läßt. So hört das Geklatsch seiner Prügel und sein Geschrei ebensowenig auf wie der Lärm der Kinder, die meist garnicht hinsehen, wenn sich sein Zorn beim nächsten Opfer neu entzündet. Auch Heinrich Pestalozzi kommt endlich an die Reihe, als er eine Stunde lang verängstigt dagesessen hat; er wundert sich fast, als es diesmal ohne Prügel abgeht, malt danach Buchstaben, wie er es von seinem Bruder gelernt hat, und ist noch fleißig dabei, als die andern mit eiligem Geklapper ihre Sachen zusammen raffen.
Auf der Gasse wartet das Babeli; und wenn ihm das schon diesmal Spott einträgt, so wird ein paar Tage später ein wahres Schicksal daraus: es macht sich gerade so, daß ein Platzregen losgeht, das handfeste Babeli will ihn unter die Schürze nehmen; und rafft ihn kurzerhand — da er sich vor den andern schämt — als Bündel unter den Arm, um mit ihm heim zu rennen, so sehr er schreit und strampelt; sogleich verfolgt von einem Rudel der Kinder, die sich nun alle aus dem Regennichts mehr machen und die Tropfen in ihre Gesichter klatschen lassen.
Seitdem haben sie ihren Schabernack mit ihm, wo sie nur können. Seine Vorfahren vom Vater her sind Italiener gewesen, davon hat er die schwarzen Haare und die dunklen Augen behalten, und von den Blattern ein Gesicht voll Narben: so sieht er eher einem Savoyardenknaben ähnlich als einem Stadtzürcher und ist für sie ein fremder Vogel. Obwohl er nichts lieber gemocht hätte als mit ihnen spielen, macht ihn die Erfahrung scheu, sodaß er nun erst recht ein einsames Stubenkind wird.