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Später in der deutschen Schule tritt Heinrich Pestalozzi statt mit dem Babeli mit seinem Bruder Johann Baptista auf; der ist beweglicher als er und hat auch schon Bekanntschaften; dadurch kommt er mit den Knaben anfangs besser zurecht, um so leidvoller wird die Schule selber für ihn. Obwohl die Lehrer nicht solche Zornickel sind wie in der Hausschule, bleibt auch ihr Unterricht eine fortgesetzte Streitigkeit mit dem einzelnen Schüler, wobei sie die Schwächen eines jeden mit geübter Schulmeistergrausamkeit zu finden wissen. Heinrich Pestalozzi, dem es niemals völlig gerät, sich selber und seine Bücher in Ordnung zu halten, der bald ungekämmt in die Schule kommt, bald seine Schreibsachen oder Hefte vergessen hat, der aus den Spaziergängen seiner Gedanken aufgeschreckt die törichtsten Dinge zu sagen vermag und dem die richtigen Antworten meist erstauf dem Nachhauseweg einfallen, ist ihnen bald nur eine Gelegenheit, die herkömmlichen Schulwitze anzubringen. Daß er im ganzen eifriger als die meisten ist und sich leicht geschickter anstellt als es zu ihren Späßen paßt, stört sie nicht in ihren Hänseleien.
Und weil die Lehrer es so halten, widerstehen auch die Mitschüler der Verlockung nicht, ihren Witz an diesem Neuling zu üben, der nichts von ihren Spielen kennt und sich gutgläubig zum Narren halten läßt. Ihm steht diese Gutgläubigkeit gleichsam schon im Gesicht geschrieben, und seine linkischen Hände scheinen nur geschaffen, für ihr Gelächter fehl zu greifen. So weiß ihn eines Tages einer mit Äpfeln begehrlich zu machen, die er im Sack hat: er würde ihm den schönsten schenken, wenn er ihm damit auf sechs Schritte in den Rücken werfen dürfe. Mehr um der Tapferkeit als um des Apfels willen geht Heinrich Pestalozzi auf den Handel ein; der Knabe aber trifft ihn so hart zwischen den Schultern, daß er wie von einem Büchsenschuß hingestreckt wird, und — als er sich mit einer Übelkeit kämpfend an dem nassen Steintrog unter dem steinernen Brunnenmann aufrichtet — nur noch sehen kann, wie ein Flinker unter dem Hallo der andern den Apfel aufhebt und davon rennt.
Heinrich Pestalozzi fühlt damals schon, daß es die Absperrung seiner häuslichen Erziehung ist, die ihn so fremd und linkisch unter den andern Knaben macht; er ginge trotz solcher Späße gern nach der Schule zu ihren Spielen auf die Gasse, aber das Babeli, das immer mehr wie ein handfester Weibel die Stubenwelt derWitwe Pestalozzi regiert, duldet dergleichen schon aus Sparsamkeit nicht: Warum wollt ihr unnützerweise Kleider und Schuhe verderben? Seht eure Mutter, wie sie wochen- und monatelang an keinen Ort hingeht und jeden Kreuzer spart, euch zu erziehen! Und um dem Grund praktische Kraft zu geben, nimmt sie den Buben nach der Schule sogleich die Schuhe weg.
Heinrich Pestalozzi vermag nicht wie sein Bruder Johann Baptista den gutgemeinten Zwang mit allerlei Listen zu umgehen; er hat unterdessen durch die Mutter erfahren, was damals am Sterbebett des Vaters geschehen ist: da hat die Magd dem todkranken Wundarzt um ihrer Christenheit willen versprochen, die Frau nicht zu verlassen, weil seine Kinder sonst womöglich in fremde und harte Hände kämen! Das Babeli in seiner Einfalt, damals dreißigjährig, hat es dem Sterbenden in die Hand gesagt, an ihrem Platz zu bleiben, bis sie stürbe; auch hat sie tapfer Wort gehalten, als sie den Antrag eines ehrlichen Stadtbürgers ausschlagen mußte, und ist dem bedrängten Haushalt ohne Lohn durch alle Schwierigkeiten treu geblieben. Seitdem Heinrich Pestalozzi das weiß, kann er das faltige Sorgengesicht der guten Magd nicht anders als ehrfürchtig ansehen; und wenn der Großvater in Höngg dem Bild des himmlischen Vaters für seine Vorstellung die Züge herleiten muß, so vermag er die biblische Erzählung von Christus und den Schwestern in Bethanien nicht zu hören, ohne daß ihm seine Mutter zur still vertrauenden Maria und das Babeli zur schaffenden Martha wird. Soviel innige Gläubigkeit er aber damit auf die zarte Gestalt der Mutter legt, die— als Susanna Hotze in Richterswil bei den wohlhabenden Brüdern aufgewachsen — ihre bescheidene Lage niemals als Armut fühlt und auch den Kindern das Gefühl ihres guten Standes erhält; so wenig vermag er aus dem Evangelium eine Verachtung für die treue Magd zu ziehen, deren Stunden nichts als schaffende Sorgen kennen; ja, so oft er die abweisenden Worte Jesu liest, drängt ihn sein Gefühl, für die schaffende Martha aufzustehen.