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Das Jahr ist noch nicht zu Ende, als Heinrich Pestalozzi schon die ersten Bettelkinder im Hause hat. Er kalkuliert, daß der Abtrag ihrer Arbeit die Kosten einer einfachen Erziehung bestreiten müsse, und gibt sich zuversichtlich daran, die Sennerei in einen Raum zum Spinnen umzuwandeln, den er seine Fabrik nennt. Die Schwäger in Zürich, die mit seinen Baumwollgeschäftenschon unzufrieden waren, lamentieren über den neuen Plan und beschwören Anna, daß sie ihn davon abhalten möge. Ihnen, die seine Lage kennen, darf er sein Herz nicht öffnen, er muß ihnen vorrechnen, daß es für ihn selber eine Rettung aus seinen Nöten sei; es fällt ihrer Geschäftsgewandtheit nicht schwer, ihm die Irrtümer seiner Kalkulation mit spöttischen Fragezeichen anzumalen; aber weil Anna mit Standhaftigkeit die Mutterschaft seines Armenkinderhauses antritt, schlägt er den Widerstand nicht an.

Für Anna ist es ein Opfer, sie fängt schon an zu kränkeln, auch stehen ihr als Stadtherrnkind die Hände nicht danach, verwahrlosten Bettelkindern die Läuse abzulesen. So schlimm es ihr erging in den Kämpfen dieser Jahre, in den Stuben ist die Ordnung und Reinlichkeit ihrer Gewohnheit geblieben, Freunde sind auf Besuch gekommen, und wenn Abends die Messinglampe brannte, senkte sich doch ein Stück Gottesfrieden in ihren warmen Schein: nun geht das alles hin wie ein schöner Traum; als ob sie selber mit ihrem Knaben ins Armenhaus gekommen wäre, dringt der Geruch der Hudeln und das Geschrei der Verwahrlosung durch ihre behüteten Räume. Aus sich selber hätte sie dergleichen niemals vermocht, obwohl es ihrem Herzen nicht an Edelmut fehlt; der gierigen Tatensucht ihres Gatten vermag sie um so weniger zu widerstreben, als sie das Glück sieht, das nach der mutlosen Dumpfheit so vieler Jahre über ihn gekommen ist. Sie hat ihn nun wieder, wie er als Jüngling werbend vor ihr gestanden hat, trotzig bereit, sich die Adern aufzuschneiden, wennsein Blut für etwas Edles fließen müßte; und da es dieser rauschhafte Edelmut ist, um dessentwillen sie ihn andern Männern von soliderer Daseinsfestigkeit vorgezogen hat, nimmt sie — zum wenigsten im Anfang — auch dieses Los gern auf sich, das ums Vielfache schwerer als das ihres Mannes ist: weil ihr Teil allein die Aufopferung ist, wo er den Genuß seiner Idee und die Befriedigung seiner Natur hat.

Heinrich Pestalozzi weiß von Anfang an, daß es mehr gilt als seine eigene Anstalt, und daß er wohl die Menschenfreunde des Landes anrufen darf, ihm beizustehen; wenn erst sein Versuch gerät, ist allerorten ein Beispiel gegeben, auf menschlichere und gründlichere Art mit der Bettlerplage aufzuräumen als durch Landreiter: das Wort des Großvaters in Höngg, daß er andere Mittel wüßte als die monatliche Betteljagd der gestrengen Herren, liegt ihm dabei wie ein Vermächtnis im Sinn. So scheut er sich nicht, selber die Betteltrommel für sein Werk zu rühren und mit einem Flugblatt an den Türen der reichen Häuser in Basel, Bern und Zürich anzuklopfen. Es ist zum erstenmal seit jener jugendlichen Mitarbeit am Erinnerer, daß er die Feder in die Hand nimmt; er ist unterdessen ein Jahrzehnt älter geworden und steht mitten in den Nöten des Lebens, dem sein Jünglingseifer mit römischen und griechischen Schulideen zu Leibe wollte. So wird es eine andere Rede, als er sie damals aus Demosthenes übersetzte, ein Quell wirklicher Nothilfe fließt darin und rührt an die Herzen, daß vielerorten Gutwillige, von der Neuheit des Planes wie von seiner hinreißenden Darstellunggewonnen, dem Urheber auch das Vertrauen schenken, ihn auszuführen. Was er sich in seiner Lernzeit als Lebensberuf gedacht hat, ein Fürsprech des niederen Volks zu sein, das ist er damit unvermutet doch noch geworden, und die Besten im Lande lohnen ihm seine erste Rede mit freudigem Opfer.

Geschwellt von diesem Beifall wächst sich der Plan bald aus. Anna Pestalozzi mit zwei Mägden leitet die Mädchen in allen Arbeiten der Küche und des Haushalts an, sie lernen waschen, nähen, flicken, auch die einfache Gartenarbeit, während die Knaben mit den Knechten auf die Felder, in die Ställe und in die Scheune gehen: sie sollen für kein anderes Leben aufgezogen werden als das der ländlichen Arbeit, wie es ihrer wartet, und bei allem zugreifen lernen, was die gemeinsame Haushaltung ihnen unter die Hände bringt. Daneben müssen sie spinnen und weben, und hierfür hat Heinrich Pestalozzi das Glück, in der Jungfer Madlon Spindler aus Straßburg eine vortreffliche Lehrmeisterin zu finden, die bald als das Spinner-Anneli im ganzen Birrfeld bekannt ist. Er selber gibt den Kindern Unterricht; denn wenn sie auch zu keinem andern Leben als dem der Armut abgerichtet werden sollen, die Wurzel seines Planes bleibt doch, Menschen aus ihnen zu machen, die das Bewußtsein ihrer menschlichen Würde nicht mehr verlören und auch dem schlimmsten Los die Unverlierbarkeit ihrer Seele entgegenzustellen vermöchten. So lehrt er sie nicht nur das Abc, sondern versucht in die zufälligen Wahrnehmungen ihrer Sinne die Ordnung einer bewußten Anschauung zu bringen, indemer sie anleitet, über das Gefühl des Augenblicks das Urteil ihrer eigenen Erfahrung Meister werden zu lassen. Was er selber in den Gesprächen mit dem Jaköbli erfahren hat, wendet er nun an, und ob er oft einsehen muß, daß ihm viel zu einem Schulmeister fehlt, weil er zu hitzig und zu blind in seinem eigenen Eifer wird, sodaß er leicht mit einem Gedanken schon ans Ende gelaufen ist, während sie noch begossen vom Schwall seiner Worte den Anfang garnicht gefunden haben: so verliert er doch hierin den Mut nicht, schließlich die rechten Kunstmittel zu finden, um auch im Blödesten noch den Keim zu wecken.

Über allem aber steht wie eine himmelhohe Rauchsäule das Glück, als Dreißigjähriger endlich dem Leben zu dienen, statt sich im Erwerb der Lebensmittel aufzureiben. Als der Ratsschreiber Iselin eine Zeitschrift nur für die Fragen der Volkswohlfahrt gründet, die er die Ephemeriden nennt, glaubt Heinrich Pestalozzi wirklich wieder in den Zeiten der Gerwe zu leben; nur, was damals Überschwall jugendlicher Ideen gewesen ist, das lebt nun als Tat und Wirklichkeit, und er steht mitten drin. Kein Geringerer als der Landvogt Tscharner auf Wildenstein tut ihm die Ehre an, in siebzehn Briefen über Armenanstalten auf dem Lande seine Pläne zu erörtern; und wie er ihm darauf mit eigenen Briefen in den Ephemeriden antworten, seine Ansichten und Bedenken, seine Hoffnungen, Erfolge und Enttäuschungen vor den Gebildeten seines Landes darlegen darf, in der Gewißheit, man achtet seiner und horcht auf ihn: da steht Heinrich Pestalozzi endlich da, wohinsein Traum in zwei Jahrzehnten gegangen ist. Nicht zu genießen, sondern zu wirken ist der Trieb seines Lebens; als er mit der Landwirtschaft sein Dasein auf die eigene Wohlfahrt gründen wollte, hatte ihn das Schicksal gedemütigt, bis er die Hand darin erkannte; nun liegt die Landwirtschaft und die Collegienzeit hinter ihm als bittere Lebensschule, die Sehnsucht seiner Jugend ist keine Täuschung gewesen, der Traum wurde doch Wahrheit; und so mühsam, so aufreibend in hundert Hindernissen sein Dasein geworden ist, ein gepeitschtes Wasser, darauf der Kahn seiner Häuslichkeit ohne Segel und Ruder verlassen schwimmt: die Tage seines Glücks sind da, weil nichts mehr zwischen seinem Gewissen und seinen Geschäften steht.


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