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Heinrich Pestalozzi merkt lange den Zwiespalt nicht, an dem sein Glück scheitern muß. So überzeugend seine Zahlen auf dem Papier stehen, daß die Anstalt sich aus sich selber zu halten vermöge: als die Armenkinder wirklich da sind, kommt es zwingender als früher darauf an, die vergrößerte Haushaltung wirtschaftlich zu halten; denn die Zuschüsse der Menschenfreunde, so tapfer sie auf seine Bitte eingehen, decken nicht einmal die erste Einrichtung. Um das Exempel aus dem Papier in die Praxis zu bringen, bedarf es anderer Finanzkünste, als sie Heinrich Pestalozzi geläufig sind; seine Geschäftsführung kommt schließlich doch wieder auf die alte Torheit hinaus, die kleinen Löcher aus einem großen Loch zu flicken, und wenn das zu bedenklich wird, miteinem phantastischen Lappen die Blöße zu decken. An Einfällen hierzu fehlt es ihm nicht; nach Jahresfrist ist aus seiner Anstalt schon eine wirkliche Fabrik geworden, indem er die Baumwolle nicht nur spinnen und weben, sondern die gewebten Stoffe auch färben und bedrucken läßt, und eines Tages erleben die Zurzacher den Spaß, daß der Armennarr vom Neuhof — wie er nun schon im ganzen Aargau heißt — selber seinen Stand auf ihrer Messe aufgeschlagen hat, gefärbte und bedruckte Baumwollentücher zu verkaufen.

Irgend ein Spaßvogel bringt die Absprache auf, daß er sich eine reichliche Bestellung abmessen läßt; wie aber Heinrich Pestalozzi glücklich seine Elle geschwungen hat und schwitzend hinter dem Berg seiner entrollten Ware steht, entdeckt der angebliche Käufer soviel Fehler, daß er ihm scheltend alles hinwirft und unter dem Gelächter der andern verschwindet. Erst als ihm das zum drittenmal begegnet, merkt seine Harmlosigkeit, daß es die Rache der Händler für die unerbetene Konkurrenz ist. Er läßt sich von seinem Zorn hinreißen, mit seiner Elle dem Mann nachzuspringen, weil aber der halbe Markt mit Hetzgeschrei hinter ihm herläuft, bleibt er doch der Gefoppte. Als er am dritten Tag entmutigt abführt, hängt hinten an seinem Wagen — ohne daß er es merkt — ein freches Schild: Hier wird um Gotteswillen schlechte Ware für gute verkauft!

Der Spott trifft ihn tief, weil seine Ware wirklich nicht gut ist und es auch gar nicht sein kann. Die Kinder, zum Teil mit Zwang in seine Arbeit gebracht, sind viel zu sehr ans Bettelgeläuf gewöhnt, um die strengeArbeitszucht zu ertragen; wenn sie den ersten Hunger gesättigt haben und in sauberen Kleidern stecken, jammern sie nach ihrem ungebundenen Elend. Immer wieder geht eins in der Sonntagnacht mit den guten Kleidern davon, und es wiederzuholen ist schwierig, weil die Bauern — denen er die billigen Arbeitskräfte der Kinder fortgenommen hat — ihm feindlicher sind als je und auch die Behörden der neumodischen Gesinnung im Neuhof argwöhnisch mißtrauen. Selbst die Gutwilligen bleiben selten länger, als ihre Zwangszeit ist, und darum hat sein klug ausgerechneter Plan, mit dem Verdienst der Zöglinge die Anstalt zu erhalten, das böse Loch, daß er nur die fehlerhafte Ware von Anfängern liefern kann.

Zu alledem muß Heinrich Pestalozzi immer bitterer bemerken, daß er selbst für die Schulmeisterei weder geeignet noch geübt ist; unausgesetzt beschäftigt, die richtige Lehrart zu finden — sodaß eigentlich nur er allein bei seinem Unterricht etwas lernt — ist er ganz unfähig, drei Dutzend solcher Kinder in Disziplin zu halten. Im Augenblick überfließende Liebe und im nächsten maßloser Zorn, steht er machtlos inmitten ihrer Tücke, die sich vor seinen Schlägen fürchtet und bei seiner Liebe heuchelt; um beides zu verhöhnen, wenn er den Rücken gewandt hat.

Niemand fühlt diese Mängel tiefer als seine Frau, die nun den Schmerz erlebt, den Geliebten auch in den Dingen seiner Neigung unfähig wie im praktischen Erwerb zu sehen; bald hat sie statt seiner die Leitung der Anstalt in der Hand, während er unruhig von einemzum andern läuft, mehr verwirrend als fördernd. Durch einige Jahre erhält sie mit unmenschlichem Kampf den äußeren Bestand der Dinge, dann wird sie krank, und kaum hat sie einige Wochen gelegen, als auch schon die Unbotmäßigkeit zur Überschwemmung anschwillt, darauf Heinrich Pestalozzi mit seinem unsteten Willen wie ein Kork schwimmt. Ein paarmal rafft sich die Tapfere noch auf, die Sache zu retten; aber mit ihren vierzig Jahren ist sie für die stündlichen Aufregungen nicht mehr stark genug. Auf einem verzweifelten Besuch bei ihrer Freundin, der Frau von Hallwyl, kommt sie ernsthaft zu liegen und kehrt nicht mehr auf ihren Posten zurück.

Die Anstalt ist unterdessen mit den Bedienten auf fünfzig Mäuler angewachsen, deren Ernährer Heinrich Pestalozzi sein soll, schon drohen die Gläubiger mit der Vergantung, während er immer nach neuen Plänen rudert, die alten zu retten: Seit zwei Jahren ist das Bärbel mit dem Kaufmann Groß in Leipzig verheiratet, wo sie schon an Kindesstelle bei der verwitweten Tante Weber gewohnt hat. Ihr Mann führt die Geschäfte des Hauses Weber, sodaß die Schwester als die eigentliche Erbin im Wohlstand lebt; Heinrich Pestalozzi hat sich in seiner Not an sie um ein Darlehen gewandt, und wirklich erscheint eines Tages im November sein Bruder Johann Baptista, der nach wechselnden Jahren einer verunglückten Kaufmannschaft wieder in Zürich lebt, als ihr Mittelsmann, den letzten Versuch einer Rettung zu machen. Es kommt ein Vertrag zustande, worin die Scheune mit zwanzig Jucharten um den Preis vonfünftausend und etlichen Gulden verkauft wird, um damit Deckung für die dringendsten Schulden zu gewinnen.

Eifrig wandert Heinrich Pestalozzi eines Morgens nach Hallwyl hinaus, seiner kranken Frau die glückliche Wendung anzusagen, und schon malt er sich den Traum einer Kolonie aus, wo Anna mit dem Knaben wieder auf dem Neuhof ihr ruhiges Heim haben soll, während die Zöglinge rundum mit einzelnen Hausvätern in besonderen Gebäuden wohnen; aber als er heimkommt, ist Johann Baptista mit dem Geld unterwegs, sich in Amerika eine Farm zu kaufen, wie er ihm in einem Abschiedsbrief hinterläßt. So steht er mitten in seinem Unglück auch noch vor dem Zwang, für die Mutter und vor der Welt seinen ehrlichen Namen zu retten. Er muß zum andernmal nach Hallwyl, und nun wächst kein Traum einer Gartenkolonie mehr in seiner verdüsterten Seele; er geht noch am selben Tag, und weil es Abend geworden ist, den größten Teil des langen Weges in der Dunkelheit. Hinter Lenzburg verirrt er sich und findet die Brücke nicht über die Aa, bis er durch das kalte Wasser hindurch watet. Ein paarmal ist der Gedanke in ihm, daß die Verirrung dauernd werden möchte, dann hilft ihm der aufgehende Mond mit seinem ungewissen Licht auf die Straße zurück, die ihn mit eisnassen Strümpfen nach Schloß Hallwyl bringt. Da wartet er in der Dunkelheit des Morgens wie ein Bettler am Tor, bevor er einen Knecht herausgeklopft hat.

Nun muß Anna Schultheß noch einmal die Taschen ihrer wohlhabenden Herkunft absuchen; ihr Vater, auch Freunde helfen schließlich, den Schlund notdürftig zuzustopfen— wie sie den Neuhof nennen — nur wird ihm unbarmherzig die Bedingung auferlegt, die Anstalt zu schließen. Und damit es keinen Ausweg gibt, wird ein neuer Verkauf gemacht, worin Johann Heinrich Schultheß die Fabrik und den größten Teil des Landes übernimmt, um einen Pächter einzusetzen.

So kommt nach fünf Jahren der Tag, da Heinrich Pestalozzi seine Dienstleute entlassen und die Kinder wieder in die Bettelarmut zurückgeben muß, daraus er sie in seinen Neuhof geholt hat. Er findet noch die Tapferkeit, ihnen allen mit einer Abschiedsansprache ans Herz zu gehen, und es sind nun doch viele Hände, die sich nach ihrem Vater strecken. Dann aber, als auch dieser Vorfrühlingstag im ewigen Kreislauf der Gezeiten dunkel wird, bleibt er allein in den verlassenen Stuben zurück. Die Messinglampe ist noch da, die ihm so manchen Abend seiner einsamen Jungmannszeit in Müligen erleuchtet hat; er steckt sie nicht an, obwohl unter dem bedeckten Himmel kein Stern aufkommen will; es tut ihm wohl, daß seine Augen nichts mehr von allem zu sehen brauchen, das nun sinnlos geworden ist. Die ganze Nacht hindurch sitzt er wach in seinem Stuhl; erst als der Morgen kommen will, legt ihm der Schlaf seine Hand auf die Augen, daß er das Gespenst des leeren Hauses nicht in der Todestraurigkeit der ersten Morgenfrühe sähe.


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