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Am Nachmittag des andern Tages schließt Heinrich Pestalozzi die Tür am Neuhof zu, die dritte einsameWanderung dieser Tage anzutreten. Bis Brugg weiß er noch nicht, wohin sie führen soll, dann ist es der Ratsschreiber Iselin in Basel, an den sein inneres Gefühl sich wendet; er sieht die klargütigen Augen des Mannes und hört seine Stimme, als ob er schon vor ihm stände: von allen Freunden seiner Jugendheimat weiß er keinen seiner Not so nah wie diesen ihm wesensfremden Basler, zu dem er nun über den Jura wandert. Er kommt an dem Tag nur noch bis Frick und als er da eine Herberge suchen will, merkt er, daß er ohne Geld wegging. Es scheint ihm fast recht, denn mehr als ein Bettler kommt er sich kaum vor; müde sitzt er am Wegrain und denkt schon, sich um Gotteswillen ein Obdach zu erbitten, da treibt ein Ziegenhirt seine Herde an ihm vorbei, lustig auf einer Holzpfeife blasend, die er aus jungem Saftholz geschnitten hat. Er selber hätte ihn garnicht erkannt, aber der Bursche hält gleich mit dem Stecken sein meckerndes Volk zurück und ruft ihn an, höflich den alten Hut lüftend. Es ist ein Zögling, der vor einigen Jahren als Waisenkind kurz bei ihm war und nun in Frick die Ziegen hütet. Treuherzig von ihm eingeladen, geht Heinrich Pestalozzi mit auf den Hof, wo er bei einem rechtschaffenen Bauer — der durch den Burschen Gutes von ihm weiß — ein sauberes Lager angeboten erhält, bevor er darum zu bitten braucht.

Der freundliche Zufall gibt ihm eine bessere Stimmung in den andern Morgen, da er nach dankbarem Abschied seine Wanderung fortsetzt; und eben läuten die Basler Glocken den Mittag ein, als er gegen SanktAlbanstor kommt. Da hat sich ein Blinder an den Weg gesetzt, seinen Hut vorzustrecken, so oft er Schritte hört. Heinrich Pestalozzi vermag nicht, an ihm vorbeizugehen, und weil er nichts anderes schenken kann, löst er die silbernen Schnallen von seinen Schuhen und wirft sie in den Hut. Er fühlt, daß es unnütz ist, aber in seinem Zustand tut es ihm zornig wohl, das Letzte freiwillig hinzuschenken, wo ihm soviel gewaltsam genommen ist. Doch vermag er ohne die Schnallen nicht zu gehen, und so flicht er aus Binsengras ein paar dünne Riemchen, mit denen er die Schuhe zur Not bindet.

Mehr als einer in den geläufigen Gassen sieht verwundert nach seinen Füßen, und auch der Ratsschreiber, als er den unvermuteten Gast selber an der Tür abnimmt, vermag seine Blicke nicht zu behüten. Da Heinrich Pestalozzi nicht mit der Unwahrheit vor ihm stehen will, als fehle es ihm schon derart am nötigsten, erzählt er ihm den Vorfall, worauf ihn Iselin, der im Alter sein Vater sein könnte, kopfschüttelnd und nassen Auges über soviel Einfalt in die Arme schließt. Nach diesem Empfang ist es ihm nicht mehr schwer, die letzten Stationen des Leidensweges seinem Patron bekannt zu geben, der sich mehr als ein andrer in den Ephemeriden und sonst für ihn eingesetzt hat. Er ist bis ins einzelne vorbereitet und hat auch schon eine Antwort zurecht, die mehr als ein leerer Trost ist: die Anstalt sei ein Experiment gewesen, und wer in der Wissenschaft gearbeitet habe, wisse wohl, daß es auf die Resultate ankomme. Freilich bliebe es für ihn ein Schicksalsschlag, daß er das Vermögen seiner Frau dabei verloren habe;aber er sei jung und besäße in seinem Neuhof immer noch ein gutes Dach über dem Kopf. Am Ende wäre alles für ihn nur die Grundlage einer anregenden und fruchtbaren Schriftstellerei gewesen. Ob an dem Emil etwas schlechter würde, wenn Rousseau selber etwa mit einem solchen Erziehungsversuch gescheitert wäre? Man könne freilich mit derartigen Dingen keine goldenen Berge erwerben, aber eine bescheidene Ernährung solle sich eine so starke Feder wie die seine schon erzwingen können. Da wäre zum Beispiel das Preisausschreiben der Basler Aufmunterungsgesellschaft: Wieweit es schicklich sei, dem Aufwand der Bürger Schranken zu setzen? Ob er es nicht einmal um die zwanzig Dukaten versuchen wolle?

Iselin spricht das alles noch vor seinem Stuhl stehend, und reicht ihm die Nummer der Ephemeriden hin, als ob es nur noch an ihm läge, die zwanzig Dukaten einzuheimsen; dann geht er hinaus, den Gast zum Essen einzumelden. Der sitzt mit dem Blatt in den Händen und vermag keinen Buchstaben zu lesen; die Stimme des Ratsschreibers ist wie ein Frühlingsregen auf seine verstaubte Stimmung gerieselt; auch hat er die Worte nicht alle verstanden, nur wohlig den herrlichen Ton der Gesinnung und den unbeugsamen Willen gespürt. Warum bin ich nicht mit meinem Werk in der Nähe dieses Mannes gewesen statt in der Daseinsluft des Metzgers Märki? denkt er immerfort, und die Tränen rinnen ihm auf den Rock. Er ißt mit ihm, und als der Ratsschreiber — der gerade Strohwitwer ist — mit einem Scherz das Glas gegen das seine hebt, vermag er schon wehmütigwieder zu lächeln. Er läßt sich danach drei Tage lang von ihm betreuen, auch seine Schnallen bekommt er wieder, weil der Ratsschreiber sie heimlich bei dem blinden Stammgast vor St. Alban eingelöst hat, und als er in der vierten Frühe die Rückwanderung antreten will, hat ihm der väterliche Iselin einen Platz bei der Post bezahlt. So kann er dem Ziegenhirt hinter Frick nur von fern zuwinken, nicht einmal sicher, ob der auf ihn rät. Ihm ist er auf dieser traurig begonnenen Wanderfahrt fast so wert gewesen wie der Ratsschreiber, und noch während die Post in den breiten Talkessel von Brugg einrollt, denkt er, daß sein Traum einer menschlichen Gemeinschaft trotz aller Verschiedenheit der Stände, geeinigt durch ein sittliches Bewußtsein, doch nicht von den Sternen wäre.

Trotzdem wird es ihm schwer, von Brugg aus den Weg in das Trümmerfeld seiner Wirksamkeit zu gehen, wo viele ihm ohne Gruß begegnen und einige Buben ihm höhnisch nachrufen. Aber als er gegen den Neuhof kommt, sieht er einen Knaben emsig am Brunnen spielen, der, als er ihn erkennt, jubelnd in seine Arme läuft. Es ist das Jaköbli, und die Mutter — der er Nachricht von Basel gegeben hat — ist auch da; sie sitzt, noch schwach von ihrer Krankheit, auf einem Baumstamm in der Sonne und hält tapfer lächelnd den Regenschirm in der Hand: Wir dachten, es möchte regnen; aber, Lieber, die Sonne scheint! Und erst als sie beide, den Kleinen an den Händen zwischen sich, hinein gegangen sind und die verlassene Stube mit ihrer Gemeinschaft füllen, daß die Leere durchs Fenster entweicht, tritt auchdie Frau von Hallwyl zu ihnen, die unterdessen beiseit gegangen war.


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