54.

54.

So unsicher die Aussicht auf die zwanzig Dukaten der Aufmunterungsgesellschaft und die anderen Schriftstellereinnahmen für Heinrich Pestalozzi vorläufig ist, so bestimmt stehen die Schildwachen der Bedrängnis rund um den Neuhof. Es fehlt am Nötigsten, und für Anna ist die Zeit gekommen, die ihre Mutter prophezeite, ja selbst das Brot ist nicht immer da. So sieht sich Heinrich Pestalozzi als Schriftsteller in der lächerlichen Bedrängnis, nicht einmal das notwendige Papier zu haben. In dieser Not fällt ihm ein alter Erbkoffer ein, der mit anderem Haushalt von der Mutter bei der Einrichtung in Müligen herübergekommen ist und seit Jahren vergessen auf dem Speicher steht. Irgendein Vorfahr hat sein Leben lang in der Lotterie gespielt, und zwar in der Meinung, daß sich das Glück in Tabellen nachrechnen und erlisten ließe. Für diese Tabellen hat er sich dann Bogen mit roten Linien herstellen lassen, die Berechnungszahlen einzutragen. Damit ist der ganze eisenschwere Koffer gefüllt, durch den nun der gewinnsüchtige Vorfahr seinem Erben einen späten Liebesdienst leistet; denn selbst da, wo schon Zahlen eingeschrieben sind, lassen sich die Bogen noch benutzen, und Hunderte sind ganz frei.

In diese rote Linienwelt schreibt Heinrich Pestalozzi das erste Resultat seiner Erfahrungen nieder, und es scheint fast, als ob die Tabellenfächer die äußere Formbestimmten: es werden lauter einzelne Sprüche daraus, deren Weisheit in den roten Linien wie der Honig in Bienenzellen voneinander abgetrennt ist; aber ihr Geschmack ist bitterer Wermut. Er nennt sein Schriftstück die »Abendstunde eines Einsiedlers« und schickt es Iselin nach Basel, der es auch sogleich in die Ephemeriden gibt. Dadurch ermutigt, macht Heinrich Pestalozzi sich auch an die Preisaufgabe der Aufmunterungsgesellschaft.

Es liegt nicht an der roten Liniatur, daß sein Eifer bei der zweiten Schrift erlahmt; so reich die Gedanken drängen, so schwer fließen ihm die Sätze dazu, auch mit den Forderungen der Schriftsprache kommt er nur seufzend zurecht. Er muß Bogen vollschreiben, um einige brauchbare Zeilen zu gewinnen, und die scheinen ihm wie gepreßte Pflanzen. Sich und die Seinigen zu ernähren — das sieht er bald — ist es kein Geschäft. Um andere Wege zu versuchen, nimmt er zum zweitenmal den Stecken, diesmal nach Zürich, wo die meisten seiner Freunde wohnen. Wieder geht er zu Fuß; es ist nur ein kleiner Tagesmarsch, und schon am Nachmittag kommt er zur Sihlporte herein. Eben will er über den Rennweg gegen das Fraumünster hin, als ihm einer der Schulgenossen begegnet, mit denen er damals nach Wollishofen hinaus gerudert ist, er hat ihn seither oft gesehen, zuletzt bei der lustigen Gesellschaft, die ihn nach seinem ersten Weihnachtsbesuch im Pflug ans Schiff brachte. Er freut sich, gleich einem Bekannten zu begegnen, aber ehe er noch bei ihm ist, entweicht der andre in eine Nebengasse.

Als er nachher das Erlebnis dem Buchhändler Füeßlierzählt, der von allen Zürchern am treuesten zu ihm steht, obwohl er nicht zart mit Worten ist, läuft der nach seiner Gewohnheit einigemal in der Schreibstube hin und her, wirft zornig ein Bündel Papier aufs andre, bis die Schriften in einem rechten Durcheinander sein müssen, und sagt ihm dann mitten ins flehende Gesicht: soviel sollte er doch die Zürcher kennen, daß sie ihn nur noch fürs Armenhaus oder das Spital kalkulierten; in einem Jahrdutzend eine vermögende Frau arm zu machen und wer weiß wen geschäftlich zu schädigen, das ginge ihnen über das bürgerliche Maß. Wenn er ehrlich sein wolle, müsse er ihm schon sagen, daß ihn seine Mitbürger für einen bösartigen Narren hielten! Dabei wirft er sein Kontobuch, das er gerade ergriffen hat, mit einem solchen Zorn in die Papiere, daß sein Tintenfaß erschrocken aufspringt und die Umgebung mit mehreren Klexen bespritzt. Er schüttelt ihm dann zwar freundlich die Hand, aber immer noch hat sein Zorn einen Hinterhalt: Was er denn meine, daß ihm Lavater gesagt habe? Er solle ihm einen einzigen Satz von Heinrich Pestalozzi beibringen, der sauber und ohne Fehler geschrieben wäre, dann wolle er ihn auch sonst noch für eine Sache im Leben brauchbar halten! Aber das unterschreibe er, der Hans Heinrich Füeßli, nicht; wenn er nur erst von seiner Narrheit abkäme, andern helfen zu wollen, bevor er sich selber geholfen habe, so würde sich schon etwas für ihn finden!

Das hat der Gekreuzigte auch hören müssen, sagt Heinrich Pestalozzi, den der Zorn des andern angesteckt hat, und fegt nun auch hin und her, sodaß es für einenDritten, der in die Stube gekommen wäre, ausgesehen hätte, als machten die beiden ihre schlimmsten Händel aus. Dann überkommt ihn die Verzweiflung: Und wenn ich Perücken strählen müßte, ich würde es um der Meinigen willen tun! sagt er schmerzlich und läuft aus der Stube, weil ihm die Tränen fließen.

Im Roten Gatter findet er auch keinen Trost; die Mutter, nun schon sechzigjährig, sieht ihn augenscheinlich in den Fußspuren seines Bruders, und das Babeli, eisgrau und wunderlich geworden in der Einsamkeit mit der verhärmten Frau, redet mit ihm, als ob sie ihn am liebsten noch einmal verwalke. Er muß von seinen Dingen günstiger sprechen, als sie sind, und vermag nicht über Nacht zu bleiben. Noch vor dem Abend geht er unter dem Vorwand dringender Geschäfte fort und auf Umwegen aus der Stadt; er ist in den letzten Monaten in eine wahre Gier gekommen, nachts zu wandern. An der Sihlporte fallen ihn die Wächter mit scharfen Fragen an; wo ehemals ausgediente Stadtknechte ihr Altersbrot hatten, stehen jetzt in aufgeputzten Uniformen stattliche Burschen, als ob sie für die Fremden zur Zier dahingestellt wären. In seiner Stimmung ärgert ihn die Neuerung, und während er in die sinkende Dunkelheit hinein läuft, verbeißt er sich in einen Zorn, daß solcherweise die Fortschritte wären, für die das Geld blindlings geopfert würde. Er fühlt wohl, daß der Anlaß seinem Zorn nicht entspricht, und um sich selber zu begegnen, übertreibt er den Vorfall, bis eine Schnurre daraus geworden ist, über die er selber mitten in die Nacht hinein lachen muß.

Er kommt damit bis Baden; und wenn ihn dann seine Müdigkeit und die Nähe des Neuhofs wieder in seine Melancholie bringen, sodaß er sich die letzten Stunden nur noch in einer tonlosen Traurigkeit hinschleppt: am andern Morgen ist doch noch so viel von der höhnischen Lustigkeit dieser Nacht in seinem Bett, daß er bis in den Mittag darin liegen bleibt und von neuem an der Schnurre formt. Nachher nimmt er sich einige von den stockfleckigen Lotteriebogen vor und hängt seine Einfälle in die roten Linien hinein; ohne Sorgen, wie die Sätze werden, nur daß er seinen Zorn noch einmal so närrisch losbekäme. Um dem treuen Füeßli den Beweis seiner vollkommenen Narretei zu geben, wie er in einem Begleitbrief schreibt, schickt er ihm die Bogen zu; dann begibt er sich ingrimmig wieder an seine Preisaufgabe.

Er ist noch dabei, aus dem Wust mit Ändern und Streichen die endgültige Fassung zu gewinnen, als er eines Nachmittags eine saubere Weibsperson mit einem Bündel kommen sieht, die bestimmten Schrittes auf den Neuhof zugeht und die er danach im Hausflur mit seiner Frau sprechen hört. Es scheint ihm, daß er sie kennt, und als er, von dem Jaköbli gerufen, hinzukommt, ist es die Lisabeth Näf aus Kappel, die vordem bei seinem verstorbenen Onkel, dem Doktor Hotze, als Dienstmagd gewesen und, soviel er weiß, von dessen Sohn — seinem Vetter — übernommen worden ist. Sie wolle bei ihnen in Dienst treten, erklärt ihm Anna, die augenscheinlich mit der resoluten Jungfer nicht fertig wird. Das würde schwer gehen, sagt er, sie seien armund könnten keine Dienste bezahlen! — Eben deshalb käme sie; sie wolle keinen Lohn; solange Frau Pestalozzi noch nicht gesund sei, müsse ihr jemand an die Hand gehen. Auch habe sie von dem Undank seiner Zöglinge gehört, daß sie ihm alle davon gelaufen wären, und da sie sich in Richterswyl nach dem Tod des alten Herrn entbehrlich oder gar überflüssig fühle, wolle sie versuchen, ihre Nahrung, mehr nicht, bei ihnen zu verdienen.

Während Heinrich Pestalozzi noch zweifelnd erst seine Frau, dann wieder das Wunder ansieht, das aufrecht gewachsen und geraden Blickes da vor ihm steht, bittet sie schon wieder die Hausfrau, ihr ein Lager zu weisen, da sie heute jedenfalls nicht mehr zurück könne. In kaum einer Viertelstunde ist sie schon emsig im Hause, und andern Morgens denkt keiner daran, sie wieder fortzuschicken; nach einer Woche ist es so, als ob sie immer dagewesen wäre, so unbemerkt weiß sie sich in den gedrückten Haushalt zu schicken. Es sei fast zu spät, den Garten zu bestellen, sagte sie, ist aber schon dabei, ihn umzugraben; und bald merkt Heinrich Pestalozzi, daß in seinem verworrenen Hauswesen wieder der sichere Tageslauf der Sonne ist: Schritt für Schritt wird die Unordnung des Untergangs beseitigt und aus dem weiten Bereich des verwüsteten Gutes der saubere Umkreis des Hauses abgetrennt. Und als ob die eine tätige Hand ihren Takt auch in die andern brächte, fängt das gestörte Uhrwerk des Hauslebens wieder an, zu gehen. Selbst bis in seine roten Tabellen dringt ihre Sicherheit, sodaß er seine Preisarbeit bald zu Ende bringenund die Reinschrift der Aufmunterungsgesellschaft in Basel nicht ohne Vertrauen auf ihren Wert zusenden kann. Daß man dem Aufwand der Bürger äußere Schranken setzen müsse, ist freilich nicht seine Meinung: Hier wie überall käme es nicht auf die Landreiter, sondern auf die Menschenbildung an.


Back to IndexNext