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Unterdessen hat seine Schnurre über die Umwandlung der ungekämmten und krummen Stadtwächter in gerade und gekämmte in Zürich eine Art Glück gemacht. Auf der Durchreise von Italien nach London ist der ehemalige Freund Lavaters, der Maler Füeßli einen Tag lang bei seinem Vetter gewesen; er hat die Schnurre zufällig gelesen, und zwar mit so viel Spaß, daß er nicht begreifen will, wie es einem Mann mit einer solchen Begabung schlecht gehen könne: sein Talent als Schriftsteller sei derart, daß ihm der Erfolg nachlaufen müsse!
So kann ich meine Perücke wieder mitnehmen, scherzt Füeßli, als sie in Baden eine rasche Zusammenkunft haben, das Ereignis zu besprechen: ich hatte sie schon zum Strählen mitgebracht! Aber Heinrich Pestalozzi ist es nicht zum Lachen, umsoweniger, als der andre augenscheinlich kaum etwas andres als einen Sack voll solcher Schnurren im Sinn hat. Er dämpft die Begeisterung des Buchhändlers sauersüß, ist noch ein paar Stunden gern in der Luft einer Freundschaft, denkt aber nicht daran, ihm zu folgen; bis er heimkommt und die moralischen Erzählungen des Franzosen Marmontel nochaufgeschlagen auf dem Tisch seiner Frau findet. Er liest darin, und unversehens überlegt er doch schon, dergleichen besser zu machen; um statt weichlicher Rührung gute Gedanken ins Volk zu bringen.
Gleich andern Tags versucht er nun das Dichterhandwerk, angebliche Menschen als Gestalten seiner Absichten in eine Handlung zu stellen. Es gelingt ihm leichter, als er erwartete, und am Abend ist das erste Ding schon rund gebracht; aber als er es dann überliest und mit dem Vorbild vergleicht, findet er wohl, daß seine Gestalten sich ernsthafter unterhalten als bei Marmontel, doch ist die Unterhaltung so sehr die Hauptsache, daß es wenig Zweck hat, sie mit den Armen und Beinen der Personen zu umgeben; auch haben sie für gemeine Bürgersleute eine Art zu predigen, die ihnen nicht ansteht. Aber nun ist einmal sein Eifer geweckt, und schon am nächsten Tage läßt er ein neues Paar anmarschieren. Diesmal sind es zwei Bauern, ein alter und ein junger, die sich über die neumodische Landwirtschaft erhitzen; haben die Bürger gepredigt, so verkniffeln sich die Bauern wie zwei Advokaten, und da auch hier wieder die Reden des Verfassers die Hauptsache sind, hätten die Personen ebensowohl daheim bleiben können. Noch drei- oder viermal versucht er es, um immer bedenklicher einzusehen, daß er kein richtiges Bauernmundwerk aufs Papier bringt. Soviel er auch an den Tannern im Birrfeld erlebt hat, nun merkt er, daß er sie garnicht kennt; und wie er das Abc erst an seinem Knaben studiert hat, beginnt er nun, mit ihnen seine heimlichen Experimente anzustellen.
Die Leute von Lupfig und Birr machen sich verdächtige Zeichen, als der Herrenbauer vom Neuhof anfängt, in ihren Wirtschaften herumzusitzen; sie wissen aus Erfahrung, wie dies das Ende solcher Existenzen ist, und weil er kaum etwas trinkt, deuten sie hämisch auf seine leere Tasche. Er dagegen merkt bald, daß sie mit ihm anders als unter sich sprechen, so hält er sich abseits, in einem Wettergespräch oder sonst mit dem Wirt, während sie bei ihren Karten oder um irgend einen Handel untereinander sind. Wenn ihm dabei eins seiner eigenen Bauerngespräche beifällt, kommt ihm alles darin so papieren vor, daß er manchmal im Eifer mitanfängt zu fuchteln, als ob er damit die richtigen Worte festhalten könnte.
Darüber fangen sie an, ihn vollends für übergeschnappt zu halten, und legen sich aufs Hänseln; aber nun reitet ihn schon der Teufel seiner Leidenschaft, auch um andrer Dinge als seiner Schriftstellerei willen tiefer in ihre Wirtshauswelt hinein zu kommen. Er sieht, wieviele Dinge hier ihren Anlaß und ihre Stärkung haben, wieviel aus der Bahn geworfene Existenzen am Wirtshaustisch ihr Schicksal absitzen, und wie nicht der Schnaps und der Wein allein sie dahin ziehen, sondern der Trieb unnützer Buben, mit Hänseleien und großmäuligen Prahlereien beieinander zu hocken. Hier müßte zu Hause sein, sagt er sich oft, wer eine Armenanstalt aufmachen will; hier ist der Lebensboden aller Laster, die in einem Menschen allein garnicht wachsen können, weil immer nur mehrere zusammen das Ungetüm ausmachen, das den einzelnen mit Haut und Haaren frißt;was nachher dann aus dem Wirtshaus nach Hause geht, ist nur noch ein Stück von diesem Ungetüm, dem es natürlich nirgend mehr wohl sein kann als bei sich zu Hause, nämlich auf der Wirtshausbank, wo es zu fressen und zu saufen bekommt.
Heinrich Pestalozzi hat schließlich ein System von Listen, das Ungetüm lebendig zu sehen, indem er sich selber anscheinend mit auffressen läßt oder unter einem Vorwand nebenan in der Küche lauscht. Als er eines Nachmittags in Mellingen eintritt, weil er schätzt, daß ihrer da mehrere vom Viehmarkt sitzen würden, findet er das Zimmer noch leer, und da der Wirt augenscheinlich auch noch unterwegs ist, juckt ihn der Vorwitz so, daß er in eine große Futterkiste klettert, die in der dunklen Ecke neben dem Ofen als Truhe dient und deren offener Deckel ihn wie eine Wand verbirgt. Er hört auch bald ihrer zwei hereinkommen und über den Metzger Märki in Birr schimpfen, der ihnen beim Handel die Flöhe abgesucht hat, wie sie sagen. Weil das Gespräch einmal den Lauf genommen hat, bleibt es auch dabei, als andere eintreten, und so bekommt Heinrich Pestalozzi unvermutet eine Predigt über seinen ehemaligen Ratgeber zu hören, wie sie nicht in seine Tabellen gegangen wäre. Aber als sich das Ungetüm so recht wieder aneinander gewachsen hat und groß tut mit Fäusten und Flüchen, wird es still von einem Schritt, der durch die Tür hereinkommt und nach einem brummigen Gruß mitten im Zimmer stehen bleibt. Heinrich Pestalozzi hinter seiner Wand hört das Ungetüm schnaufen, bis einer den Märki — denn niemand anders ist es — nach den Hummeläckernfragt und gleich das Gelächter über die Anspielung losbrüllt. Aber so ist der Metzger nicht, daß er sich abtrumpfen läßt: im Nu ist er mit ihnen aneinander in einem Maulgefecht; und wollten sie ihn um den ausgezogenen Herrenbauer im Neuhof hänseln, so gibt er ihnen sein Kunststück mit frecher Prahlerei preis: warum sie es nicht selber gemacht hätten, wenn es so leicht gewesen wäre? Jedenfalls habe er das Kalb abgestochen; sie könntens ja mit ihm auch einmal versuchen: er würde ihnen schon dartun, wer der Meister wäre, wie er es diesem Herrn Pestalozzi auch dargetan habe!
Die Abfertigung scheint dem Ungetüm plausibel, denn es schweigt; aber als der Märki sich abseits von ihnen auf seinen Trumpf setzen will, findet er keinen besseren Platz als die Futterkiste; er klappt den Deckel zu, merkt garnicht, daß ein Widerstand da ist, und will sich gerade noch einmal auslachen, als es unter ihm mit Faustschlägen rumort. Wenn der Teufel selber aus dem Kasten gestiegen wäre, hätte die Wirkung nicht anders sein können als nun, da das abgestochene Kalb seiner Prahlerei heraus springt. Auch das verdutzte Ungetüm muß sich einen Augenblick am Wirtstisch festhalten, und es ist noch nicht zu sich gekommen, als Heinrich Pestalozzi durch die Tür dem gemeinsamen Gelächter entgeht.