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Könnte Heinrich Pestalozzi die siebzehn einsamen Wartejahre danach voraussehen, darin er die Kräfte seiner Mannesjahre aufreiben soll, bis ihn das Schicksal an die Dinge selber statt an die Worte läßt, so würden ihm die Knospen kaum so schwellen, wie nun, wo er im Rausch des Erfolges noch einmal die stürmischen Säfte seiner Jugend fühlt. Er hat im Vorwort seines Buches angekündigt, daß die Erzählung aus dem angeblichen Dorf Bonnal nur die Grundlage eines Versuchswäre, dem Volk mit einigen Wahrheiten in den Kopf und ans Herz zu gehen. Auf alles, was als Tugend oder Laster an seinen Gestalten sichtbar wird, Heuchelei und Tapferkeit, Hoffart und Sparsamkeit, Freiheitsliebe und Tyrannei, auf alles läßt er nun Christoph und Else in ihren Abendstunden mit dem Zeigestock hinweisen, und er selber gibt die feurige Lehre seiner in tausend Nöten durchglühten Erfahrung dazu, um die Quellen der Bosheit und des Elends in den Zuständen und in der Gesetzgebung Europas darzustellen.

Ein Drittel seines Buches hat er so erklärt, als ihn der Eifer drängt, näher mit dem Volk zu sprechen; Iselin redet ihm zu, und so gründet er sich selber eine Wochenschrift, die er »Ein Schweizerblatt« nennt. So hitzig ist er in seinem Eifer, daß er fast alles selber darin schreibt; er wird wieder der Marktschreier der Zurzacher Messe, aber diesmal sind es nicht Baumwollentücher, sondern Einsichten und Weisheiten, die er unablässig, mit Witz und hinreißender Gläubigkeit gemischt, anpreist: »Himmel und Erde sind schön, aber die Menschenseele, die sich über den Staub erhebt, ist schöner als Himmel und Erde!«

Mitten in seinem Glück hört er schon wieder den Tod an die Tür klopfen, und an einem Julitag fährt er im Innersten bewegt nach Basel, Iselin, der ihm fast ein Vater war, zu begraben. Durch ein Gewitter erreicht er die Post nicht mehr, und er ist gerade dabei, sich in Brugg auf eigene Hand einen Wagen zu heuern, als Füeßli mit dem Doktor Hirzel durchfährt. Die nehmen ihn mit, und so wird es eine Freundesfahrt der Lebendigenzu dem Toten; denn auch die andern haben Iselin geliebt, wenn sie auch nicht soviel Freundschaft von ihm erfahren konnten wie er. Während sie so durch die grünen Täler hinfahren, manchmal im Schritt, weil es scharf bergan geht, dann wieder trabend, will Füeßli wissen, was er jetzt schreibe. Und weil Heinrich Pestalozzi durch den Tod Iselins erst recht in seinem Eifer entzündet ist, jeder Stunde zu achten, damit von seinem Leben ein Nutzen für das arme Volk bleibe, spricht er von seinen Abendstunden und merkt lange nicht, daß die beiden schweigen und ihn fast traurig ansehen.

Ich dachte, sagte Füeßli endlich und kollert vor Zorn, daß du jetzt dein Metier gefunden habest und wenigstens im Schwabenalter vernünftig würdest, aber dich reitet die Bessermacherei, bis sie dich ganz vom Neuhof ins Spital verschupfen! Über die bösen Worte ist Heinrich Pestalozzi so erschrocken, daß er ihn fragt, wie er das meine. Er sehe doch, wie die Menschen durch sein Buch gerührt würden, warum er die dargebrachte Rührung nicht für die Menschlichkeit ausnützen solle! — Als ob die Leser dem Verfasser jemals ihre Rührung gäben, antwortet Füeßli und ist nun selber bitter geworden. Sie erwarten und nehmen sie als Genuß von ihm für ihr ausgelegtes Geld, gleich einem Kirschwasser oder einem Schweinebraten auch!

Sie begraben danach den Ratsschreiber in Basel; es ist ein Sarg, wie Füeßli grausam vor Trauer sagt, darin der Hummelvogt den selben Platz gehabt hätte. Für Heinrich Pestalozzi wird alles zum Verhängnis seit dem bösen Wort im Wagen. Er hat es längst gespürt, daßer mit seinem Buch nichts als ein Menschenmaler geworden ist, von dem man nun weitere Bilder verlangt. Wenn die Bauern im Birrfeld sich hämisch freuen, daß er es seinem Widersacher Märki gut gegeben habe, oder wenn die literarischen Blätter die Vortrefflichkeit seiner Charakterschilderung rühmen: es ist das Gleiche, daß sie ihn als ihren Spaß- oder Rührmacher halten, nicht aber ihm redlich ins Menschliche folgen wollen. Er vermag nicht, mit den beiden wieder heimzufahren, tut sich vor der zudringlichen Begrüßung des berühmten Verfassers scheu zur Seite und wandert frühmorgens heimlich aus Basel fort. Unterwegs gelüstet es ihn, das bäuerliche Paar in Frick aufzusuchen, das ihn damals so freundlich genächtigt hat, in der Sehnsucht, von ihm andere Botschaft des Volkes zu hören als von den Gebildeten.

Er trifft sie auch und bleibt zum zweitenmal bei ihnen zur Nacht, nicht anders aufgenommen als beim erstenmal, obwohl der Ziegenhirt nicht mehr da ist. Aber als er enttäuscht, daß sie nicht selber davon sprechen, zuletzt nach ihrer Meinung über sein Buch fragt, haben beide zwar einiges davon gehört, jedoch nichts daraus gelesen. Wir sind Bauern, Herr Pestalozzi, sagt der Mann treuherzig, und seine Frau nickt ihm zu: wir haben unser Tagwerk; was soll in einem Buch von unserm eigenen Leben stehen, daß wir nicht selber wüßten? Und unsere Nachbarn? Wir reden selber nicht schlecht von ihnen, warum sollen wir lesen, wie das ein anderer tut!

Es sind zwei Grabschriften, die Heinrich Pestalozzi von dem Begräbnis seines väterlichen Freundes mitbringtund die nun in den Gärten seiner Hoffnungen stehen. Er schreibt zwar danach noch tapfer sein Schweizerblatt, Woche für Woche; aber daß es eigentlich keine Leser hat, das nimmt er nun erst wahr. Als die ersten dreißig Abendstunden von Christoph und Else erscheinen, die wie ein Katechismus des bäuerlichen Lebens in alle Strohhütten gehen sollen, ist die Wirkung so schwach, daß der Verleger das Buch nicht weiter drucken will. Unterdessen singen die Blätter das Lob von Lienhard und Gertrud unablässig weiter, bis der kleinste Kalender davon voll ist. Ich habe das Pferd vorn und hinten eingespannt, denkt Heinrich Pestalozzi; und da auch der Verleger um eine Fortsetzung seines Romans drängt, gibt er sich tapfer daran, seine Pläne an dem Dorf Bonnal seiner Dichtung zu versuchen und statt Ermahnungen und Vorschlägen die Darstellung einer angeblichen Besserung zu geben. Ehe er es hofft, ist ein zweiter Band von Lienhard und Gertrud fertig, aus dem nun der Ratsschreiber Iselin die dankbare Widmung an seinen Schatten nicht mehr ausstreichen kann. Die Neugier hilft, daß er diesmal noch gelesen wird; aber die den ersten Band gepriesen haben, sind an dem zweiten enttäuscht und finden, daß der Verfasser sich wiederhole und in der langen Jugendgeschichte des Hummelvogtes nur eine überflüssige Nachrede brächte. Es ist mit dem Ruhm und der Wirkung seiner Schriftstellerei wie mit einem der Bäche im Kalkgebirge, die irgendwo stark aus dem Boden brechen, eine Zeitlang trügerisch in der Sonne fließen und dann wieder im Gestein verschwinden.


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