59.
Daß Heinrich Pestalozzi durch den Pfarrer seines Buches die Jugendgeschichte des Hummelvogtes so ausführlich erzählen läßt, kommt nicht von ungefähr. Das Jaköbli ist nicht nach seinen Hoffnungen geraten; in den sechs Jahren der Armenanstalt ist es als Sohn der Hausmutter vor dem Gesinde und den Zöglingen von selber der Prinz geworden, an dem die einzelnen sich ein Wohlwollen verdienen wollen; im wechselnden Drang der häuslichen Umstände danach zwischen die überlieferten Erziehungsansichten der Mutter und die neumodischen Absichten seines Vaters gestellt, hat seine Natur nicht die Ruhe an den Wurzeln gehabt, die Kindern das Nötigste von aller Wartung ist. So ist er mit zwölf Jahren wohl ein großer Knabe geworden, aber ohne Festigkeit und geplagt von dem Eigensinn seiner reizbaren Art, die zwischen der Heftigkeit des Vaters und der zärtlichen Liebe der Mutter ihre Hinterhalte hat.
Was an Abhärtung getan werden konnte, um der Weichlichkeit seiner Natur zu begegnen, das hat Heinrich Pestalozzi spartanisch an ihm geübt, auch ist er mit List und Stärke dabei gewesen, seinen kindlichen Eigensinn zu brechen — bis der gefährliche Untergrund dieser Eigenschaften im Ausbruch seiner Krankheit herzschneidend zutage kommt. Es ist in der Zeit, da die Stimme anfängt zu wechseln; er hat einen Korb mit Pflanzkartoffeln aus dem Keller holen sollen und kommt nicht wieder. Als Heinrich Pestalozzi heftig hinunterläuft, sitzt er verträumt vor einem Spinnennetz; dieÜberraschung mag zu jäh gekommen sein: ehe Heinrich Pestalozzi bei ihm ist, tut der Knabe einen Schrei und fällt hin wie ein Toter. Doch hat er ihn kaum an der Schulter gefaßt, als das Leben mit unheimlichen Zuckungen wieder anfängt. Das fallende Weh rast in ihm und Heinrich Pestalozzi, der als eifernder Vater zu hadern gekommen ist, sieht sein armes Kind in dem fahlen Kellerlicht Mächten überliefert, die seiner Strenge wie seiner Liebe spotten. Erst als alles vorüber ist und der Knabe aus tiefer Bewußtlosigkeit erwacht, wagt er die Lisabeth zu rufen.
Seine Hoffnung, daß es ein einzelner Anfall gewesen sein möge, wird nicht erfüllt; die Krankheit kommt zurück und steht seitdem warnend hinter jedem ärgerlichen Wort, das er dem Knaben sagen will. Das Grauen nimmt ihm für lange den Mut; denn deutlicher als jemals sieht er, wie das Schicksal des Menschen als einer Kreatur nicht an eigene oder fremde Verschuldung allein gebunden ist, wie Glück und Unglück aus den Naturgründen des Lebens kommen und alle sittliche Sorgfalt zu verhöhnen scheinen. Lange versucht er, das Unheil Anna zu verheimlichen, die bei dem ersten Anfall in Hallwyl war; als sie es eines Tages doch erlebt — sie sind in den Letten hinaus spaziert und müssen ihn da in den rotblühenden Klee legen — meint er in dem entsetzten Blick der Mutter einen Vorwurf zu spüren, der ihm lange nachgeht und bald darauf eine peinliche Ergänzung findet. Er hört, daß die Leute in Birr der unvernünftigen Abhärtung — den Knaben von kleinauf, auch im Winter, im eiskalten Brunnenwasser zu waschen —die Erkrankung zuschreiben. Die Gewohnheit behält immer recht! sagt er bitter, aber ein grausamer Rest ihrer Schadenfreude bleibt zurück und quält ihn mit Zweifeln, ob er dem Knaben ein rechter Vater gewesen sei. Er sieht nun erst, daß der Jakob kaum lesen und schreiben kann und auch sonst gegen die Kinder seines Alters zurück ist. Am Ende kommt er mit Anna überein, ihn für ein Jahr oder zwei nach Mülhausen in eine Erziehungsanstalt zu geben, die ihm durch seinen Vetter, den Doktor Hotze in Richterswyl, empfohlen ist; die zage Hoffnung auf seine Heilung muß ihnen über den schweren Abschied forthelfen.
Auf der Rückreise sucht er einen Herrn Battier in Basel auf, der ihm noch durch Iselin bekannt geworden ist; ein Kaufmann, der fest im Sattel seiner zahlreichen Geschäfte sitzt, aber allen menschenfreundlichen Dingen mit der Kraft seiner unabhängigen und kühnen Natur zugewandt blieb; der will den Jakob nachher in die Lehre nehmen. Vorläufig aber hat er von all den kläglichen Nöten gehört, in denen der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud immer noch lebt, und setzt ihm hartnäckig zu, eine Liste seiner Schulden und Verpflichtungen aufzustellen. Es wird eine quälende Stunde für Heinrich Pestalozzi, in dem blitzsauberen Kontor und vor dem schneeweißen Halstuch dieses Kaufmanns seine verzwickte Lage zu offenbaren; auch vermag er aus der Erinnerung unmöglich durch den Urwald seiner Bedrängnisse hindurch zu kommen. Er weicht ihm schließlich aus mit dem Verspruch, ein genaues Verzeichnis seiner Güter und ihrer Belastung aufzuschreiben;aber der Kaufmann ist nicht für Ausflüchte: dann wolle er sich, wenn es ihm recht sei, den Neuhof einmal selber ansehen, und zwar gleich andern Tags, da er doch in Geschäften nach Zürich müsse!
So kommt Heinrich Pestalozzi am nächsten Morgen nicht bescheiden mit der Post aus Basel fort, wie er gedacht hat, sondern in dem blitzblanken Reisewagen des Kaufmanns Battier mit zwei Apfelschimmeln, die den Postwagen schellenklingelnd überholen und auch weiterhin nicht wie die Postgäule bei jeder Steigung aus dem Trab fallen. Mein Leben hat zwei Straßen, sagt er seinem unternehmenden Begleiter, als er Stück für Stück der wohlbekannten Landschaft flinker als sonst nahen sieht: auf einer bin ich von Zürich gekommen und die andre bringt mich zeitweils nach Basel; es will mir scheinen, daß die Basler mir allmählich geläufiger wird! Das ließe sich ändern, sagt Battier und legt ihm von hinten — als ob er ihn umarmen wolle — die Hand auf die Schulter: Wenn Sie selber nach Basel zögen, wäre es wieder nur die eine Straße, auf der Sie gekommen sind, und zu Ihrem Sohn hätten Sie es näher!
Es zeigt sich bald, daß dies nicht nur eine Augenblicksrede war; denn als der Kaufherr noch am selben Nachmittag stundenlang unermüdlich gewesen ist, jeden Acker in Augenschein zu nehmen, mit vielen Scherzen, als ob das alles nur ein Spaß dem schönen Wetter zuliebe wäre, und als sie danach bei einem Glas Landwein in der Stube sitzen, holt er aus seiner Tasche ein Bündel Papiere heraus, die längst schon in der saubersten Ordnung enthalten, was er soeben gesehen hat: jedenAcker nach seinem Tageswert abgeschätzt, und daneben das Verzeichnis aller noch ungelöschten Schulden und Verbindlichkeiten in einer Vollständigkeit, daß Heinrich Pestalozzi erstaunt und erschrocken zugleich ist; denn wenn es vor den Augen eines nicht einmal übel gesinnten Geschäftsmannes so mit ihm steht, brauchte nur das Soll mit dem Haben vertauscht zu werden und die Rechnung ginge so auf, daß er in der Mitte mit nichts übrig bliebe. Er muß an den Bankier aus dem Geschwundenen Schwert in Zürich denken, der damals auch so im Handumdrehen seinen Besitz beaugenscheinigte; nur daß der Basler sich den Bericht des Bedienten anscheinend schon vorher verschafft hat. Aber dann kommt statt der Enttäuschung von damals die Überraschung: das sei der Vermögensstand von heute; aber wie die Felder ständen und wie sie durch resolute Behandlung werden könnten, in dieser Differenz läge ein möglicher Zukunftsgewinn für einen praktischen Mann, der den Neuhof heute zu dem gültigen Satz übernähme. Dieser Käufer wolle er selber sein und ihm also schon jetzt die Zinsen des zukünftigen Wertes als eine Rente zahlen, die ihn und die Seinen mit einem Schlag sorgenlos mache und ihm erlaube, ungehindert seiner Schriftstellerei zu leben!
Heinrich Pestalozzi spürt die herzliche Absicht in dem Vorschlag; er sieht, wie der Mann glüht, ihm wohlzutun: aber er ist den schmerzlichen Blick noch nicht los, mit dem er seinen Knaben in der Franzosenstadt im Elsaß gelassen hat. Es ist ein blauer Himmel, der sich da nach Gewitter und Nebelschwaden auftut; nurwürde er seinem Sohn das Erbe ableben, wenn er den Vorschlag annähme! Auch wäre es für ihn selber ein Verrat an seinen Plänen, die er heimlich viel ernsthafter trägt, als der Basler ahnen kann, der schließlich wie die andern auch nur den Schriftsteller in ihm sieht. Er nimmt die angebotene Frist bis zur Rückkehr aus Zürich an, lässt den Kaufmann mit fröhlichem Peitschenknall gegen Abend nach Baden fahren und steht winkend an der Straße. Aber als Battier nach drei Tagen wiederkommt, ist er mit Anna tapfer entschlossen, nicht die verlockende Fahnenflucht zu machen, sondern nach soviel überstandenen Bedrängnissen auszuharren und, sei es selbst durch bittere Nöte, dem Sohn das Hoferbe zu erhalten.
Battier nimmt die Absage seines edel gesinnten Vorschlags zunächst als Eigensinn, und er sagt das auch in der ersten Verstimmung, sodaß es diesmal einen unbewinkten Abschied gibt. Aber schon nach drei Tagen ist ein fröhlicher Brief von ihm da, als ob nichts anderes im Vorschlag gewesen wäre: er wolle die drängenden Schulden auf sich nehmen ohne Kauf und Verzinsung, nur gegen eine bestimmte Anerkennungsgebühr. Jetzt braucht es also nur, sagt die Lisabeth, der er den Brief zeigt, daß ich fleißig bin und daß der Herr Pestalozzi nicht über jeden Bettler mit einem Gulden herfällt!