60.
Unterdessen geht Heinrich Pestalozzi schon gegen die Vierzig; es kann ihm geschehen, daß er wie ein uralter Rabe dasitzt und über die Trümmerfelder seiner Mannesjahrewehmütig in die ferne Jugend denkt. Die erste Neugier um den Einsiedler auf Neuhof hat sich längst gelegt, und es ist selten, daß ein Wanderer oder gar ein Wagen den Weg zu ihm aufs Birrfeld findet. Solange der Knabe noch dagewesen ist mit seinen Spielen und Gesprächen, hat die Einsamkeit nur zum Besuch kommen dürfen; nun wohnt sie in seiner verlassenen Kammer und macht sich täglich breiter im Haus. Die einzige Verbindung mit den Vorfällen der Welt besorgt die Schaffhauser Zeitung, die Heinrich Pestalozzi Samstags im Gasthof zum Sternen in Brugg liest. Da ihm der Weg dahin allmählich zu mühsam wird, namentlich bei schlechtem Wetter, hat er sich angewöhnt zu reiten. Sein struppiges Pferdchen ist, wie die Bauern sagen, genau solch eine Vogelscheuche wie die Pestilenz selber, und da er immer noch die Gewohnheit seiner Jugend hat, das Tier mit dem Zügel im Trab zu halten, gibt er einen merkwürdigen Reiter ab, dem die vornehmen Kurgäste aus Baden oder Schinznach mit spöttischem Vergnügen begegnen.
Als er so eines Samstags sein Pferd am Sternen angebunden hat und drinnen bei einem Kirschwasser die Schaffhauser Zeitung liest, ist ein Fremder da, der ihn ungeduldig abwartet, ihn dann aber klug in ein Gespräch verwickelt, daß Heinrich Pestalozzi bald merkt, einen Mann von Kenntnissen vor sich zu haben, der auch seine Schriften und Taten genau kennt, obwohl er sonst wie ein Handelsmann aussieht. Ehe er noch eine Absicht des Mannes merkt, hat der ihm beigebracht, daß seine wie alle ähnlichen Mißerfolge nur von derVereinsamung der einzelnen Menschenfreunde kämen, die wie die Prediger in der Wüste lebten und auf die zufälligen Bekanntschaften angewiesen wären. Wenn die sich etwa an den Jesuiten ein Beispiel nehmen und sich zu einer Gemeinschaft der Heiligen zusammen tun wollten, würde der Einzelne mit einem Schlag eine Macht bedeuten. Nur dürfe es keine öffentliche Gesellschaft mit dem Ehrgeiz der Führer und der Scheu der einzelnen Mitglieder sein: Wie zum Beispiel der Geheimorden der Illuminaten Hunderte von Mitgliedern hätte, deren keins das andere persönlich kenne, weil jedes nur mit einem selbstgewählten Namen geführt würde, aber unter diesem Decknamen mit jedem einzelnen korrespondieren könne, und zwar mit vermögenden und hochstehenden Persönlichkeiten.
Das Gespräch dauert bis in die Dunkelheit, und Heinrich Pestalozzi hätte es gern noch fortgesetzt, so beglückt ihn diese geheimnisvolle Möglichkeit, seine Ideen bei Ministern und Fürsten anbringen zu können. Aber der Fremde, der seinen Stand und Namen nicht einmal andeutet, muß mit der Post nach Baden zurück, von wo er gekommen ist. Er sagt ihm noch, daß eine Nachricht von Augsburg kommen würde, die er an die selbe Stelle beantworten möge, und läßt ihn in einem Schwall von Hoffnungen zurück, mit denen er nachher in einem gespenstischen Galopp durchs nächtliche Birrfeld reitet.
Durch diese Begegnung ist der Docht seiner Pläne wieder ins Glimmen gebracht; tiefer als jeder andere glaubt er die Not des Volkes zu kennen; während die Wohltätigkeit vergeblich an den bösesten Löchern flicktund, wie er sagt, die Gerechtigkeit in der Mistgrube der Gnade verscharrt, hält er die Menschenbildung als Heilmittel in der Hand. Er hat von dem Herzog von Württemberg gehört, der mit den Seinen als einfacher Landmann lebt; nun spürte er in der Rede des seltsamen Fremden einen Hauch dieses Geistes aus Deutschland herüber wehen, und als die angekündigte Schrift aus Augsburg kommt, tritt er mit weitgreifenden Hoffnungen in den Bund der Illuminaten ein, obwohl ihm die Geheimniskrämerei daran von Anfang an mißbehagt.
Er legt sich nach dem sagenhaften König der Angelsachsen den Namen Alfred zu und ist mit fiebrigem Eifer dabei, ein Memorial nach dem andern in den namenlosen Bereich des Ordens hineinzusenden, wie ein geschäftiger Apotheker sein Heilmittel anpreisend. Es gelingt ihm auch bald, über seine Vorschläge zur Menschenbildung mit einflußreichen Persönlichkeiten in einen direkten Briefwechsel zu kommen, unter denen der Herzog von Toskana und Graf Zinzendorf, der Minister Josefs II. in Wien, die wichtigsten sind. Von allen Zeiten seines Lebens ist diese nun die seltsamste, wo er sich in der bäuerlichen Verborgenheit des Neuhofs allmählich seinen Landsleuten aus dem Augenkreis verschwinden und den Ruhm seiner Schriftstellerei nach jedem neuen Buch mehr versiegen sieht, während er mit Ungestüm an das Gewissen von Ministern und Fürsten klopft. Den ersten Teil von Lienhard und Gertrud hat er noch im Angesicht des Birrfeldes geschrieben, und die Abendstunden von Christoph und Else haben als Katechismus in die Strohhütten gesollt: nun wachsensich die beiden letzten Bände von Lienhard und Gertrud immer mehr in Gesetzesvorschläge hinein; aus dem Ungetüm der Wirtshäuser wird das Ungetüm der Verwahrlosung überhaupt, und an die Regierenden in Europa geht sein Aufruf, es mit dem Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu bekämpfen.
Er ist acht Jahre älter geworden seit dem ersten Band, als er den vierten hinaussendet, und er stapft schon mit einem Fuß auf die Fünfziger zu; die Straßen nach Basel und Zürich geht er nun gleich wenig, wohl aber studiert er auf der Karte die Reise nach Wien, wo Zinzendorf sich immer mehr für seine Dinge erwärmt und wo der Glanz des Kaisers seine Hoffnungen anlockt. Für die Bauern im Birrfeld bleibt er die Pestilenz, die sie nun schon wie etwas Zugehöriges über die Straßen reiten oder Sonntags in der Kirche nach seiner Gewohnheit am Halstuchzipfel lutschen sehen; für die weitere Heimat ist er die Vogelscheuche seines Ruhms geworden, die immer noch den unnützen Phantastereien seiner Jugend nachhängt und sich den letzten Ausweg zum Wohlstand als Schriftsteller mit dem angeborenen Ungeschick verbastelt hat.