61.
Lisabeth, die Magd, ist in den Jahren fleißig und sparsam gewesen, wie sie Heinrich Pestalozzi versprochen hat; sie hält die verkleinerte Wirtschaft über Wasser, bis der Jakob sie übernehmen kann. Der ist aus Mülhausen durch den tapfer sorgenden Battier in seine Handlung in Basel übernommen worden, um einmalbesser als sein Vater für die geschäftliche Führung gerüstet zu sein. Doch läßt ihn seine Krankheit nicht mehr los; als er wieder auf den Neuhof kommt, ist es auf den ersten Blick ein großer und starker Jüngling, aber für Heinrich Pestalozzi stehen ihm die Spuren seines Zustandes zu grausam im Gesicht, als daß er seiner froh werden könnte.
Er ist ein Vierteljahr da, als der Vater Annas in seinem fröhlichen Greisentum kränkelt; der Tod nimmt ihn weg, bevor ein längeres Siechtum ihn mißmutig machen könnte. Sie begraben ihn an einem harten Wintertag hinter dem kleinen Schulhaus in Birr; auch die Brüder Annas sind da, und einer entäußert sich des gemeinsamen Verdrusses, daß sie nun ihren Vater, der doch ein Zürcher Bürger und Zunftpfleger gewesen sei, auf dem bäuerlichen Kirchhof im fremden Aargau begraben müßten, alles um der Projekte seines Schwiegersohnes willen! Heinrich Pestalozzi weiß, daß ihn viel mehr die Unstimmigkeiten mit den Söhnen auf den landfremden Altenteil getrieben haben — wodurch ihm die eigene Mutter scheu in der Einsamkeit des Roten Gatters geblieben ist — er hört aus den Worten des Schwagers schon die Entscheidungen heraus, die nachher kommen sollen, als es gilt, den Rest der Erbschaft aus dem Pflug zu teilen; denn so fern die Geschwister Schultheß allem stehen, was nach einem Erbstreit aussehen könnte, so wenig verhehlen sie ihre Besorgnis, daß auch der letzte Teil Annas in neuen Plänen verschwinden möge. Es findet sich auch eine Klausel im Testament, und ehe sich Heinrich Pestalozzi dessen versieht,ist er in endlose und manchmal hitzige Verhandlungen verwickelt, in denen sein eigener Sohn den Prozeßgegner vorstellt. Es wird schließlich ein Pakt gemacht, laut welchem er seinem minderjährigen Sohn Jakob den Neuhof für sechszehntausend Bernergulden verkauft; doch erhält er dieses Geld nicht, sondern es werden damit die Brüder Annas und andere Gläubiger abgelöst.
Es ist eine klare Regelung, und Heinrich Pestalozzi kann mit dem Ergebnis zufrieden sein, da es den Neuhof für seinen Sohn sichert, wie er es selber gewollt hat; auch werden die Beratungen mit dem Respekt geführt, den man dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud schuldig zu sein glaubt: aber das mildert nur wenig an der Grausamkeit, mit fünfundvierzig Jahren schon ausgezogen und auf die freiwillige Unterhaltung durch seinen Sohn gesetzt zu sein! Und bitterer noch als dieses Ergebnis sind die Bedenken, die dahin führten und die ihn — so sehr es auch verklausuliert wird — gleich einem Verschwender entmündigten.
So bin ich denn lebendig begraben! spottet Heinrich Pestalozzi grausam, als er seinen Namen unter den Vertrag gesetzt hat und unter dem Vorwand, in Bern mit dem Herrn von Fellenberg unterhandeln zu müssen, nicht mit Anna auf den Neuhof zurückgeht. Er kommt an dem Tag nur bis Kirchberg; denn als er da gegen Abend mit der Post durchfahren will, erschüttert ihn der Anblick der bekannten Fluren so, daß er aussteigt und sich in wehmütige Erinnerungen verliert. Es sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, seitdem er hiergelernt hat, und da der Vater Tschiffeli seit zehn Jahren in der Erde liegt, stehen die Felder längst nicht mehr von ihm bereitet da. Die Krappkultur ist auch hier bis auf spärliche Reste eingegangen, und wo damals junge Alleen führten, hängen jetzt vereinzelte Bäume verwildert im roten Laub: Ich bin Landwirt geworden, sagte er, wie ein Brot in den Backofen sollte; da haben sie mich vergessen, und ich bin in den Krusten vertrocknet!
Es fällt ihm ein, wie er hier mit Anna umher gegangen ist, mehr sie den Leuten, als ihr die Dinge zeigend; und weil sie damals einen Ausflug nach Burgdorf und seinem ragenden Schloß gemacht haben, läuft er noch am selben Abend durch den Mondschein dahin. Er kommt erst in der Nacht an und sieht nur noch im Unterdorf Licht in einer kleinen Wirtschaft, weil eine Kuh kalbt. Da findet er zwar ein Lager, aber er schläft nicht bis in die Frühe, und als dann endlich die bleierne Ermüdung auf seine rastlosen Gedanken gefallen ist, wird er bald wieder aus dem Morgenschlaf geweckt. Er träumt, daß er noch eine Armenanstalt habe und sich eifrig mit den Kindern plage; aber wie er wach wird, ist es die Hintersassenschule nebenan mit ihrem Lärm. Es lockt ihn nachher, als er mit der Morgensuppe fortgeht, die Schultür zu öffnen und in den Raum hinein zu sehen, wo immer noch wie damals in der Hausschule zu Zürich der Lehrer mit einem Stock schreiend in der Klasse herum wandert. Der Mann bemerkt ihn gleich und läuft unwirsch auf ihn zu: was er wünsche? Heinrich Pestalozzi sieht an seiner Schürze, daß es ein Schuhmacher ist, und die Bitterkeit schießt ihm auf, daß in der Schuledas gleiche Elend geblieben ist durch vier Jahrzehnte: Ich wünsche, daß dies anders werden möchte! sagt er und geht fort, während der verdutzte Schulmeister in der Tür steht und dem Landstreicher nachsieht.
Von Burgdorf nach Bern sind es fünf Stunden; er braucht den ganzen Tag dazu. Ich komme doch überall Zu früh, sagt er doppelsinnig zu sich selber, indem er bald hier, bald dort seinen Einfällen nachgeht und so schließlich erst gegen Abend vor dem Stadttor steht, bestaubt von der Straße und auch sonst unansehnlich genug. Zufällig sieht ihn da der Offizier der Wache, dem er verdächtig scheint; er fragt ihn nach seinem Namen, den er nicht weiter kennt, und da der Wanderer an seinem Halstuch lutschend ihm blöd vorkommt, läßt er ihn ohne weiteres als einen Landstreicher abführen. So kommt Heinrich Pestalozzi statt zu dem Ratsherrn von Fellenberg ins Fremdenarmenhaus, und seine Stimmung ist so, daß er sich nicht einmal ungern dahin abführen läßt; es ist ihm oft genug von den Züricher Freunden als sein sicheres Ziel prophezeit worden. Meines Besitzes ledig, ohne Amt oder Beruf, auf nichts als auf die Einfälle meiner Feder gestellt und auch damit längst nicht mehr willkommen: was bin ich vor ihrer bürgerlichen Ordnung anders als ein Bettler!
Als er seine Suppe und nachher ein Bett erhält, die eine wohlschmeckend und das andere sauber, vergeht sogar seine düstere Stimmung: er findet sich besser aufgehoben als zur vergangenen Nacht in Burgdorf, und die Freude, daß für die anwandernden Armen in Bern so gut gesorgt ist, macht ihn fast fröhlich. Er schläft gut,ißt andern Morgens in der Frühe wieder seine Suppe und macht sich Freund mit seinen Leidensgenossen. Ich habe eine Frau, ein Gut und einen Sohn gehabt, es ist ein Strudel von Sorgen und Aufregungen um mich gewesen, ich bin berühmt geworden mit einem Buch und wieder vergessen mit einem andern: aber alles das war mein Leben nicht! Ich hätte arm sein und bleiben sollen wie einer von diesen; das andere hat mich vom Notwendigen abgebracht und in tausend Alltäglichkeiten verstrickt, die nicht die Atemzüge wert waren, die ich dran wandte!
Er bleibt noch bis gegen Mittag da; erst, als er nachher eine Weile spazieren will, merkt er, daß sie ihn gefangen halten, und schickt dem Herrn von Fellenberg einen Zettel. Es dauert nicht eine halbe Stunde, so kommt der Ratsherr selber angeritten, und der Aufseher kann sich nicht genug verwundern, wie er vom Pferd springt und dem angeblichen Landstreicher um den Hals fällt. Hernach scheint er gereizt genug, sie alle um das Versehen anzufahren; aber Heinrich Pestalozzi legt ihm sogleich die Hand auf den Arm und lächelt ihn listig an mit allen Runzeln seines Gesichtes: Ich wollte doch nur sehen, wie ihr mit Betten und Suppen für die Landarmen sorgt!