62.
Erst als er mit dem Ratsherrn, der sein Pferd am Zügel führt, durch die Straßen von Bern geht, gesteht sich Heinrich Pestalozzi den Zweck seiner Reise ein: Fellenberg hat ihn dem Grafen Zinzendorf empfohlen; nunwill er seinen Rat und andere Weisungen für Wien holen, denn nichts anderes als eine Wanderung dahin hat er im Sinn. In den Neuhof zurückzukehren, scheint seinem Trotz unmöglich, und sonst gibt es in der Schweiz nichts mehr für ihn zu tun; in Zürich, Basel und Bern, überall ist er der lästige Projektemacher. Zinzendorf war ziemlich der einzige, der ihm über den vierten Teil von Lienhard und Gertrud begeistert geschrieben hat; wenn er ihm unter die Augen träte — er hat sich den Augenblick hundertmal ausgemalt — könnte es garnicht fehlen, daß der Minister auch eine Stelle fände, sein Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu versuchen!
Fellenberg scheint diesen Reiseeinfall zunächst für einen Witz zu halten; er fitzt ein paarmal mit der Reitgerte durch die Luft und lacht dazu, als sie nachher miteinander auf einer Fensterbank sitzen: Das wäre allerdings keine üble Szene, wenn er in Wien als Wunderdoktor aufträte! Aber als Heinrich Pestalozzi mit einem Freudenruf aufspringt und redend ins Zimmer läuft, wie wenn er schon vor dem Grafen stände, wobei er sich freilich in einen Teppich verfängt und stolpert, fällt der Ratsherr ihm in den Arm, setzt sich aber gleich hin, ingrimmig lachend und den Kopf abermals schüttelnd wie einer, der mit seinem Verstande zu Ende ist. Je mehr sich Heinrich Pestalozzi in die Einzelheiten seines phantastischen Plans hinein redet — wie er als dramatischer Dichter versuchen will, dem ganzen Hof ins Gewissen zu reden — je schweigsamer wird der andere; bis beide schweigen und Fellenberg sich mit aller Gewandtheit seiner Diplomatie daran gibt, das Schaukelbrett wegzuziehen,darauf die Pläne seines Gastes gebaut sind: Der Wiener Hof und der Graf Zinzendorf hätten zur Zeit andere Dinge zu bedenken; der Kaiser Josef, durch dessen Eifer alle Mühlen in Österreich so eifrig am Mahlen gewesen wären, läge sterbenskrank darnieder, verbittert am Widerstand seiner Zeit. Er würde ihn wohl kaum noch lebend finden, wenn er in Wien ankäme; und so große Hoffnungen auch auf seinen Bruder Leopold, den Herzog von Toskana, als seinen Nachfolger zu setzen wären — Heinrich Pestalozzi habe ihm ja immediat schreiben dürfen und besitze sicher einen Gönner in ihm — er würde den Staat in einer Verfassung finden, die fürs erste auf andere Dinge als noch mehr Reformen ginge! Und was er sich sonst unter Wien und seinem Hof vorstelle? Es könne ihm passieren, daß er, einmal versehentlich ins Armenhaus gebracht, nicht so leicht wieder herauskäme wie hier. Jedenfalls würde ihn der Graf Zinzendorf kaum selber herausholen!
Es hilft nichts, daß Heinrich Pestalozzi seine Gegengründe mit den Armen heran bringt, diese Dinge kennt der Ratsherr besser als er; und da der ihm weder in Bern noch sonst in der Schweiz einen Platz für seine Experimente weiß, tritt er nach drei Tagen, gedemütigter als er gekommen ist — trotz aller ehrenden Sorge des Ratsherrn — seine Rückreise nach dem Neuhof an. Da es sein muß, vermag er den Weg nicht durch eine neuerliche Wanderung in die Länge zu ziehen; er fährt mit der Post und langt nach einer durchrumpelten Tagesfahrt nachmittags in Lenzburg an, von da über den Berg zu laufen. Er will sich im »Löwen« noch stärken fürden Marsch, als ihm sein Sohn aus der Tür mit einem Mädchen entgegentritt, das er nach der ersten Überraschung als eine Brugger Tochter namens Fröhlich erkennt, die auch schon einigemal im Neuhof gewesen ist. Die beiden haben sich, wie sie abwechselnd errötend sagen, zufällig hier in Lenzburg auf dem Markt getroffen und wollen mit ihren Eltern im Wagen nach Brugg heimkehren. Da er ablehnt, mitzufahren, und der Wagen schon wartet, treten sie garnicht mehr mit ihm ein; so kommt er trotz der Begegnung allein mit dem Abend ins Birrfeld hinunter, nun völlig sicher, daß kein Platz mehr für ihn und seine Pläne auf dem Neuhof ist.