65.

65.

Seit diesem Tag ist ein Schein in der Welt, der Heinrich Pestalozzi das Blut unruhig macht; er fühlt, daß es die Sache der Menschheit ist, die in Paris verhandelt wird, und soviel Greuel da mit Greueln totgeschlagen werden: er wartet aus der wilden Mordnacht getrost auf ein Morgenlicht, das auch seinen Dingen scheinen soll. Für ihn bedeutet die Verkündigung der Menschenrechte auch die der Menschenpflichten; während die Franzosen ihrem König den Kopf abschlagen, schreibt er in einer glühenden Schrift sein klares »Ja oder Nein« zu dem Aufruhr der verwahrlosten Menschennatur; und weil er sieht, wie nun das Christentum von denen zur Hilfe gerufen wird, die es bisher nicht brauchten, scheut er sich nicht, die Übereinstimmungder christlichen Lehre mit den sozialen Forderungen der Revolution in einer zweiten Flugschrift darzulegen. Aber er findet keinen Drucker in der Schweiz für diese Kühnheiten, und seine Freunde sind erlöst, daß er sie ins Schubfach legt.

Indessen Heinrich Pestalozzi so die flackernden Brände der Zeitgeschichte in den Spiegel seiner Ideen nimmt, sitzt er selber noch überflüssig auf dem Neuhof im Altenteil; so kommt ihm eine Anfrage seines Vetters, des Doktors Hotze, recht: Der will eine längere Reise nach Deutschland machen, wo seine Tochter einen Herrn von Neufville in Frankfurt heiratet, und er soll ihm über den Winter das Haus in Richterswyl hüten. Er sieht sich als stellvertretender Hausherr in die Sorglosigkeit eines wohlhabenden Hauses am See verpflanzt, den Freunden in Zürich mit einer nicht zu umständlichen Schiffahrt erreichbar und mitten in einer Landschaft, die ihn mit den letzten Gesängen der Weinernte umfängt und gegen das rauhe Birrfeld ein einziger Garten ist. Zum erstenmal in seinem unrastigen Mannesleben weicht die Täglichkeit der Sorgen von ihm zurück, und während er in den ersten Tagen sein zeitweises Besitztum abschreitet, gegen den See hinunter und bis an den Wald hinauf, kommt es ihm vor, als habe er in seinem Leben noch keinen Spaziergang gemacht.

Wie er nun eines Tages unten am See sitzt und sich von der letzten Wärme der Herbstsonne durchschauern läßt — es ist dieselbe Stelle, wo ihn die Mutter damals auf den Armen ins Haus holte — muß er an den Knaben im Federhut denken, der es unterdessen beiden Kaiserlichen zum General gebracht hat. Wo sind meine Taten? fragt er da in die blausonnige Seewelt hinaus, und alles, was er an großen Dingen versuchte, erst mit seinen mißlungenen Gründungen, danach mit seiner Feder, scheint ihm ärmlich und zerstreut. Wohl hat er mit Lienhard und Gertrud einen Plan aufgebaut, wie der verwahrlosten Menschheit zu helfen wäre, aber der Plan ist auf das Herrenrecht gegründet gewesen, das er nun überall wanken sieht. Er ist nicht auf den Grund der Menschennatur gegangen, er hat seine Vorschläge an Verhältnisse geklebt, die sich vor der großen Abrechnung, die nun kommt, nicht halten können, und so bröckeln sie mit ihnen hin. Nichts scheint ihm fest in dieser Zeit, als der Gedanke der menschlichen Verpflichtung, der sich im Schicksal der Tage aufringt und aus dem allein die Ordnung der Zukunft kommen kann.

Er sitzt noch mitten in dieser Rechnung, als er drei Männer vom Haus herunter an den See kommen sieht, von einer Magd zu ihm gewiesen: Landfremde, die er aus Zürich kennt, zwei Deutsche und der dänische Dichter Baggesen; der eine Deutsche aber, namens Fichte, hat die Tochter einer Freundin in Zürich geheiratet und ist ihm dadurch wie durch den Steilflug seiner Gedanken vertrauter geworden. Wie die drei gerade in dieser Stunde daher kommen, wird ihm alttestamentlich zumut, so wohl tut ihm ihre Gegenwart. Noch sind sie keine Stunde da, als er schon tief im Gespräch ist, wie nichts nötiger sei als eine Nachforschung über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Die Abrechnung mit der alten Zeit ist da, und allein aus derNatur kann die Formel für die neue gefunden werden. Er hat ein Gefühl, als ob ihm in der Tiefe ein Strom aufgebrochen wäre, daraus seine Rede zur Sprache des Lebens selber würde. Und da es Männer sind, die wie er diese Zeit im Innersten erleben, die nicht wie die Regierenden und Besitzenden händeringend um die bedrohte Macht und ihren Reichtum dastehen, sondern in sich die Seele und das Schicksal ihres Volkes und der Menschheit fühlen, spricht er nicht rauben Ohren. Der Tag geht hin und die halbe Nacht; und obwohl sie kaum Wein dazu trinken, ist ein Rausch in ihnen, daß sie sich aller Dinge kraft ihres Geistes mächtig fühlen.

Als gegen Mitternacht der Mond aufgeht, treten sie noch einmal hinaus, wo eine alte Linde ihre Äste über den Hof senkt. Das ist unser Freiheitsbaum, sagt Heinrich Pestalozzi und faßt die Hände seiner Nachbarn: seine Wurzeln im Saft der Erde halten die Krone im Wind; kein dürrer Steckling, sondern eine gewachsene Kreatur! Ehe sie es selber merken, hat sich auch Fichte als der vierte eingefaßt, sodaß sie in einem Ring um den Lindenbaum dastehen. Aber der Stamm ist so dick in den Wurzeln, daß sie sich alle vier ihm dicht zuneigen müssen und mehr in einer Umarmung als zum Reigen dastehen: Es ist nichts mit dem Tanzen, sagt Heinrich Pestalozzi, jetzt weiß ich, warum die Freiheitsbäume der Franzosen so dünn sind!


Back to IndexNext