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Heinrich Pestalozzi weiß wie wenige im Land, daß die Freiheit eines Volkes andere Dinge verlangt, als daß ihm die Ketten einer ungerechten Verfassung abgenommen werden: der Baum, den sie im Wald abschneiden und ohne Wurzeln in die Straße pflanzen, scheint ihm ein passendes Sinnbild solcher Freiheit. Er aber ist auf seinem Neuhof der Armennarr geworden, weil er einen Freiheitsbaum mit Wurzeln wollte: Ein Volk, das sind tausend und viele tausend Einzelne; jeder Einzelne aber bringt eine lebendige Menschenseele mit auf die Erde, und wer diesen Seelen ein Gärtner ist, daß sie in der Jugend Wurzeln schlagen können zu einerwirklichen Anschauung der Weltzusammenhänge, tut mehr für die Freiheit, als wer einen neuen Zaun mit prahlenden Fähnchen an den Toren um den Garten zieht. Von allen Figuren um Lienhard und Gertrud steht ihm der Leutnant Glüphi am nächsten, der sich kein besseres Los auf der Welt findet, als den Dorfkindern in Bonnal ein Schulmeister zu sein; und seit dem Tag, da die Helvetische Republik Raum für solche Dinge gibt, brennt Heinrich Pestalozzi vor Begierde, es seinem Leutnant gleich zu tun.

Gleich in den Frühlingstagen der jungen Republik geht er hinüber nach Aarau, sich dem Vaterland anzubieten. Er findet es ungünstig, indem der zuständige Minister, an den er durch Lavater dringend empfohlen ist, noch in Paris weilt. Trotzdem spürt er gleich, daß die Lebensluft der neuen Verhältnisse ihm günstiger weht; sein Name schließt Türen auf, an die er bisher vergeblich klopfte, und als er einen Brief hinterläßt, weiß er sicher, daß in den Aktenfächern kein Stockfisch daraus wird.

Der neugebackene Minister der Künste und Wissenschaften Albert Stapfer ist vordem Professor der Philosophie in Bern gewesen; er kann Heinrich Pestalozzi nicht freundlicher gesinnt sein, als es Iselin und Battier vor ihm gewesen sind, aber seine Ministerhände greifen breiter als die ihrigen; auch kehrt die neue Regierung noch scharf als neuer Besen, und unter den Männern in der Schweiz ist keiner, der aufrichtiger dabei helfen will, als der Einsiedler und Armennarr vom Neuhof. Stapfer ist kaum aus Paris zurück, als ihn die Bürgervon Aarau schon fast täglich mit Heinrich Pestalozzi unterwegs sehen. Er lutscht noch immer an seinem Halstuchzipfel und stellt auch sonst neben dem feinen und gewandten Stapfer einen altmodischen Großvater vom Land vor; aber hier kennen und ehren ihn viele, die ihm nun die lange Schicksalszeit auf Neuhof als ein Martyrium der neuen Herrlichkeit anrechnen; denn in Aarau als Vorort ist man mit der Helvetischen Republik nicht übel zufrieden.

Stapfer, der voll eigener Ideen ist, will zuerst der allgemeinen Schulnot des Landes durch ein Lehrerseminar abhelfen, durch das endlich andere Männer als Schneider und Schuster in die Dorfschulen kämen; er tritt eines Tages auf der Straße mit dem Einfall auf ihn zu, daß er die Leitung übernehme. Aber Heinrich Pestalozzi hat gerade Kindern zugehört, die in einem schattigen Winkel Schule spielen und sich mit dem Prügelstock und Geschrei den Katechismus abhören; die ganze Sinnlosigkeit dieses Betriebes ist ihm aufgegangen als ein Handwerk, das weder Werkzeug noch Fertigkeiten hat, und wehmütig lächelnd entgegnet er dem Minister: Wie soll man etwas lehren können, was noch keiner kann? Es hilft nichts, Bürger Minister, ich muß erst Schulmeister werden!


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