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Heinrich Pestalozzi hat dem Minister den Plan einer Armenschule eingereicht; der ist genehmigt worden, und er wartet auf die Anweisung, wo er beginnen könne, als der neue Besen der Regierung schon im Stiel zuwackeln beginnt. Im Juni soll der Helvetischen Republik der Huldigungseid geleistet werden; aber die Urkantone, die unter dem tapferen Reding den unerbetenen Geburtshelfern aus Frankreich bis zuletzt blutigen Widerstand geleistet und bei Morgarten dem Schlachtenruhm der Väter ein neues Blatt beigefügt haben, bleiben halsstarrig. Sie werden von den französischen Heerhaufen überwältigt, aber sie geben ihr Herz nicht aus der Hand. Ehe Heinrich Pestalozzi es merkt, sieht er sich dem Uhrwerk in Aarau eingefügt, das solchem Widerstand zum Trotz die neue Schweizerzeit einlaufen soll: es gilt, Aufrufe zu schreiben, redlich und einleuchtend genug, zum wenigsten die Gutwilligen für die neue Ordnung zu gewinnen. Es sind keine Nachforschungen mehr, was er schreibt, es sind die quellenden Worte eines Fürsprech, der das Schicksal des Angeklagten in die Macht seiner Rede gelegt sieht. Für ihn ist die Sache Frankreichs die Entscheidung der Menschheit; wenn sich die Schweiz ihr abwendet, ist sie für lange verloren: »Ihr tretet jetzt hin, die Sache der Telle und Winkelriede gegen alle Geßler, die Sache der Völker gegen alle Unterdrücker — die Sache der Kirchen und Schulen, der Vernunft und des Fleißes gegen die Barbarei Dummheit, Bettelei und das Elend zu verteidigen!« Wieder wie in Stäfa steht er mit der Macht seiner Rede im Kampf, aber diesmal geht sie ans ganze Schweizervolk; ihm zuliebe hat er Fürsprech werden wollen aus den Griechenträumen seiner Jünglingszeit, nun ist es zum zweitenmal Wahrheit geworden.

Als auch die Gewalt zu Aarau es mit einem Regierungsblattversucht, den guten Willen und die Einsicht ihrer Machthaber in alle Köpfe zu predigen, ist Heinrich Pestalozzi der Mann des Schicksals, es zu leiten: statt in eine Armenschule sieht er sich in die Redaktion des Helvetischen Volksblattes gesetzt, das vom Herbst ab wöchentlich erscheinen soll. Es wiederholt sich alles, denkt er, der es vordem mit seinem Schweizerblatt schon auf eigene Hand versucht hat. Aber die eigene Hand ist besser daran gewesen, sie hat schreiben können, was sie wollte; hier kommen andere mit ihren Schriftstücken: er ist schließlich nichts als ein Sekretär, der sich mit dem guten Willen und der Torheit seiner Vorgesetzten herumschlägt. Auch was er selber schreibt, wird ihm diktiert, und da er nichts ohne sein Herz vermag, steigert er sich in einen blinden Glauben hinein, aus dem er redet und schreibt, als ob das alles sein Herzblut wäre.

Am 8. September endlich erscheint die erste Nummer, tags darauf aber tut das Schicksal einen Schlag auf seinen Redaktionstisch, daß ihm die Spreu seiner politischen Leitartikel für immer durcheinanderfliegt. Er ist unterdessen mit der Regierung als ihr unlösbares Anhängsel nach Luzern gezogen, der neuen Hauptstadt der Helvetischen Republik, wo ihm die Berge der Telle und Winkelriede, von denen er geschrieben hat, täglich vor Augen stehen. Auch fährt er eines Tages mit Legrand von Basel und anderen Räten aus dem Direktorium über den grünblauen See in die enge Bucht von Stansstad, wo sie unter freiem Himmel eine Besprechung mit den aufständischen Nidwaldern haben, die der Republik den verlangten Eid verweigern. Er ist den Bollwerkender heimatlichen Unabhängigkeit noch nicht so nahe gewesen, und als er aus dem Kahn ans Ufer tritt, möchte er sich vor Ehrfurcht hinwerfen, den heiligen Boden zu küssen. Er sieht aber auch den Husarenkapuziner, wie sie ihn nennen, den Pater Paul Styger, den roten Zünder der fanatischen Volksbewegung; in Todesfeindschaft stehen sie auf dem geheiligten Boden gegeneinander, die in beiden Lagern doch Schweizer und um der selben Heimat willen voller Feindschaft sind. Wie leicht ist der Haß der Menschen aufzurufen und wie schwer die Güte! denkt er und fühlt mit einem schaudernden Blick in sein Leben, daß er nun selber Partei ist: mit anderen, aber nicht besseren Gründen als diese Männer aus Nidwalden auch, die alle ihre Hände wie zum Schwur übereinandergelegt halten und gleich den Stieren ihres Landes dastehen, die vermeintliche Freiheit der Väter zu verteidigen.

Da die Nidwaldener es nicht bei ihrer Weigerung belassen, sondern sich zu zweitausend waffenfähigen Männern um den Husarenkapuziner scharen, die von Uri und Schwyz Zuzug erhalten und so dicht vor den Toren der Hauptstadt Luzern eine böse Gefahr für die junge Republik bedeuten, zumal die katholischen Luzerner selbst mehr zu den Nidwaldenern als zu der ketzerischen Regierung halten: ruft die den General Schauenburg zu Hilfe. Der rückt mit sechzehntausend Franzosen an, das Ländchen zum Gehorsam zu zwingen; drei Tage brauchen sie nach den ersten Schüssen, bis sie vor Stans aneinander kommen, aber dann ist es kein Soldatenkrieg mehr: Frauen und Kinder, alles, was einen altenMorgenstern, ein Beil oder eine Sense tragen kann, ist dabei, und als die Franzosen am Sonntag mittag mit dem Glockenschlag zwölf in Stans einrücken, gilt es nicht den Sieg, sondern den Anfang einer grausamen Metzelei. Es ist den Nidwaldern eingeredet worden, daß es um den Glauben gehe, drum wollen sie lieber sterben, als in die Hände der Ketzer fallen. Jedes Haus wird eine Opferstätte verrückter Menschlichkeit, tief in die Nacht geht der wahnsinnige Kampf, und am Morgen ist das blühende Stans ein rauchendes Ruinenfeld, darin die Leichen wie geerntete Feldfrüchte liegen. Nur der Husarenkapuziner, der ihnen unverwundbare Leiber und Engelscharen versprochen hat, ist über die Berge davon.

Hunderte von Luzernern sind — weil es Sonntag ist — auf die unteren Abhänge des Pilatus und auf den Bürgenstock gestiegen, um dem schrecklichen Schauspiel wie einem Manöver zuzusehen. Heinrich Pestalozzi war nicht unter ihnen, aber er hat in Luzern die fernen Kanonenschläge gehört und noch in der Nacht Nachricht von dem Greuel des Tages erhalten. Drei Tage später fährt er hinüber und sieht den rauchenden Kirchhof, wo die Luft nach den verbrannten Leichen riecht und die schwälenden Rauchsäulen der erstickten Brände den Gefallenen die Totenwacht halten. Lebendiges scheint außer den französischen Soldaten, die mit verbitterten Gesichtern noch immer Totengräberarbeit tun, niemand mehr in Stans zu sein; was die Franzosen nicht niedergemacht haben, ist in die Berge geflohen; nur ein Trüppchen Kinder sieht er, das sich in seiner Verzweiflung unter der Kirchmauer geschart hat und, von einigenSoldaten bewacht, kaum anders aussieht als ein Haufe jungen Schlachtviehs. Er hat im Ranzen Nahrung für sich selber mitgebracht, die teilt er ihnen aus, und was er an Geld bei sich hat, gibt er eilig den Soldaten, daß sie ihm Brot holen unten am See, wo schon Kähne mit Nahrungsmitteln angekommen sind. Auch spricht er mit den Kindern und läßt sichs nicht angehen, daß kaum eines eine Antwort gibt; er vergißt Zeit und Ort um ihrer Not willen und ruht nicht, bis er sie alle in der Klosterscheune gebettet hat, weil im Kloster selber die verwundeten Soldaten bis in den Gängen liegen; erst, als er sie endlich schlafend weiß, sucht er sich selber ein Lager.

So bleibt er drei Tage lang mit ihnen und ist glücklich bewegt, als sich das Trüppchen mehrt; am vierten Mittag findet ihn ein dringender Bote aus Luzern um der fälligen Nummer des Helvetischen Volksblattes willen. Er braucht lange, bis er sich in die Papierwelt seines letzten Daseins zurückbesonnen hat; er schüttelt den Mann, der ihm folgt, jähzornig ab und wäre so ein Armer unter den Ärmsten geblieben, wenn er nicht dem Minister Rengger in die Arme gelaufen wäre, der auch diese Ernte der neuen Regierung besichtigen und einen Bericht machen will: Sollen wir nicht ein paar Tausend Volksblätter kommen lassen, sagt er ingrimmig zu ihm, und die Tränen quellen ihm aus allen Rinnen seines Gesichtes, das Elend einzuwickeln?

Ein Waisenhaus wäre nötiger, sagt Rengger und stellt sich hart wider ihn. Da ist Heinrich Pestalozzi schon am Nachmittag wieder in Luzern, um keine Stunde zu versäumen, das zu erreichen.


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