72.

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Es dauert drei lange Monate, bis die Regierungsherren in Luzern sich einigen, Heinrich Pestalozzi nach Stans zu lassen. Es ist die letzte Wartezeit, doch wird das Vierteljahr ihm länger als Jahre vorher, so drängt die Ungeduld, endlich aus dem Stauwasser seiner Schriften in Fluß zu kommen. Er würde in den höchsten Alpen, ohne Feuer und Wasser, anfangen, wenn man ihn nur einmal anfangen ließe.

Endlich im Dezember beschließt das Direktorium der Helvetischen Republik, dem Bürger Pestalozzi die Einrichtung und Leitung eines Waisenhauses in Stans zu übertragen; er wartet die Ausfertigung nicht ab und fährt schon am zweiten Tag danach über den nebeligen See, um bei der Baueinrichtung dabei zu sein. Die Anstalt soll in einem Flügel des Frauenklosters eingerichtet werden, und der Baumeister Schmidt aus Luzern geht mit hinüber, die notwendigen Veränderungen zu machen. Da schon im Herbst eine scharfe Kälte eingefallen ist, sodaß den Bauern die Erdäpfel in den Feldern erfroren sind, hat der Hunger die Bettelwaisen aus ihren Schlupflöchern in die Häuser gejagt, wo ohnehin schon zuviel hungrige Mäuler warten. Längst schon, bevor er Betten und die sonstige Einrichtung hat, fängt Heinrich Pestalozzi an, Brot zu verteilen und dabei seine Zöglinge zu suchen; als er Mitte Januar die ersten Waisen bei sich hat, kann er zunächst an keinen Unterricht denken, so verelendet sind sie.

Es ist nur eine Stube fertig, sie aufzunehmen, und überall in den Gängen werkeln die Bauleute noch mitStaub und Lärm. Tiere könnten nicht so verwahrlost sein wie diese Menschenkinder, die mit eingewurzelter Krätze und aufgebrochenen Köpfen, viele wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Mißtrauen von den Verwandten oder auch vom Landjäger in den Kreis seiner Liebe gebracht werden. Es ist anfangs kein Platz da, außer einer Haushälterin in der Küche irgendwen zur Hilfe unterzubringen; auch wenn es ginge, Heinrich Pestalozzi möchte es nicht. Damals in den rauchenden Trümmern hat das Mitleid sein Herz hineingerissen; jetzt aber gilt es das Experiment seiner Lehre: daß auch in dem niedrigsten Opfer der menschlichen Verwahrlosung noch ein Keim läge, der zum Dasein einer sittlichen und freien Menschlichkeit gepflegt werden könne. Er weiß, daß der Zwang einer äußeren Ordnung, Ermahnungen oder gar Strafen die Herzen nur verhärten würden, aus denen er dem Keim die erste Nahrung geben will; nur die Liebe vermag ihn zu wecken, und was diese Liebe von ihm zu tun verlangt, das vermöchte ihm kein anderer: er schält sie selber aus ihren Lumpen heraus, er wäscht ihnen die Geschwüre und die Krusten der Verwahrlosung ab, als ob er eine Tiermutter wäre in dem Winterlager, wohin sie die Not und Kälte aus der verschneiten Bergwelt getrieben hätten. Er ißt und schläft mit ihnen, er weint mit ihren Leiden und lächelt zu ihren kleinen Freuden, sie sind außer der Welt und außer Stans, sie sind bei ihm, als ob sie wieder in den Ausgang ihres Lebens zurückgekehrt wären, um hier den Mut zu finden, nach so vieler Bitterkeit das Dasein noch einmal zu versuchen.

In kaum einem Monat sind es siebzig Waisen, und obwohl allmählich mehr Stuben fertig werden und auch schon fünfzig Betten dastehen, sodaß er ihrer nur zwanzig am Abend heimschicken muß, die tagsüber kommen, ist er immer noch allein unter ihnen. Der Pfarrer Businger, den die Regierung an Stelle des entwichenen nach Stans gesandt hat, und der Bezirksvorsteher Truttmann — beides wohlgesinnte Männer, die tapfer zu ihm stehen — drängen darauf, daß er sich Hilfe nähme. Er fände keinen, der ohne Schaden zwischen ihn und die verscheuchten Seelen seiner Zöglinge treten könnte.

Als die Frühlingssonne den Schnee wegschmilzt, daß sich die grünen Matten immer höher hinauf in die weißen Berge heben, ist in der verwahrlosten Schar die Menschlichkeit schon äußerlich zu Hause; die älteren Kinder helfen ihm, daß sich die kleineren sauber halten, die ordentliche Nahrung hat vielen die Backen gerötet, und nun wartet er, daß die Frühlingssonne sie bräune. Einige lockt ihr Straßenblut, und manchmal geschieht es, daß eins in der Dämmerung entwischt, andere kommen dafür wieder: es ist ein wenig wie ein Bienenstock, wenn die Wärme drängt. Er läßt es sich nicht verdrießen, so sehr ihn der Undank und die Untreue schmerzen; denn nun ist er längst in den Dingen mit ihnen, die ihm mehr gelten als ordentliches Essen und saubere Kleidung. Der Seelenfänger hat ihnen die Schlingen gelegt, und ob ihn das Mitgefühl hinreißt, wo ein Schmerz oder eine Freude an sie kommt, ob er mit seinen Großvaterbeinen treppauf und -ab rennenmuß und zwanzig Hände zu wenig wären, alles das zu tun, was auf ihn wartet: es sind nur die Spinnfäden seiner Absicht, die er unermüdlich um ihre Seelen legt; er selber sitzt still mitten im Nest und wartet auf die Stunden, wo er seine Lehre an ihnen versuchen darf.


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