77.
Sechs Wochen lang ist Heinrich Pestalozzi auf dem Gurnigel, von lieben Menschen treu gepflegt. Die reine Höhenluft heilt in seiner Lunge aus, was Kalkstaub und Abc-Geschrei darin verwüstet haben. Es sind noch andere Kranke oben, auch Gesunde, die vor der herrlichen Natur in Schwärmerei vergehen. Seit seinem ersten Morgen vermag er nicht mehr in die blaue Talweite hinunter zu blicken, ohne an sein verlassenes Werk zu denken. Er sieht unter allen Dächern die Wohnungen der Menschen und weiß, von wieviel Verwahrlosung jede Wohlhabenheit da unten umgeben ist. »Meine Natur ist der Mensch,« sagt er den Schwärmern, und eines Morgens ist er mit seinem Stock und Ranzen nach Bern unterwegs. Er hat keinen Wagen gewollt; es tut ihm wohl, so bergab schreitend den Takt seines fröhlichen Marsches zu fühlen: alle lebendigen Dinge gehen im Zweischritt, hat er dem besorgten Zehender zum Abschied gesagt, nur das Leblose und Kranke rollt auf Rädern.
Zum Mittag hat er die sechs Stunden bis Bern hinter sich, und als Rengger und Stapfer, die beiden Minister, aus einer gemeinsamen Sitzung noch etwas zu besprechen haben, das sich auf dem Heimweg besser als im Betrieb der kommenden und gehenden Posten erledigen läßt, läuft er ihnen buchstäblich in die Arme und lacht mit seinem Runzelgesicht wie ein Knabe, der aus den Ferienwiederkommt. Er will Kinder haben, es ist ihm gleich wo, an denen er seine Versuche fortsetzen kann, bis sein Waisenhaus in Stans wieder kriegsfrei ist; und noch in derselben Viertelstunde schlägt ihm Stapfer vor, nach Burgdorf zu gehen, wo auch Fischer seit einem Monat sei und an dem Statthalter Schnell wie an dem Doktor Grimm einsichtige Helfer habe. Als Heinrich Pestalozzi das Wort hört, fährt ihm eine halbvergessene Erinnerung auf, wie ihn der Vorwitz eines Morgens dort in die Hintersassenschule brachte; er nimmt es als eine Fügung, auch scheint es ihm eine Erleichterung, in Burgdorf nicht wieder einsam zu sein. In seiner Fröhlichkeit sagt er gleich zu, so kann Stapfer die Eingabe ans Direktorium vorbereiten, er selber macht sich am andern Morgen gleich unterwegs, sein neues Arbeitsfeld abzuschreiten.
Über Nacht gibt es Regen, und er muß die Post nehmen; ein guter Zufall setzt ihm den Statthalter Schnell aus Burgdorf in denselben Wagen. Der kennt ihn, hat am Abend vorher schon durch Stapfer von seinen Absichten gehört und ist begeistert, dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud gefällig sein zu können. Die Fahrt wird in Gesprächen kurz, und in Burgdorf muß Heinrich Pestalozzi sein Gast sein; auch der Doktor Grimm wird Hals über Kopf zu Tisch geladen, und es ist eine wahre Verschwörung, wie sie ihm alles einrichten wollen. Sie wundern sich, daß er gerade an der Hintersassenschule lehren will, und wollen ihm das ärmliche Lokal erst zeigen. Er erzählt ihnen von dem Morgen, wo er vorwitzig hinein sah, und ist fastausgelassen vor Erwartung. Gegen den Abend, als der Regen endlich nachläßt, macht er noch einen Gang zum Schloß hinauf, das eine kleine Festung vorstellt, aber augenscheinlich seit langem verwahrlost ist. Das äußere Tor hängt offen in den Angeln, und an dem innern läutet er so lange vergebens, bis er merkt, daß die Schlupftür geöffnet ist. Die Kiesel im Schloßhof sind vom Gras überwachsen, hinten steht eine Linde, und als er bis an die Mauer geht, fällt der Berg da fast senkrecht in die schäumende Emme, die ihn im Bogen umfließt. Es nisselt immer noch, und sein Rock ist längst feucht; er merkt es nicht, er hat zuviel gesprochen bei den Männern da unten, und nun sind die Gedanken wie eine Krähenschar, die nicht zur Ruhe kommt:
Er hat es Mord genannt, wie die Kinder bis ins fünfte Jahr im sinnlichen Genuß der Natur bleiben, wie sie sehen, sprechen und ihre andern Sinne gebrauchen lernen, und sich von selber eine natürliche Anschauung der Welt in ihrer Seele aufbauen: wie sie dann aber gleich Schafen zusammengedrängt in eine stinkende Stube geworfen würden, um der fremden, sinnlosen Buchstabenwelt ausgeliefert zu sein! Nun denkt er, wie auch die Moral und das Gesetz, selbst die Religion und ihre Tugenden von hier aus der jungen Menschenseele aufgenötigt würden und dadurch leicht das bittere Beigefühl lebensfeindlicher Mächte behielten; sodaß, was dem Leben des Menschen einen höheren Sinn geben solle, im Gefühl der Armen als Mittel der Unterdrückung bliebe. Seine Gedanken können es noch nicht greifen, aber er fühlt sie dicht daran: daß er alles, wasnur aus dem Buchstaben gelernt würde, als fremd und gleichgültig in seinem Unterricht ausscheiden, daß er den Naturgang der ersten fünf Lebensjahre weiterführen möchte; nicht, um es den Kindern bequemer zu machen, sondern um die Unnatur aus dem Wachstum des Menschen zu nehmen.
Er ist so versessen in diese Gedanken, daß er garnicht hört, wie jemand von hinten zu ihm kommt und die Hand auf die Schulter legt. Als er sich umkehrt, ist es Fischer, der ihn zufällig aus seinem Fenster gesehen hat: Wir sind die einzigen Menschenseelen in dem ganzen Gebäude, sagt er erklärend zu ihm; aber Heinrich Pestalozzi ist noch viel zu sehr bei den Reitversuchen seiner stolzen Gedanken, um ihn wörtlich zu verstehen: Dann müssen wir jeden Tag den Berg hinunter traben, sagt er und muß hellauf wie ein Knabe lachen, so rasch springt ihm aus der abendlichen Grübelei ein Scherz auf: Zwei Narren in einem leeren Schloß mit einem Steckenpferd, das wird ein schönes Rittertum, wenn wir ausreiten.