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Nach acht Tagen kommt Heinrich zum zweitenmal aus Bern; diesmal in einem heiteren Wolkenwetter zu Fuß; die Verwaltungskammer hat ihm im Schloß ein Zimmer als Wohnung eingeräumt und für die Hintersassenschule die Lehrerlaubnis erteilt. Der Schulmeister Samuel Dysli muß ihm einen Teil von seinen dreiundsiebzig Schülern überlassen; weil aber nur eine Stube da ist, vereinbaren sie einen Strich, der die Klassentrennt: auf der einen Seite stellt sich Heinrich Pestalozzi auf und fängt wieder tapfer an, aus der Sprache die Buchstabenlaute abzulösen; auf der andern wandert der Schuhmacher von Bank zu Bank und behört den Heidelberger Katechismus. Er kann es nicht verwinden, daß man ihm den alten Landstreicher in die Schulstube schickt, die doch mit dem Haus sein angeerbtes Eigentum ist, und wenn er in der Folge das unaufhörliche Geschrei hört, wie der andere die Kinder abrichtet, im Chor zu sprechen, wobei er selber mitkräht, wenn er sieht, wie sie keine Bücher und Schreibhefte, nur eine Schiefertafel haben — nie hat er solch ein Schreibzeug gekannt — darauf sie mit dem Griffel allerlei Winkel und Figuren kritzeln: glaubt er einem Tollhäusler zuzusehen. Er versucht, ihm zur Beschämung, mit seiner Schar die gewohnten Dinge zu treiben, aber auch die ist von dem seltsamen Wesen angesteckt, hat Augen und Ohren auf der andern Seite; und weil er sich scheut, vor den Augen dieses Narren wie sonst mit dem Stock drein zu fahren, frißt ihm der Ingrimm über die Vergewaltigung Stunden und Tage auf. Er sieht bald, daß einer von ihnen beiden hier unmöglich wird, und da es seine eigene Werkstatt ist, aus der er sich hinterlistig verdrängt sieht, richtet er sich auf den Krieg ein.

Wenn Heinrich Pestalozzi, der ihn im Eifer meist ganz vergißt, ihn kollegialisch ansprechen will, stellt er den gekränkten Stolz seiner Bildung zwischen sich und ihn; denn er hat bald gemerkt, daß der andere den Firlefanz nur treibt, weil er weder den Katechismus noch sonst etwas nach der Vorschrift kann. Der Wurmder Kränkung will ihm unterdessen das Herz abfressen, und schließlich geht er zum Pfarrer. Dem ist es verdächtig, sich in diesen Handel zu mischen, weil er die Hintermänner kennt; doch gibt er ihm Lienhard und Gertrud mit, damit er sehe, was für ein Wundertier dieser Mann vorstelle. Samuel Dysli hat schon gehört, daß es ein Romanschreiber sei, doch macht es ihm zu viel Mühe, so dicke Bücher zu lesen; er blättert nur höhnisch darin herum, und so findet er die Stelle, wie es dem alten Schulmeister in Bonnal übel geht und wie sich der stelzbeinige Leutnant mit allerlei Schleicherkünsten an seiner Stelle einnistet. Nun weiß er Bescheid, und während Heinrich Pestalozzi schon wieder besessen von seiner Absicht ist und gleich einem Specht an der Anschauungskraft der Kinder herumklopft, bearbeitet Samuel Dysli die Väter, und eines Sonntags halten die Burgdorfer Hintersassen eine Art Landesgemeinde in seiner Werkstube ab: Wenn die Bürger und Herren schon ihre Narrheit mit der neumodischen Lehrart hätten, möchten sie die Probe auch an den eigenen Kindern machen!

So aufgereizt sind sie, daß sie es nicht bei dem Beschluß belassen; als Heinrich Pestalozzi am Montag danach um sieben Uhr in die Schulstube kommt, sitzen auf seiner Hälfte nur noch drei Kinder und heulen. In der ersten Bestürzung ist er töricht genug, den Dysli zu fragen; der läßt den Katechismus herunter schnurren, als ob er ihn extra für ihn aufgezogen hätte. Da merkt er, daß ihm einer das Uhrwerk abgestellt hat; doch kann er seinen Jähzorn noch meistern und geht hinaus. Undnun meint er, daß der Schulmeister ihn wiederkennen müsse; denn wie damals an dem Morgen kommt er ihm nach bis in die offene Tür. Auch sonst stehen die Leute an den Fenstern und auf der Gasse; er sieht im Vorbeigehen, daß sie die Kinder hinter sich halten, als ob sie ihre Brut vor dem Wolf schützen müßten. Einige vermögen ihre Schadenfreude nicht zu meistern und rufen ihm nach; ein Flickschneider, der ein Schwager des Dysli ist, verfällt auf die Rache, laut zu buchstabieren: b u bu, b e be, b a ba! Die ganze Gasse ist begeistert davon, und so muß Heinrich Pestalozzi Spießruten laufen durch sein höhnisches Echo, das ihm noch nachkräht, als er schon im Oberdorf ist.

Er will zu seinen Freunden, aber weder den Statthalter Schnell noch den Doktor Grimm trifft er zu Hause, und Fischer ist für ein paar Tage nach Bern gereist. So geht er kopfschüttelnd und trotz seiner Großvaterschaft dem Weinen nahe wie ein Knabe den steilen Schloßweg hinauf. Der Hof ist leer wie immer, und die Sonne malt die verzogenen Schatten der Dächer hinein, als ob auch die ihm Fratzen schneiden wollten. Es ist ihm für den Augenblick gleichgültig, wohin er geht, weil jeder Schritt zwecklos ist; so tritt er unter die Linde und starrt über die Mauer in die glitzernde Emme hinunter. Auch da unten sind noch Hütten der Hintersassen, denen er aus der hilflosen Armut helfen will, aber die bellen ihn an wie Hunde. Der Abend fällt ihm ein, wo er zum erstenmal hier stand und das von dem Steckenpferd sagte. Nun haben sie mir auch das fortgenommen, denkt er, und jetzt laufen ihm richtig die trotzigen Tränenübers Gesicht, daß er ihre Schärfe in den Mundwinkeln schmeckt.


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