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Das Erlebnis geht Heinrich Pestalozzi so nah ans Herz, daß er an diesem und auch am folgenden Tag das Schloß nicht verläßt, obwohl er Hunger leidet. Dann kommt Fischer aus Bern zurück, hört schon im Stadthaus, wo er aus der Post steigt, von dem Aufruhr der Hintersassen, und nun erlebt der Geschlagene, was treue Freundschaft für ihn vermag: Grimm und Schnell helfen, und noch in derselben Woche steht Heinrich Pestalozzi in der Buchstabier- und Leseschule der Margarete Stähli, wo er seine Versuche ohne Widerstände fortsetzen kann. Da sind nur zwei Dutzend Kinder in einer hellen Stube, und die Jungfrau bescheidet sich, ihm eine Gehilfin zu sein. Er ist zwar im Anfang noch verscheucht, man möchte ihn noch einmal aus der Schulstube fortschicken, und hält sich ängstlich an die äußeren Vorschriften — täglich von acht bis sieben Uhr, die Mittagspause abgerechnet, steht er in seiner Klasse — aber indem er nun nicht mehr wie in Stans durch die wirtschaftlichen Sorgen als Hausvater belästigt und bedrückt wird, auch keine verwahrlosten Bettelkinder, sondern gepflegte Bürgertöchter vor sich hat, kann er sich ungehindert dem Abc der Anschauung widmen, das ihm als die Grundlage aller Kenntnisse und Fertigkeiten täglich geläufiger wird. Noch immer geht er von keinem vorgefaßten System aus; er verläßt sich auf seinen Instinkt, daß er für jeden Unterricht den natürlichen Anfangfinden wird. Namentlich im Rechnen versucht er nun, von den kindlichen Zählspielen ausgehend, zu den Schwierigkeiten der vier Spezies zu gelangen. Er ist wie ein Chemiker im Laboratorium, immer neue Mischungen versuchend, bis er die rechte Verbindung gefunden hat; und die Jungfrau Stähli geht ihm mit gemischter Verwunderung zur Hand.

Unterdessen spielt das Kriegstheater auf Schweizerboden seine europäischen Stücke, und es sieht nicht aus, als ob er sobald wieder nach Stans käme: über den Gotthard drängen die Russen unter Suworow, und über Zürich ins Glarner- und Einsiedlerland die Österreicher unter seinem Vetter Hotze, der ein berühmter Kriegsheld geworden ist. Aber Hotze fällt bei Schänis, Masséna nimmt Zürich ein — wobei Lavater durch einen betrunkenen Grenadier schwer verwundet wird — und als Suworow die Franzosen nach dem mörderlichen Kampf um die Teufelsbrücke zurückgedrängt hat bis Flüelen, sind die Kaiserlichen überall geschlagen, und er muß sich seitwärts in böser Jahreszeit über den Kinzig-, den Pragel- und den wüsten Panixerpaß ins Vorderrheintal retten, wo er ohne Pferde und Geschütze ankommt und mit dem Rest seiner Scharen die Schweiz bald verläßt. Als Bonaparte, aus Ägypten heimkehrend, sich zum ersten Konsul der Franzosen macht, hat er die Eidgenossenschaft ganz in der Hand, und den Urkantonen vergeht die Hoffnung, daß ihnen fremde Hilfe aus der Helvetischen Republik in die alte Kantonsherrlichkeit zurück helfen könnte.

Im Bernischen sind die Kriegsschläge nur von fernhörbar gewesen, aber viele Heerhaufen rückten durch, und jeden Abend sank die Sonne in eine Nacht voll ungewisser Furcht. Heinrich Pestalozzi hat in Stans erlebt, was die ruhmvollen Taten der Kriegshelden in der Nähe bedeuten, wie aus einer blühenden Landschaft ein Schlachtfeld wird, darin die Dörfer brennen und die Verwundeten mit ihren Blutlachen zwischen Leichen auf den Straßen und in den Feldern liegen, während in den Bergställen und in Felsschlüften Frauen und Kinder schreckensbleich die Schießerei abwarten, bis der Hunger sie doch in das Unheil hineintreibt. Er kann nur auf den Tag warten, an dem dieser Kriegsbrand endlich gelöscht sein wird; es wird auch für ihn der Tag sein, wo er für sein Werk gerüstet dastehen muß.

Darüber fallen auch die Blätter dieses Jahres und eines Tages im November, als der Regen schon eiselt, erfährt er, daß die Regierung ihn nicht nach Stans zurücklassen will. Er hat gewußt, daß sich Stapfer seit dem September vergebens darum bemühte, und ist gefaßt, daß ihm die Tür nicht wieder geöffnet werde, die der Krieg zuschlug; aber die Hoffnung hat doch jeden Abend auf seinem Bettrand gesessen, wenn er mit den Kleidern auch die Mühsale des Tages auf den Stuhl legte. Im äußeren Schloßhof steht noch ein Tretrad über dem tiefen Brunnen, der bis in den Talgrund reicht; er ist einmal vorwitzig hineingestiegen, das sonderbare Hand- und Beinwerk probieren; nun träumt er in der Nacht, der Strick mit dem Eimer sei abgerissen, während er in den Sprossen stände, sodaß er die Radtrommel, des Gegengewichtes beraubt, nur immer um sichselber drehen müsse. Er tröstet sich zwar in der Folge, daß er für seine Versuche in der hellen Stube der Jungfrau Stähli besser aufgehoben sei als in dem Kalkstaub des Stanser Waisenhauses, aber der Lebensstrang seiner Arbeit ist ihm doch schmerzlich abgerissen, und unruhig fängt er an zu suchen, wo er ihn nach dieser Probierzeit wieder einhaken könne. So kommt es, daß er mit dem Ende des Jahres von neuem an seinen Neuhof denkt.

Dieses Ende marschiert mit den Schritten der allgemeinen Not, wie keines vorher, als ob es die Leidensreste des vergehenden Jahrhunderts noch über der Schweiz ausgösse, die durch die Kriegszüge verwüstet und von den Franzosen mit Millionen von Kriegskosten ausgesogen ist. Als er für die Weihnachtstage nach dem Neuhof fährt, wandern Scharen von Bettlern über die winterlichen Straßen, sodaß er wehmütig an seine Flugblätter und das Helvetische Volksblatt denkt, darin er sich und dem Schweizervolk so herrlich viel von der neuen Ordnung der Dinge versprach.

Er findet Anna, die er in Hallwyl abholt, mit eisengrauem Haar; sie hat die Sechzig hinter sich, und sie sind nun die Großvatersleute, die zum Besuch aufs Birrfeld kommen. Da schaltet die gebotene Fröhlich, und Lisabeth hilft ihr, auch die schlimmen Dinge tapfer zu überstehen; sie müssen den Hof allein halten; denn Jakob ist trotz seiner dreißig Jahre ein übellauniges Gebreste. Es wird trotzdem ein inniges Weihnachtsfest, die Großmutter hat aus Hallwyl den Enkelkindern viel Liebes mitgebracht, und die fünfjährige Mariannevermag schon Christlieder zu singen, in die der dreijährige Gottlieb selbstbewußt einstimmt. Als danach die heiligen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr mit Rauhreif kommen, der in der Sonne mit Millionen Kristallen funkelt, ist es für Heinrich Pestalozzi mehr als die Insel auf dem Gurnigel, es ist die Küste, von der er ausfuhr, und fast scheint es ihm, dies sei die Heimkehr.

Silvester, als sich die Kälte in einen näßlichen Nebel gewandelt hat, wandert er zufällig durch das Gehölz bis nach Brunegg auf den Waldkamm hinauf. Er weiß, das kleine Schloß steht seit der neuen Ordnung mit leeren Fenstern da, aber wie er hinzukommt, ist an der verschlossenen Tür ein vergilbter Zettel angeheftet, daß die Regierung den verlassenen Besitz mit sechzig Jucharten Wald und Weide zum Verkauf ausbietet. Er braucht garnicht zu überlegen, der Plan steht gleich wie eine Eingebung da: Schloß Brunegg zu erwerben und mit dem Neuhof zu vereinigen in einem Besitztum, auf dem sich ein helvetisches Waisenhaus wohl einrichten und halten ließe. Die Seinigen wissen nicht, warum er allein an dem Abend fröhlich ist, während ihre Wehmut dem scheidenden Jahrhundert die Totenwacht hält; nur Anna, die das Wetterglas seiner Stimmungen besser kennt als sie, merkt bald, daß er irgend etwas im Schilde führt. Wie dann die Standuhr auf dem Gang ihre zwölf Schläge mit dem gleichen schnarrenden Klang wie sonst getan hat, und sie alle, die im Schein der Lampe darauf warteten, sich den Menschenkuß geben, nimmt er sie wie in den jungenZeiten bei der Hand und führt sie aus dem Kreis der andern hinaus in die Nacht, die durch die Erschütterung der Glocken aus ihrer Stille aufgeschreckt und von Menschenlichtern nah und fern durchleuchtet mit ihren Geheimnissen in die Wälder zu flüchten scheint: So war die Nacht, wo ich mit Menalk auf dem Lindenhof stand, sagt er draußen zu ihr, als sie unsicher schreitend den Landweg nach Brunegg gehen: nur daß wir damals die Glocken in uns selber hatten, und draußen war es still. Das ist das Schicksal dieser Zeit gewesen, daß jeder in seinem Gehäuse saß; das einzige, was die Menschen miteinander verband, hießen sie ihre Bildung: ich heiße es ihre Ungläubigkeit. Das neunzehnte Jahrhundert der Christenheit wird wieder einen Glauben wie zu Zwinglis Zeiten haben, aber es wird das Jahrhundert der Menschlichkeit sein, wo die guten Werke nicht mehr für einen guten Platz im Himmel getan werden. Wer die ewige Seligkeit erst im Himmel anfangen will, hat sie schon versäumt. In Indien, heißt es, werden die Heiligen ihrer auf Erden teilhaftig, indem sie ihre Wünsche und Begierden Gott zum Opfer darbringen. Das heißen sie Nirwana oder in Gott ruhen; aber Gott hat auch unsere Wünsche und Begierden gemacht, nicht daß wir sie töten, sondern seinen Willen damit erfüllen. Wenn wir Gott selber in unsern Wünschen und Begierden haben, können sie kein Hindernis mehr sein. Ihre Seligkeit heißt, in Gott zu ruhen; unsere wird sein, Gott zu tun.

Sie sind unter Brunegg stehen geblieben, weil es ihn angestrengt hat, im Steigen soviel zu sprechen; nun sagter ihr seinen Plan eines neuen Waisenhauses. So bist du der Alte geblieben? fragt sie, und er sieht in der ungewissen Helligkeit der Winternacht, wie sie selber die Antwort dazu lächelt. Ihm aber ist es auf einmal zumut, als ob er wieder in der Schule das Vaterunser sprechen müsse; er kann die Worte fast nicht herausbringen, so unbändig kichert seine Fröhlichkeit: Ja, Liebe, und darum wollte ich dich fragen, ob wir nicht Schloß Brunegg kaufen sollen!


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