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Seit dieser Nacht fühlt Heinrich Pestalozzi einen fremden Flügelschlag über seinen Dingen, sodaß er sich eilen muß, den Ereignissen zu folgen, statt sie mühsam anzuzetteln. Er macht zwar noch das Höchstgebot auf Brunegg und findet bei der aargauischen Regierung eine unerwartete Willfährigkeit, ihm bei der Einrichtung eines helvetischen Waisenhauses behilflich zu sein; aber das Schicksal verlegt ihm mit gütigen Wendungen den Rückweg aufs Birrfeld: Schon im November hat der Doktor Grimm sich erboten, einige Waisen aus dem Kriegsgebiet in sein Haus zu nehmen, andre Bürger sind ihm willig gefolgt, und da Fischer den Plan mit Feuer betreibt, kommen Ende Januar sechsundzwanzig Kinder in Burgdorf an, die der Pfarrer Steinmüller zu Gais im Appenzeller Land gesammelt hat. Heinrich Pestalozzi will gerade zum Schloß hinauf, als die Bürger ihnen entgegenleuchten; überall sind Betten und warme Suppen für die Zitternden bereit, es könnten ihrer hundert sein, soviel Hände strecken sich hilfreichaus. Auch sein Herz wallt ihnen entgegen, und gleich ist er mitten in der Schar, mit scherzenden Fragen seinen Willkomm zu sagen; aber eins nach dem andern wird ihm eingefordert, und ehe er sichs versieht, steht er allein auf der Straße da. Meine Zeit ist noch nicht gekommen, sagt er kopfschüttelnd vor sich hin, als er in einer bestürzten Wehmut durch die Dunkelheit zum Schloß hinaufgeht.

Aber unversehens fällt das, was andre begonnen haben, ihm in den Schoß, der die Seele solcher Taten ist: die Kinder sind durch einen jungen Dorfschulmeister namens Hermann Krüsi aus Gais gebracht worden, der als dritter ein Zimmer im Schloß erhält. Er ist ein lernbegieriger Mensch von vierundzwanzig Jahren, dem die Nähe des berühmten Verfassers von Lienhard und Gertrud eine Erhöhung seines Lebens bedeutet; für seine Appenzeller Kinder wird ihm eine besondere Schule im Ort eingerichtet, sodaß sie morgens miteinander in den Burgdorfer Schuldienst hinuntergehen. Obwohl Heinrich Pestalozzi sich mit seinen Menschheitsplänen in der Buchstabierschule der Jungfrau Stähli — wie er dem Krüsi sagt — allmählich gleich einem Seefahrer vorkommt, der seine Harpune verloren hat und mit der Angel probiert, Walfische zu fangen, bleibt er unverdrossen dabei, bis er im Frühjahr die Burgdorfer zu einer öffentlichen Prüfung einladen kann. Schon die Neugierde, in die seltsamen Karten des wunderlichen Fremdlings zu blicken, treibt sie zahlreich herzu; aber nun steht nicht mehr das Mitleid kopfschüttelnd da wie in Stans, es gibt eine wahreVerblüffung über die Fertigkeiten so junger Schüler, und die Schulkommission stellt ihm ein öffentliches Zeugnis aus, dankbar, daß er gerade Burgdorf für seine Lehrversuche gewählt habe. Diese Anerkennung macht ihn zittrig vor Freude, weil er nun endlich die Weite für seine Dinge geöffnet sieht, sodaß er in seinem fünfundfünfzigsten Jahr trotz dem Ehrenbürgertum der französischen Republik wie ein belobter Schüler in die Ferien kommt und seiner Frau Anna das Zeugnis in den Schoß legt. Eigentlich bist du zu alt dazu, lächelt sie wehmütig mit dem Papier in der Hand: oder sollte die Zeit gekommen sein, wo die Großväter wieder zur Schule gehen? Aber er läßt sich sein Glück nicht erschüttern: »Man hat mir schon in meinen Knabenschuhen gepredigt, es sei eine heilige Sache um das von unten auf Dienen; ich achte es für die Krone meines Lebens, daß man mich mit grauen Haaren in der Schule von unten anfangen läßt!«

Er hätte nötig, daß diese Ostertage Ferien für ihn würden, aber sein Sohn Jakob will sterben, und während draußen der Frühling schäumt, zerreißen die Schmerzen den hilflosen Mann, dem er den Neuhof als Erbschaft mühsam aufgespart hat. Zerstört von Nachtwachen kommt er wieder in Burgdorf an, wo Krüsi allein auf ihn wartet, weil Fischer enttäuscht und todkrank nach Bern zurückgegangen ist. Als Heinrich Pestalozzi spät abends den Steilweg aus dem Ort hinauf tastet, findet er den Appenzeller, der seitdem einsam und landfremd in den leeren Gebäuden haust, sehnsüchtig harrend am Tor. Mein Sohn stirbt, sagt er, alssich der Jüngling ihm weinend in die Arme wirft: kommst du mir an Sohnes Statt?

Danach gibt es einen Erntesommer für ihn, wie er noch keinen erlebte: die Bürger haben ihn dankbar zum Lehrer an der zweiten Knabenschule gemacht, darin er an die sechzig Knaben und Mädchen zu lehren hat; und kaum, daß er mit Krüsi überlegt, wie ihre Schulen sich vereinigen und, in Klassen eingeteilt, besser im Lehrplan einrichten ließen — nur an Raum fehlt es im Schulhaus, während im Schloß die schönsten Räumlichkeiten leer stehen — sind die Herren in Burgdorf und Bern gleich so diensteifrig, daß die Kinder schon zum Sommer auf dem Berg einrücken können. Als der Schloßhof von dem emsigen Gewirr ihrer Stimmen widerhallt, müssen die Knaben und Mädchen von der Linde ein Schweizerlied ins waldige Emmental hinunter singen, und diesmal stehen keine Luzerner da zum Lachen, weil er selber mit seiner alten Stimme fröhlich den Takt hineinkräht: Nun ist es kein leeres Schloß mehr, denkt er, und ich brauche morgens nicht auf einem Steckenpferd den Berg hinab zu reiten! Wie ein Feldherr einen Engpaß bezwungen hat, das bedrängte Land von den Feinden zu räumen, fühlt er sich längst über die ersten Buchstabier- und Rechenkünste hinaus und mächtig, in die entlegenen Gebiete der herkömmlichen Schulmeisterei den Gang der Natur zu tragen. Er hat zum Wort und zu der Zahl die Form der Dinge als drittes Element für seinen Unterricht gefunden und hält nun endlich das Geheimnis in der Hand: das Abc der Anschauung, daraus sich alle Fertigkeiten und Kenntnisse gewinnen lassen.

Mit dem Sommer fängt die Nachricht von der Wunderschule im Schloß zu Burgdorf an durchs Land zu gehen, und wie ehemals auf dem Neuhof, kommen Gläubige und Zweifelnde an, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, was Wahres an dieser neuen Zeitung sei. Sie finden keinen Einsiedler mehr: Krüsi hat aus Basel seinen Freund Tobler geholt, der dort als Theologiestudent den Hauslehrer spielte; der wiederum bringt einen jungen Buchbinder namens Buß aus Tübingen mit, weil er sich trefflich aufs Zeichnen und die Musik versteht, welche Künste Heinrich Pestalozzi auch in den Anfängen versagt sind. Sie hausen zu vieren in dem Schloß und müssen manchmal selber lachen, was für einen seltsamen Verein sie bilden: ein Romanschreiber, ein Theologiestudent, ein Buchbinder und ein Dorfschulmeister. Ich bin nun wirklich ein Wundertier, scherzt Heinrich Pestalozzi oft, ich habe vier Köpfe und acht Hände. Er wird auch nicht müde, die Fremden durch die Klassen zu führen, wo im ersten Stock die Körbe mit den Buchstabentäfelchen stehen, daraus sich vor den Augen der Kinder die Silben und Wörter auswachsen; in der zweiten fangen die Schreibkünste auf den Schiefertafeln an — die meist als die größte Neuheit bestaunt und befühlt werden — und durchsichtige Hornblättchen mit eingeritzten Buchstaben sind die stummen Schulmeister in den Händen der Kinder, ihre Schriftzüge zu kontrollieren; der dritte Raum ist groß genug zu Marschübungen, und wenn den Besuchern schon aus den andern Stuben der Takt im Chorsprechen als das Erstaunlichste im Ohr geblieben ist, weil er die Vielheit derSchüler mit einem Mund sprechen läßt, so sehen sie nun den selben Takt als Erscheinung lebendig werden, wenn die Kinder fröhlich singend oder deklamierend gleichen Schritt halten. Heinrich Pestalozzi weiß wohl, daß dies alles nur die Augenfälligkeiten seiner Lehrübungen sind, und es ficht ihn nicht an, wenn ein gelehrter Herr kopfschüttelnd über die Einfalt solcher Methode den Berg hinuntergeht. Sie suchen den Stein der Weisen, spöttelt er, aber es darf kein Stein sein, weil sie sonst nur an den Bach zu gehen brauchten! Auch meinen sie, ich plagte mich in meinen Großvaterjahren um neue Schulmeisterkünste, wo ich doch nur der Armut eine Treppe bauen will. Und als der sinnende Tübinger, dem es am schwersten fällt, sich einzuleben, ihn einmal am Abend fragt, wie er das meine? sagt er sein Beispiel von dem Haus des Unrechts.

Sie sitzen auf der Mauer unterm Lindenbaum und sehen, wie die Sonnenröte die Alpen herrlich überschüttet, und auch die beiden anderen kommen horchend herzu, als er beginnt: Was meint ihr, daß einer im Keller unseres Schlosses von diesem Abend sähe! Die Luken im Gewölbe, zu hoch für die Augen, werden ihm nur einen bläßlichen Schein der Röte geben! Besser wird es in den Stuben des unteren Stockwerks sein; obwohl es nach außen kein Fenster hat, sieht man den Widerschein im Hof und ahnt die Herrlichkeit! Nur oben, wo die Fenster aus den Sälen nach allen Seiten den freien Ausblick gestatten, kann der Bewohner sich gemächlich in eine Nische setzen, den Anblick zu genießen! Nun denkt euch, Freunde, es gäbe keine Treppe in diesemHaus, sodaß die Herren in den Sälen die einzigen Genießer wären, die Bürger in den Stuben darunter könnten nicht hinauf, obwohl ihnen der Widerschein im Hof das Blut unruhig machte; das arme Volk aber in den Gewölben säße gefangen im fensterlosen Dunkel und hätte von Gottes Sonne nur die trübe Röte an der Luke!

So, Freunde, ist das Haus des Unrechts um die Klassen der Gesellschaft gebaut. Drum hab ich mich gemüht mein Leben lang und bin ein Narr geworden vor ihren Augen, daß ich in dieses Haus des Unrechts die Treppe der Menschenbildung baute.


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