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Im Oktober läßt Heinrich Pestalozzi das Buch erscheinen, und noch vor Weihnachten sieht er die Saat seiner Worte in den deutschen Blättern aufgehen; es können zunächst freilich auch nur Worte sein, aber die Namen der Schreiber sagen der aufhorchenden Schweiz, daß aus dem Armennarr im Neuhof eine geistige Macht geworden ist. Auch könnte ihm Füeßli nicht noch einmal mit seiner Rede von der Rührung und dem Kirschwasser kommen; denn alles an dem Buch ist Rede und Überredung, und jeder Beifall bedeutet eine Entscheidungfür ihn, die irgendwie in Taten endigen muß. Indem sich danach die Zöglinge für seine Anstalt reichlicher melden, hilft das Buch auch seiner äußeren Lage, sodaß er diesmal zuversichtlicher als sonst das Frühjahr abwartet.

Die geborene Fröhlich ist zu ihm gezogen mit der kleinen Marianne, die ein überzartes Kind von sechs Jahren ist und schon am Unterricht teilnehmen kann. Zum Fest kommt auch die Großmutter mit dem Gottlieb, sodaß sie bis auf Lisabeth, die den Neuhof hüten muß, in Burgdorf beisammen sind. Es befriedigt ihn, endlich einmal Anna seine Dinge in der neuen Gestalt zeigen zu können, wo er nicht selber mehr der Lehrling, sondern der Meister ist; und selbst damals, wo er sie auf dem Gut Tschiffelis umher führte, ist er nicht stolzer auf sie gewesen als nun, wo sie lächelnd über seinen Eifer mit ihm durch die Schulstuben und Schlafsäle der Anstalt geht. Die zweiunddreißig Jahre der Ehe haben ihm nichts von ihrer Schönheit ausgelöscht, und während sie den Gehilfen eine ehrfürchtig begrüßte Matrone vorstellt, ist ihm bräutlich zumut. Der Tod ihres einzigen Kindes geht noch mit ihr, und obwohl sie willig zu seinen Erklärungen nickt, bleibt der Schmerz in ihren Augen wie Glas, darin sich die Eindrücke dieser Dinge mit der Spiegelung schmerzhafter Erinnerungen mischen. Es wird ein stilles Fest, aber heilig für ihn; und als sich gleich nach Neujahr Tobler im Schloß trauen läßt, und Niederer zum zweitenmal nach Burgdorf kommt, seinem Freund die Traurede zu halten, sitzt er wirklich — wie Niederer sagt — als Erzvater dabei.

Aber die Zeiten sind nicht testamentarisch; unversehens zieht noch einmal ein Kriegsjahr seine Unruhen und Bedrängnisse um die Anstalt. Schon im vergangenen Oktober haben die Föderalisten, wie sich die Anhänger der alten Kantonswirtschaft nennen, die helvetische Regierung in Bern gestürzt und eine andere gewählt, die dem Schwyzer Aloys Reding als Landammann untersteht. Da es der neuen Herrschaft aber wie der alten an Geld fehlt, um aus der Schuldenwirtschaft zu kommen, steigen im Frühjahr schon wieder die sogenannten Unitarier auf der Schaukel hoch. Dagegen erheben sich die Urkantone, die auch sonst überall die Mißvergnügten an der neumodischen Franzosenwirtschaft finden, und während für Europa endlich ein Friedensjahr gekommen ist, fangen die Schweizer unter sich Kriegshändel an. Obwohl sie es selber um der altmodischen Bewaffnung willen den Stecklikrieg nennen, muß die helvetische Regierung vor den Aufständischen aus Bern nach Lausanne flüchten, und gerade soll der Tanz im Waadtland losgehen, als zwischen den feindlichen Scharen der General Rapp sechsspännig vorfährt, den Einspruch Bonapartes zu bringen, dem ein nachrückendes Heer von vierzigtausend Franzosen ein unwiderstehliches Gewicht gibt: die einzelnen Kantone sollen ihm, statt diesen Bruderkrieg zu führen, Abgeordnete nach Paris schicken, um dort unter seiner Aufsicht eine neue Verfassung zu beraten. Es bleibt den hitzigen Schweizern nichts übrig, als ihr Waffenzeug heimzutragen und die Tagsatzung statt in Schwyz in Paris vorzubereiten, weil sie — wie ein Witzbold sagt — ihrem vielbeschäftigten EhrenpräsidentenBonaparte jetzt keine Schweizerreise zumuten dürften!

Heinrich Pestalozzi hat diese Händel als einen Streit von Bauleuten angesehen, die sich über den Plan ihres neuen Hauses nicht einigen können und dem alten nachjammern, obwohl sie es selber eingerissen haben; er ist zu der bitteren Einsicht gekommen, daß es bei solchen Parteikämpfen mehr um die Macht, zu regieren, als um das Volkswohl geht. Bevor noch das sechsspännige Fuhrwerk des Generals Rapp in die Schweiz eingefahren ist, hat er in einer Flugschrift die vier Eckpfeiler aufgestellt, mit denen das Haus einer helvetischen Verfassung besser als mit Flinten und Kanonen unter Dach zu bringen wäre: wirkliche Volksbildung, unbestechliches Gericht, allgemeine Militärpflicht und gerechte Finanzen. Der Grundstein aber müsse unter dem Pfeiler der Volksbildung eingesetzt werden; weil an die anderen Pfeiler ohne diesen ersten nicht zu denken wäre, sei er dem heutigen Geschlecht das einzig Erreichbare. Er hat die Schrift in wenigen Tagen hingeschrieben; sie stellt ihn auf den schmalen Grat, wo der Haß von beiden Seiten aufbrandet, aber als die Wahlen für die Tagung in Paris vorüber sind, ergibt sich, daß er an zwei Stellen, von den Bauern des Emmentals wie von dem Landvolk in Zürich, als Abgeordneter gewählt ist.

Ich werde nicht sechsspännig fahren, scherzt er, mein Wagen geht auf zwei Beinen! Obwohl er dann um der unruhigen Zeiten und der Mühsale willen — auch geht es in den Winter — die Reise doch im Wagen machen muß, fährt er fröhlich und mit besonderenHoffnungen für seine Sache ab. Seitdem er seine Anstalt in Burgdorf hält, haben drei französische Gesandte in Bern gewechselt, doch jedem sind seine Dinge mehr als einen flüchtigen Besuch wert gewesen; auch weilt Stapfer in Paris, der ihm die rechten Türklopfer in der Stadt zeigen kann, darin die Zukunft Europas zurechtgehämmert wird. Und seine Anstalt läßt er gut besorgt zurück, weil Anna sich tapfer entschließt, während seiner Abwesenheit das Hausregiment zu führen. Es ist seine zweite Reise und in der Strecke fast der Fahrt nach Leipzig gleich, die er vor zehn Jahren machte; auch werden die Tage wieder in die selbe Kette von Zollhäusern, Posthaltereien und Gasthöfen eingespannt, nur daß die Uniformen französisch sind. Doch als er am zwölften Nachmittag die Unermeßlichkeit der Stadt um den blinkenden Lauf der Seine daliegen sieht, ist es ein anderes Wesen als das Landstädtchen an der Elster. So hat sich auch sonst alles um mich geweitet, denkt er: damals kam ich um eine Familienerbschaft, heute schickt mich mein Volk für seine Zukunft; in Leipzig lief ich als Unbekannter die Türen kleinstädtischer Behörden ab, hier werde ich als Ehrenbürger der Franzosen vor ihren Konsul treten!

Aber er bekommt den Machthaber nur einmal zu sehen, als Bonaparte unvermutet in ihren Saal tritt, anscheinend zufällig, als ob er nur den Durchgang benützte, aber eindrucksvoll mit seinem goldflirrenden Gefolge. Das letzte Wort der unterbrochenen Rede findet noch Zeit, in das Stuckwerk der Decke zu flattern, dann ist die starre Ruhe der Augen da, die alle auf denkleinen Mann blicken, der, im Alter der jüngste unter ihnen, Europa mit dem Ruhm seines Namens erfüllt hat. Er läßt sich kurz rapportieren, wobei er mehr durch die Augen als die Ohren zu hören scheint, schneidet mit der Handbewegung eines ungeduldigen Knaben die Rede ab und wendet sich mitten durch die Reihen, sie gleichsam überrumpelnd, einigen Köpfen zu, die ihm ins Auge fallen. Auch Heinrich Pestalozzi fährt unvermutet eine Frage ins Gesicht; er ist geistesgegenwärtig genug, eine Antwort zu finden, die den Machthaber festhält, sodaß der sich schon halb im Weitergehen noch einmal zu ihm wendet. Heinrich Pestalozzi merkt sofort, daß er mehr als ein Name für ihn ist, er umklammert ihn gleichsam mit Worten und sieht mit einer glücklichen Hoffnung, daß in dem kalt forschenden Blick etwas von ihm selber zu leben beginnt. Kein Zweifel, daß er den Konsul der Franzosen mehr als einer der Männer vor ihm interessiert; während die andern im Kreis zurückgetreten sind, weiß er auf die Zwischenfragen des blassen und verarbeiteten Gesichtes ebenso rasch zu antworten: Jetzt oder nie, denkt er, ist meine Stunde da! Auch noch, wie er in hastig abgerissenen Sätzen von der Volksbildung spricht — daß sie das Fundament jeder wirklichen Verfassung und ohne sie alles nur der Schein einer Gesetzgebung sei — hört der Konsul noch sichtbar nachdenklich zu, als ob er versuche, den Gedanken bei sich einzustellen. Irgendwie scheint ihm das nicht zu geraten; er klopft ein paarmal unwillig mit der Fußspitze, und während Heinrich Pestalozzi noch von Worten der Zukunft überströmt,ist er für den Mann der Gegenwart nur noch ein unangenehmer Greis, der ihm mit seinen haspelnden Armen an die Brust will: Ich kann mich nicht in euer Abc mischen, sagt er spöttisch und verläßt unverzüglich den Saal, als ob er versehentlich in eine Schule geraten wäre.

Heinrich Pestalozzi bleibt in dem Kreis der schadenfrohen und bestürzten Gesichter, die wieder an ihre Plätze gerufen werden, und braucht lange, bis er seinen Stuhl findet; aber während die Verhandlung weiterstolpern will, kommt ihm alles wie eine leer laufende Mühle vor. Noch immer ist er mit dem blassen Mann allein in dem Saal: Wir beiden, denkt er — und tritt über Scham wie Hochmut hinweg in den Bereich des Menschengeistes, wo die Persönlichkeit aufgibt, sich selber zu gehören — wir beiden sind verschieden an dem Gefährt der Menschheit beteiligt: er will sein Lenker sein, und ich möchte haltbare Räder machen; er aber kanns nicht abwarten, weil er nur seine Stunde hat, drum knallt mir seine Peitsche um die Ohren.

Herab mit dem Schild, wenn die Sache weg muß! sagt er zu seiner eigenen Erstaunung laut in die Verhandlung hinein und geht durch die Hinterpforte hinaus, wie der andere durch die Flügeltüren gegangen ist.


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