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Heinrich Pestalozzi merkt bald, daß der Pariser Wind der helvetischen Republik ungünstig weht. Die Franzosen haben genug Menschenrechte proklamiert, und Bonaparte hält wieder Hof in den Tuilerien; er brauchtGlanz und Aufwand um sich, und die Aristokraten von Bern passen besser in seine Pläne als die hartnäckigen Unitarier. Bevor die Verhandlungen beginnen, ist die Schweiz durch sein Dekret schon wieder in neunzehn Kantone eingeteilt; was den Abgeordneten noch zu tun bleibt, sind nur die einzelnen Kantone, und es ist vorgesorgt, daß die Herren von Herkunft und Vermögen darin das Heft in Händen behalten. Heinrich Pestalozzi versucht es noch einmal mit einer schriftlichen Darlegung seiner Ansichten, aber er weiß nun schon, daß er Wasser in den Bach trägt. Selbst sein Ehrenbürgertum scheint bei den Franzosen des Konsulats schäbig geworden zu sein; er braucht nur zu sehen, wie die geputzten Herren und Damen seine Erscheinung belächeln, um sich aller Illusionen zu schämen: Sie müssen mich für ein großes Wundertier gehalten haben, wie ihren Cagliostro, spottet sein Grimm, nun bin ich bloß ein Mensch! Und wie es ihm mit seiner Kleidung und der Art, ihre Sprache zu sprechen, geht, so bleibt auch seine Methode mit all dem Umstand ihrer tiefen Begründung den Parisern eine belächelte Geheimniskrämerei; es brauchte nicht das unaufhörliche Geknatter ihrer Sprache in seinen Ohren zu sein, und die Nötigung, seine Herzensdinge dahinein zu sperren, um ihm seine Wesensfremdheit unter den Welschen bald unerträglich zu machen.
So hält er es für zwecklos, das Ende der Händel abzuwarten; als Ende Januar die Hauptverhandlung ist, fährt er durch ein mildes Frostwetter, das die Wege trocken gemacht hat, im Sundgau schon auf Basel zu, und fünf Tage später holt ihn Anna am Stadthaus inBurgdorf aus der Post. Da hast du deinen Odysseus wieder! versucht er zu scherzen, um seiner Tränen Herr zu werden. Sie schafft ihm seinen Ranzen nach, den er vor Rührung vergessen hätte, und er meint das Lächeln um ihre schmerzensreichen Lippen zu sehen, als er ihre Stimme auf seinen Scherz eingehen hört: So bin ich mit fünfundsechzig Jahren gar deine Penelope? In Wahrheit, Pestalozzi, es war mir schwer, die Freier zu füttern; nun magst du wieder deinen Bogen spannen!
Er findet aber alles aufs beste besorgt, und daß sie als Hausmutter in der Anstalt waltete, hat einen Segen hinein gegeben, der bisher fehlte; von den Kindern wie von den Gehilfen ehrfürchtig begrüßt, bringt sie eine ruhige Gangart in das Tagwerk. Der Bienenschwarm hat seine Königin erhalten! sagt Krüsi in seiner biederen Art, als Heinrich Pestalozzi sich verwundert, um wie weniger lärmend es bei den Mahlzeiten zugeht, nur weil sie still an ihrem Platz sitzt. Auch sonst hat sie der Anstalt wohlgetan: Briefe und Bücher sind in eine schöne Ordnung gebracht, und wenn er nun aus dem Trubel in seine Stube tritt, wohnt die Häuslichkeit darin. Daß es so bleiben könnte, denkt er jeden Tag; denn seitdem sie damals aus Hallwyl nicht wiederkam, ist seine Seite leer geblieben; und ob es bitter oder fröhlich mit seinen Plänen ging, daß ihre Abwesenheit ihm alles entkrönte, war immer die leise Trauer darin. Auch diesmal ist sie nur gekommen, an seiner Stelle das Hauswesen zu leiten, und mit heimlicher Sorge wacht er über ihre Schritte, ob sie nicht wieder zur Abreise rüsten werde. Doch läßt sie Wochen gleichmütig verstreichen, und erhofft schon, daß sie dauernd bliebe, als ihr mit den ersten Frühlingsblumen das Heimweh in die Säfte steigt. Sie ist im Winter schwer krank gewesen, nun kommt die Schwäche wieder über sie mit Todesahnungen: Ich möchte unsern See noch einmal sehen, klagt sie; aber als sie dann endlich nach Zürich zu ihren Brüdern reisen will, hat sie wohl seine erschrockenen Augen gesehen; denn andern Tags möchte sie wieder bleiben. Doch sieht er, daß die Unruhe in ihr nicht mehr rastet; ihr Ehrenplatz im Saal bleibt immer häufiger leer, da sie die Mahlzeiten allein nimmt: der Taubenschlag ist ihr zu laut, aber in ihrer Stube plagt sie die Einsamkeit.
So steht sein Barometer mit ihr schon wieder auf veränderlich, als eines Tages ein Jüngling das Quecksilber rasch auf schön Wetter steigen läßt. Heinrich Pestalozzi bringt ihn aus Bern mit, aber er hat ihn nicht dort erst gefunden: Ich mußte nach Paris reisen, um meinen Jünger Johannes zu finden, scherzt er oft, so froh ist er selber, daß ihm der Thurgauer von Muralt dort in die Hände kam. Es fehlt ihm nicht mehr an Gehilfen, seitdem die dänische Regierung zwei junge Lehrer aus Kopenhagen sandte und die gebildete Welt Deutschlands von Burgdorf als einem Wallfahrtsort der Erziehung spricht; auch sind junge Leute von Geist darunter, aber alles Schwarmseelen und wie ihr Meister mehr auf stürmische Absichten als auf Sorgfalt gestellt, allmählich Burgdorf mit ihrer buntgewürfelten Absonderlichkeit erfüllend. Johannes von Muralt bringt nicht nur den Klang eines in der ganzen Schweiz bekannten Namens, sondern auch die Vorzüge einer guten Erziehungund gründlichen Bildung mit; als er zum erstenmal mit zu Tisch sitzt, sorgfältig gekleidet und frei von der hastigen Schüchternheit, die mit Empfindlichkeit gepaart das Erbteil einer durchgekämpften Jugend ist, schweigt Heinrich Pestalozzi und Anna spricht. Es sind freilich diesmal nicht die gewohnten Schuldinge; Johannes von Muralt ist durch drei Semester in Halle der Lieblingsschüler des Philosophen Friedrich August Wolf gewesen und hat in Paris mit dem Dichter Schlegel und seiner Gattin Dorothea freundschaftlich verkehrt: der Geist schöner Bildung lebt in seinen Gesprächen auf, der für Anna Schultheß seit der Erscheinung Klopstocks in ihrer Jugend die heimliche Liebe geblieben ist.
So schließt sie den Jüngling mit einem Eifer ins Herz, der Heinrich Pestalozzi fast eifersüchtig macht, bis der Schalk in ihm den Vorteil erkennt. So schmerzlich er den Zwiespalt zum Vorschein kommen sieht, der seit Anfang zwischen seinen Absichten und ihren Neigungen bestand und schließlich zur Trennung ihrer äußeren Lebenswege führte — obwohl sie durch alle Schicksalsschläge treu zu ihm stand — das Leben hat ihn nicht so verwöhnt, daß er sich die Äpfel wie andere frank und frei von den Bäumen pflücken kann. Fast listig läßt er sie gewähren, da sie nun den See und ihre Abreise zu vergessen scheint: Wir Alten wollen die Kinder unseres Geistes haben, überlegt er, und da es uns beiden mit einem Sohn mißraten mußte, weil die Natur aus diesem Zwiespalt nichts machen konnte, müssen wir Ersatz für unsere ungesättigte Elternschaftsuchen. Ich will ihr gern diesen Sohn gönnen, wenn sie mir damit die Mutter meines Hauses bleibt!