85.
Heinrich Pestalozzi lächelt fast hinterhaltig, als er Anna nicht lange danach den Johannes Niederer anbringt, der sein Pfarramt in Sennwald aufgegeben hat, um — wie er sagt — mit bei der Wiege der Menschenbildung zu sein: Nun habe auch ich wieder einen Sohn, und es ist seltsam, daß sie beide Johannes heißen, denkt er, als er neben dem schwarzen Muralt den roten Schopf Niederers sieht. Der hat auf seinem Dorf keine Zeit gehabt, sich an der Welt zu schleifen: mit neunzehn Jahren voreilig in den Pfarrdienst gekommen, hat er seit fünf Jahren in der Feldschlacht menschenfreundlicher Bemühungen gestanden und um Gottes willen seine wohlhabende Gemeinde im Appenzell mit dem armseligen Rheindorf Sennwald vertauscht; da haben andere Dinge als Bildungsformen gegolten, so sitzt er wie ein Glaubensstreiter aus dem Heerhaufen Zwinglis da. Heinrich Pestalozzi sieht, wie Anna fast erschrickt vor ihm, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Jüngling wie Muralt, aber in Mannesgeschäften kantig geworden ist; Jakob und Esau, vergleicht er, in diesem fließt das stillere Blut von Anna, aber in jenem arbeitet mein Ungestüm!
Als im selben Juli auch noch Tobler — mit einer eigenen Erziehungsanstalt am hochmütigen Widerstand der Basler gescheitert — zu ihm zurückkommt, ist Heinrich Pestalozzi mit diesen dreien, mit Krüsi, Buß unddem Zustrom von Gehilfen aus aller Welt, die nur kurz bei ihm lernen wollen, auch für die Burgdorfer kein Steckenpferdritter mehr, der morgens aus dem Schloß zu ihnen herunter reitet: Der Weg geht zu steil, sonst würde es von Wagen nicht leer werden im Schloßhof, die täglich neue Fremde nach Burgdorf bringen, das aus einem bäuerlichen Städtchen durch ihn ein Hauptort der Schweiz geworden scheint. Schon was die Zöglinge — längst über hundert — an Besuch von Eltern und Verwandten nachziehen, würde für die Gasthäuser und Fuhrleute etwas bedeuten, dazu die Pädagogen und Pfarrer aus aller Welt: das Schloß ist wirklich ein Taubenschlag geworden, und die Bürger bestaunen die fremden Vögel, die seiner Berühmtheit zufliegen.
Längst schon denkt Anna nicht mehr daran, daß sie nur für die Zeit seiner Pariser Reise nach Burgdorf gekommen ist; sie sieht endlich die Erntewagen in die Scheune fahren, die weder seine Landwirtschaft noch alle Bemühung seines hingehetzten Lebens jemals zu ernten vermochte. Daß kein Gold daraus in seine Taschen fließt, weiß sie wohl; trotzdem die meisten Zöglinge zahlen — wenn auch nicht alle den vollen Preis — sind es doch viele Mäuler, die täglich auf Nahrung warten, und wenn die Haushaltungskünste der geborenen Fröhlich, ihrer schaffnerischen Schwiegertochter, nicht wären, würden die Sorgen sich manchmal dichter auf ihrem Schreibtisch sammeln; aber daß der angeblich unbrauchbare und vor der Zeit entmündigte Mann nun vor sich selber und vor dem Spott der Tüchtigen im Glanz eines Ruhmes dasteht, der alles für sie Erreichbare inden Schatten enger Bürgerlichkeit stellt: das ist für sie wie eine Abendsonne, die in der letzten Stunde doch noch über einen trübseligen Regentag gesiegt hat.
So wird es ein bewegter Geburtstag für sie, als ihr die fünfundsechzig Jahre vollgezählt werden, und es ist unwirklich schön, daß er auf einen Sonntag fällt. Muralt und Niederer haben ihn als ein Sommerfest vorbereitet, das bei kühlsonnigem Augustwetter im Schloßhof gefeiert wird. Da sind Bänke und Tische aufgestellt, auch ist ein Boden aufgeschlagen, einen Tanz oder ein Spiel zu machen, und solange die Sonne in den Hof geschienen hat, mag sie nicht ein so buntes Getümmel darin gesehen haben wie an diesem Tag. Das Gemäuer rundum ist mit Laubgewinden und Schweizerfahnen aller Kantone geschmückt, und eine Musikkapelle — von den Zöglingen unter Bußens Leitung gestellt — sorgt, daß die Schweizerlieder auch Begleitung haben.
Als dann die Röte sich aus dem Licht der Sonne ablöst und umso wärmer zu leuchten scheint, jemehr die Wärme versiegt, treten ihrer viele an die Mauer, nach den Bergen zu schauen, die langsam von der Glut voll zu laufen scheinen. Auch Heinrich Pestalozzi ist mit Muralt vorgegangen, und Mutter Pestalozzi, wie sie an diesem Tag mehr als hundertmal begrüßt worden ist, wird von Niederer in einem galanten Anfall am Arm herzu geleitet. Wie sie dastehen, mag über Tobler, der seit seinem Mißerfolg in Basel leicht wehmütig wird, der Schatten einer Eifersucht fallen, daß er nun sichtlich an die dritte Stelle geraten ist; als ob er den Meisterin die gemeinsame Frühzeit zurück führen müsse, erinnert er ihn an den Abend, wo sie zu vieren hier standen und er sein Beispiel vom Haus des Unrechts sagte. Daß die andern davon nichts wissen, tut ihm sichtlich wohl, und als sie darum drängen, versucht er es mit eigenen Worten zu sagen, wie der Anteil an den Lebensgütern in drei Stockwerke geteilt wäre, darin die Wenigen, wenn sie wollten, Gottes Herrlichkeit aus allen Fenstern sähen, die Mehreren nur den Glanz an den Hofwänden, während die Vielen im Keller nicht einmal den trüben Schein in ihren Löchern zu deuten vermöchten.
Heinrich Pestalozzi, der die Schwermut im Grund seiner Heiterkeit schon den ganzen Tag gefühlt hat, spürt den Schrecken bei der ersten Frage ans Herz klopfen; während der ahnungslose Erzähler vor den andern seine Erinnerung ausbreitet, quillt das schwarze Wasser der Trübnis in ihm auf, so überkommt ihn der Zwiespalt zwischen dem lauten Freudentag und der verschütteten Heimlichkeit seiner Absichten. Er wagt nicht, Annas Blick zu suchen, so wehmenschlich ist ihm zumut, legt Muralts Hand von seinem Arm weg auf den Mauerrand, und ehe die andern wissen, was ihn ankommt, läuft er durch ihre Reihen hinaus und über den unteren Hof vors Tor. Da breitet sich die abendliche Landschaft in ihrer Sommerfülle aus, und die Dächer der Bürgerhäuser stehen behäbig darin, sodaß ihm der Schritt auch hier gehemmt wird: Warum hab ich es nicht im Birrfeld vermocht? Ein Armenkinderhaus habe ich gewollt und die Pensionsanstalt sollte mir nur die Mittel dazu geben: nun sind die Mittel längst selber Zweck. Ich sitzeals Glücksvogel hier auf dem Schloß und spreize das Rad meiner Federn; im Birrfeld, oder wo sonst die Not der Zeit ist, geht alles wie vor dreißig Jahren, nur diesem Bürgerort hab ich neues Fett gemästet!
Er weiß nicht, daß er weint, aber als sich das Gesicht Annas zu ihm beugt, die ihm allein nachgegangen ist, vermag er ihre Augen vor Tränen nicht zu erkennen; auch quillt der Zorn noch so in ihm, daß er fast nach ihr schlägt. Du hast gesiegt! schreit er und schlägt den Kopf in beide Fäuste: der Armennarr ist tot! Ich hab verloren. Sie streichelt und tröstet ihn nicht, wie er fürchtet, sie setzt sich still gegenüber, wo ihr der andere Torstein einen Platz anbietet, und wartet ab, bis aus der Mure seiner Verzweiflung die gröbsten Blöcke ins Tal gefahren sind und endlich der zähe Schlamm seiner Verbitterung zum Stehen kommt. Sie hat ihn klug verstanden, daß es zwei Welten wären: ihre Stille, den Wohlstand herzugeben, und seine Unrast, ihn zu vertun; auch hat sie das böse Wort nicht überhört, warum Kampf sein müsse zwischen ihm und ihr, zwischen Mann und Frau durchs Leben? Aber als es dann still wird, weil nichts mehr fließt, und nur ein Wind vom Tal sie beide mild bestreicht, die in der sinkenden Dunkelheit am Tor dasitzen, als ob sie all das junge Leben dahinter bewachen müßten gegen die unheimlichen Gestalten der Nacht, fängt ihre Stimme an zu sprechen, daß nach dem Getöse seines Bergsturzes nun wieder ein Bach hörbar wird: Pestalozzi, sagt sie und wägt die Worte: ich dachte, daß wir vor Gott gleich wären, arm und reich! Warum willst du das Unrecht nach unten in der Menschenordnungmit Unrecht nach oben vergelten? Oder sollten Kinderseelen schon darum unwert sein, weil die Eltern Geld im Beutel haben? Was nötig ist, sind nicht die Waisenhäuser im Birrfeld oder hier, sondern daß du dein Vorbild und deine Lehre hinterläßt. Am Ende kommt es darauf an, was wir gewesen sind, hat dir der Menalk gesagt, als wir jung waren und er schon sterben mußte. Nun, wo wir vierzig Jahre älter geworden sind und alt an dem Tor dasitzen, will ich das Wort noch einmal sagen; doch hat es sich verändert: Am Ende, Pestalozzi, fragt Gott nicht, was wir gewesen sind, er rechnet, was aus uns werden möchte!