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Heinrich Pestalozzi hat seine Unternehmung im Namen der helvetischen Republik begonnen; seit der Tagsatzung in Paris gibt es aber nur noch einen Schweizer Bund mit neunzehn selbstherrlichen Kantonen: sein Landesherr ist nun die bernische Regierung, ihr gehört das Schloß Burgdorf, und er muß zuwarten, ob sie ihn darin wohnen läßt. Im vierspännigen Wagen, wie ein Landesfürst, kommt eines Tages der Regierungspräsident von Wattenwyl an, seine Anstalt zu besichtigen; obwohl es schwierig und steil geht, muß ihn der Kutscher bis in den Schloßhof fahren, und als ihn Heinrich Pestalozzi dann begrüßen darf, ist es kaum anders, als wenn ein Schloßherr sich von seinem Kastellan Aufwartung machen läßt. Er schnurrt durch alles hindurch mit einem deutlichen Mißbehagen an dem landfremden Zürcher, der sich hier eingenistet hatund der Regierung mit seiner Berühmtheit und dem intoleranten Heer der deutschen Geister lästig wird, dem sogar französische Gelehrte, Generale und Minister beistehen, sodaß selbst eine allmächtige Kantonsgewalt zuwarten muß. In einigen Stunden hat er nach der Art solcher Regierungsherren das Ergebnis einer Arbeit besichtigt, die Heinrich Pestalozzi ein Lebensalter mühsamer Kämpfe gekostet hat, und ist im Dampf seiner eigenen Bedeutung wieder abgefahren.

Seine Haltung in den Verfassungshändeln hat ihn den Aristokraten, die nun wieder auf ihren alten Plätzen sitzen, mißliebig gemacht, und den Kirchlichen ist er immer mit seiner Religion ein Aufwiegler geblieben: nun, wo er sichtbar zu Paris in Ungnade und nicht mehr durch ein helvetisches Direktorium geschützt ist, fängt die Hetze an, und noch in dem Sommer muß sich Heinrich Pestalozzi durch eine Eingabe an den Kirchenrat wehren, als fehle es in seiner Anstalt — wie die Anklage lautet — an einem richtigen Religionsunterricht. Er überläßt die Verteidigung Niederer, dem Religionslehrer und ehemaligen Pfarrer, und zum erstenmal erhebt dieser Herold seine dröhnende Stimme für den Meister.

Unterdessen ist aus dem Lehrerseminar wie aus der Waisenanstalt nichts geworden, und die Zuwendungen der Regierung sind ihm gestrichen; das einzige, was er von ihr noch hat, ist das Gebäude, und auch darin wird es unsicher: Mit der neuen Ordnung ist ein Oberamtmann nach Burgdorf gekommen, der zu seinem Ärger in einem Privathaus wohnen muß, während oben imSchloß sich das fahrende Volk der Abc-Schützen breit macht. Er fängt an, bei der Regierung in Bern um eine Änderung dieses krankenden Zustandes zu mahnen, und weist alle anderen Vorschläge als unpassend zurück; als es gegen Weihnachten geht, kann Heinrich Pestalozzi nicht mehr zweifeln, daß ihm zum Frühjahr die Räumlichkeiten gekündigt werden: »Es war das Haus der Herren und soll wieder das Haus der Herren werden,« schreibt er an einen Freund, »ich hoffe, mein Ei sei bald ausgebrütet, und dann achtet es auch der schlechteste Vogel nicht mehr, wenn ihm die Buben sein Nest vom Baum herabwerfen.«

Doch kann die bernische Regierung angesichts der Schwärmerei, mit welcher die gelehrte Armee Deutschlands die Vorteile dieser Anstalt ausposaunt — wie der Herr von Wattenwyl in einem Gutachten schreibt — die Gefahr nicht herausfordern, mit diesem intoleranten Heer öffentlich in eine Fehde zu geraten: so bietet man ihm das leere Kloster Münchenbuchsee an, und im Januar fährt Heinrich Pestalozzi mit einer Abordnung hin, es zu besichtigen. Er findet ein niedriges Gebäude, das eine Zeitlang als Spital krätzischer und venerischer Soldaten gedient hat, seitdem verwahrlost in einer melancholischen Ebene dasteht und weder die grünen Hügel Burgdorfs noch sonst etwas von seinem malerischen Reichtum um sich sieht. Am liebsten möchte er, all dieser Dinge müde, seinen Stecken nehmen und in den Aargau zurückwandern; aber es ist unmöglich, jetzt aus dem Kreis der Zöglinge und Gehilfen fortzugehen; in den Möbeln, Betten und Lehrgegenständen stecken ihm schonwieder zwanzigtausend Schweizerfranken, die er nicht lassen kann, auch brennt der Abend an dem Tor immer noch in seiner Seele. Um Anna zu halten, nimmt er das Obdach an, das ihm schäbiger Weise zunächst bloß für ein Jahr instandgesetzt werden soll. Nur nicht wieder als ein Unbrauchbarer vor ihr dastehen, denkt er, als er die vorläufige Abmachung unterzeichnet, und ahnt nicht, daß diese Kränkung schon auf ihn wartet.

So zieht dieses Frühjahr hin — es ist das fünfte seiner Burgdorfer Zeit — wie wenn das Jahr mit ihm erschrocken seinen Lauf einstellen wolle; denn ob das Emmental den Blumenteppich seiner Wiesengründe ausbreitet, und ob die Wälder täglich grüner werden: im Schloß fängt heimlich das Aufräumen an, die Möbel warten, daß sie von kräftigen Händen hinausgetragen werden — sie sind sich selber ihre Särge, sagt Heinrich Pestalozzi — und wie auch ein Änderungsgedanke auftaucht, gleich tritt ihm das Bedenken in den Weg, daß mit den Ferien der Auszug beginnen soll. Als der Tag da ist, werden die meisten Zöglinge in Trupps mit je einem Lehrer auf die Reise geschickt, meist ins sonnige Waadtland hinüber, und nur Freiwillige bleiben, den Umzug mitzumachen. Auch Anna geht nun auf ihre Reise an den Zürcher See: Ich bin das erste Möbel, das ihr fortschafft, scherzt sie, als er mit ihr in der Morgenfrühe zur Post hinuntergeht; denn sie selber hat tapfer dableiben und helfen wollen. Er hört ihre Worte garnicht, weil seine Gedanken in Sorgen sind, daß sie nicht wiederkommen möchte: Ich war ein halbes Jahr lang im Traum, sagt er, und stellt ihre Reisetasche hin,dem Gottlieb einen Klatschmohn abzunehmen, den der für die Großmutter anbringt: Jetzt habt ihr mich wach gemacht, und du gehst fort! Er will ihr die Blume geben, aber der fallen die roten Blätter ab, daß nur die grüne Fruchtkapsel mit dem Deckel bleibt. Das kann die Großmutter nicht mehr brauchen! klagt er zu dem Kleinen und will das Ding wegwerfen; sie aber nimmt ihm die Kapsel rasch aus der Hand und lächelt ihn fast listig an mit einem Schulmädchengesicht: Bis ich nach Münchenbuchsee komme, ist der Same reif, dann streuen der Gottlieb und ich ihn aus, damit wir doch ein Andenken vom Schloßberg haben!


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