87.
Am selben Tag, da Heinrich Pestalozzi von diesem Abschied fröhlich wird und den ernsthaften Niederer durch die Mitteilung in Verwirrung bringt, daß er in Münchenbuchsee wieder Landwirtschaft treiben und lauter Felder mit Klatschmohn anbauen wolle, erscheinen mittags zwei ländliche Männer im Schloß, die garnicht aussehen, wie die sonstigen Wallfahrer. Sie kommen aus Peterlingen im Waadtland und bringen einen Antrag der Stadt, mit seiner Anstalt dorthin zu kommen; sie wollen ihm ihr Schloß mit allen Gärten lebenslänglich zur Verfügung halten, ihm das Ehrenbürgerrecht mit einer Pension geben und jährlich ein bestimmtes Maß von Korn, Weizen, Wein und Holz. So bin ich immer noch im Traum, sagt er, und reicht den Männern gern die Hand; auch müssen sie zum Mittag bleiben, und es wird fast ein Fest, das er mit Niederer undKrüsi — den einzigen Gehilfen, die noch bei ihm sind, weil der Auszug schon begonnen hat — und den Bürgern von Peterlingen feiert. Wir werden einen Orden der neuen Menschlichkeit gründen und all die verlassenen Schlösser der Gewaltherren in der Schweiz mit neuem Leben bevölkern, schwärmt Niederer, der gern bei einem Glas ins Weite schweift. Aber Heinrich Pestalozzi, der die enttäuschten Gesichter der Männer sieht, lenkt schalkhaft ein: Zuerst müssen wir einmal nach Münchenbuchsee auswandern und sehen, ob es von da einen Fahrweg für unsere Möbelwagen nach Peterlingen gibt!
Der Abschied hat danach seinen Stachel verloren; als andern Tages noch ein Herr von Türck aus Mecklenburg anreist, ein Päckchen neuer Liebe zu bringen, machen sie mit dem und den Burgdorfer Freunden, die wehmütig dabei sind, einen schwärmerischen Gang nach Kirchberg hinüber, bevor sie die letzte Nacht in Burgdorf schlafen — nun schon nicht mehr im leergeräumten Schloß, sondern beim Stadthauswirt — und andern Morgens mit der ersten Sonne nach Münchenbuchsee wandern, wo die Zöglinge mit Tobler sehnsüchtig ihren Vater erwarten.
Es sind drei Stunden Wegs, und sie müssen an Hofwyl vorbei, wo Fellenberg, der Sohn des Ratsherrn, seit fünf Jahren eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft als Grundlage seiner Erziehungsanstalt für alle Stände eingerichtet hat. Wir suchen die Goldkörner der Methode im Land, und er prägt die Goldstücke daraus, sagt Niederer sarkastisch, als sie in einiger Entfernungan der sauberen Erscheinung seiner Gebäude vorüberwandern und überall in den Feldern und Gärten die Zeichen der wohlhabenden Ordnung sehen. Aber Heinrich Pestalozzi verweist ihm den Spott; er weiß zwar, daß Fellenberg gleich mit einer Viertelmillion Franken das Gelände ankaufen und aus dem Vollen wirtschaften konnte — wo er sich notdürftig durchhalf und gerade noch in diesem Augenblick erstaunt ist, daß er mit Ehren aus den Burgdorfer Schulden kam — aber er weiß auch, daß der Sohn seines alten Freundes, des Ratsherrn in Verehrung zu ihm groß geworden ist, und daß diese Anstalten nur eine Frucht aus Lienhard und Gertrud sind: »Er deckt wenigstens das Elend nicht mit dem Mist der Gnade zu, wie es die andern machen!«
Als sie dann aber gegen Münchenbuchsee kommen und die wenigen Zöglinge, die nicht in Ferien sind, unter Toblers Leitung mit einem Schweizerlied anmarschieren, hält seitwärts ein Reiter, als ob die kleine Truppe ein Vorposten seines Regiments wäre; es ist Fellenberg, der nach der jubelnden Begrüßung respektvoll herzu reitet: auch er habe den Nachbarn nicht unbegrüßt einziehen lassen wollen! Er bleibt nicht auf seinem stolzen Gaul sitzen, als er das sagt; aber gerade, wie er vom Pferd springt und seine hohe Gestalt beugt, ihn zu umarmen, wird der Unterschied zwischen dem gepflegten Aristokraten und dem ärmlichen Greis so deutlich, daß Niederer für seinen Meister gekränkt beiseite geht. Auch Heinrich Pestalozzi ist durch die Umstände dieser Begrüßung verstimmt: Wir sind zu nahe an den Schloßherrnvon Hofwyl geraten, sagt er nachher zu Tobler, nun reitet er schon auf seinem Vorwerk herum!
Er bemerkt nicht, daß Tobler betreten schweigt, so sehr bewegt ihn die Sorgfalt, mit der die geborene Fröhlich schon Ordnung in die neue Wirtschaft gebracht hat: Du bist die Schwalbenmutter, scherzt er zu ihr, wir sperren die hungrigen Schnäbel auf, und du hast immer etwas hineinzutun. Tobler schweigt zum zweitenmal; er weiß, daß ihre Haushaltungskünste allein es nicht vermocht hätten, der Anstalt einen so guten Abgang aus Burgdorf zu sichern, und daß die Sorge vor den Gläubigern manche Woche auf Pestalozzi gelegen hat, bevor sich alles unerwartet löste; er weiß auch, wie diese Lösung zustande kam, und er ist mit Muralt, seinem Mitverschworenen, fest entschlossen, den Meister endlich aus allen wirtschaftlichen Sorgen zu befreien. Noch muß er die Rückkehr des andern abwarten, aber als die kurzen Ferien vorüber sind und von allen Seiten die Vögel wieder zufliegen, der melancholischen Gegend zum Trotz in Münchenbuchsee ihr Geschwärm wieder zu beginnen, gehen die beiden entschlossen ans Werk: Wenn die Anstalt in Burgdorf zuletzt nur noch mit Mühe zu halten war, steht sie hier, wo sie sich ohne Zuschüsse der Regierung ganz aus sich selber erhalten muß, nur an der Schwelle neuer Schwierigkeiten. Sie haben die Ordnung in Hofwyl gesehen, und da sie die Verehrung Fellenbergs für den Verfasser von Lienhard und Gertrud kennen, ist es ihr Plan, die wirtschaftliche Leitung der Anstalt in die festen Hände dieses Mannes zu legen, um Heinrich Pestalozzi für seine wertvollerenDinge unabhängig zu machen. Nichts als treue Liebe führt sie auf diesen Weg, an dem die Sorge, ihn nicht zu verletzen, die Meilensteine setzt.
Mit vorsichtigen Andeutungen und Besuchen in Hofwyl, mit Besorgnissen über die ungewisse Zukunft, mit Mahnungen an sein Alter und was er der Methode noch schuldig sei, bringen sie ihn endlich zu einer Zusammenkunft mit Fellenberg. Sie findet, damit der Boden neutral sei, unter einer Linde statt, die ziemlich in der Mitte zwischen Hofwyl und Buchsee mit einer alten Steinbank steht. Fellenberg kommt diesmal nicht geritten, doch trägt er die Reitgerte in der Hand, und zwei Hunde kläffen ihm vorauf. Heinrich Pestalozzi hat um so weniger eigensinnig scheinen wollen, als Muralt und Tobler die Vertrauten Annas unter den Gehilfen sind; er sieht dem Mann mit der Reitgerte und den Hunden nicht einmal mißmutig entgegen, da er sich seiner Sache sicherer fühlt, als seine Harmlosigkeit merken läßt. Aber wie sie dann anfangen zu sprechen, sind es drei gegen ihn, und jedes Wort wird so sorgsam auf die Goldwage seiner Empfindlichkeit gelegt, daß er unmöglich hart und abweisend gegen soviel treue Vorsorglichkeit werden kann: Es ist ein Dachsfang, wo ich alter Kerl in die Sonne gelockt werden soll, denkt er und läßt sie sprechen, bis dem blassen Tobler die Schweißperlen auf der Stirn stehen und Muralt verzweifelt die Hände reibt. Nur der selbstsichere Fellenberg verliert die Zuversicht nicht und entfaltet ein Papier aus der Brusttasche: ob er ihm einmal den Entwurf einer Übereinkunft vorlesen dürfe? Heinrich Pestalozzihat nie recht zuhören können, wenn einer etwas aus einer Schrift vorlas; er läßt die Worte fließen und fühlt fast, wie sie an seinem Rock heruntertropfen. Zum Schluß nimmt er die Handschrift, in keiner andern Absicht, als den dreien die Enttäuschung nicht zu fühlbar zu machen. Wie dann aber seine Augen, fast so taub wie vorher seine Ohren, über die Buchstaben laufen, tut es ihm unvermutet einen Stich zwischen die Rippen: Haben wir nicht heute den fünfzehnten Juli? fragt er und bringt den Zeigefinger nicht von dem Datum fort, das am Schluß steht. Beschlossen auf den ersten Juli 1804. Sie wollen ihm erklären, daß dies nur um des Semesters willen so zurückgeschrieben sei; aber seine Gedanken sind schon Milch auf dem Feuer: er reißt den Schriftsatz in zwei Fahnen und wirft sie den Hunden hin, die ihn sofort anbellen und ihm, als er die bestürzten Mienen und beruhigenden Worte abwehrend davon läuft, in die Hacken fahren, sodaß ihr Herr sie mit der Pfeife zurückholen muß.
Sie haben mich verhandelt wie eine Kuh! schreit ihm sein Grimm in die Ohren, während er seitwärts in das Wäldchen läuft, sich da einen Schlupfwinkel zu suchen; aber erst, als er sich gegen das Gewässer verlaufen hat, das seine Binsenfelder vor ihm auftut und — wo seine Fläche durchblinkt — den langen Tierrücken des Jura spiegelt, merkt er, daß ihm der Stich ein Gift beibrachte: warum Muralt und Tobler und nicht die andern? Weil Anna dahinter steht? Er sieht sie wieder abfahren mit der Mohnkapsel, davon ihm die roten Blätter abgefallen sind, er hört ihr Wort und sieht ihrLächeln: Ich dachte, klagt er laut in den Sommertag, ich wäre endlich etwas vor ihr gewesen! Nun war ich doch im Traum und bin erwacht in meine Unbrauchbarkeit!
Weit in der Ferne tut es einen Schuß von einem verlorenen Donnerschlag, und über den Jura bläht sich ein Wölkchen grellweiß in den blauen Himmel. Daß es ein Gewitter würde und mich kalt machte, damit es endlich einmal ein Ende hätte mit diesem Strom von Irrtum und Unrecht, darin mein Leben geflossen ist! Es bleibt aber schön, und er geht stundenlang auf dem weichen Moosboden hin, bis die Frösche aus dem Röhricht quaken. Sie werdens auch schon wissen! zürnt er noch einmal, dann überläßt er sich willig der dämmrigen Traurigkeit, bis die leise Nacht kommt und ihn doch noch den Heimweg finden läßt: Bist du es, will er flüstern, als ihm ihre Gestalt zur Seite schreitet; sie nickt nur und sieht ihn kaum an; da merkt er, daß es die Jungfrau Anna Schultheß ist, die mit einem Strauß Frühlingsblumen an das Grab Menalks will. Sie haben mir das Tor zugemacht, weil ich zu spät gekommen bin! klagt er und staunt, wie weit sich der Weg über den Kirchhof zieht. Auch weiß er nicht, warum ein Licht auf dem Grab brennt. Bis Niederer ihm aus dem Schein entgegentritt und der Spuk verschwindet, weil er den Klostergiebel in Münchenbuchsee erkennt.